{"id":147,"date":"2011-11-01T10:55:35","date_gmt":"2011-11-01T09:55:35","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=147"},"modified":"2013-12-01T14:24:46","modified_gmt":"2013-12-01T13:24:46","slug":"vom-elend-der-bilder-frei-nach-vilem-flusser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=147","title":{"rendered":"Vom Elend der Bilder &#8211; frei nach Vil\u00e9m Flusser"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher waren sie beh\u00fctet, <i>behaust<\/i>. Sie wurden bewundert und verehrt, gef\u00fcrchtet und verfolgt, standen in Kirchen und Tempeln, waren als Fresco sogar fest mit der Wand verbunden, wurden in sorgsam verwahrten B\u00fcchern aufgehoben, und so weiter und so fort. <!--more-->Dann bekamen sie eigene Museen. Auch die Reproduktionsverfahren hatten zun\u00e4chst noch hohen handwerklichen Standard. Das galt nicht nur f\u00fcr begabte Kupferstecher<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, sondern auch f\u00fcr die repektablen Bildeditionen des 20.Jahrhunderts. Die letzten Meister ihres Fachs arbeiten f\u00fcr Galeriek\u00fcnstler, wenn sie nicht \u00a0gestorben sind.<\/p>\n<p>Dann br\u00f6ckelte alles sehr schnell, die H\u00e4user und alles, womit sie vollgestopft sind, worunter ich der Einfachheit halber auch die Bilder z\u00e4hle.\u00a0Flussers einpr\u00e4gsame S\u00e4tze in \u201eH\u00e4user bauen\u201c &#8211; <i>\u201eDas heile Haus wurde zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bl\u00e4st. Das ist ein sch\u00e4biges Flickwerk<\/i><i>.\u201c <a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/i>\u2013bezeichnen auch den Ruin der Bilder, der an den W\u00e4nden wie in den Magazinen auf dem Tisch, und erst recht f\u00fcr die immer zahlreicheren, welche auf Monitoren aller Art erscheinen: Alles <em>Kitsch<\/em>, zum <em>Recycling<\/em>\u00a0verdammt, materiell dank deutscher M\u00fclltrennung und ideell infolge der vernetzten Datenbanken .<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschichte? &#8211; <i>\u201eDas neue Haus\u201c h\u00e4tte \u201eauszusehen wie eine Kr\u00fcmmung im zwischenmenschlichen Feld, wohin Beziehungen &gt;angezogen&lt; werden. So ein attraktives Haus h\u00e4tte Beziehungen einzusammeln, sie zu Informationen zu prozessieren, diese zu lagern und weiterzugeben. Ein sch\u00f6pferisches Haus als Knoten des zwischenmenschlichen Netzes. (&#8230;) Sollte es gelingen (und das ist nicht ausgeschlossen), dann w\u00fcrden wir wieder wohnen k\u00f6nnen. Ger\u00e4usche in Informationen prozessieren k\u00f6nnen, etwas erfahren k\u00f6nnen. Sollten wir das Abenteuer nicht wagen, dann sind wir f\u00fcr alle ersichtliche Zukunft verurteilt, zwischen vier durchl\u00f6cherten W\u00e4nden unter einem durchl\u00f6cherten Dach vor Fernsehschirmen zu hocken oder im Auto erfahrungslos durch die Gegend zu irren.\u201c<\/i><i> <\/i><a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Wie allen Kennern klar ist, soll \u00a0&#8211; ich werde ausnahmsweise pathetisch \u2013 ein wiederauferstandenes<i>\u00a0<\/i>Bild bei diesem Abenteuer eine tragende Rolle bekommen, wenn wir die vielleicht auch nicht \u00fcbersch\u00e4tzen sollten. Betrachten wir erst einmal die Chancen zur Auferstehung.Ob die kalte Herberge\u00a0der Kunstgalerien die L\u00f6sung ist \u2013 bev\u00f6lkert nur im Moment der Vernissage \u2013\u00a0oder Museen, die von den Herzschrittmachern\u00a0Event und Museumsp\u00e4dagogik am Leben gehalten werden, oder gar Auktionen, die im schlimmsten Fall das Bild zu einem Schicksal in Tresoren verdammen und ideell in eine Wertanlage verwandeln?<\/p>\n<p>Ich habe mich gelegentlich gegen\u00fcber Dritten abf\u00e4llig \u00fcber Fotos ge\u00e4u\u00dfert, die Bildtheoretikern<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> zu Beweisst\u00fccken ihrer Argumentation dienen, oft nicht einmal angemessen reproduziert, aber es hat mich niemand auf den unsch\u00e4tzbaren Dienst,hingewiesen\u00a0den diese Allianzen den Bildern leisten, gerade in der heutigen Zeit. Erhalten diese Gl\u00fccklichen im Unterschied zu Myriaden von ziellos im Universum vagabundierenden Leidensgenossen doch unverhofft eine Heimat\u00a0(im \u00fcbertragenen Sinn).\u00a0Sie werden verortet, erhalten einen respektablen Status, worauf sie schon gar nicht mehr hoffen durften angesichts der <i>Bodenlosigkeit<\/i> ihrer Situation.<\/p>\n<p>Ihr Schicksal h\u00e4ngt zwar nun an der Zukunftsf\u00e4higkeit ihrer Retter und G\u00f6nner &#8211; Roland Barthes bietet vielleicht bessere Aussichten als Francois Jullien oder Philippe Dubois.\u00a0Und sie erhalten \u00fcber den Status hinaus auch ein kleines P\u00e4ckchen <i>Bedeutung<\/i>. Das eingeweihte Publikum begegnet ihnen fortan als Bildern, die von jemandem respektvoll verstanden worden sind,\u00a0was immer das inhaltlich bedeutet, egal, ob der Einzelne diese Bedeutung nachvollziehen kann oder will. Sie sind eben Ikonen der Theorie<i>\u00a0<\/i>geworden.<\/p>\n<p>Ich ziehe ihnen aber unverhohlen Ikonen anderer Provenienz vor, zum einen, weil die berschriebene\u00a0 Form der Rettung nur einer winzigen Minderheit verg\u00f6nnt ist, vor allem aber, weil die meisten Bilder weniger befremdliche Worte verdienen w\u00fcrde als die, welche theoretische Konstrukte abwerfen.\u00a0So m\u00fcssen wir uns nach anderen Rettern\u00a0umsehen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist den meisten Bildern bereits mit dem Herumzeigen und Besprechen unter Freunden und Verwandten geholfen. Wohlgemerkt: Ins Netz stellen allein hilft nicht. Des weiteren empfehlen sich traditionelle betextete Alben &#8211; etwa an die leiblichen Erben gerichtet \u2013 und Fotob\u00fccher, notfalls tut es jede Art von Kombination mit der guten alten <i>Schrift<\/i>, und sei es auf der R\u00fcckseite von Ausdrucken.<\/p>\n<p>Man kann im \u00fcbrigen nie wissen: Selbst das bereits verloren gegebene Zeitungsfoto erlebt mit Fantasie eine Auferstehung\u00a0\u00a0in enger Verbindung mit verbalem Witz. Beweis ist f\u00fcr mich das t\u00e4gliche, bereits Gegenstand eines Kults\u00a0gewordene<i> <\/i>Titelbild der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle \u00fcbrigen Bilder ist tr\u00f6stlich zu wissen, dass die\u00a0 Fotos aus der Digitalkamera Zeitpunkt und technische Daten der Aufnahme in ihre Odyssee gut lesbar mitnehmen. Man muss die entsprechenden <em>Informationen<\/em>\u00a0 &#8211; und oft sind sie das sogar im flusserschen Sinn von <i>\u00fcberraschend<\/i> und <i>zu Fragen Anlass gebend<\/i> &#8211; nur beachten und ihren alsbaldigen Untergang im Labyrinth des PC zu verhindern wissen. Solche Kennungen sind mit Tags (engl.)\u00a0am \u00c4rmchen neugeborener Babies oder mit einer Flaschenpost vergleichbar, von denen jede Menge in den Ozeanen der Welt auf ihre Wiederentdeckung warten.<\/p>\n<p>Nun befinden wir uns aber auf einem Niveau, das jede verallgemeinernde Aussage \u00fcber die potentiell subversive Macht von Bilder in Gegenwart und Zukunft zu verbieten scheint, zumal unser Gedankengang\u00a0 jede Differenzierung zwischen\u00a0 Flussers <em>informativen<\/em>\u00a0Bildern und banaler Massenware vermissen l\u00e4sst. Oder war das etwa Absicht?<\/p>\n<p>Der in seinem Essay \u201eDie helle Kammer\u201c weit radikalere Ph\u00e4nomenologe Roland Barthes machte \u2013 vom freien Individuum aus gesehen, also f\u00fcr meine Begriffe &#8211;\u00a0 eine n\u00fctzlichere Unterscheidung: zwischen denen ohne und denen \u201emit\u00a0Punctum\u201c, denen, um die wir uns kulturbeflissen und pflichtschuldig bem\u00fchen und eben denen mit dem \u201ePunctum\u201c, frivol gesagt: dem gewissen Etwas. Doch was sonst ber\u00fchrt uns mehr als oberfl\u00e4chlich?\u00a0 Mehr davon ein andermal. Punktum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Jonas Beyer: \u201eErfindungen auf der Druckplatte\u201c (Tagungsbericht) FAZ\u00a0 Nr.77,1.4.2009, S. N4<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0 Von der Freiheit des Migranten, Bollmann 1994, 67<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0 ebd.68<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0 etwa Ralph Gibson f\u00fcr Francois Jullien \u201eVom Wesen des Nackten\u201c, Michael Snow und Eric Rondepierref\u00fcr Philippe Dubois \u201eDer fotografische Akt\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher waren sie beh\u00fctet, behaust. 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