{"id":14505,"date":"2023-01-21T19:08:06","date_gmt":"2023-01-21T18:08:06","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14505"},"modified":"2024-02-12T12:34:15","modified_gmt":"2024-02-12T11:34:15","slug":"religion-und-rechtglaeubigkeit-koloniale-kommunikation-in-belgisch-kongo-kimbangismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14505","title":{"rendered":"Religion und Rechtgl\u00e4ubigkeit &#8211; koloniale Kommunikation in Belgisch-Kongo &#8211; Kimbangismus"},"content":{"rendered":"<h2>Religion und Rechtgl\u00e4ubigkeit &#8211; koloniale Kommunikation in Belgisch-Kongo &#8211; Kimbangismus<\/h2>\n<h3><strong><em>Wyatt MacGaffey: Kimbanguism &amp; the Question of Syncretism in Zaire (1994)<\/em> &#8211; deutsch.\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000;\"> mit 4 Abb.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>Den Aufsatz habe ich in einem Sammelwerk mit dem treffenden Titel \u201eReligion in Afrika . Erfahrung und Ausdruck\u201c (<em>Religion in Africa \u2013 Experience and Expression<\/em>, ed. Blakely et al., pp. 240-256 &#8211; 1994) gefunden. Wyatt MacGaffey stellt darin Entwicklungen und Taktiken konkurrierender Erweckungskirchen in der Nachfolge des \u201abaptistischen\u2019 Religionslehrers, Propheten und schlie\u00dflich M\u00e4rtyrers Simon Kimbangu (1887 oder 1889 bis 1951) vor, auf dem Hintergrund der Fremdherrschaft und der resultierenden gest\u00f6rten Kommunikation zwischen Europ\u00e4ern und Afrikanern in der Kolonie. Ich \u00fcbersetze (<em>Kursivdruck<\/em>) Mac Gaffeys Darstellung in gestraffter Form\u00a0 und\u00a0 versuche\u00a0 die Klarheit seines Konzepts nicht durch eingef\u00fcgte Kommentare zu verwischen.<\/p>\n<p>(LINKs zu Kimbangu: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Simon_Kimbangu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">de.wikipedia\u00a0<\/a> und <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4144\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrag von 2016<\/a>) <!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Einstieg:<strong> \u201eMensch sein hei\u00dft, Synkretist zu sein\u201c (Pye)<\/strong><\/h2>\n<p>Gro\u00dfe Frage: Ist diese Einsicht inzwischen gesichertes Gemeingut oder 2023 bereits wieder durch den Furor identit\u00e4rer Brandstifter infrage gestellt?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>(241) \u201e<em>Obschon das Wort \u201esynkretistisch\u201c oft auf Religionen angewandt wird, ist \u00fcber seine Urspr\u00fcnge und Besonderheiten kaum nachgedacht worden. Der Begriff ist zwar mehrdeutig, da damit eine Religion oder religi\u00f6se Situation bezeichnet wird, welche heterogene, ungleichartige Elemente kombiniert. Andererseits st\u00fctzt sich aber jede Kultur und erst recht jede Religion fortw\u00e4hrend auf fremde Elemente. Michael Pye zitiert eine Studie \u00fcber Synkretismus von J. H. Kamstra und stellt fest, dass \u201eMensch sein hei\u00dft, Synkretist zu sein\u201c, aber dass \u201edie meisten Absolventen eines Religionsstudiums stark vom Christentum beeinflusst sind und dazu neigen, Synkretismus als unerlaubte Kontamination anzusehen, als Drohung oder Gefahr, als Tabu oder als Zeichen religi\u00f6ser Dekadenz&#8220;.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Der wissenschaftliche Sprachgebrauch verbirgt somit ein negatives Urteil. &#8222;Synkretismus&#8220; ist zu einem abwertenden Begriff geworden, der nur auf Situationen anwendbar ist, die man missbilligt (Pye I97l: 83-93). Das f\u00e4llt auch an der Geschichte europ\u00e4ischer Kommentare zum Kimbanguismus auf, einer der bekanntesten religi\u00f6sen Bewegungen der Welt, die 1921 vom Kongo-Propheten Simon Kimbangu initiiert wurde. Die Region Unterkongo war ab den 1870er Jahren Gegenstand intensiver evangelischer und sp\u00e4ter katholischer Missionsarbeit und wurde1908 wurde in Belgisch-Kongo eingegliedert. Die Bewegung von 1921 weckte eine weit verbreitete Begeisterung in der Bev\u00f6lkerung, wurde aber schnell von den Belgiern unterdr\u00fcckt, die Kimbangu und seine Anh\u00e4nger einsperrten. Die Unterdr\u00fcckung dauerte bis 1959 an, als die S\u00f6hne von Kimbangu von der Regierung als F\u00fchrer der \u201eKirche Jesu Christi auf Erden durch den Propheten Simon Kimbangu\u201c (EJCSK) anerkannt wurden. Obwohl die EJCSK die gr\u00f6\u00dfte ist, ist sie keineswegs die einzige Kirche, die Anspruch auf das spirituelle Erbe von Kimbangu erhebt. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So MacGaffey 1994. Eine ausf\u00fchrliche Aktualisierung und Erg\u00e4nzung bietet der deutsche Wikipedia-Eintrag (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kimbanguistenkirche\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK zu\u201eKimbanguistenkirche<\/a>\u201c Stand 2022, auf den vergleichend einzugehen ich bisher nicht die Zeit hatte. (Der franz\u00f6sische Eintrag ist inhaltlich d\u00fcnn)<\/p>\n<p>MacGaffey fokussiert nur die \u201awissenschaftliche\u2019 Ebene, der Begriff &#8222;Wissenschaft&#8220; hat aber tiefere gesellschaftliche Wurzeln und Ausl\u00e4ufer. Die landl\u00e4ufige Vorstellung einer \u201eunerlaubten\u201c Abweichung von einer wie auch immer vorgestellten \u201eRechtgl\u00e4ubigkeit\u201c speist sich aus einem sehr alten Argwohn gegen \u201eIrrlehrer\u201c, \u201eKetzer\u201c und \u201eSektierer\u201c und &#8211; seit der aufbl\u00fchenden \u201eHeidenmission\u201c im 19.Jh. &#8211; auch gegen die \u201eHeiden\u201c.<\/p>\n<p>Mir sollte er vor siebzig Jahren bereits im Kindergottesdienst eingepflanzt werden. Mit Erfolg? \u201eSelig sind die, die nicht sehen und doch glauben\u201c schrieb mir mein entnervter Pfarrer in die Konfirmationsbibel. Wenn ich heute beim gelegentlichen Besuch katholischer Kirchen auf einschl\u00e4gige Poster und Brosch\u00fcren treffe, bin ich unangenehm \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Emp\u00f6rung und Abwehr werden auf jeden Fall aktiviert, wenn Massenmedien wieder ihre Reportagen aus Afrika mit Details \u00fcber Megakirchen, Stretchlimousinen, betr\u00fcgerische Heilsversprechen und \u201eunappetitliche\u201c Praktiken aufpeppen. Man hat daran zu knabbern, , wenn man Praktiken und Lehren auf der Grundlage der von westlicher Erziehung und Leitmedien verk\u00fcndeten Normen nur verabscheuen kann, angefangen mit \u201eBILD\u201c \u00fcber Sonntagsreden, moralisch emp\u00f6rte shitstorms , \u201eTransparency International\u201c bis zum Strafgesetzbuch. MacGaffeys Argumentation kann vielleicht helfen, die Vorverurteilung so lange zu bremsen, bis man auch die Argumente der anderen Seite geh\u00f6rt und wahrgenommen hat.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Ausgangspunkt: Die gl\u00e4ubigen &#8222;Laien&#8220; aller Kirchen<\/strong><\/h2>\n<p><em>\u00a0<\/em>McGaffey w\u00e4hlt als lebenspraktischen Ausgangspunkt das &#8218;Fu\u00dfvolk&#8216; der Gl\u00e4ubigen in sozusagen allen Kirchen. Erst sp\u00e4ter, im Kapitel \u00fcber die kongolesische Kirche EJCSK\u00a0 werden ausgebildete Kirchenf\u00fchrer und Theologen stellvertretend in ihren \u201eb\u00fcrokratischen\u201c Interessen, Sorgen und strategisch gew\u00e4hlten Doktrinen vorgestellt.<\/p>\n<p>(244) \u201e<em>Im Allgemeinen sind Gl\u00e4ubige, die keine Gelehrten sind, ihres Glaubens unsicher und in ihren Antworten auf Glaubensfragen widerspr\u00fcchlich. Ihr Verst\u00e4ndnis\u00a0 f\u00fcr den &#8222;Sinn\u201c (meaning) ihrer Religion (&#8230;) schlie\u00dft als wichtiges Element gewiss den Sinn f\u00fcr eine zufriedenstellende Kommunikation mit anderen im Ritual ein. Das Ritual selbst ist ein soziales Ereignis, findet in einem breiteren sozialen Kontext statt und setzt die Werte und Bedeutungen voraus, die das Gemeinschaftsleben an diesem Ort und zu dieser Zeit konstituieren. Zum Beispiel setzt es einen gewissen Ablauf der Woche oder des Jahres voraus (routine); eine bestimmte Verteilung\/Zuweisung von Ressourcen; eine Teilung der gesellschaftlichen Arbeit zwischen M\u00e4nnern und Frauen, Erwachsenen und Kindern; und gemeinsame Gruppen visueller und verbaler Symbole, die diese Aufteilungen ausdr\u00fccken<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>MacGaffey f\u00fcgt mit Edmund Leach (1954) die Alltagserfahrung hinzu: \u201e<em>Im Kontext ritueller Handlungen k\u00f6nnen zwei Individuen oder Gruppen von Individuen die G\u00fcltigkeit einer Reihe von rituellen Handlungen akzeptieren, ohne sich \u00fcberhaupt zu einigen was in diesen Handlungen zum Ausdruck kommt<\/em>\u201c. (244)<\/p>\n<p>O-Ton zur \u00dcberpr\u00fcfung: \u201e<span style=\"color: #0000ff;\"><em>In general believers who are not scholars are uncertain of their beliefs and inconsistant in their responses to questions about belief. The sense they have of the \u201emeaning\u201cin their religion (&#8230;) certainly includs as an important element the sens of satisfactory communication with others in ritual. Ritual itself is a social event, takes place in an wider social context, and presupposes the values and meanigs constitutive of community life in that place and time. It presupposes, for example , a certain routine tot he week or the year; a certain allocation of ressources; a division of social labor between men and women, adulds and children,; and common assemblages of visual and verbal symbols, in which these distributions are signified<\/em>.\u201c Und er zitiert die Feststellung des liguistic philosopher John R. Searle (1969): \u201e <em>The parties to communication may not in fact share , \u201ein their heads\u201c, exactly the same sense what has been communicated<\/em>\u201c (244) und erg\u00e4nzt mit Edmund Leach (1954): \u201e<em>in the context of ritual action, two individuals oder groups of individuals may accept the validity of a set of ritual actions, without agreeing at all as to what is expressed in those actions<\/em>\u201c. (244)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den \u201aeinfachen\u2019 Gl\u00e4ubigen ist gemeinsam, dass sie von den Schriftgelehrten und Eingeweihten eingesch\u00fcchtert werden, aber ihrerseits die F\u00e4higkeit besitzen, \u201e<em>ein hohes Ma\u00df an kognitiver Katzenmusik zu tolerieren<\/em>\u201c.(<span style=\"color: #0000ff;\">\u201e<em>to tolerate high levels of cognitive kakophonie\u201c<\/em><\/span>) (244).<\/p>\n<p>Unter den zur Askese bef\u00e4higten Fachleuten (<span style=\"color: #0000ff;\"><em>scholars)<\/em><\/span> wird stattdessen in der permanent wiederholten \u00dcberwindung \u201ekognitiver Dissonanz\u201c der Motor des wissenschaftlichen \u201aFortschritts\u2019 gesehen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Richtigkeit von MacGaffeys Diagnose an uns selber \u00fcberpr\u00fcfen, wenn wir \u201aunserer\u2019 christlichen Religion <u>nicht<\/u> als studierte Theologen oder indoktriniert vom &#8218;Kleinen Katechismus&#8216; begegnen. Stra\u00dfeninterviews im deutschen Fernsehen zu religi\u00f6sen Themen sind immer peinlich. Der soziale Kontext f\u00fcr die traditionelle westliche Religiosit\u00e4t ist schlicht verschwunden. Strategisch denkende konfessionelle Kirchenpolitiker wollen das blo\u00df nicht zugeben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Der b\u00fcrokratische Kolonialstaat<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<h3><strong>Der Belgische Kongo war ein europ\u00e4ischer Kolonialstaat . Er war darin erfolgreich, die indigenen Institutionen zu benutzen und zugleich Differenz und Unterordnung aufrecht zu erhalten. <\/strong><\/h3>\n<p>MacGaffey okkupiert daf\u00fcr unn\u00f6tigerweise den soziologischen Begriff einer \u201epluralistischen Gesellschaft\u201c, der im allgemeinen Sprachgebrauch Europas eine ganz andere Besetzung hat; ich lasse ihn weg.<\/p>\n<p>In einer Kolonie zu leben hie\u00df \u2013 und hei\u00dft &#8211; f\u00fcr die Afrikaner, sich auf Dauer einer zweiten und m\u00e4chtigeren Gesellschaftsordnung und Werteordnung anzupassen. Die Existenz der Kongolesen in zwei sich widersprechenden Systemen f\u00fchrt zu einer unaufhebbaren Ambivalenz.<\/p>\n<p>Nur Ignoranten konnten jemals glauben, das afrikanische \u201eJa\u201c zu \u201achristlicher Taufe\u2019 und \u201aBekehrung\u2019 unter den Bedingungen eines f\u00fcr uns unvorstellbaren Machtgef\u00e4lles sei in der Regel eine spirituelle Entscheidung gewesen und von innen gekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201e<em>Das 1908 gegr\u00fcndete Belgisch-Kongo gliederte eine gro\u00dfe Zahl indigener Gesellschaften in ein neues politisches Gef\u00fcge europ\u00e4ischer B\u00fcrokratie ein. Kimbanguismus entstand unter den Bakongo der atlantischen K\u00fcstenregion. Die Kongo-Gesellschaft war gekennzeichnet durch matrilineare Abstammung, eine \u00d6konomie der Subsistenzlandwirtschaft, die von einem betr\u00e4chtlichen Handelsvolumen zwischen der K\u00fcste und dem Landesinneren \u00fcberlagert wurde, und einer Kosmologie, in der der Einfluss der Geister der Toten auf die Lebenden durch H\u00e4uptlinge, Priester, Zauberer und Hexen vermittelt wurde. Institutionen dieser Art werden von Europ\u00e4ern nicht ohne weiteres verstanden. Sie erwarten, dass Anthropologen sie interpretieren. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Institutionen der Kolonie selbst waren ihnen relativ vertraut; Dazu geh\u00f6rten das r\u00f6misch-niederl\u00e4ndische Recht, die kapitalistische Industrie, die b\u00fcrokratische Regierung sowie das katholische und protestantische Christentum. Der b\u00fcrokratische Sektor betrieb eine Politik sogenannter \u201eindirekter Herrschaft\u201c, sie bediente sich der \u201atraditionellen\u2019 Institutionen im Lande, soweit diese die soziale Anpassung der Bakongo an die Kolonialherrschaft im 20. Jahrhundert repr\u00e4sentierten. <\/em><\/p>\n<p><em>Festzuhalten ist nicht, dass sie &#8222;traditionell&#8220; waren, da sie es nicht mehr waren als die Institutionen des b\u00fcrokratischen Sektors, sondern dass sie vom Kolonialregime aus politischen Gr\u00fcnden in ihrer Differenz und Unterordnung aufrechterhalten wurden.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Enge Grenzen der Kommunikation <\/strong><\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>&#8230;. zwischen europ\u00e4ischen und indigenen Institutionen, Sprachlosigkeit und Missverst\u00e4ndnisse zwischen dem wei\u00dfem Kolonialpersonal und den Kolonisierten <\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(245)\u00a0 <em>Jede dieser Gruppen von Institutionen setzte eine eigene Kosmologie\/Weltsicht voraus und verwendete ihre eigenen kulturellen Codes\/Zeichensysteme. Der b\u00fcrokratische Sektor basierte auf einem linearen Zeitkonzept und w\u00e4hrend der Kolonialzeit auf der Realit\u00e4t der Rasse. Die Kosmologie des tradierten afrikanischen Sektors setzte ein sich wiederholendes zyklisches oder spiralf\u00f6rmiges Zeitkonzept voraus und beinhaltete den Glauben, dass Schwarze, wenn sie sterben, nach Europa oder Amerika gehen, wo sie wei\u00df werden und von wo sie vielleicht nach Afrika zur\u00fcckkehren als Vorfahren oder Geister, f\u00fcr gute oder b\u00f6se Zwecke. Die kulturellen Codes enthielten gegens\u00e4tzliche Regeln \u00fcber Dinge wie Gesten, soziale Vorrangstellung und angemessene Kleidung f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen; Wichtigstes kommunikatives Mittel war nat\u00fcrlich die Sprache, ob Franz\u00f6sisch oder Kikongo, jeweils semantisch und praktisch eng an die jeweiligen institutionellen Sets gebunden. In keiner dieser Kosmologien sind Konzepte wie der unilineare Lauf der Zeit, die Realit\u00e4t der Rasse oder Europa als Land der Toten wissenschaftlich notwendig oder transzendent wahr. <span class=\"HwtZe\" lang=\"de\"><span class=\"jCAhz ChMk0b\"><span class=\"ryNqvb\">Aber in jedem Fall kann der Inhalt der Kosmologie mit der Organisation der Gesellschaft verkn\u00fcpft werden, mit der zusammen sie die Erfahrung der Mitglieder pr\u00e4gt<\/span><\/span><\/span>, &#8222;Vorstellungen von einer allgemeinen Daseinsordnung <\/em><em>formuliert <\/em><em> und diese Vorstellungen mit einer solchen Aura der Faktizit\u00e4t&#8220;<\/em><em> umgibt<\/em><em>, dass die Stimmungen und Motivationen, die sie festlegt, &#8222;einzigartig realistisch erscheinen&#8220; (Geertz 1966; MacGaffey 1978a).\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_14535\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.240.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14535\" class=\"size-medium wp-image-14535\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.240-217x360.jpg\" alt=\"Doku.\" width=\"217\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.240-217x360.jpg 217w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.240-542x900.jpg 542w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.240.jpg 602w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14535\" class=\"wp-caption-text\">(240):\u00a0 Dies Grabkreuz mit dem Loch in der Mitte bezeichnet die Kreuzigung Christi nur am Rande, da ihn christliche Bakongo nicht als Opferlamm sehen, sondern als angesehenen Heiler und Mediator. Nach altem Glauben handelt es sich um das Wegkreuz. Ein Arm trennt das Diesseits vom Jenseits, der zweite bezeichnet den Weg der Macht zwischen den Welten, und das Loch in der Mitte bezieht sich auf das Grab selbst.<\/p><\/div>\n<p>(246). <em>Zwischen 1908 und der nationalen Unabh\u00e4ngigkeit 1960 wurden Bakongo schrittweise in <\/em><em>den b\u00fcrokratischen Sektor integriert. Sie wurden zum Christentum bekehrt, nach europ\u00e4ischer Art erzogen, zur Lohnarbeit angehalten und der Besteuerung unterworfen. Sie nahmen an Staat, Kirche und Industrie teil, jedoch auf einer v\u00f6llig anderen Grundlage als die Europ\u00e4er, und blieben in ihrem Privatleben den Kongo-Institutionen und Codes unterworfen, die die Erbfolge wie eheliche, zwischenmenschliche und lokale Beziehungen regelten. Das hei\u00dft, die Bakongo geh\u00f6rten unter Kolonialherrschaft zwei Gesellschaften an, in denen \u201eBedeutung\u201c nicht nur in religi\u00f6sen Angelegenheiten, sondern in allen sozialen in unterschiedlichen Sprachen (Kikongo und Franz\u00f6sisch) und unterschiedlicher symbolischer Praxis ausgedr\u00fcckt wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Sobald Kikongo-Sprecher und Franz\u00f6sisch-Sprecher nicht nur \u00fcber die oberfl\u00e4chlichsten oder praktischsten Bedeutungen kommunizierten, war ein hohes Ma\u00df an Missverst\u00e4ndnissen beider Seiten gegeben. Man entwickelte ein spezielles koloniales Vokabular, weder Franz\u00f6sisch noch Kikongo, , um diese Nichtkommunikation zu \u00fcberbr\u00fccken; in der Religion waren einige der n\u00fctzlichsten W\u00f6rter nbngo, was f\u00fcr Europ\u00e4er \u201eheilig\u201c und f\u00fcr Afrikaner so etwas wie \u201eTabu\u201c bedeutete; sumuka, \u201es\u00fcndigen\u201c oder \u201eataboo verletzen, verunreinigen\u201c; nka.diampemba, \u201eder Teufel\u201c oder \u201erachs\u00fcchtiger Geist\u201c; und so weiter. Da Kommunikation ebenso sehr aus Interaktion, also Handlungen, einschlie\u00dflich Rituale besteht, erstreckte sich eine \u00e4hnliche Mehrdeutigkeit auf alle institutionellen Kontexte, nicht nur auf Religion (Doutreloux 1967).<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Im Kolonialstaat, worin zwei getrennte Gruppen aufrechterhalten werden, von denen eine der anderen politisch und wirtschaftlich untergeordnet ist, wird sich diese Situation in den K\u00f6pfen der nachwachsenden Generationen st\u00e4ndig erneuern. Die Form dieser Beziehung blieb auch nach der Unabh\u00e4ngigkeit bestehen, obwohl sich die Klassenstruktur der Bev\u00f6lkerung \u00e4nderte: Die afrikanischen Vorarbeiter und Angestellten von Unternehmen, Missionen und Regierungen ersetzten die Europ\u00e4er als Manager dieser Organisationen und damit des Staates. Inzwischen leben fast alle Zairer weiterhin nach zwei Regelwerken, bewusst und sichtbar getrennt; In allen \u00f6ffentlichen Kontexten dominieren die Wahrheiten des b\u00fcrokratischen institutionellen Rahmens die des \u00fcblichen Rahmens, die nur insoweit toleriert werden, als sie auf Franz\u00f6sisch als den Kategorien der b\u00fcrokratischen Welt entsprechend dargestellt werden k\u00f6nnen. (246)<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><em>In diesem sozialen Kontext ist der Kimbanguismus entstanden <\/em><\/h2>\n<p>(247)<em> Die Religion unter den Kikongo sprechenden V\u00f6lkern in Zaire kann schematisch als zwei \u00fcberlappende Kreise B und C mit einem gemeinsamen Bereich X dargestellt werden. Die Sprache von B ist Franz\u00f6sisch; und seine institutionelle Struktur, die sowohl der Sprache als auch dem Verhalten Bedeutung verleiht, ist &#8222;b\u00fcrokratisch&#8220;. Die Sprache von C ist Kikongo, und seine institutionelle Struktur ist &#8222;customary&#8220;. Glaubenss\u00e4tze und Praktiken, die in den gemeinsamen Bereich X fallen, k\u00f6nnen entweder auf Franz\u00f6sisch oder Kikongo interpretiert werden und haben daher alternative Bedeutungen; Gegenst\u00e4nde, die zu B oder C geh\u00f6ren, aber nicht zu X geh\u00f6ren, sind solche, die ohne weiteres nur in Franz\u00f6sisch bzw. in Kikongo beschrieben werden k\u00f6nnen. <\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_14536\" style=\"width: 268px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.253.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14536\" class=\"wp-image-14536\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.253-216x360.jpg\" alt=\"Dok.\" width=\"258\" height=\"430\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.253-216x360.jpg 216w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.253-539x900.jpg 539w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/McGaffey-Kimbanguism-p.253.jpg 599w\" sizes=\"auto, (max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14536\" class=\"wp-caption-text\">McGaffey Kimbanguism p.253<\/p><\/div>\n<p>&#8222;<em>Dieser\u00a0 Grabstein kombiniert ein christliches\u00a0 Kreuz mit der indigenen Figur eines nkisi, der oft menschenartig ist mit einem Spiegel auf dem Bauch. <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14114\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a> Im kongolesischen Denken wird weniger unterschieden zwischen belebt und unbelebt; ein nkisi\u00a0 wird als belebter Agent angerufen, das Kraft zu heilen besitzt und andere Probleme l\u00f6sen kann. Die Belebung des nkisi wird von den Bakongo der Anwesenheit der Toten in oder an der Figur (manchmal eines Ahnen) zugeschrieben.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_14538\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14538\" class=\"size-medium wp-image-14538\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827-230x360.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827-230x360.jpg 230w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827-575x900.jpg 575w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827-624x977.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_7827.jpg 639w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14538\" class=\"wp-caption-text\">minkisi mit Spiegeln\u00a0 c\u00a0 Gv. &#8211; Sie werden von Kimbangisten abgelehnt.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>EJCSK als Beispiel <\/strong><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>f\u00fcr die <\/strong><strong>Gratwanderung unabh\u00e4ngiger afrikanischer Kirchen<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>Wie wurde die messianistische Volksbewegung um Prophet Simon Kimbangu nach 1959 zu einer anerkannten Freikirche und sogar f\u00fcr Jahrzehnte zum Mitglied des internationalen Protestantismus? Wie konnte sie internationale Anerkennung erringen, aber ihren R\u00fcckhalt in der indigenen Anh\u00e4ngerschaft nicht verlieren?<\/p>\n<p><em>Die erst 1959 legalisierte Kirche der S\u00f6hne des 1921 verstorbenen Propheten Kimbangu, EJCSK, hatte als Volksbewegung begonnen &#8211; in C zu lokalisieren &#8211; und hat sich seit ihrer Anerkennung zunehmend in Richtung B bewegt. Dies wurde weitgehend durch politische Erw\u00e4gungen erzwungen und hatte sowohl ihre Kosten als auch ihre Vorteile. Die F\u00fchrung ist sich der damit verbundenen Zweideutigkeiten bewusst, und ihr Propagandaapparat war au\u00dferordentlich erfolgreich darin, sie sowohl vor dem Kikongo- als auch dem franz\u00f6sischsprachigen Publikum zu manipulieren. Diese Manipulationen sind gesellschaftlich und politisch notwendig und k\u00f6nnen weder auf theologische Ignoranz noch auf Unehrlichkeit reduziert werden. Betrachten wir ein konkretes Beispiel.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><em>Die Regeln der Kirche (EJCSK n.d.) zus\u00e4tzlich zu den Zehn Geboten <\/em><\/h3>\n<ol>\n<li>Respektiere die Regierung (R\u00f6mer 13:1-3).<\/li>\n<li>Liebe jeden, sogar deinen Feind (Matth\u00e4us 5:4345).<\/li>\n<li>Nicht rauchen, egal ob Tabak oder Hanf.<\/li>\n<li>Kein Alkohol.<\/li>\n<li>Kein Tanzen oder Teilnahme an T\u00e4nzen.<\/li>\n<li>Nicht nackt baden oder nackt schlafen.<\/li>\n<li>Kein Streit.<\/li>\n<li>Keine Verwendung von Zaubern oder Magie.<\/li>\n<li>Steuern zahlen.<\/li>\n<li>Hege keinen Groll.<\/li>\n<li>Jeder muss sein Fehlverhalten vor Zeugen zugeben.<\/li>\n<li>Die einzigen Lebensmitteltabus verbieten das Essen von Affen oder Schweinen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Jeweils alternative Interpretationen<\/h4>\n<p>(248) \u00a0 <em>Alle diese Regeln k\u00f6nnen entweder in europ\u00e4ischer (frankophoner) oder afrikanischer (Kikongo) Begrifflichkeit als sinnvoll angesehen werden, aber einige passen viel leichter in die eine als in die andere, und die Bedeutung aller von ihnen \u00e4ndert sich je nach Perspektive. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Regel I, Respekt vor der Regierung, ist am wenigsten zweideutig und scheint Regel 9, Zahlung von Steuern, zu beinhalten. Tats\u00e4chlich ist die Besteuerung eine b\u00fcrokratische Praxis, an die sich die Menschen in diesem Jahrhundert gew\u00f6hnt haben, die sie jedoch weiterhin ablehnen, allgemein (und mit einigem Recht), indem sie sie als Zwangsabgabe sehen, die der herrschenden Klasse zugute kommt; sie kontrastieren es mit pers\u00f6nlichen, &#8222;freiwilligen&#8220; Geschenken wie bei einem H\u00e4uptling oder G\u00f6nner. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Regeln 3, 4 und 5 entsprechen der protestantischen (baptistischen) Moral, sind aber auch in indigener Hinsicht sinnvoll; insbesondere T\u00e4nze werden nicht als an sich unmoralisch, sondern als Anl\u00e4sse f\u00fcr Unmoral betrachtet. <\/em><\/p>\n<p><em>Regel 8, gegen Magie, macht sowohl in europ\u00e4ischen Begriffen (&#8222;kein Aberglaube&#8220;) als auch in Kongo-Begriffen (&#8222;kein selbsts\u00fcchtiges Gesch\u00e4ft mit dem Okkulten&#8220;) Sinn. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Regeln 2, 7, 10 und 11 scheinen lediglich gute moralische Ratschl\u00e4ge zu sein, fallen aber durch ihre redundante Vielfalt auf. Tats\u00e4chlich sind sie aus der Bakongo-Perspektive Rezepte gegen Hexerei oder gegen die Einstellungen, aus denen Hexerei unbewusst entstehen kann. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Regeln 6 und 12 lassen sich auf Franz\u00f6sisch nicht ohne weiteres rechtfertigen, und die Versuche der Kimbanguisten, dies zu tun, sind bemerkenswert unbefriedigend. Um nicht nackt zu baden oder zu schlafen, sagen Kimbanguisten, dass Personen des anderen Geschlechts am Badeplatz vorbeikommen oder das Haus Feuer fangen k\u00f6nnte, was den unvorbereiteten Schl\u00e4fer dazu zwingen w\u00fcrde, sich der \u00d6ffentlichkeit auszusetzen. Soweit es sich um reale Gefahren handelt, ist jeder mit ihnen konfrontiert, und es gibt keinen Grund, warum vern\u00fcnftige Vorsichtsma\u00dfnahmen nicht in die Regeln der Kirche aufgenommen werden sollten. Mitglieder anderer Kirchen halten sich an die gleichen Regeln und erkl\u00e4ren bereitwilliger, dass man in der reflektierenden Wasseroberfl\u00e4che die Menschen der anderen Welt, \u201edie Engel\u201c, von denen einige vom anderen Geschlecht sind, sehen und von ihnen gesehen werden kann. Ebenso erwarten religi\u00f6se Menschen, dass sie im Schlaf von \u201eEngeln\u201c besucht werden. Wie ein hochrangiger Geistlicher der &#8222;Kirche der Zw\u00f6lf Apostel&#8220; \u00fcber ein bemerkenswertes Erlebnis sagte: \u201eIch hatte mich gerade zum Schlafen hingelegt, als der Engel des Herrn in einem gro\u00dfen Funkenregen vor mir erschien; zum Gl\u00fcck trug ich eine gute Unterhose&#8220;. In Kikongo sind diese \u201eEngel\u201c die Toten (bafwal). <\/em><\/p>\n<p><em>Regel 12. Das Tabu gegen Schweinefleisch wird von Kimbanguisten unterschiedlich erkl\u00e4rt, basierend auf dem mosaischen Gesetz, der <a href=\"https:\/\/lectionaryart.org\/2019\/06\/18\/the-gerasene-demoniac-and-the-gadarene-swine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geschichte des Gadarene-Schweins<\/a>, den schmutzigen Essgewohnheiten von Schweinen oder dem Risiko von Parasiten und Krankheiten. Die Unzul\u00e4nglichkeit dieser Erkl\u00e4rungen ist offensichtlich. Der wahren Argumentation am n\u00e4chsten kommt die Geschichte vom Gadarene-Schwein, in das b\u00f6se Geister vor Jesus flohen; Hausschweine sind beliebte Aufbewahrungsorte, in denen Hexen die Seelen ihrer Opfer einsperren, und Hausschweine zu essen bedeutet, die unfreiwillige Teilnahme an Hexenfesten zu riskieren.<\/em><\/p>\n<p><em>3) Eine Legende der Kongo unterstellt Hexern, sie h\u00e4tten ein kannibalisches Fest im Sinn, wenn sie von Schweinefleisch essen reden.<\/em><\/p>\n<p><em> Kimbanguisten d\u00fcrfen Wildschweine essen. Ebenso wie mir das Oberhaupt der Kirche, Joseph Diangienda, erkl\u00e4rte: &#8222;Es gibt zwei Arten von Affen; eine davon ist verboten, aber die andere k\u00f6nnen wir essen.&#8220; Er ging nicht n\u00e4her darauf ein, aber Andersson erkl\u00e4rt, dass die Makaku- (oder Nsirut-) Affen in Banden leben, w\u00e4hrend Nsengi-Affen paarweise als Mann und Frau gehen und vermutlich verkleidete Menschen sind (bituzi) ( Andersson 1958:176). Kimbanguistisches theologisches Rechnunglegen ist nicht nur eine Frage (unredlicher) doppelter Buchf\u00fchrung. Die Kirche muss ja an einer oder gar beiden institutionellen Gruppen teilnehmen. Jede verlangt die Anpassung der Organisationsform und -praxis, ebenso wie des Verhaltens und der Sprache.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><em>Ambivalentes, anr\u00fcchiges \u201eAbendmahl\u201c<\/em><\/h4>\n<p>(249)<em>. Damit EJCSK <\/em><em>\u00fcberleben konnte, musste die Kirche eine b\u00fcrokratische Struktur, ein Steuersystem, ein Schulsystem und verschiedene formelle Glaubensbekenntnisse entwickeln. In j\u00fcngerer Zeit haben die Erwartungen der Protestantischen Theologie, von denen die internationale und lokale Unterst\u00fctzung der Kirche in gewissem Ma\u00dfe abh\u00e4ngig ist, sie dazu gedr\u00e4ngt, einen Abendmahlsgottesdienst einzuf\u00fchren, der erstmals im April 1971 gefeiert wurde. Ein solcher Schritt konnte ihr teuer zu stehen kommen, wenn er gegen g\u00e4ngige Vorstellungen verstie\u00df. Wie Andersson erkl\u00e4rt, ist die Kommunion selbst in ihrer Baptistischen Form (eher als Gedenken als als Sakrament) unvereinbar mit popul\u00e4ren Vorstellungen von S\u00fcnde, Gnade und Erl\u00f6sung, auch wenn sie in den Missionskirchen zu finden sind (Andersson 1968: 148-153, 169 &#8211; 171). F\u00fcr das Volk ist das Reich Gottes \u201eauf Erden\u201c eine Frage der Freiheit Leiden. Leiden wird verursacht, wenn man kultische Vorschriften bricht oder durch Hexerei, obwohl orthodoxe Protestantische Pastoren sich gro\u00dfe M\u00fche geben, ihre Gemeinden davon zu \u00fcberzeugen, dass Leiden tats\u00e4chlich von \u201eSatan\u201c verursacht werde, der zu einer Art Allzweckhexe geworden ist. Selbst innerhalb der Missionskirchen wird die Kommunion oft als Pr\u00fcfung (ordeal) betrachtet, um Hexen aufzusp\u00fcren und zu bestrafen, und wie alle \u201aGottesurteile\u2019 k\u00f6nnen Geistliche sie missbrauchen, sollten sie selbst Hexen sein. 1966 haben einige Bakongo-Pastoren, einflussreiche Verteidiger der Missionsorthodoxie gegen alle Formen des Prophetentums, das Abendmahl als ein f\u00fcr das wahre Christentum unn\u00f6tiges St\u00fcck europ\u00e4ischer Kultur bezeichnet,das in Zeiten zunehmender Unabh\u00e4ngigkeit von missionarischer Kontrolle abgeschafft werden sollte. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Einf\u00fchrung der Kommunion durch die EJCSK musste daher sorgf\u00e4ltig vorbereitet werden. Im Bereich des b\u00fcrokratischen Diskurses gab die Kirche zun\u00e4chst eine theologische Erkl\u00e4rung ab, verfasst vom Generalsekret\u00e4r. Weniger leicht verst\u00e4ndlich f\u00fcr den ausl\u00e4ndischen Beobachter war die einmalige Durchf\u00fchrung eines besonderen Vorbereitungsrituals, bei dem M. Diangienda selbst oder einer der Priester (sacificateurs) jeden Gl\u00e4ubigen auf der Stirn mit dem Zeichen des. Kreuz in Nkamba-Wasser \u201eversiegelte\u201c (Martin 1975:161,179-182). Au\u00dfenstehenden wurde keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Ursprung des Rituals zur Verf\u00fcgung gestellt, aber diese Geste katholischen Ursprungs wird von Diangienda seit langem als Segen verwendet und im Volksmund als auf die &#8222;Lusunzi&#8220; [ Seele oder Lebenschance] segensreich des Empf\u00e4ngers verstanden. &#8230;.Bis 1980 wurde die Kommunion nur zweimal gefeiert. <\/em><\/p>\n<p><em>Nach 1960 verlor die Kirche einen Gro\u00dfteil ihrer Unterst\u00fctzung durch die Bev\u00f6lkerung, indem sie ekstatische und heilende Praktiken einschr\u00e4nkte, die mit ihren organisatorischen Bed\u00fcrfnissen nicht vereinbar waren; die Leute fingen an zu sagen, dass es nichts als eine weitere Missionskirche sei. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Die Exerzitien<\/h4>\n<p><em>1972 f\u00fchrte EICSK in dem Bem\u00fchen, seine spirituelle Vitalit\u00e4t und Disziplin zu erneuern, eine neue Observanz ein \u2013 die Exerzitien. F\u00fcr diese neue Institution, die auch Kimbangu vorausgesagt haben soll, wurden biblische Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle angef\u00fchrt. Retreats fanden tief im Wald oder an einem anderen von Ablenkungen freien Ort statt. <\/em><\/p>\n<p>(250)<em> Kimbanguisten waren angeblich ein Leben lang verpflichtet, daran teilzunehmen, aber Mitglieder anderer Kirchen und Glaubensrichtungen waren willkommen. Ein Retreat dauerte von Dienstag bis Samstag und war gepr\u00e4gt von h\u00e4ufigen Gebeten, einem dreit\u00e4gigen Fasten, Bibelstudium, S\u00fcndenbekenntnis und anderen \u00dcbungen, von denen erwartet wurde, dass sie den Kontakt mit dem Heiligen Geist erneuern, wie in den alten Tagen in Nkamba im Jahr 1921. Jede Nacht schliefen M\u00e4nner und Frauen getrennt in ihrem Lager im Wald, und neun M\u00e4nner und neun Frauen (oder 3, 5 oder 7, aber keine gerade Zahl) wurden zu Wachen ernannt, die abwechselnd die ganze Nacht \u00fcber beteten. Den ganzen Vormittag \u00fcber wurden \u00f6ffentliche Beichten abgeh\u00f6rt, und dann gingen die Teilnehmer in ungeraden Zahlen noch tiefer in den Wald, um zu beten und Hymnen zu singen. Jeder brachte das Opfer, mindestens einen Tag lang nichts zu essen, zu trinken oder sich zu waschen, manche sogar zwei oder drei. Ab und zu wurde jemand besessen und rannte kreischend zu einem der Pastoren, um etwas zu beichten, was er oder sie verschwiegen hatte; Nicht zu gestehen bedeutete, eine Geisteskrankheit oder sogar den Tod zu riskieren. Im Wald begannen die Menschen Visionen zu sehen: \u201eDer gekreuzigte Christus, oder Sie k\u00f6nnten ein riesiges Auge sehen, das vielleicht das Auge Gottes war, wir wissen es nicht\u201c. Die Leute sprachen in fremden Sprachen wie Englisch, die f\u00fcr andere verst\u00e4ndlich waren, aber nicht f\u00fcr den Sprecher. Die Visionsberichte wurden aufgeschrieben und an die Zentrale der Kirche \u00fcbermittelt. Die Institution der Exerzitien zeugte von der F\u00e4higkeit der Kirche zur anpassungsf\u00e4higen Erneuerung, brachte aber auch ihre eigenen Risiken mit sich. Je n\u00e4her die Kirche der Energie kam, die in den wahren Authentizit\u00e4ten der indigenen Kultur eingeschlossen war, desto sch\u00e4rfer wurde zwangsl\u00e4ufig ihre Rivalit\u00e4t mit konkurrierenden Systemen spiritueller F\u00fchrung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Umgang mit Magiern und der R\u00fcckgriff auf Zauber (\u201eFetische\u201c) wichtige und h\u00e4ufige Themen der Gest\u00e4ndnisse \/\u00f6ffentlichen Beichten waren (MacGaffey 1976:4043). <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Die Rituale prophetischer Kirchen generell<\/h3>\n<p><em>In Zaire, wie auch in weiten Teilen Afrikas von Nigeria bis zur Republik S\u00fcdafrika, zeigen die Rituale prophetischer Kirchen gew\u00f6hnlich zwei Phasen (siehe Kiernan 1976: 356-366). Die erste Phase besteht aus einem gew\u00f6hnlichen protestantischen Gottesdienst: Hymnen, Gebete, Bibellesung und Predigt. <\/em><\/p>\n<p><em>Die zweite Phase, die durch das Erscheinen des Propheten selbst und durch andere personelle, musikalische und r\u00e4umliche Ver\u00e4nderungen gekennzeichnet ist, ist spezifisch prophetischen Aktivit\u00e4ten gewidmet und sehr zweideutig. Zu den \u00fcblichen prophetischen Aktivit\u00e4ten geh\u00f6ren orakelhafte Vorhersagen und Offenbarungen (lmbikudulul), ekstatische Manifestationen, Segnungen als Prophylaxe, spirituelle Heilung, \u201eKrieg\u201c mit feindlichen Geisterm\u00e4chten und insbesondere in Ngunzistischen (DMN)-Kirchen eine Form der spirituellen Pr\u00fcfung und Best\u00e4tigung, die unter dem franz\u00f6sischen Wort \u201eBascule\u201c [Wiegen] bekannt ist (Janzen und MacGaffey 1974, Nr. 48). All diese Praktiken sind durch Bezugnahme auf biblische Texte gerechtfertigt, genau wie die Praktiken der amerikanischen protestantischen<\/em> (evangelikalen)<em> Kirchen. Die Teilnehmer verstehen sich als Protestanten oder Katholiken.<\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">&#8230;&#8230;.<\/h3>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Auf Mac Gaffeys anschlie\u00dfende Thematisierung der konkurrierenden kimbangistischen DMN-Kirche und weiterer Kirchen auf den Seiten 251-256 muss ich heute verzichten.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 25.1.2023<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/h4>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religion und Rechtgl\u00e4ubigkeit &#8211; koloniale Kommunikation in Belgisch-Kongo &#8211; Kimbangismus Wyatt MacGaffey: Kimbanguism &amp; the Question of Syncretism in Zaire (1994) &#8211; deutsch.\u00a0\u00a0 mit 4 Abb. Den Aufsatz habe ich in einem Sammelwerk mit dem treffenden Titel \u201eReligion in Afrika . Erfahrung und Ausdruck\u201c (Religion in Africa \u2013 Experience and Expression, ed. 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