{"id":1437,"date":"2013-12-11T21:00:18","date_gmt":"2013-12-11T20:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1437"},"modified":"2015-04-23T18:25:58","modified_gmt":"2015-04-23T17:25:58","slug":"flusser-die-kunst-und-die-langeweile","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1437","title":{"rendered":"Flusser, Bense, Kunst und Langeweile"},"content":{"rendered":"<p><em>Max Bense &#8212; Camp-Movement, N.Y. &#8212; Haroldo de Campos &#8212; Brasilia\u00a0<\/em><em style=\"font-style: italic;\">&#8212; V.Flusser &#8212;\u00a0<\/em><em>Retrospektive Neoconcretismo in der Akademie der K\u00fcnste, Berlin 2010 &#8212; Susanne Klengel &#8212; Wolf Lepenies &#8212; Witold Gombrowicz \u00a0\u00a0<!--more--><\/em>Warum, frage ich mich, sind die Kunstbeitr\u00e4ge in den Flusser Studies oft so langweilig? Was hat Max Bense damit zu tun, mit dem sich Flusser irgendwann um 1970 verkracht hat? Die Lekt\u00fcre von Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft (1969 \u2013 1998 stw 967) setzt mich im Fr\u00fchjahr auf eine F\u00e4hrte. Ich \u00fcberarbeite die damals entstandene Textmontage. Sie enth\u00e4lt jetzt 4 Fotos von der Ausstellung in Berlin.<\/p>\n<p>Am Anfang steht eine frappierende Beobachtung:\u00a0<i>&#8230; Wie weit bereits heute \u00e4sthetische Formen und Spielregeln die Langeweile okkupieren\u00a0<\/i><i>und glauben, sich ihr damit bereits entzogen zu haben.<\/i>\u00a0(155)<\/p>\n<p>Lepenies \u00a0zitiert im Anschluss \u00a0Horst Enders\u00a0 Polemik von 1965 gegen Max Bense:\u00a0<i>Langeweile bildet sozusagen die Verst\u00e4ndigungsgrundlage bei dem Versuch (&#8230;) die experimentelle Poesie durch die geschichtliche Verfassung zu sanktionieren.<\/i>\u00a0(155)<\/p>\n<p>Hie\u00df das so etwas wie: politisch korrekte Gedichte &#8217;nach Auschwitz&#8216; ? Oder &#8218;im technischen Zeitalter&#8216;? Sollten solche Erkl\u00e4rungen den in Westdeutschland rehabilitierten Modernismus legitimieren und als zeitgem\u00e4\u00dfe\u00a0<i>Etikette<\/i>, im Fall der Poesie als institutionalisierte <i>Schreibhemmung\u00a0<\/i>funktionieren?<\/p>\n<p>Zur selben Zeit, berichtet Lepenies, \u00a0bot\u00a0die\u00a0New Yorker\u00a0<i>Camp-<\/i>Szene ein Gegenmodell<i>,<\/i> das Susan Sontag aus intimer Kenntnis beschrieb. <i>Camp<\/i> stand f\u00fcr einen weiteren Verfall der alten Welt:\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">Camp<\/i>\u00a0kenne die Langeweile schon deshalb nicht,\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">weil die Beliebigkeit der\u00a0<\/i><i style=\"font-style: italic;\">Weltinhalte eine Fixierung des Geschmacks und der auf \u00e4sthetischen Genu\u00df\u00a0<\/i><i style=\"font-style: italic;\">reduzierten Verhaltensweisen nicht gestattet<\/i>. (&#8230;)\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">War Langeweile nach dem Willen der utopisch Denkenden einst aus politischen Gr\u00fcnden nicht mehr m\u00f6glich, so schwindet sie im &gt;Camp&lt;, weil die R\u00e4ume der Welt so beliebig geworden sind wie ihre jederzeit im \u00e4sthetischen Spiel\u00a0<\/i>(!)<i style=\"font-style: italic;\">\u00a0verwendbaren Inhalte.<\/i>\u201c (158)<\/p>\n<p style=\"line-height: 1.71429; margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 1.71429rem; margin-left: 0px;\">Flusser war in den Sechziger Jahren mehrmals in New York. Was nahm er an Kunst zur Kenntnis?\u00a0Eine entsprechende Begr\u00fcndung findet sich \u00a0jedenfalls sp\u00e4ter in seinem Programm des unbek\u00fcmmerten digitalen Montierens, Collagierens und Recycling in \u201eIn das Universum der technischen Bilder\u201c.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in die f\u00fcnfziger und sechziger Jahre, als von Max Bense und Flussers Freund Haroldo de Campos eine &#8218;konkrete Poesie&#8216; programmatisch begr\u00fcndet wurde. Dank <i>google.gr<\/i>\u00a0treffe ich auf <span style=\"text-decoration: underline;\">Elisabeth Walther:<\/span><i><span style=\"text-decoration: underline;\"> Die Beziehung von Haroldo de Campos zur deutschen konkreten Poesie, insbesondere zu Max Bense<\/span>:<\/i><\/p>\n<p><i>(&#8230;) Aber kommen wir zu Haroldo de Campos zur\u00fcck. Vor seinem Besuch in Stuttgart hatte die Gruppe um ihn verschiedene Arbeiten in brasilianischen Tageszeitungen ver\u00f6ffentlicht. (&#8230;) Am wichtigsten war aber die Publikation des &#8222;plano pil\u00f4to para poesia concreta&#8220;, die Augusto und Haroldo de Campos mit D\u00e9cio Pignatari gemeinsam pr\u00e4sentierten. Kurz und pr\u00e4gnant legen sie darin ihre Auffassung von konkreter Poesie dar. Der erste Satz: &#8222;konkrete Dichtung: Produkt einer kritischen Formentwicklung&#8220;, stellt sofort auf die vorwiegend formalen Vorstellungen der Gruppe ab, die den &#8222;grafischen Raum&#8220; als &#8222;strukturelles Agens&#8220; und die in der Physik betonte Raum-Zeit in die Dichtung einbezogen. Auch wird auf die Vorl\u00e4ufer hingewiesen: Pound, Fenollosa, Appolinaire, Mallarm\u00e9, Joyce, Oswald de Andrade und Cabral de Melo Neto. Auch wichtige Musiker wie Webern, Boulez und Stockhausen sowie die entsprechenden Maler: Mondrian, Bill und Albers werden erw\u00e4hnt. Auffallend sind die vielen theoretischen Begriffe aus verschiedenen modernen Wissenschaften, die hier eine Rolle spielen, zum Beispiel: Kommunikation, Gestaltpsychologie, Pragmatik, Ph\u00e4nomenologie, Koinzidenz, Simultaneit\u00e4t, Isomorphismus, magnetisches Feld, Relativit\u00e4t, Zufall, Kybernetik, feed-back und viele andere. 1958 ver\u00f6ffentlichte Haroldo de Campos einen langen Artikel mit dem Titel &#8222;poesia concreta no Jap\u00e3o: Kitasono Katue&#8220;. Schon im &#8222;plano pil\u00f4to&#8220; war von der &#8222;Affinit\u00e4t zu isolierenden Sprachen (chinesisch)&#8220; die Rede. Die Beziehungen der Brasilianer zu Japan waren schon ganz fr\u00fch sehr eng, vor allem durch die Vermittlung ihres Freundes Vinholes, der in Japan lebte. (&#8230;)<\/i><\/p>\n<p>Gepflegte Langeweile \u2013 \u00a0formale \u00e4sthetische Gestalten, die an an sich selbst genug zu haben schienen, in einer klimatisierten viel zu gro\u00dfen Halle und\u00a0\u00a0in einem grotesken Gegensatz dazu\u00a0der leidenschaftliche Titel &#8222;Verlangen nach Form&#8220; &#8211; das war mein Eindruck in der <span style=\"text-decoration: underline;\">Berliner Retrospektive 2010 \u201eO Desejo da Forma\u201c<\/span>, auf die <i>konkrete Poesie<\/i> der f\u00fcnfziger Jahre in Brasilien.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310478DesejoForma.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1438\" alt=\"P1310478DesejoForma\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310478DesejoForma-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310478DesejoForma-300x200.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310478DesejoForma-624x416.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310478DesejoForma.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In einer Video-Installation war Langeweile direkt Thema, und zwar die kleinst\u00e4dtischer Gassen eines Fleckens im Nordosten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310480.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1439\" alt=\"P1310480\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310480-300x224.jpg\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310480-300x224.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310480-624x467.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310480.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch da war muss doch noch etwas anderes gewesen sein, das nicht in die Werke einging! \u00a0<i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310457bras.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1440\" alt=\"P1310457bras\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310457bras-300x222.jpg\" width=\"300\" height=\"222\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310457bras-300x222.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310457bras-624x462.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/P1310457bras.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Veteran der Bewegung erinnert sich<\/em> (Installation im Foyer)<\/p>\n<p>Die Liebe zu\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">theoretischen Begriffen<\/i>\u00a0teilt \u00a0Flusser mit dem Freund de Campos (&#8222;Bodenlos &#8211; eine philosophische Autobiographie&#8220; FW 13390,1999) \u00a0und seiner Gruppe.\u00a0Am Ausdruck ist <i>Begriff<\/i>\u00a0 hervorzuheben: Instrument zur Ordnung zun\u00e4chst chaotisch erscheinender Ph\u00e4nomene, sein formaler\u00a0Charakter und seine Eignung zur <i>Generierung<\/i> (Bense) immer komplexerer Formen, eben Theorien.\u00a0An der Wissenschaft\u00a0ist es die Seite der Ordnung, also nicht Blitz und Donner, sondern deren Formel. Und die ist nur f\u00fcr Wissenschaftler nicht langweilig.\u00a0Den Einfall k\u00f6nnte ich ja als besch\u00e4mend irrelevant gleich wieder vergessen, handelte es sich bei Bense, do Campos und anderen nicht blo\u00df um eine von Theorie gesteuerte, <i>Wissenschaft<\/i> simulierende generative \u00c4sthetik.<\/p>\n<p>Mein Blick wurde im langen Zitat magisch angezogen von der Aufz\u00e4hlung von attraktiven Begriffen. Ich sp\u00fcre deren Faszination f\u00fcr neugierige Menschen. Es sind Versprechungen, Verhei\u00dfungen. So m\u00fcssen sie auf die Poeten, die Macher und Entdecker, gewirkt haben \u2013 und auf Flusser, der sich selbstverst\u00e4ndlich mit den Kreativen identifizierte, nicht mit eingesch\u00fcchterten Kulturkonsumenten. Die eigene Begeisterung und gespannte Erwartung konnte sich aber nur dem eingeweihten Betrachter, H\u00f6rer oder Leser vermitteln. \u00a0Durften sie ernsthaft erwarten,\u00a0&#8218;Avantgarde&#8216;\u00a0nicht nur \u00a0zu spielen, nach geraumer Verz\u00f6gerung einmal mit dem Ehrentitel \u00a0beh\u00e4ngt zu werden, sondern der Allgemeinheit den Weg gewiesen zu haben? Ich w\u00fcrde erstmal nicht annehmen, dass ihre \u00e4sthetischen Schnittmuster in irgendeiner Ahnenreihe der Computer- und Netzspiele zu finden sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1310361konkreteProgramm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1446\" alt=\"P1310361konkrete:Programm\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1310361konkreteProgramm-300x216.jpg\" width=\"300\" height=\"216\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1310361konkreteProgramm-300x216.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1310361konkreteProgramm-624x449.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1310361konkreteProgramm.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><em>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Powerpoint eines Vortrags in der FU. Checkliste f\u00fcr Anf\u00e4nger<\/em><\/p>\n<p>Flusser und Max Bense haben sich, soweit ich wei\u00df, an einem interessanten Punkt zerstritten. Gehen wir wieder ins Netz, zur Vorank\u00fcndigung eines Vortrags von <span style=\"text-decoration: underline;\">Susanne Klengel\u00a0am 29. Oktober 2010:<\/span><i><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0\u00bbBrasilia \u2013 Horizonte der urbanen Zukunft bei Max Bense und Vil\u00e9m Flusser\u00ab <\/span><\/i>im Programm zur Ausstellung &#8222;Das Verlangen nach Form&#8220;:<\/p>\n<p><i>Im Jahrzehnt nach der Einweihung der neuen Hauptstadt Brasilia 1960, konnte man in Deutschland hin und wieder faszinierte, aber auch ambivalente Reportagen und Berichte \u00fcber das gewaltige urbanistische Projekt der lateinamerikanischen Moderne lesen. Susanne Klengel vergleicht in ihrem Vortrag Brasilia-Beschreibungen aus der Feder des Stuttgarter Philosophen, Semiotikers und Schriftstellers Max Bense und des seit 1940 in Brasilien beheimateten, aus Prag stammenden, j\u00fcdischen Intellektuellen Vil\u00e9m Flusser. <\/i><\/p>\n<p><i>Beide sehen in Brasilia ein urbanes Projekt, das auf die \u201eStadt der Zukunft\u201c verweist: f\u00fcr Bense ein Produkt der \u201ebrasilianischen Intelligenz\u201c, ein System, konsequentes Gesamtdesign und visuelles Ereignis, f\u00fcr Flusser dagegen ein ma\u00dfloser \u201eApparat\u201c, eine Maschine, die den Typus des \u201eFunktion\u00e4rs\u201c hervorbringt und beg\u00fcnstigt. F\u00fcr beide Autoren ist die alte Hauptstadt Rio de Janeiro ein melancholischer Fluchtpunkt des Vergangenen. Doch Benses Blick ist, wie sein Text selbst, eher auf die konstruktivistische Dimension Brasilias gerichtet, der er durchaus etwas abgewinnt. Flusser dagegen sieht Brasilia mit ambivalentem Gef\u00fchl als Wiege des \u201eneuen Menschen\u201c, den er im vermeintlich \u201egeschichtslosen Raum\u201c Brasiliens ansiedelt.<\/i><i><\/i><\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/www.adk.de\/de\/aktuell\/veranstaltungen\/index.htm?we_objectID=25400\">http:\/\/www.adk.de\/de\/aktuell\/veranstaltungen\/index.htm?we_objectID=25400<\/a><\/i><i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p><i><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-style: normal;\">Hier zeichnet\u00a0sich eine Weggabelung ab. Im Fall Brasilia nimmt Flusser noch die Partei der Menschen, f\u00fcr die diese ma\u00dflose Architektur inmitten einer ma\u00dflosen Natur (Flusser) nicht errichtet worden ist. &#8211; Im Abstand eines halben Jahrhunderts stellt man allerdings beruhigt fest: diese Menschen haben sich nicht unterkriegen lassen. Ein Kranz von &#8218;Favelas&#8216; umgibt die leblose konstruierte Mitte. &#8211; Sp\u00e4ter wird er seinen Widerstand aufgeben und den eigenen Konzepten die ber\u00fcchtigte<\/span><\/i><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-style: normal;\">\u00a0<\/span><i><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-style: normal;\"><em>Stadt der Zukunft <\/em><\/span><\/i>zugrunde legen. \u00dcber deren Chancen gegen den Apparat macht er sich , bei aller ironischen Distanzierung, Illusionen. So wie ja auch \u00a0das\u00a0<i>visuelle Ereignis<\/i>\u00a0ein Euphemismus ist. Darf sich denn jenseits der Konstruktion oder vielleicht noch der eingebauten wissenschaftlichen Theoreme und Konzepte (<i>Begriffe<\/i>) etwas <i>ereignen<\/i>? Events \u00a0bedeuten gerade das \u00dcberwinden von Eventualit\u00e4ten, \u00a0welche in der Arbeit der Designer kalkuliert werden, damit andere als<i>\u00a0<\/i>die erw\u00fcnschten\u00a0<i>Ereignisse <\/i>ausbleiben. Das kann man heute \u00fcberall studieren. Erzeugt wird die Langeweile von Gro\u00dffeuerwerken, an deren Szenario man sich bald satt gesehen hat. Ist das die Perspektiven einer Vereinigung von wissenschaftlichen Begriffen und Kunst im Design, wovon Flusser tr\u00e4umte?<\/p>\n<p>Ein polnische Literat und Exilant in Buenos Aires, Witold Gombrowicz (1904 &#8211; 1969), nahm in seinen publizierten Tageb\u00fcchern in erfrischender Deutlichkeit Stellung zu solchen Tendenzen der K\u00fcnste. Ich w\u00fcsste dabei gern, welche\u00a0Kunstszene er bei seinen Notizen \u00a0im Blick hatte. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0(10.5.2013)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Jahr zuvor &#8211; 19.7.2012 \u00a0schrieb ich: \u00a0<\/strong>F\u00fcnf Zeilen im \u201e<i>Tagebuch 1953 &#8211; 1969<\/i>\u201c\u00a0 (Hanser 1988) gelesen und ich wei\u00df wieder, was ein beweglicher Geist und quicklebendiger Stil bedeuten!<\/p>\n<p><b>Gombrowicz \u00a0trifft Flusser in Buenos Aires oder:\u00a0<\/b><b>dramatischer Dialog mit dem Geist von Witold G. (Idee f\u00fcr eine Szene)<\/b><\/p>\n<p>Man w\u00fcrde sich verstehen, h\u00e4tte manches gemeinsam: die Vertreibung an den Rand der zivilisierten Welt, das Selbstbewusstein des einsamen Intellektuellen, die elit\u00e4re, egozentrische und desillusionierte,\u00a0 durch und durch ironische Sicht auf die Menschen und die Zeit, nicht zuletzt teilte man die Wahrnehmung der Zukunft, wie sie von den Wissenschaften umgestaltet wird. Der sechzehn Jahre \u00e4ltere und bereits lange in der Literatur verankerte\u00a0G. w\u00fcrde keine M\u00fche haben, den J\u00fcngeren zu verstehen, auch wenn er in seinen seltsamen\u00a0philosophisch- szientistischen Jargon verf\u00e4llt, den er sich aus mancherlei Quellen zugelegt hat.\u00a0Im Wortwitz und in der geschliffenen Parade werden sie ihre verwandte Chemie sp\u00fcren.\u00a0Beide sind\u00a0 schlagfertig und an Freunde gew\u00f6hnt, die eigensinnig sind und sich nicht in den Sack stecken lassen. Und schlie\u00dflich ist G. ein bekannter exilpolnischer Autor, der seine Vertriebswege hat. Wir m\u00fcssen also nicht wie sonst f\u00fcrchten, von ihren Begegnungen nur\u00a0durch Flussers voreingenommenes Zeugnis\u00a0 zu erfahren.<\/p>\n<p>Leider sind sie einander nicht begegnet, und so m\u00fcsste ich eine fiktive Rekonstruktion wenigstens eines Dialogs versuchen. Art und Ort des Zusammentreffens liegen noch nicht fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Ein Motto, und noch eins !<\/b><\/p>\n<p>673: \u00a0\u00a0<i>Auch wenn mich \u00e4u\u00dfere Kr\u00e4fte formen und kneten wie eine Wachsfigur, ich werde doch ich selbst bleiben, solange ich daran leide und dagegen protestiere. Im Protest gegen unsere Verunstaltung liegt unsere authentische Gestalt<\/i>.<\/p>\n<p>665 (Kunst und Wissenschaft) : \u00a0<i>Wollt ihr wissen, wie die \u201awissenschaftliche Menschennatur\u2019 des zuk\u00fcnftigen Menschen aussehen wird, so schaut euch manche \u00c4rzte an. (&#8230;) Ihm verdirbt das Hospital nicht den Appetit. H\u00f6llische K\u00e4lte und unglaubliche Teilnahmslosigkeit . .<\/i><\/p>\n<p>662 (Existentialismus und Ph\u00e4nomenologie):\u00a0<em>Da ist mir die Ph\u00e4nomenologie schon lieber; sie ist in formaler Hinsicht reiner. Man k\u00f6nnte sich sogar Hoffnung machen, dass sie ein Abf\u00fchrmittel f\u00fcr all den Schmutz des Szientismus sei, ja bitte, ist das nicht die R\u00fcckkehr zum nat\u00fcrlichen, unmittelbaren, unbefleckt jungfr\u00e4ulichen Denken? Die Wissenschaft in Klammern setzen! Das brauchen wir!\u00a0<\/em>Vergebliche Hoffnung! <em>B\u00f6se List (&#8230;) gezeugt aus wissenschaftlichem Geist, leidenschaftslos, kalt wie Eis \u2013 was hilft uns ihre Leichenk\u00fchle?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Witold G. macht alles richtig.<\/b><\/p>\n<p>Er l\u00e4sst sich erst gar nicht auf den szientistischen Stil ein, um seine Botschaft ins passende Format zu bringen, um etwa \u201aFunktion\u00e4re\u2019 (Flusser) zu bekehren. Er macht sich keine Illusionen \u00fcber die Empf\u00e4nglichkeit von <i>Ingenieuren, Technikern und sonstigen Funktion\u00e4ren<\/i> (658) f\u00fcr die Kunst, au\u00dfer denjenigen <i>R\u00e4dchen<\/i>, <i>die im R\u00e4derwerk noch Mensch genug geblieben sind, um zu sp\u00fcren, dass es ihnen die Knochen bricht<\/i>. (ebd.)<\/p>\n<p>Wohl \u00fcber dieselben Kan\u00e4le informiert wie damals auch Flusser &#8211; etwa Grassis <em>rowohlt deutsche enzyclop\u00e4die<\/em>, <i>Eranos<\/i> oder Pieton: <i>Panorama des zeitgen\u00f6ssischen Denkens &#8211; <\/i>interessiert ihn daran\u00a0der\u00a0<i>Stil der heutigen Wissenschaft, ihr Ton, ihre Sitten: Was f\u00fcr eine Gelegenheit, ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Ausdrucksweisen zu bekommen.<\/i>\u00a0(653).<\/p>\n<p>Ich frage mich: Muss man mehr wissen? Flusser wohl schon, als hybrider Literat mit seiner Liebe zur Abstraktheit akademischer Philosophien und der Wissenschaften ohnehin, w\u00e4hrend Gombrowicz unbefangen von\u00a0<i>selbstgestrickten Gr\u00fcnden<\/i> (688) spricht und zur Selbstverteidigung <i>des normalen Menschen<\/i> gegen einen <i>Wissenschaftler, der ihm mit seinem geballten Wissen auf die Pelle r\u00fcckt<\/i> als das geeignetste Gegenargument\u00a0 einen <i>Schlag \u2013 Faustschlag oder Fu\u00dftritt \u2013 mitten in die Person des Spezialisten<\/i> (664f.) empfiehlt, \u00a0sogar &#8211; \u201e<i>Mal halblang, du rhetorischer Rowdy<\/i>!\u201c \u00a0&#8211; von einem <i>befreienden<\/i> Tritt gegen den Fu\u00dfkn\u00f6chel berichtet. (668)<\/p>\n<p>Zu Gombrowics\u2019 kompromissloser Position und klarer Sprache kontrastiert die Zerrissenheit und schlie\u00dflich auch die Kapitulation Flussers. Wie viel von dem, was G. der zeitgen\u00f6ssischen Kunst vorh\u00e4lt (660), gilt leider auch f\u00fcr den sp\u00e4teren Flusser:<\/p>\n<p><i>Sind wir \u00fcberhaupt zum Angriff f\u00e4hig? In den letzten Jahrzehnten hat die Kunst sich sch\u00e4big benommen \u2013 hat sich imponieren lassen, fasst auf den Knien gelegen, dem Gegner alles gierig aus der Hand gerissen; ihr fehlte der Stolz, sogar der normale Selbsterhaltungstrieb.\u00a0 Die Folgen<\/i>?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Bense &#8212; Camp-Movement, N.Y. &#8212; Haroldo de Campos &#8212; Brasilia\u00a0&#8212; V.Flusser &#8212;\u00a0Retrospektive Neoconcretismo in der Akademie der K\u00fcnste, Berlin 2010 &#8212; Susanne Klengel &#8212; Wolf Lepenies &#8212; Witold Gombrowicz \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,17],"tags":[],"class_list":["post-1437","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung","category-kunstkommissar"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1437","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1437"}],"version-history":[{"count":30,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1437\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1442,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1437\/revisions\/1442"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1437"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1437"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1437"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}