{"id":14213,"date":"2022-11-01T02:41:21","date_gmt":"2022-11-01T01:41:21","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14213"},"modified":"2024-02-14T20:11:17","modified_gmt":"2024-02-14T19:11:17","slug":"warnung-vor-capriccio-richard-strauss-in-hitlers-ancien-regime-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14213","title":{"rendered":"&#8222;CAPRICCIO&#8220; Richard Strauss &#8211; Nachrichten aus Hitlers Ancien R\u00e9gime. Und wir."},"content":{"rendered":"<p>Am Samstag die 15. und letzte Oper von Richard Strauss gesehen, die Urauff\u00fchrung war noch vor dem \u201aZusammenbruch\u2019 von Hitlers Ancien R\u00e9gime.<\/p>\n<p>Zweieinhalb Stunden im Dritten Rang eingepfercht, die Pause w\u00e4re das beste an der Oper gewesen. Aber auch anderthalb Stunden h\u00e4tten reichlich Zeit f\u00fcr das eitle Wortgepl\u00e4nkel geboten.<\/p>\n<p>Richard Strauss lie\u00df im Rokoko-Frankreich spielen \u2013 <em>Gr\u00e4fin hier, Gr\u00e4fin da.<\/em> Eine Nicht-Handlung nach der Textvorlage eines <em>Abb\u00e9<\/em> &#8211; todsicher vorrevolution\u00e4r verhurt und versoffen \u2013 inszeniert Eifers\u00fcchteleien zwischen \u201eText\u201c, \u201eMusik\u201c und \u201eder Theater-Regie\u201c in Gestalt dreier br\u00fcnstiger M\u00e4nner einschlie\u00dflich eines Schmalzkomponisten und eines &#8218;Weinstein&#8216;, eine Konstellation, die au\u00dferhalb der B\u00fchne <em>Shitstorms<\/em> ohne Ende ausgel\u00f6st h\u00e4tte. Bietet heute allein \u201adas Theater\u2019 privilegierte Freiheit zur \u00f6ffentliche Obsz\u00f6nit\u00e4t? Ich w\u00fcsste Lohnenswerteres.<\/p>\n<p>Trotzdem sehr deutsch ist die Behandlung des angeblichen\u00a0 \u201eLiebesfeuers\u201c, weil todernst leere Werbespr\u00fcche geblubbert werden.<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_14219\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-01-um-13.28.14.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14219\" class=\"size-medium wp-image-14219\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-01-um-13.28.14-360x167.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"167\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-01-um-13.28.14-360x167.png 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-01-um-13.28.14-624x290.png 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-01-um-13.28.14.png 771w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14219\" class=\"wp-caption-text\">https:\/\/oper-frankfurt.de\/de\/mediathek\/?id_media=150 &#8211;\u00a0 Screenshot am 1.11.22 einer \u00e4lteren Auff\u00fchrung<\/p><\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Unendlich viel redundanter Sprechgesang \u2013 die immer wieder vorgebrachten sogenannten &#8218;Lebensweisheiten&#8216; sind von unterirdischer Banalit\u00e4t \u2013 untermalt mit Schrummschrumm aus dem Orchestergraben. Von Zeit zu Zeit r\u00f6hren zwischen vier und acht professionelle Solistenkehlen aufs Mal. Sie kennen sicher den scharfen Klang, wenn Ten\u00f6re erst einmal loslegen. Formel eins.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Regisseurin Fassbaender \u2013 als Gesangslehrerin hatte sie einen guten Ruf \u2013 verlegt das Nichts an Handlung &#8211; wohl wegen des Librettos, sicher <em>Weltkulturerbe<\/em> &#8211; in ein fiktives Frankreich &#8211; \u201e<em>nach Paris<\/em>\u201c, \u201e<em>des K\u00f6nigs<\/em>\u201c u.s.w &#8211; aber des Jahres 1942. Das Jahr der deutschen Erstauff\u00fchrung war Besatzungszeit, was mit dem einen Spielzeugpanzer schiebenden Jungen, einem verfr\u00fchten Poster \u201eLiberation\u201c und einigen Minuten hektischer Diaprojektionen schwarzwei\u00dfer Kriegsmotive abgehakt wird, die ein heftiges Wortgefecht unter den S\u00e4ngern begleiten. Nat\u00fcrlich sollen wir den folgenden Regieeinfall nicht vergessen: Ganz am Schluss bewegen sich diskret stilisierte Juden mit Koffern von rechts nach links \u00fcber die B\u00fchne. Alles stumm, denn dazu lieferte der Abb\u00e9 als Librettist ja keinen Text.<\/p>\n<p>Das viertelst\u00fcndige Lamento des alternden &#8218;Theaterregisseurs&#8216; &#8211; angeblich repr\u00e4sentiert er Christoph W. Gluck (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Willibald_Gluck\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) &#8211; w\u00fcrde ich gern im Original unter der Diktatur mitgeh\u00f6rt haben. Egal,\u00a0 auch wenn\u00a0 es\u00a0 nicht zensiert worden w\u00e4re. Jedenfalls wird das Lamento durch reum\u00fctige Bravorufe der \u00fcbrigen Salonbesucher gleich auf der B\u00fchne aufgefangen. Wie \u00fcberhaupt jeder denkbare kritische Einwand wortreich \u00fcbernommen wird. Eine Publikumsbeschimpfung der besonders abgefeimten Art.<\/p>\n<p>Apropos Bravorufe. Ohne die Begleitung durch meine Frau h\u00e4tte ich ein paarmal etwas dazwischen gerufen oder geklatscht. Das w\u00e4re angesichts der br\u00e4sigen Abl\u00e4ufe technisch kein Problem gewesen. Ich h\u00e4tte gern gewusst: Wann schmei\u00dfen die einen raus und wie kriegen die das bewerkstelligt? Aber am Ende ging mein einzelner Buhruf im frenetischen Begeisterungsgeschrei unter.\u00a0 war Nicht ein einziges H\u00fcsteln oder Rascheln war w\u00e4hrend der zweieinhalb Stunden vorher zu h\u00f6ren gewesen. Dabei haben wir bereits Herbst! Kulturkastraten! Eigentlich kein Wunder, bei soviel subventionierter Kultur um uns her!<\/p>\n<p>Der achtundsiebzigj\u00e4hrige Komponist Richard Strauss gab sich w\u00e4hrend Hitlers Krieg f\u00fcr eine frivole &#8218;Oper \u00fcber Oper\u2019 her. Das hielt er f\u00fcr geistreich oder &#8218;Widerstand&#8216;? Wie weit war seine Vergreisung fortgeschritten? Es wurden relativ wenige Choristen ben\u00f6tigt, doch viele relativ tragende Rollen plante er ein. Wer bekam sie?\u00a0 Ich denke dabei an W\u00fcnsche nach \u201aUnabk\u00f6mmlichkeit\u2019\u00a0 an der \u201aHeimatfront\u2019. Dachte auch Strauss daran?<\/p>\n<p>Als n\u00e4chste Auff\u00fchrung ist am Opernhaus Frankfurt \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c angek\u00fcndigt, Hitlers Lieblingsoper. Was sind das f\u00fcr restaurative Zeiten. Lakaien sieht man auch schon an allen Ecken, zum Beispiel mit Lieferdienst-R\u00e4dern. Nicht umsonst war die Oper Frankfurt das \u201eOpernhaus 1941\/42\u201c, oder doch erst \u201e2021\/22\u201c?<\/p>\n<p>Diese Leute wollen ein neues Geb\u00e4ude f\u00fcr ein halbe Milliarde? Macht doch einfach zu, wenn euch die Feuerwehr den Betrieb nicht mehr erlaubt oder die Stadt pleite ist!<\/p>\n<p>Gib den jungen Leuten einen Job, und schon singen sie. S\u00e4nger*innen scheinen ihre Intelligenz m\u00fchelos abschalten zu k\u00f6nnen. Das geh\u00f6rt wohl zur Ausbildung. Aber schade ist sinnlose Verschwendung immer.<\/p>\n<p>Postscriptum<\/p>\n<p>Schwacher Trost in der Wochenendausgabe der FAZ: In M\u00fcnchen hat man aus Mozarts \u201eCosi Fan Tutte\u201c (\u201eSo machen es alle\u201c) vier gequ\u00e4lte und kopulierende Stunden gemacht. Schlimmer geht\u2019s immer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag die 15. und letzte Oper von Richard Strauss gesehen, die Urauff\u00fchrung war noch vor dem \u201aZusammenbruch\u2019 von Hitlers Ancien R\u00e9gime. Zweieinhalb Stunden im Dritten Rang eingepfercht, die Pause w\u00e4re das beste an der Oper gewesen. Aber auch anderthalb Stunden h\u00e4tten reichlich Zeit f\u00fcr das eitle Wortgepl\u00e4nkel geboten. 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