{"id":1415,"date":"2013-12-10T12:14:51","date_gmt":"2013-12-10T11:14:51","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1415"},"modified":"2015-08-09T12:02:39","modified_gmt":"2015-08-09T11:02:39","slug":"flussers-fernoestliche-weltanschaung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1415","title":{"rendered":"Flussers <i>fern\u00f6stliche Weltanschauung<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>\u201e<i>Und doch ist nichts Mystisches an dem Versuch, die abstrahierenden Vorurteile ais der Beobachtung der konkreten Welt auszuklammern. Die fern\u00f6stliche Weltanschauung ist synchretistisch, \u00e4sthetisch und f\u00fchrt unter anderem zum mystischen Welterleben.\u201c \u00a0\u00a0<!--more--><\/i>Der Satz steht in einem Hinweis auf die ph\u00e4nomenologische Methode in \u201eDie Geste des Malens\u201c (\u201eGesten\u201c, Fischer Wissenschaft 12241, 1994, S.96).<i>\u00a0<\/i>Mit seiner Abschweifung zu den speziell japanischen Zen-Praktiken Bogenschie\u00dfen, Ikebana und Teezeremonie will Flusser an dieser Stelle zwar nur eine exotische Illustration liefern, doch ist deren sozialer Kontext f\u00fcr mich unabh\u00e4ngig von diesem konkreten Bezug interessant, da Flusser hier mit seiner kurzen Betrachtung ein Fenster in die au\u00dfereurop\u00e4ische Welt \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der Konformit\u00e4tsdruck hat sich in Japan viel sp\u00e4ter als in China ins Extrem gesteigert und hat nur zwei Jahrhunderte ungebrochen angedauert, dennoch sind die oben angesprochenen ber\u00fchmten Ph\u00e4nomene f\u00fcr beide Gesellschaften typisch. Der Zwang zu \u00e4u\u00dferer Anpassung war ungeheuer, auch die buddhistischen Praktiken spiegeln ihn in ihrer extremen Ritualisierung. Wenn \u00dcbernahmen von au\u00dfen in einer solchen Situation \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein sollten, blieb nur der \u201eSynchretismus\u201c, der das Fremde durch Einschmelzen tiefgreifend umgestaltet.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rte die \u00c4sthetisierung in Form streng ritualisierter Gesten, deren Perfektionierung eine asketische Selbstdisziplinierung verlangt und bereits in der Ausbildung Entschleunigung bewirkt. Einen Freiraum kann man nur ganz im Inneren der in Richtung null entschleunigten Gesten erreichen, also insofern man das Diktat hinter sich lassen kann. Die von Flusser angesprochene innere Haltung ist bereits ein Ergebnis langer intensiver Schulung oder modern ausgedr\u00fcckt Kompetenzentwicklung, wie sie nur einer kleinen Elite oder h\u00f6fischen Oberschicht zug\u00e4nglich war. Diese Schichten tendierten im \u00fcbrigen zum Agnostizismus. Das von Flusser erw\u00e4hnte dritte Stichwort \u201eMystizismus\u201c trifft wohl eher popul\u00e4re traditionelle religi\u00f6se Vorstellungen, allgemein auch die von Frauen in dieser Kultur.<\/p>\n<p>Vielleicht ist eine solche Geistesverfassung ja unsere gemeinsame Zukunft, doch noch ist nicht aller Tage Ende. Was immer wir an Freiheit und Freiheiten in der westlichen Welt \u2013 auch Vil\u00e9m Flusser in Brasilien \u2013\u00a0genie\u00dfen,\u00a0verdankt sich unserer Geschichte und unseren Traditionen. Gewiss sind die Zeiten l\u00e4ngst vorbei, als unsere Vorfahren auf Pferden durch die W\u00e4lder ritten und Kleinkriege f\u00fchrten, die allgemeine Militarisierung, B\u00fcrokratisierung und Industrialisierung, auch die \u2013 von Flusser eigens beklagte (Tschudin-Interview) \u2013 Verschulung und Verwissenschaftlichung und zuletzt die digitale Revolution haben die Menschen immer unentrinnbarer einem formalisierten Regime unterworfen. Andreas Gelhard hat (Kritik der Kompetenz, diaphanes Z\u00fcrich 2011) die Erfolgsgeschichte der psychologischen Test- und Kontrolltechniken im 20. Jahrhundert in Richtung einer st\u00e4ndigen &#8218;Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung&#8216; und damit auch der Aufl\u00f6sung des Politischen im Sozialen (ebd.147)\u00a0nachgezeichnet. Immer mehr pr\u00e4gen Mensch-Maschine-Systeme unseren Alltag und unser Selbstverst\u00e4ndnis. Daran ist kaum ein Zweifel m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Doch mein Eindruck verfestigt sich seit einiger Zeit, dass Flusser in vorauseilendem Gehorsam dem Trend Vorschub leistet. Wenn etwa wie \u00fcberall in den versammelten Essays der \u201eGesten\u201c vom \u201eErleben der Ph\u00e4nomene\u201c derma\u00dfen stark abstrahiert wird, dass am Ende kaum mehr als die Aussage: \u201eWir sind Gesten\u201c (98) \u00fcbrig bleibt, ist eine &#8218;fern\u00f6stlich&#8216; meditative Haltung nicht mehr fern.<\/p>\n<p>Damit eignet sich die Lehre bestens f\u00fcr moderne Funktion\u00e4re, auch intellektuelle, die sich im \u201aApparat\u2019 einrichten wollen und darum hart an ihrer psychischen (wie physischen) Selbstentwicklung arbeiten, schon weil sie sich st\u00e4ndig von der Weiterentwicklung und Perfektionierung des Apparats bedroht f\u00fchlen m\u00fcssen. Zudem scheinen &#8218;fern\u00f6stliche&#8216; Konkurrenten immer die Nase vorn zu haben.\u00a0Gelhard nennt das entsprechende Kapitel: \u201eIn Form sein als Lebensform\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\">N\u00e4heres \u00fcber die chinesische Variante<\/span> im Beitrag <a title=\"Auf einem Wasserb\u00fcffel Flusser entgegen!\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1304\">Auf einem Wasserb\u00fcffel Flusser entgegen<\/a>, sowie unter der Kategorie <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=4\">China Puzzle<\/a>!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd doch ist nichts Mystisches an dem Versuch, die abstrahierenden Vorurteile ais der Beobachtung der konkreten Welt auszuklammern. 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