{"id":14001,"date":"2022-07-13T23:28:02","date_gmt":"2022-07-13T21:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14001"},"modified":"2026-03-23T23:19:24","modified_gmt":"2026-03-23T22:19:24","slug":"zeitreise-an-die-kamerun-ku%cc%88ste-auf-einem-alten-bootsmodell-kosmopolis-41-42","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14001","title":{"rendered":"ZEITREISE AN DIE KAMERUN-KU\u0308STE AUF EINEM ALTEN BOOTSMODELL"},"content":{"rendered":"<p><em><span class=\"VIiyi\" lang=\"de\"><span class=\"JLqJ4b ChMk0b\" data-language-for-alternatives=\"de\" data-language-to-translate-into=\"en\" data-phrase-index=\"0\" data-number-of-phrases=\"4\"><span class=\"Q4iAWc\">Den Artikel schrieb ich auf Einladung von \u201eKOSMOPOLIS \u2013 INTERKULTURELLES MAGAZIN AUS BERLIN\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kosmopolis_%E2%80%93_Interkulturelle_Zeitschrift_aus_Berlin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zu de.wikipedia) f\u00fcr die Nr. 41-42\/2022 Jubil\u00e4umsausgabe 1997-2022 Thema<\/span><\/span> <span class=\"JLqJ4b ChMk0b\" data-language-for-alternatives=\"de\" data-language-to-translate-into=\"en\" data-phrase-index=\"1\" data-number-of-phrases=\"4\"><span class=\"Q4iAWc\">: \u201eZU NEUEN UFERN\u201c<\/span><\/span>. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"VIiyi\" lang=\"de\"><span class=\"JLqJ4b ChMk0b\" data-language-for-alternatives=\"de\" data-language-to-translate-into=\"en\" data-phrase-index=\"3\" data-number-of-phrases=\"4\"><span class=\"Q4iAWc\">Der Text (ebd. S. 47-55), eignet sich als \u00dcberblick und Einf\u00fchrung in die verschiedenen Themen des \u201eDUALA PROJEKTS\u201c .<\/span><\/span><\/span><\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u00a0<strong>ZEITREISE AN DIE KAMERUN-KU\u0308STE AUF EINEM ALTEN BOOTSMODELL<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Findet um uns her nicht gerade ein \u201eneuer Aufbruch\u201c statt? Die Themen sind \u201eDecolonize&#8230;.\u201c oder \u201eRestitution\u201c, was immer man als \u201ealter wei\u00dfer Mann\u201c davon halten mag. Doch die \u201eneuen Ufer\u201c sind ohnehin immer bereits Ufer, die fu\u0308r andere Leute nichts Neues bedeuten, Heimat eben.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Das Kreuz auf einem afrikanischen Objekt<\/strong><\/h3>\n<p>Ich sammle \u201eStammeskunst\u201c aus Zentralafrika. Um Kamerun machte ich einen Bogen. Ich habe meine Kontakte auf dem Flohmarkt. Dieser Ha\u0308ndler war fremd. Das Boot aus aufsteckbaren Einzelteilen war offensichtlich nicht traditionell. Ich zo\u0308gerte lange, aber die Kombination aus altertu\u0308mlicher europa\u0308ischer Mode, Kirchenkreuzen und geheimnisvollen Schlangen, Vo\u0308geln und mit ihnen ka\u0308mpfenden Menschen lie\u00df mich nicht los. Einen Monat spa\u0308ter erhielt ich eine ma\u0308rchenhafte Email aus Djebale\u0301 im Kamerunfluss (Wuri, Wouri):<\/p>\n<p><em>Die Menschen am Wouri-Fluss leben vom Fischfang vor und nach der Entdeckung durch die Deutschen. Die Dorfbewohner erlebten die Ankunft der Deutschen in einer gro\u00dfen Piroge (Kanu, Einbaum). Sie machten diesen Einbaum in Erinnerung an diese Entdeckung, da sie noch nie ein Boot gesehen hatten, das so geschmu\u0308ckt war wie das auf dem Foto. Die Piroge tra\u0308gt Pilotenfiguren. Das vordere Profil auf der Piroge symbolisiert die erste Kirche, welche die Deutschen gebaut haben. Die Sawa sind heute zu 90% Christen. So betritt die Piroge die Bu\u0308hne der Sawa in Kamerun. Das Kanu kommt aus dem Dorf Djebale\u0301, einer Insel im Distrikt Douala. Kanus sind das einzige Transportmittel zwischen der Stadt und der Insel. Das Kanu ist ein Symbol des Friedens und des Zusammenlebens, es wird bei den gro\u00dfen traditionellen Sawa-Zeremonien verwen- det. Es ist ein Jahrhundert alt. Die beiden Fracktra\u0308ger stellen die Oberha\u0308upter von Djebale\u0301 dar, die Schlangen die Meeres- geister. Die u\u0308brigen Ma\u0308nner sorgen fu\u0308r die Sicherheit der Chefs. Die Insel wurde von den Deutschen 1800 entdeckt. Ich werde es nicht versa\u0308umen, Ihre Gru\u0308\u00dfe an den Chef zu u\u0308bermitteln. Er bittet mich, Sie auch zu gru\u0308\u00dfen, und wu\u0308nscht Ihnen viel Mut fu\u0308r die Zukunft.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Die Pra\u0308sentation hatte Charme und ich bereits Erfahrung mit Objekt-Recherchen. Also begab ich mich im November 2019 auf eine virtuelle Reise, die bereits u\u0308ber zwei Jahre dauert. Das liegt nicht nur an der Fernreisen blockierenden Pandemie, <span style=\"color: #ff0000;\">\/48<\/span> sondern auch an lehrreichen Umwegen und einer unerwartet breiten Resonanz bei Museen, die solche Objekte im Depot haben, manche auch auf ihrer Webseite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Duala &#8211; Ort und Ethnie<\/strong><\/h3>\n<p>Von Duala im Mangroven-Delta bekam ich gleich zu Anfang eine Vorstellung dank der Bu\u0308cher des Jesuiten Eric de Rosny (\u201eDie Augen meiner Ziege\u201c, 1999), Rene\u0301 Bureau (\u201eLe peuple du fleuve\u201c, 1996) und Ronald Daus (\u201e<em>Banlieue 2: Freira\u0308ume in europa\u0308ischen und aussereuropa\u0308ischen Gro\u00dfsta\u0308dten. Lateinamerika: Rio de Janeiro, A\u0308quatorialafrika: Douala, Su\u0308dostasien: Bangkok<\/em>\u201c, 2003) .<\/p>\n<p><em>Der traditionelle Handelsplatz der Duala in der Bucht von Kamerun liegt verkehrstechnisch gu\u0308nstig, aber in der \u201efeuchten Armho\u0308hle Afrikas\u201c, vier Grad u\u0308ber dem A\u0308quator und rund zwanzig Kilometer vom Atlantik entfernt inmitten eines Mangrovendeltas, umgeben von undurchdringlichen Urwa\u0308ldern&#8230; Der Blick erreicht kaum das gegenu\u0308berliegende Ufer des Wuri, denn die Gegend liegt fast ununter- brochen in einem grauen, dicken, hei\u00dfen Dunst. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm, ein Paradies der Fiebermu\u0308cken. Hier kam vor rund vierhundert Jahren die Wanderung der Duala aus dem Kongo-Gebiet zum Stehen. Sie verdra\u0308ngten die bereits ansa\u0308ssigen Bassa ins Landesinnere und verteilten sich entlang der Flussla\u0308ufe. Sie lebten fortan vom \u2018Wasser\u2019. Begu\u0308nstigt durch den \u201aunwegsamen\u2019 und oft weitfla\u0308chig \u201aunbewohnten\u2019 Urwald, der sie umgab, etablierten sie einen \u201eSperrhandel\u201c, sie gestatteten niemandem, flussaufwa\u0308rts vorzudringen. Ihre zentral gelegenen Do\u0308rfer entwickelten sich bis zum 18. Jahrhundert zu einer prosperierenden Gemeinde namens Duala. Die Ku\u0308sten-Duala kauften Waren und Sklaven von Innengruppen wie Bakweri, Mungo, Bassa und Bakoko und verkauften sie an die Europa\u0308er weiter, zuna\u0308chst auf deren Schiffen, dann auf am Ufer verankerten \u201aHulks\u2019 <\/em>(Schiffsru\u0308mpfe)<em>. Im Gegenzug lieferten die Europa\u0308er Alkohol, Schie\u00dfpulver, Waffen, Spiegel, Schuhe, Textilien und Werkzeuge. Den Ackerbau u\u0308berlie\u00dfen die Duala den versklavten Nachbarn<\/em>. (Ronald Daus, \u201eBanlieue 2\u201c, S. 166. 167)<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Die Duala bauten unendlich viele Kanus, dazu war sich niemand zu schade. Im Gewirr der wasserreichen Deltas und Binnenpassagen an der Ku\u0308ste war das Kanu u\u0308berall als Verkehrsmittel erste Wahl. Manu Dibango, der beru\u0308hmte Saxophonist aus Douala, machte in unseren Tagen das Kanu zur Metapher seines Welterfolgs: <em>In der Piroge kam mein Vater aus einem Dorf vierzig Kilometer von Duala und auf einer gro\u0308\u00dferen Piroge bin ich spa\u0308ter losgezogen und habe wieder und wieder die Ozeane durchquert&#8230;.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_14004\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Die-dem-weitla\u0308ufigen-Flussdelta-des-Niger-benachbarte-Kamerunku\u0308ste.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14004\" class=\"size-medium wp-image-14004\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Die-dem-weitla\u0308ufigen-Flussdelta-des-Niger-benachbarte-Kamerunku\u0308ste-360x224.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Die-dem-weitla\u0308ufigen-Flussdelta-des-Niger-benachbarte-Kamerunku\u0308ste-360x224.png 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Die-dem-weitla\u0308ufigen-Flussdelta-des-Niger-benachbarte-Kamerunku\u0308ste.png 582w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14004\" class=\"wp-caption-text\">Die dem weitla\u0308ufigen Flussdelta des Niger benachbarte Kamerunku\u0308ste<\/p><\/div>\n<\/div>\n<h6>.<\/h6>\n<div class=\"column\">\n<p>Die Duala waren bekannt fu\u0308r ihre <span style=\"color: #ff0000;\">\/49<\/span> ausgedehnten Handelsbeziehungen hinu\u0308ber ins Niger-Delta. Im Weltatlas erscheinen die eng verflochtenen Ku\u0308stenstriche gewo\u0308hnlich auf zwei getrennte Regionen verteilt, auf den Westen und die Mitte Afrikas. Der Aufsatz von Rosalinde G. Wilcox \u201e<em>Commercial Transactions and Cultural Interactions from the Delta to Douala and Beyond<\/em>\u201c (in \u201eAfrican Arts\u201c 2002-1) vermittelt sogar den Eindruck, dass die \u201eNigerianer\u201c die aktiveren und kulturell einflussreicheren Handelspartner waren. Sie hatten den Duala attraktive Kulte und ku\u0308nstlerische Stile zu bieten (Calabari, Ijo, Ijebu-Yoruba).<\/p>\n<p>Alle aber hatten das gleiche Problem: Man musste die Risiken beherrschen, die unberechenbaren Fluss- und Meeresgeister gu\u0308nstig stimmen. Bekannt ist die Verehrung der \u201eMami Wata\u201c von Sierra Leone bis hinunter zum Kongo. Die Duala nannten sie <em>jengu<\/em> (Plural <em>mengu<\/em>):<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>Die <\/em>mengu<em> regierten die Wasserwelt, waren die Herren der Fische, Seeku\u0308he und Krabben, auch von in der Stro\u0308mung wachsenden Raffia-Palmen. Sie fanden sich in gefa\u0308hrlichen Stro\u0308mungen, an verborgenen Felsen, an Wasserfa\u0308llen, in dichtem Gebu\u0308sch und u\u0308ber Untiefen. Auf Djebale\u0301 findet man wahre Experten des jengu\u2013Kults. Wie unter den Menschen gelten die mengu des Landesinneren als die Schwa\u0308chsten, <span style=\"color: #ff0000;\">\/50 <\/span>und die des Meeres sind sta\u0308rker als die der Flu\u0308sse. Sie regieren u\u0308ber die Unwetter, lo\u0308sen Tornados aus, und wenn das Meer still daliegt, sind sie mit den Menschen bescha\u0308ftigt. Da diese Wesen eine au\u00dfergewo\u0308hnliche Anpassungsfa\u0308higkeit zeigen, muss der Mensch sich komplex und klug verhalten. Wenn gekenterte Boote und deren Waren im Wasser treiben, hei\u00dft das, dass mengu sie an ihren Aufenthaltsorten lagern. Perso\u0308nliche mengu als \u201eSchutzengel\u201c ra\u0308chen Ungehorsam mit Ertrinken oder Stunden andauernder Besessenheit.<\/em>..(Rene\u0301 Bureau, \u201eLe peuple du fleuve\u201c, Paris 1996).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 4\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Kriegskanus und Regatten<\/strong><\/h3>\n<p>Mit ihren legenda\u0308ren Kriegskanus haben die fu\u0308hrenden Klans der Duala ihre privilegierte Position bis weit ins 19. Jahrhundert verteidigt. Doch ausgerechnet unter dem wachsendem Druck seitens ihrer dienstbaren Vo\u0308lker und der imperialistischen Seema\u0308chte erreichte die Rivalita\u0308t unter den Klanchefs ihren Ho\u0308hepunkt. Englische Baptisten-Missionare waren nach 1840 die Avantgarde der Neuen Zeit. Die fu\u0308hrenden Klans sahen ihre Chancen fu\u0308r die Zukunft darin, sich an die Spitze der Modernisierung zu setzen, sie traten zum Christentum u\u0308ber und schickten ihren Nachwuchs auf Missionsschulen und ihre Kronprinzen gleich nach Europa. Die Frage, wessen Partner sie sein wollten, schien beantwortet, bis es einer Handvoll Vertretern des Deutschen Reichs 1884 im Handstreich gelang, den zo\u0308gerlichen Briten zuvorzukommen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Max Buchner (1846-1921), Schiffsarzt, erfahrener Afrikareisender und damals fu\u0308r ein knappes Jahr provisorischer Vertreter des Deutschen Reichs in Duala, vero\u0308ffentlichte 1887 in Deutschland einen dieser damals popula\u0308ren Erfahrungsberichte zur Fo\u0308rderung der Kolonisation. Wie negativ auch sein Urteil u\u0308ber die stolze und arrogant auftretende Elite in Duala ausfiel, u\u0308ber ihre Ruderregatten a\u0308u\u00dferte er sich ganz begeistert.<\/p>\n<p>Originalton: <em>Noch gla\u0308nzender zeigt sich der ritterliche Sinn fu\u0308r kriegerische U\u0308bungen in dem Kanu-Sport der Dualla. Es ist bereist gesagt, da\u00df der Verkehr von Kamerun <\/em>(=Ku\u0308stenregion, v.G.)<em> sich fast ausschlie\u00dflich auf dem Flusse und dessen Verzweigungen bewegt. Dieser Umstand hat nun zu einer Ausbildung der Eingeborenen in der Nautik gefu\u0308hrt, die unsere Bewunderung hervorrufen mu\u00df. Die schlanken Kanuus der Dualla, deren stattlichste bis zu 25 Metern lang und an der sta\u0308rksten Anschwellung, welche stets um ein Betra\u0308chtliches hinter der Mitte liegt, bis zu 1,70 Meter breit sind, geho\u0308ren ohne Zweifel zu den ausgezeichnetsten Fahrzeugen der Erde, und die Geschicklichkeit, mit der sie gehandhabt werden, u\u0308bertrifft Alles, was man sonst von <span style=\"color: #ff0000;\">\/51<\/span> Ku\u0308stensta\u0308mmen zu sehen und zu ho\u0308ren gewohnt ist, ausgenommen allein das Brandungsfahren der Kru-Jungen (&#8230;.) Von fu\u0308nfzig bis sechzig Mann gerudert, schie\u00dfen sie mit der Schnelligkeit eines Dampfers u\u0308ber die Wasserfla\u0308che hin, und trotz ihrer La\u0308nge und Schmalheit drehen sie mit einer geradezu erstaunlichen Pra\u0308zision. (&#8230;.) Ein Wettfahren mehrerer gro\u0308\u00dferer Dualla-Kanuus bietet denn auch ein Schauspiel ethnographischer Art, wie es deren auf der ganzen Erde nicht mehr viele zu genie\u00dfen gibt. Die Kanuus sind dann meistens festlich geschmu\u0308ckt. Vorne auf dem Schnabel tragen sie dann gewo\u0308hnlich eine gro\u00dfartig aussehende, mehr oder min- der komplizirte Schnitzerei, die fast stets eine ungemein naive Verschlingung aller mo\u0308glichen Tiere darstellt. Sollte dieses Hauptornament etwa fehlen, so steckt an seiner Statt ein frischgru\u0308ner Bla\u0308tterbusch. Zur Kompletierung des Schmuckes geho\u0308ren ferner zwei Phantasieflaggen, mit dem Namen des Eigners versehene hinten, und eine kleine, unserer Go\u0308sch nachgeahmte vorne. Vollsta\u0308ndig bemannt taucht des leichte Fahrzeug so tief ein, da\u00df au\u00dfer den zierlich verju\u0308ngten Enden, welche ho\u0308her emporragen, nur ein ganz schmaler Bord noch trocken bleibt, und man sieht von dem Ko\u0308rper desselben eigentlich weiter nichts als die taktma\u0308\u00dfig arbeitende Doppelreihe der Insassen, wie sie ihre spitzen Ruder in\u2019s Wasser stechen <span style=\"color: #ff0000;\">\/52 <\/span>oder in kra\u0308ftigem Bogen wieder emporheben. In der Mitte steht aufrecht der Kommandant mit irgend einem altertu\u0308mlichen bizarren Federschmuck auf dem Haupte, wie es fru\u0308her Sitte gewesen, und vor ihm sitzt der eifrig ha\u0308mmernde Trommler. Die Ruderer begleiten den Takt ihrer Arbeit mit einem kriegerischen Gesang. (&#8230;.) Dichte Schaaren begeisterter Zuschauer folgen am Strande, eifrig fu\u0308r das Kanu ihres Dorfes Partei nehmend, und fa\u0308llt ihm der Sieg zu, was die Sieger durch Emporheben der Ruder kund thun, so kennt ihr Triumph kein Maa\u00df mehr. Gellendes Geschrei auf allen Seiten erfu\u0308llt die Luft, man streitet sich wu\u0308tend mit den Gegnern, welche behaupten, u\u0308bervorteilt worden zu sein, und nicht selten kommt es wieder zu Pru\u0308geln.\u201c\u00a0 <\/em>(Buchner, 1887, S. 35ff., Orthografie wie im Original).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Buchners Schilderung erkla\u0308rt, warum stattliche, bis drei Meter lange Modelle solcher Boote fu\u0308r die neuen ethnografischen Museen und fu\u0308r Privatsammler in Europa und Amerika ho\u0308chst attraktiv waren, besonders, wenn sie die Vorbilder in Proportion und Dekoration naturalistisch wiedergaben. In Carl Hagenbecks Hamburger Tierpark sollen sogar Bootsrennen stattgefunden haben. Wenn auf den Modellbooten &#8211; gegen jede Wahrscheinlichkeit &#8211; milita\u0308risch uniformierte Ruderer und Kolonialflagge die Loyalita\u0308t der neuen Untertanen symbolisierten, war das wohl von den Kunden gewu\u0308nscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Kontaktzone<\/strong><\/h3>\n<p>Unter ethnografischer Perspektive scha\u0308tzte bereits Buchner die Bootsmodelle geringer ein: <em>Ha\u0308ufig sind ferner Kanu-Modelle, bis zu einem Meter und daru\u0308ber lang, mit rudernden Figuren, welche heutzutage nur mehr als Exportartikel fu\u0308r die Passagiere der Dampfer angefertigt werden und deshalb wenig ethnographischen Wert besitzen<\/em>. (a.a.O. S.41)<\/p>\n<p>Sie verschwanden jedenfalls nach wenigen Jahren bis auf Ausnahmen sang- und klanglos in den ohnehin u\u0308berfu\u0308llten Museumsdepots. Bis in unser 21. Jahrhundert hat es gedauert, bis sogenannte stilistische \u201eKontaktzonen\u201c und ihre \u201ehybriden\u201c Scho\u0308pfungen ihre kunstwissenschaftliche Anerkennung bekommen haben. Dem Kunsthandel <span style=\"color: #ff0000;\">\/53<\/span> nahestehende Autoren schwa\u0308rmen noch immer von \u201eStilzentren\u201c und scha\u0308tzen die \u201ePeripherie\u201c gering.<br \/>\n<em>Da hatten die bereits vor der Kolonialzeit \u201amodernisierten\u2019 Duala schlechte Karten: Ihre ku\u0308nstlerische Tradition ist das Produkt komplexer lokaler, regionaler und externer Beziehungen, namentlich mit dem \u201aKameruner Grasland\u2019, Cross River, Niger-Delta und den Europa\u0308ern\u201c. \u201eWas die Europa\u0308er seit Mitte des 19 .Jahrhunderts an geschnitzten Masken, Stu\u0308hlen, Paddeln, Bootsschna\u0308beln oder anderen Objekten erwarben, war &lt;Duala&gt;, wobei nicht immer klar ist, ob die Bezeichnung sich auf die ethnische Gruppe, den Ort gleichen Namens oder alle Gruppen bezieht, die in der Region zur Zeit der Sammlung wohnten. (<\/em>Rosalinde Wilcox<em>)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Und was in europa\u0308ische Sammlungen kam, <em>war von spa\u0308rlicher, unbestimmter und widerspru\u0308chlicher Dokumentation begleitet<\/em>. (Rosalinde Wilcox)<\/p>\n<p><em>Politisch ist das Schicksal der \u201eKontaktzone\u201c weniger harmlos. Koloniale und nachkoloniale Grenzziehungen und Grenzverschiebungen haben nicht nur in Kamerun zu sozialen und politischen Dauerkonflikten mit diskriminierten Minderheiten gefu\u0308hrt. Aktuell scheint in den zwei \u201eanglopho- nen\u201c Westprovinzen Kameruns der verdeckte Bu\u0308rgerkrieg fast unlo\u0308sbar. Dabei spielt weniger die zweite \u201eStaatssprache\u201c Englisch die entscheidende Rolle, als die von Franzosen und Briten u\u0308bernommenen kontra\u0308ren Bildungs- und Rechtssysteme.<\/em> Daru\u0308ber mehr auf meinem Blog.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Duala-Kanus und ihre Geschichten<\/strong><\/p>\n<p>Mir stehen inzwischen u\u0308ber ein paar Dutzend Bootsmodelle und geschmu\u0308ckte Bootsschna\u0308bel als Abbildungen und Informationen zur Verfu\u0308gung, dank der Unterstu\u0308tzung von Museumskuratoren in Chicago (\u201eField Museum of Natural History\u201c) und South Bend\/Indiana (\u201eSnite Museum of Art\u201c), in Boston (\u201ePeabody Essex\u201c), Stockholm, Krakau, Bremen, Hannover, Dresden, Frankfurt am Main, Mu\u0308nchen, Wien, Bern und Basel. Leo Frobenius hat mit einem illustrierten Aufsatz von 1897 \u201eDer Kameruner Schiffsschnabel und seine Motive\u201c den Anlass dafu\u0308r geboten.<\/p>\n<p>Das \u201eField Museum\u201c stellte Unterlagen u\u0308ber den Erwerb einer gro\u00dfen Sammlung von Kunst aus Kamerun \u2013 u\u0308berwiegend vom beru\u0308hmten \u201eGrasland\u201c \u2013 zur Verfu\u0308gung. Sie kam aus dem Fundus der Firma J.F.G.Umlauff in Hamburg. Die u\u0308berwiesene Summe betrug 27.000 US Dollar (1925). Das gro\u00dfartige Bootsmodell war allerdings in diesem Deal so unbedeutend, dass es im Vertrag nicht einmal Erwa\u0308hnung fand und fu\u0308r Jahrzehnte im Depot u\u0308berwinterte.<span style=\"color: #ff0000;\">\/54<\/span><\/p>\n<p>Wer ha\u0308tte gedacht, dass diese 1868 gegru\u0308ndete Firma, mit der Reederei Woermann und Carl Hagenbeck verbu\u0308ndet, um die Jahrhundertwende die ganze \u201ezivilisierte Welt\u201c mit exotischen Objekten belieferte und \u2013zigtausend Objekte hortete, zusammenstellte und bearbeitete. Welt- ausstellungen, Museen, Variete\u0301s, Vo\u0308lkerschauen und sogar Filmstudios waren die Kunden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>&#8222;Nach den Gescha\u0308ftsbu\u0308chern reichte die Bandbreite der gehandelten Artikel von Zoologica, Konchilien und Ethnographica in verschiedenster Gro\u0308\u00dfe, Beschaffenheit und Anzahl bis zu Anthropologica aller Art (Scha\u0308del, Knochen, Gehirne und Fo\u0308ten in Spiritus). Das bedeutet, da\u00df au\u00dfer Pflanzen einfach alles, was ein Reisender aus einem fernen Land mitbrachte, von der Firma Umlauff aufgekauft und weitervera\u0308u\u00dfert werden konnte; ha\u0308ufig auch lebende Tiere, die dann an die Firma Hagenbeck weitergegeben wurden oder, wenn sie wie in vielen Fa\u0308llen eine Reise nicht u\u0308berlebten, sowieso von der zoologischen Abteilung verwertet wurden. Die Abnehmer dieser diversen Dinge waren Museen und wissenschaftliche Institute der entsprechenden Fachrichtungen sowie Privatsammler in aller Welt, bis hin zum damaligen Dalai Lama<\/em>.\u201c (Zitat aus Thode-Aurora \u201eDie Familie Umlauff und ihre Firmen \u2013 Ethnographica-Ha\u0308ndler in Hamburg\u201c Mitteilungen&#8230; Neue Folge 22, 1992, S. 147-48)<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Provenienz?<\/strong><\/h3>\n<p>Bei einer solchen Adresse verliert man logischerweise die Hoffnung, Provenienzen zu ermitteln. Allerdings legten die Umlauff Wert auf Dokumentation. Auch in Museen entha\u0308lt manche Karteikarte den Namen von Einlieferer oder Ma\u0308zen, einige auch ein paar biografische Daten. Kolonialgeschichte und Provenienzforschung haben inzwischen Konjunktur und liefern Informationen. Offensichtlich profitieren auch die nationalen Wikipedia-Seiten davon. <span style=\"color: #ff0000;\">\/55 <\/span>Jeder Eigenname kann zum Schlu\u0308ssel werden. Denn \u201eSammler\u201c waren oft auch Akteure auf kolonialen Bu\u0308hnen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>U\u0308ber das Objekt erfa\u0308hrt man auf diesem Wege fast nichts, doch werden \u2013 anders als in der Vitrine \u2013 die Umgebung und der Hintergrund lebendig. Darauf habe ich mich in den ju\u0308ngsten Blogs konzentriert. Darin treten beispielsweise auf: ein hierzulande bislang unbekannter polnischer Nationalheld, zwei schwedische Bu\u0308rgerso\u0308hne, die am Kamerunberg ihr Glu\u0308ck suchten, ein Weltenbummler und Ma\u0308zen aus Boston, ein angehender Craniologe (Scha\u0308delforscher) aus Basel und der spa\u0308tere Museumsleiter Buchner in Mu\u0308nchen. Ich begegne provisorisch installierten Amtstra\u0308gern, aber auch Missionaren, Agenten, Hilfspersonal von damals und &#8211; nicht zuletzt &#8211; Kamerunern in einer bitteren Epoche ihres Landes, das noch heute von den Spa\u0308tfolgen der Kolonialeroberung gezeichnet ist. Mit einem amerikanischen Ingenieur und einem franzo\u0308sischen Verleger sind auch Afrika-Sammler meiner Generation vertreten, solche mit einem davon unabha\u0308ngigen Hauptberuf und begrenztem Budget.<\/p>\n<p>Am Ende ko\u0308nnte die anfangs geschilderte Provenienz meines Bootsmodells doch stimmen. Ausgerechnet die Zeitangabe \u201e1800\u201c wa\u0308re ein Indiz dafu\u0308r, unabh\u00e4ngig davon, ob der Ha\u0308ndler mit dem Chef auf Djebale\u0301 gesprochen oder die Information blo\u00df aus dem Netz hat. Denn Josiane Kouagheu, Bloggerin aus Douala, besuchte 2016 die Insel mit einem Kanu-Taxi. Sie berichtete:<\/p>\n<p><em>In der Chefferie begru\u0308\u00dft Sie der Dorfvorsteher Isaac Dibobe. Sie mu\u0308ssen \u2018Majesta\u0308t\u2019 hinzufu\u0308gen. Er erza\u0308hlt Ihnen wie ein Geschichtenerza\u0308hler am Feuer von seiner Insel, die er seit mehr als einem halben Jahrhundert kennt, und fu\u0308hrt Sie herum. Er sagt: \u201cIm Jahr 1800 entdeckten die Deutschen Djebale\u0301 wa\u0308hrend ihrer Pra\u0308senz in Kamerun.\u201d Der Name der Insel komme von einer Meerjungfrau namens Djobale\u0300, mit dem der Legende nach der erste schwarze Mann, der die Insel betrat, zusammengelebt und mehrere Kinder aufgezogen hat.<\/em> <em>(https:\/\/josianekouagheu. mondoblog.org\/2013\/01\/20\/djebale-une- ile-oubliee-derriere-douala\/)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong>\u201e1800\u201c<\/strong><\/span>\u2013 war das nicht die magische Zahl fu\u0308r \u201edie gute alte Zeit\u201c an der Kamerunku\u0308ste?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Empfehlung<\/strong><\/h4>\n<p>Am Ende der Reise mo\u0308chte ich Interessierte auf mein Webprojekt mit einem ganzen Dutzend Beitra\u0308gen hinweisen. Sie sind illustriert, dokumentiert, verlinkt und mit ausfu\u0308hrlichen Literaturangaben versehen: <em>www.detlev.von.graeve.org \u2013 \u201eDuala- Projekt 2019-22<\/em>\u201c. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=214\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Artikel schrieb ich auf Einladung von \u201eKOSMOPOLIS \u2013 INTERKULTURELLES MAGAZIN AUS BERLIN\u201c (LINK zu de.wikipedia) f\u00fcr die Nr. 41-42\/2022 Jubil\u00e4umsausgabe 1997-2022 Thema : \u201eZU NEUEN UFERN\u201c. Der Text (ebd. 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