{"id":140,"date":"2013-03-15T00:00:20","date_gmt":"2013-03-14T23:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=140"},"modified":"2015-04-23T21:05:25","modified_gmt":"2015-04-23T20:05:25","slug":"bei-der-lektuere-von-hans-blumenberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=140","title":{"rendered":"Beim Lesen von Hans Blumenberg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Lekt\u00fcre von <strong>Hans Blumenberg: \u201e<em>Der Prozess der theoretischen Neugierde<\/em>\u201c<\/strong>, stw24, 1980, f\u00e4llt mein Blick auf Vil\u00e8m Flusser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Man kann sich die ganze Zeit bei Blumenberg\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">vor<\/span><i> <\/i>der Philosophie w\u00e4hnen, so verst\u00e4ndlich l\u00e4uft die Darstellung. Dabei <span style=\"text-decoration: underline;\">ist<\/span> das vielleicht die ganze Philosophie am Ende einer bereits langen Philosophiegeschichte. Und dieses <i>Ende<\/i> kann sich immer weiter fortsetzen, wenn man nicht auf die Idee kommt, dass f\u00fcr die <i>neue Epoche<\/i> eine ganz andere Sprache vonn\u00f6ten sei. Vil\u00e9m Flusser, von seinen diversen Lehrmeistern angefixt, sp\u00fcrte ein dringendes Bed\u00fcrfnis danach und wurde in den Achtzigern ganz hektisch. Der Rufer bekam etwas von einem fliegenden H\u00e4ndler. Oder mag man lieber Laokoon bem\u00fchen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn schon, kontere ich schon ganz HB: Troja ist zwar\u00a0untergegangen. Das \u00e4ndert nichts daran, \u201edass Geschichte letztlich nur als Fortsetzung dessen, was sie schon ist, m\u00f6glich bleibt.\u201c (HB, 232) Anders k\u00f6nnen wir sie nicht <i>vern\u00fcnftig <\/i>deuten, auch im Sinne von Bruno Liebrucks, einem gl\u00fchenden Verteidiger Hegels und \u00a0meinem ersten Lehrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Widerstand? &#8211; Die Erhaltung der M\u00f6glichkeit dazu ist selber unser Widerstand, und zwar der einzig sinnvolle. Mit seinen Phantasien scheint Flusser f\u00fcrs erste gescheitert, jedenfalls mit\u00a0 den damit verbundenen Hoffnungen.\u00a0Wenn er \u00a0die gesellschaftliche Kommunikation dar\u00fcber ausdehnen und aktivieren wollte, stellt sich mir eine Frage: Ist es ihm gelungen, auch die fr\u00fcheren Generationen ins Gespr\u00e4ch zu ziehen? Seit Prag kannte er nur die Neuerer, die Umst\u00fcrzler, verz\u00fcckte Stammler. Die <i>alte Philosophie <\/i>\u00a0war ihm <i>Pharis\u00e4ertum<\/i> und <i>Ancien R\u00e9gime<\/i>. Er zeigt aber auch eine wichtige Gemeinsamkeit: die Schriftkultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinz Schlaffer zeichnet in \u201eDas entfesselte Wort \u2013 Nietzsches Stil und seine Folgen\u201c (Hanser 2007) die Alarmierung der <i>Schriftkundigen<\/i>\u00a0angesichts des Vordringens der <em>Zahl\u00a0<\/em>seit dem 18. Jahrhundert nach. Was Nietzsche an <span style=\"text-decoration: underline;\">den<\/span> Wissenschaften verachtete oder vielmehr betrauerte, waren auch f\u00fcr Flusser zentrale Motive: Institutionalisierung der theoretischen Neugierde und die Entstehung eines asketischen Funktion\u00e4rstyps. Auch Blumenberg thematisiert den damals aufkommenden \u201e<i>Zweifel an der Wesentlichkeit des menschlichen Bed\u00fcrfnisses nach Wahrheit<\/i>\u201c. Die partielle Einsicht Rousseaus \u2013 formuliert er aus: \u201e<i>Die Wahrheit <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00fcber<\/span> die Geschichte ist gleichg\u00fcltig <span style=\"text-decoration: underline;\">f\u00fcr<\/span> die Geschichte.<\/i>\u201c (232) mit dem Zusatz: \u201e<i>Nur er selbst f\u00fcr seine eigene Wahrheit wollte sich nicht daran halten<\/i>.\u201c (233)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blumenberg k\u00f6nnte \u00a0Flusser fragen: Wie kann man auf die Idee kommen, eine allseitige Bewegung rational zu erfassen, indem man sich selber in den Strom wirft? Ein Denken auf der Flucht? Faszinierend, aber realistisch?\u00a0 Ergreift man nicht am Ende \u00a0zusammengeraffte Brocken der Philosophiegeschichte, die die Eule der Minerva fallen gelassen hat, zusammen mit vermischten \u00a0Nachrichten aus der Welt der neuen Leitwissenschaften?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch woraus bezieht Blumenbergs \u201aHalt\u2019 in dieser Situation? \u2013 Vielleicht aus der trittsicheren Bewegung zwischen den vielen Positionsbestimmungen und Standpunkten des Abendlandes, auf deren Teilwahrheiten er sich argumentierend einl\u00e4sst: <i>Es ist das \u00fcbliche Elend der philosophischen Lehre, die Seite der <span style=\"text-decoration: underline;\">Antwort<\/span> zu stark, ja imposant zu machen<\/i>, gew\u00f6hnlich die der <span style=\"text-decoration: underline;\">eigenen<\/span> Antwort. Selber stellt er seine Fragen an den Beginn, die alle Menschen bewegen k\u00f6nnen, \u00a0gibt aber auch den vielstimmigen Antworten ihr Recht. Er beweist vertrauten Umgang mit vielen Autoren und zeigt eine distanzierte Empathie, mit der Mahnung des <strong>Epiktet<\/strong> im Hinterkopf:&#8220;&#8230;doch achte, dass dein Herz ruhig bleibe.&#8220; (&#8222;Handb\u00fcchlein der Moral&#8220;, detebe- klassiker 21554, 1987, 29 &#8218;Grenze des Mitgef\u00fchls&#8216;).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Lekt\u00fcre von Hans Blumenberg: \u201eDer Prozess der theoretischen Neugierde\u201c, stw24, 1980, f\u00e4llt mein Blick auf Vil\u00e8m Flusser.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-140","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophen-suchen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3221,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions\/3221"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}