{"id":1399,"date":"2004-01-03T18:18:27","date_gmt":"2004-01-03T17:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1399"},"modified":"2013-12-09T01:08:23","modified_gmt":"2013-12-09T00:08:23","slug":"oh-georgia-zuerich-2004","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1399","title":{"rendered":"Oh Georgia!"},"content":{"rendered":"<p><i>Am 2.1.2004 waren wir mit der Bahn durch den Winter in einer Parforcetour nach Z\u00fcrich und zur\u00fcck gefahren, ohne ICE-Probleme. &#8211; Redaktion meiner Notizen. Karin meint heute, die Entt\u00e4uschung h\u00e4tte mit der drittlassigen Auswahl zu tun. Warum nicht? 8.12.13 dvg \u00a0\u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck am Tag danach, ausgetr\u00e4umt, und erst nach dem Blick auf die Speisekarte des Bahnhofslokals. Z\u00fcrichs kaltes Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Beim Durchbl\u00e4ttern der Bildb\u00fccher werde ich unsicher, der Mythos kehrt zur\u00fcck: Eine st\u00e4rkere Ausstellung w\u00e4re leicht vorstellbar gewesen. Dennoch hat der blitzhafte Eindruck vor einer Woche, das <i>Taschen<\/i>-Buch in der Hand, sich mir best\u00e4tigt: Keine gro\u00dfe Malerin! Vielleicht ein Gro\u00dfe Gestalt der Moderne. Jedes Wort des Ausstellungsflyers muss man auf die Goldwaage legen, das schlie\u00dflich zwei Herren dienen muss: dem Kunsthandel und dem Akademismus.\u00a0Jetzt: Vom Publikum durchgedr\u00fcckt, als Ergebnis raffinierten Marketings, so etwas wie Franz Marcs Blaue Pferde o.\u00e4., k\u00f6nnte sich Georgia als Erste Gr\u00f6\u00dfe etablieren.<\/p>\n<p>Ihre kleinen Zugaben, ihre Pinsel-Diktatur \u00fcber eine \u00fcberlegene NATUR, seien es die blau \u00fcbermalte Atmosph\u00e4re, eine gigantische Erosionslandschaft oder &#8230; Im \u201eWesten\u201c-Buch tauchen weiterentwickelte Fassungen auf, die kuratorisch zu versammeln w\u00e4ren, statt einzelne unsichere Schritte zu Ikonen zu machen.<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre der Sarah Whittacker Peters vorher war wertvoll, da ich die Schl\u00fcsselwerke erkannte und von ihrem Selbst-Recycling (von den drei\u00dfiger Jahren an) klar unterscheiden konnte.<\/p>\n<p>Schl\u00fcsselwerke, die sie und ihre Umgebung als Werke der Heilsgeschichte gewertet wissen wollte, die es aber unbestritten nur im Horizont der K\u00fcnstlerbiografie sind. Was f\u00fcr kleine G\u00f6tter vermitteln da ihre Legenden! Was f\u00fcr bescheidene Botschaften! Die in den historisch bedeutenden Religionen sich blo\u00df als Handwerker begriffen h\u00e4tten, werfen sich zu G\u00f6ttern, zumindest Heiligen auf! Georgias Eskapaden neben die Krischnas stellen?<\/p>\n<p>Ab den 30er Jahren sumpfte Georgia im Westen vor sich hin. Irgendwann kam ihr der <i>American Spirit<\/i> in Form des Schulmalkastens \u00fcber, dann zwischen den Zeitschriften eine mit Dalis surrealen K\u00f6rperteilen in sonniger Landschaft. Selbst die Titel werden zuweilen einfach banal.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, weshalb Stieglitz\u00b4verzweifeltes Konkurrieren mit der Malerei f\u00fcr aussichtslos waren, gelten f\u00fcr die Malerin Georgia am wenigsten: Selten erreichen ihre Bilder die Ausstrahlung selbstverst\u00e4ndlicher Existenz! Fast immer zeigt sich ein Gemurkse am Rand oder im Hintergrund, die schon normalen \u201aMuttermale\u2019 der Kunstrevolution\u00e4re der Klassischen Moderne. Nirgendwo tr\u00e4gt eine absichernde Routine, auch die des degenerierten Akademismus nicht, weil da immer der Dreizack des Neptun-Modells hervorragte.<\/p>\n<p>Mo 5.1.<\/p>\n<p>Die Ausstellungsnotizen im B\u00fcchlein bearbeiten, statt Arbeiten zu korrigieren oder Briefe zu schreiben.<\/p>\n<p>Was ein Getue um den Dildo (im Darkroom), so klein und fein w\u00e4re er der Stolz eines jeden Gentleman, Heilige Ostk\u00fcste!<\/p>\n<p>Entscheidend beim Abstraktionsgesch\u00e4ft ist, ob die Natur als Vorlage tr\u00e4gt oder eben nicht, wie z.B. beim uninspirierten Laubverschnittbild.<\/p>\n<p>Immer wieder die Pinselarbeit, der Pinselstrich: Bei den fantastischen \u201eCalla Lilies, 1928\u201c erscheint er geordnet, gez\u00e4hmt zu textiler Wirkung. Das ist aber auch das G\u00fcnstigste, was sich von den Originalen berichten l\u00e4sst. Kleines sorgf\u00e4ltiges Handwerk, sagt die Quilterin Karin! Sie berichtet von spezieller Grundierung.<\/p>\n<p>Frage: Warum kommen die Bilder in den Reproduktionen so gut? frage ich mich auch heute. Vielleicht das Beste, was aus ihnen werden kann!\u00a0Zum Beispiel \u201eBirch Tree\u201c &#8211; K. erkennt \u201edas gelbliche Licht\u201c auf der Rinde wieder. Da ist aber \u201eviel abgesch\u00e4lt\u201c worden! Auch die \u201eDark Tree Trunks\u201c von 1932, die sich aneinander reiben: In der Reproduktion st\u00f6rt mich die sexuelle Schlangenassoziation nicht.<\/p>\n<p>Ich notiere: \u201eAus der N\u00e4he das Formprinzip\u201c erkennen &#8211; und sp\u00e4ter finde ich 1924 bei <span style=\"text-decoration: underline;\">Frank Stella<\/span> das N\u00e4mliche an Themen und Prinzip. Dem nachgehen!\u00a0\u00a0 (Cicerone,Halbjahresband1924 ii)<\/p>\n<p>In den Vierzigern\u00a0 <i>\u00fcbersetzt\u00a0 <\/i>Georgia O\u00b4Dalis surreale Anatomien in ihre Cowboysprache, das hei\u00dft in gebleichte Skelette; von fern l\u00e4sst schon Gunther von Hagen gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Noch einmal zu den\u00a0 \u201eCalla Lilies, 1928\u201c\u00a0 und den anderen: Auch wenn die Ausstellung nicht optimal best\u00fcckt ist &#8211; Manche Varianten sind mir schon als Ansatz nicht nachvollziehbar, als Teil des \u201eWerks\u201c schon gar nicht. So krasse Qualit\u00e4tsunterschiede!<\/p>\n<p>Was hat das mit der Entdeckung des Amerikanischen Nationalgeistes (von Baudrillard\u00a0 ironisch gefeiert!) und der r\u00e4umlichen Trennung von Stieglitz zu tun ?<\/p>\n<p>Katchina, Kreuz mit Herz Jesu ( gr\u00fcnes Gras gr\u00fcn), der Krimskrams \u201efrom the Lake\u201c und das Farmhaus ( wei\u00dfer Schnee schneewei\u00df) &#8211; ein Neuanfang ganz elementar:<\/p>\n<p>Gef\u00fchlswerte? &#8211;\u00a0 Objekte sind isoliert und auf Elementarschulform gebracht in das Fenster der Leinwand gestellt.<\/p>\n<p>Und dann die Remakes: Die sp\u00e4ten\u00a0 \u201eCalla Lilies\u201c usw. werden nicht besser oder etwa die Trauerblumen von 1932 :\u201eWei\u00dfe Trompetenblumen\u201c. Ebensowenig die f\u00fcr sie biografisch wichtigen Motive von 1915-17.<\/p>\n<p>Daran st\u00f6rt mich anachronistisch &#8211; heute 2004 &#8211; die Strategie der Verwerter, beim Publikum eine bestimmte Rezeption zu erzeugen, die eines Heftromans w\u00fcrdig w\u00e4re:\u00a0Jeder dieser K\u00fcnstler repr\u00e4sentiert eine klitzekleine Heilsgeschichte, die soll man ganz ernst nehmen. Erfolg: die Distanzlosigkeit zu den kleinen Ohrfl\u00fcsterern ist den Besuchern vom Gesicht abzulesen. Alle diese kleinen Durchbr\u00fcche addieren sich letztlich doch blo\u00df zu atemberaubenden Auktionserl\u00f6sen und Versicherungssummen.<\/p>\n<p>In \u201eBlack Place I,1943\u201c hat sich eine nackte Erosionslandschaft in ein halblebiges Phantom verwandelt: Wann steht denn der Riese auf, dessen weite faltige Hose der Bildausschnitt vorstellt? Im entsprechenden Buch finde ich sp\u00e4ter eine weniger infantile Version.<\/p>\n<p>Der Gestus einer Fotografie von Edward Weston &#8211; \u201eZabriskie Point Death Valley 1938\u201c &#8211; ist trotz des kleinen Formates der Abbildung viel st\u00e4rker. \u00dcbrigens geht Georgia mit dem Schwarz achtlos um.<\/p>\n<p>\u201eIst gemalt besser?\u201c Nicht, wenn Georgia B\u00e4ume zur B\u00fchnenfigur verkleidet oder aus den \u201eBlack Hills\u201c,1944 einen dicken Arsch macht.\u00a0Was macht Georgia angesichts dieser grandiosen Natur (die ich vielleicht doch noch einmal erleben darf)? Sie versucht ihre kleine k\u00fcnstlerische Zutat unterzubringen.<\/p>\n<p>Sie nimmt nicht einmal die M\u00fchen der Freilandmalerei auf sich, indem sie z.B. das Licht grob und willk\u00fcrlich behandelt.<\/p>\n<p>Und die Kunstformen? Da bieten Fl\u00fcsse beliebige Kurven, Adlerschwingen beliebige Zacken. Das heraufziehende Gewitter wird auf ein paar Bytes Information reduziert. Nur manchmal erreicht ein Bild das Niveau des ihr Gebotenen, wie vielleicht das Gewitter \u201eFrom the plains\u201c 1954. Und das wird gleich x-mal als Highlight reproduziert!<\/p>\n<p>Die Kohlezeichnungen haben mir gefallen: Studien, pr\u00e4zis in der Kontur und klar in der Form.<\/p>\n<p>Ein paar Stunden sp\u00e4ter: Der erste Blick auf die Asiatica des Rietberg-Museums hat das ganze O\u00b4Keeffe-Zeugs und den Rummel darum disqualifiziert.<\/p>\n<p>3.1.04, \u00fcberarbeitet 8.12.2013<\/p>\n<p>Eine Liste der verwendeten Kunstb\u00fccher folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 2.1.2004 waren wir mit der Bahn durch den Winter in einer Parforcetour nach Z\u00fcrich und zur\u00fcck gefahren, ohne ICE-Probleme. &#8211; Redaktion meiner Notizen. Karin meint heute, die Entt\u00e4uschung h\u00e4tte mit der drittlassigen Auswahl zu tun. Warum nicht? 8.12.13 dvg \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-1399","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunstkommissar"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1399"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1413,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399\/revisions\/1413"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}