{"id":1387,"date":"2010-10-05T18:18:37","date_gmt":"2010-10-05T17:18:37","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1387"},"modified":"2015-04-23T23:03:17","modified_gmt":"2015-04-23T22:03:17","slug":"frankfurter-dialog-ueber-ominoese-objekte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1387","title":{"rendered":"Frankfurter Dialog \u00fcber omin\u00f6se Objekte"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Fritz W. Kramer: <i>Omin\u00f6se Objekte. Fundsachen in der Kunstwelt<\/i>\u00a0 in: Gottowik, Jebens, Platte : <i>Zwischen Aneignung und Verfremdung \u2013 Ethnologische Gratwanderungen \u2013 Festschrift f\u00fcr Karl-Heinz Kohl<\/i>, Campus 2009. S.513-21<!--more--><i>Kramer lehrte als Ethnologe bis 2006 an der Hochschule f\u00fcr bildende K\u00fcnste in Hamburg.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 DIALOG<\/i>\u00a0am 5.10.10<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Wohl um 1990 entdecken junge K\u00fcnstler die Objektkunst f\u00fcr sich und w\u00e4hnen sich in der provokativen Tradition der Klassischen Moderne (z.B. Duchamps). <\/i><\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Sie erkennen die verschiedenen Strategien nicht, mit Hilfe derer sich ein breites Publikum jede Art von Kunstbotschaften verdaulich macht.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Donquichotterie ?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>In dem Sinne, dass sie eine Situation als gef\u00e4hrlich einsch\u00e4tzen und Abenteuer zu erleben glauben, die sich als ungef\u00e4hrliche Sandkastenspiele erweisen \u2013 in der westlichen Welt, au\u00dferhalb gibt es noch Hindernisse: eine postkommunistische Diktatur mit Zensur, generell eine unvollst\u00e4ndige S\u00e4kularisierung der K\u00f6pfe, ja sogar fundamentalistische Gegenbewegungen wie Islamismus oder Evangelikale in den USA.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Und die Mechanismen der Entsch\u00e4rfung?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Die pseudo-sakrale Weihe von Ausstellungsr\u00e4umen wie Museen, die alle Exponate<\/p>\n<p><i>von jedem Bezug zu den profanen Zwecken, denen sie zuvor gedient haben mochten, befreit<\/i> (514) ist ein Mechanismus \u2013 zugleich die Existenzbedingung der weitgehenden Liberalit\u00e4t der Kunstsph\u00e4re<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>\u201aRepressive Toleranz\u2019?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>&#8230;. die jede Bindung an Religion bzw. konservative Werte verloren hat bzw. in Opposition dazu steht.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Hat die \u00e4sthetische Moderne sich totgesiegt?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Wenn du damit die vollst\u00e4ndige Dekontaminierung bis zur Sterilisierung des Angebots meinst, ja. Mir f\u00e4llt die entsprechende Technik der Nahrungsmittelindustrie ein.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Pfui, du bist eklig!<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Das Recycling von Essensresten zu neutralen N\u00e4hrstoffen ist auch \u00e4sthetisch eine Realit\u00e4t. Als sie im Schweizer Fernsehen \u201adie Schweinesuppe\u2019, gegen deren Verbot in der EU mittelst\u00e4ndische Hersteller protestiert hatten, in Gro\u00dfaufnahmen zeigten, wurde mir fast schlecht.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>H\u00e4tten dich die Filme von M\u00fchl und Brus dann nicht auch geekelt? (519f.)<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Lass mich etwas weiter ausholen: Der zweite Trick hei\u00dft <i>\u00c4sthetisierung<\/i>, als Ablenkung vom vermeintlich Sinnlosen (517) \u2013 da waren es <i>Deutungen<\/i>, die <i>in einer Metapher zur Ruhe kommen<\/i> mochten \u2013 oder die Ablenkung von Anst\u00f6\u00dfigem und vielleicht gar Widerlichem. Bei diesen Filmen <i>tauchten<\/i> den Versuchspersonen des Psychologen Heubach <i>immer wieder in aller Farbigkeit Qualit\u00e4ten des Essens auf<\/i>. (518)<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Na also!<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>So einfach ist es nicht. Erstens findet das Ganze in dem dekontaminierten Kunstraum statt. Zweitens sind die Exzesse inszeniert, so wie in Horrorfilmen oder Pornografie. Die genretypischen Grenzen sind uns im Hintergrund immer bewusst, wir sind durch das Angebot der entfesselten Massenmedien darin ge\u00fcbt. Jeder BILD-Leser kann diese Grenzen nachvollziehen und wei\u00df, was es hei\u00dft, wenn das Grauen in den Alltag einbricht, \u201amitten in Deutschland\u2019. Ich muss jedenfalls bei der Erw\u00e4hnung von Schweinefleisch immer noch an die \u201aSchweinesuppe\u2019 denken. Sie geh\u00f6rt \u00fcberall verboten! Lass uns von etwas anderem reden!<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Hatten die Traumt\u00e4nzer in der Darstellung deines Professors noch pers\u00f6nliche Motive \u00fcber die verk\u00fcnstelnden Strategien hinaus?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Sie gingen mit ihnen sehr locker um, Der Zauber war von kurzer Dauer. <i>Die jungen K\u00fcnstler (ersetzten) ihre \u00e4sthetisch erfahrenen Objekte ohne Bedauern und mit spielerischer Leichtigkeit durch andere<\/i> (520).<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Fritz Kramer ist doch Ethnologe&#8230;<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Er wollte mit dem Beitrag zur Festschrift einem Kollegen eine Fu\u00dfnote schenken. Dessen Hauptwerk hat den Titel \u201aDie Macht der Dinge\u2019. Die Fundsachen der K\u00fcnstler vergleicht er darin afrikanischen Wahrsagefig\u00fcrchen mit kurzlebig beigelegten Bedeutungen.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Und sie selber mit Wahrsagern? \u2013<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Ja, unter dem Aspekt, dass auch sie ihren Klienten Fundobjekte als bedeutsam <i>pr\u00e4sentierten, sie deuteten und dann zur\u00fccklegten<\/i> (521).<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Und ersetzen die Klienten der K\u00fcnste nicht ebenfalls <i>ohne Bedauern und mit spielerischer Leichtigkeit<\/i> Veranstaltungen und K\u00fcnstler durch andere, vergessen sie nicht das Gesehene noch auf der Veranstaltung selbst? Mich wundert regelm\u00e4\u00dfig im \u201aProgrammkino\u2019, dass die meisten Besucher, nachdem sie im Film sogar Reaktionen gezeigt haben, anschlie\u00dfend sofort zur Tagesordnung \u00fcbergehen, besonders wenn sie in Gesellschaft sind. Und wie sie am n\u00e4chsten Tag ganz zerstreut schon wieder das n\u00e4chste Programm konsumieren k\u00f6nnen, ohne daran zu ersticken.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Aber bezogen auf das <i>pers\u00f6nliche Interesse<\/i> der K\u00fcnstler <i>an ihren Objekten<\/i> (517) schreibt Kramer: <i>Die Suche nach Fundsachen und die Arbeit an den Objekten erm\u00f6glichte es ihnen, an &#8230; oft allzu trivialen Gegenst\u00e4nden &#8230; eine \u00e4sthetische Erfahrung zu machen, das Prek\u00e4re, das Angsterregende und das Verbotene aber in eine Distanz zu r\u00fccken, in der es ertr\u00e4glich wirkte, ohne sich ihrem Zugriff ganz zu entziehen<\/i>.(518).<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Ich sehe darin eine Parallele zwischen den K\u00fcnstlern und ihrer Klientele: Auch das Publikum, wenn es sich \u00fcberhaupt und vor\u00fcbergehend auf die Exponate einl\u00e4sst, um sie subjektiv zu nutzen, l\u00e4sst sie dann wieder leichten Herzens am Ausstellungsort. Die zerstreute Bearbeitung\u00a0 <i>unbestimmten Verlangens und scheinbar gegenstandsloser Angst<\/i> (520) mittels Medien erscheint mir typisch f\u00fcr eine Gesellschaft, die Richard Sennett bereits 1977 in \u201aVerfall und Ende des \u00f6ffentlichen Lebens\u2019 in ihren Arbeitsbeziehungen eindr\u00fccklich beschrieben hat: <i>\u201aJe weniger die Position einer Person mit dem identifiziert wird, was diese Person kann, desto mehr orientiert sich die Bewertung an ihren \u2019Anlagen\u2019, an ihrer Anpassungskraft und ihrer\u2019Mitmenschlichkeit\u2019&#8230; sodass der Arbeitende funktional jegliche Distanz zu seiner materiellen Situation verloren hat. Er wird nach seinem \u201ePotential\u201c beurteilt.<\/i>(Sennett : 370). <i>Die gesellschaftliche Stellung (erscheint) als Ausfluss individueller\u2019Anlagen\u2019.<\/i> (a.a.O.372).<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Je mehr im gesellschaftlichen Zusammenleben inzwischen den Wert expliziter Kritik (\u201aausdiskutieren\u201c\u2019) wieder aufgegeben wird zugunsten eines diskreten Hinzu- und wieder Wegtretens, gibt es Gr\u00fcnde genug, die permanent vorhandene <i>innere Unruhe<\/i> mit Hilfe des breiten kulturellen Angebots \u2013 und das seit dem Internet nicht mehr blo\u00df in den Metropolen &#8211; zu beschwichtigen, ohne mit dem ephemeren <i>Kultobjekten<\/i> eine <i>feste Bindung<\/i> einzugehen.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler bieten also eine Dienstleistung, die immer wichtiger f\u00fcr die innere Balance, (nicht Stabilisierung) der Menschen wird. Sennett hat f\u00fcr die europ\u00e4ischen Metropolen im 19.Jh. <i>das Vordringen der Pers\u00f6nlichkeit in die \u00d6ffentlichkeit<\/i> beschrieben und im Zusammenhang damit <i>zwei Identit\u00e4ten<\/i>: <i>auf der einen Seite der au\u00dferordentliche Akteur, auf der anderen die Zuschauer, die es sich in ihrer Passivit\u00e4t bequem machen k\u00f6nnen. Ihre Gaben sind geringer als die seinen, aber er stellt keine Herausforderung f\u00fcr sie dar. Er \u2019regt sie an\u2019<\/i>. (232)<\/p>\n<p>Gegen dieses Verhaltensmuster hebt sich die Radikalit\u00e4t des existentiellen Sammlers ab.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Lassen wir es f\u00fcr heute gut sein. Ein andermal!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Fritz W. Kramer: Omin\u00f6se Objekte. Fundsachen in der Kunstwelt\u00a0 in: Gottowik, Jebens, Platte : Zwischen Aneignung und Verfremdung \u2013 Ethnologische Gratwanderungen \u2013 Festschrift f\u00fcr Karl-Heinz Kohl, Campus 2009. 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