{"id":13828,"date":"2022-05-08T18:36:30","date_gmt":"2022-05-08T16:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13828"},"modified":"2024-09-06T00:11:47","modified_gmt":"2024-09-05T22:11:47","slug":"ryszard-kapuscinski-warnung-vor-einem-orientalischen-maerchenerzaehler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13828","title":{"rendered":"Verraten vom &#8218;Judas&#8216; Artur Domos\u0142awski : Die Legenden des Ryszard Kapuscinski"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nachwort 11. Mai<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Mir war nicht so klar, welches Ansehen der Reporter Kapuscinski noch heute genie\u00dft. Nat\u00fcrlich konserviert das Netz auch noch die ersten Abwehrreflexe der Fans als taufrisch,\u00a0 z.B. Peter M\u00fcnder f\u00fcr CulturMag (<a href=\"http:\/\/culturmag.de\/rubriken\/buecher\/artur-domosawski-ryszard-kapuciski-leben-und-wahrheit-eines-jahrhundertreporters\/80921\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK).<\/a> Inzwischen ist das Enth\u00fcllungsbuch bereits bei medimops\u00a0 im Billigkarton gelandet. &#8222;Jahrhundertreporter&#8220; und M\u00e4rchenerz\u00e4hler war Kapuscinski noch erfolgreicher als 2017 Relotius vom &#8222;Spiegel&#8220;. Domos\u0142awski\u00a0 Anspruch auf &#8222;Wahrheit&#8220; steht dem entgegen. Mich verst\u00f6rt der leichtfertige Umgang des Publikums damit. Dass die Witwe Kapuszinskis, die ihre Leidensf\u00e4higkeit nicht umsonst bewiesen haben wollte, Einspruch erhob, war legitim, aber die Absolution Kapuscinskis durch eine unbeteiligte internationale Lesergemeinde, die sich viel auf ihre angebliche Wahrheitsliebe einbildet?\u00a0 Hat der Biograf Artur Domos\u0142awski seine immense Arbeit nur f\u00fcr eine einflusslos verstreute Minderheit\u00a0 geleistet und daf\u00fcr im zerstrittenen Polen seinen Ruf riskiert? Es sieht so aus, dass &#8222;Wahrheit&#8220; sch&#8230;.egal ist.<!--more--><\/p>\n<h4><strong>30.5.22<\/strong><\/h4>\n<p>Der Umgang mit den Geheimdiensten war auch in der Biografie Thema, aber nur als subjektive Drohkulisse im komfortablen Ruhestand des Reporters. Vor dem aktuellen Hintergrund des Ukraine-Krieges kann ich das nicht mehr so harmlos abtun. Auch auf der Ebene der Medien wird gek\u00e4mpft, mit Desinformation \u00fcber das Geschehen, st\u00e4ndiger propagandistischen Mobilisierung der eigenen Reihen und mit dem Versuch der Demoralisierung der Feinde.\u00a0 Die Frage l\u00e4sst mich nicht los: Wozu bekam dieser &#8218;unbez\u00e4hmbare&#8216; Ryszard Kapuscinski von der Staats- und Parteispitze so umstandslos die gew\u00fcnschten Reisep\u00e4sse und Devisen? Er war als &#8211; im besten Fall &#8211; leicht entflammbarer Draufg\u00e4nger mit kommunistischer Allgemeinbildung\u00a0 der ideale Mann f\u00fcr die\u00a0 damaligen Stellvertreterkriege. Und er &#8218;lieferte&#8216;, auch wenn er manchmal frei konfabulierte.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">*<\/h4>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?attachment_id=13831\" rel=\"attachment wp-att-13831\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13831\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220508_0001-258x360.jpg\" alt=\"\" width=\"258\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220508_0001-258x360.jpg 258w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220508_0001-644x900.jpg 644w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220508_0001-624x872.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220508_0001.jpg 787w\" sizes=\"auto, (max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><\/a>\u00a0<\/strong>Das Portr\u00e4tfoto auf dem Schutzumschlag \u2013 nat\u00fcrlich undatiert \u2013 lie\u00df mich w\u00e4hrend der ganzen Lekt\u00fcre nicht los. Hunderte Male schaute ich es an, auch angesichts von \u00fcber sechshundert gelesenen Seiten ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Irgendwann gelangen mir ein paarsystematische Notizen in der Mu\u00dfe eines Inselurlaubs. Dann wieder wollte ich blo\u00df ein paar \u201avernichtende\u2019 Zeugenaussagen abschreiben und zusammenstellen. Zu solchem Aufwand fehlte mir am Ende der Antrieb. Es gibt Wichtigeres. Und ich nehme an, dass mein Publikum Ryszard Kapuscinski l\u00e4ngst auf die eine oder andere Weise zu kennen meint und sich die Biografie bei Interesse beschaffen kann. Drei erg\u00e4nzende Links stelle ich am Ende zusammen.<\/p>\n<p><strong><em>Artur Domos\u0142awski: Ryszard Kapu\u015bci\u0144ski. Leben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters. Deutsch 2014, Rotbuch, Berlin. 704 S., 29,95 \u20ac.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Gliederung meiner Notizen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Das Buch<\/li>\n<li>Defizite von Kapuscinski<\/li>\n<li>\u00dcberraschung! Dieser unaktuelle Autor ist eine aktuelle Gefahr<\/li>\n<li>Was seine Texte an \u201eAfrika\u201c vermitteln<\/li>\n<li>Bilanz (23.4.22)<\/li>\n<li>Etwa eine \u201eHagiographie! -Warum nicht? (29.4.22)<\/li>\n<li>Domoslawskis R\u00fcckzug vor der \u201epolitischen Biografie\u201c<\/li>\n<li>Judas, die Figur<\/li>\n<li>Notwendige Erg\u00e4nzung 1.Mai 2022 : Der \u201eClaas Relotius\u201c-Skandal 2017<\/li>\n<li>Links<\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>LEKT\u00dcREBERICHT<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Biografie, das Buch<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche Biografie habe ich noch nicht gelesen! Urspr\u00fcnglich ein Bewunderer, blieb Domoslawski seinem Idol immer dicht auf den Fersen, las alle langweiligen Depeschen und kurzweiligen B\u00fccher, interviewte \u201aalle\u2019 Bezugspersonen Ryszard Kapuscinskis im Kreis der ehemaligen polnischen Machtelite, ihrer publizistischen Erf\u00fcllungsgehilfen, und dar\u00fcber hinaus seine Witwe, Freunde und Kollegen, aber auch Fachleute auf relevanten Feldern. Ohne sich auf allgemeinere Themen hin ablenken zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Defizite von Kapuscinski<\/strong><\/p>\n<p>Der an der kommunistischen B\u00fcrokratie gescheiterte kommunistische Idealist und Aktivist der Stalin-Zeit, der einem b\u00fcrgerlichen Verst\u00e4ndnis von \u201e\u00d6ffentlichkeit\u201c verhaftet blieb. Der Vasall des Systems, der f\u00fcr ein eingeweihtes Publikum die Kunst der Anspielung perfektionierte, aber sich seinem Land und Volk zwanzig Jahre lang entfremdete, bis er beide 1980\u00a0 (&#8218;Solidarnosc&#8216;) ganz neu entdecken musste.<\/p>\n<p>Sein \u201aKunstwille\u2019 &#8211; Die erlebten Episoden und fremden Geschichten hat er zu austauschbaren Kieseln glattgeschliffen, mehrfach montiert und verwendet und schlie\u00dflich im Buch \u201eLapidarium\u201c als zeitlose Weisheiten ausgegeben.<\/p>\n<p>Von den \u00fcblichen Zw\u00e4ngen und Kontrollen eines gew\u00f6hnlichen Reporters (<em>Was? Wer? Wann? Wo? Wie?<\/em> Faktencheck) konnte sich Ryszard befreien, aber nicht vom verinnerlichten \u201ainternationalistischem\u2019 Programmauftrag. Gut f\u00fcr ihn, dass er lange Zeit \u00fcber naiv war, da er die gestanzten Worth\u00fclsen des Kalten Krieges ohnehin benutzen musste.<\/p>\n<p>Ein Mann, der auch nach 1990 keine Kritik akzeptierte, Afrika sp\u00e4ter in nostalgischer Stimmung besuchte, Mao und China politisch aus Parteidisziplin ignorierte.<\/p>\n<p>Er wollte als <em>Junkie<\/em>\u00a0 des authentischen Aufbegehrens in aller Welt den Kick immer wieder erleben.<\/p>\n<p>Warum hat ihn aber die an ihren eigenen B\u00fcrointrigen erschlaffte Nomenklatura zuverl\u00e4ssig mit (knappem) Geld und P\u00e4ssen versorgt? Weil er Stimmungsmache f\u00fcr die europ\u00e4ische \u201eLinke\u201c betrieb \u2013 in <u>den<\/u> Regionen, in denen sich noch\u00a0 Sympathien gewinnen lie\u00dfen \u2013 auf Stimmungen verstand er sich am besten, versichern verschiedene Zeugen. \u201eBefreiungsbewegungen\u201c als Sympathietr\u00e4ger \u2013 Abbildungssch\u00e4rfe w\u00e4re der Wirkung nur abtr\u00e4glich gewesen.<\/p>\n<p>Ein provinzieller Revolutionstourist. Mit Unterst\u00fctzung eines diktatorischen Regimes aus dem angeblich \u201abefreundeten\u2019 kommunistischen Teil des globalen Nordens schrieb er f\u00fcr ein provinzielles Publikum. Das in Polen war provinziell und das sp\u00e4tere in Deutschland ebenso.<\/p>\n<p>Die auf den hunderten von Seiten auftauchenden Personen vermitteln den Eindruck, dass er zu einer gro\u00dfen Familie von Seilschaften geh\u00f6rte. Kapuscinski &#8211; und damit wir Leser der Biografie &#8211; begegnen ihnen immer wieder und immer woanders. <u>Das<\/u> waren die Leute, die ins Ausland reisten und ihresgleichen den Weg bereiteten. Kapuscinski hat das ihn n\u00e4hrende System als \u201eHofstaat\u201c in \u201e\u00e4thiopischen \u201e und \u201eiranischen\u201c Verkleidungen beschrieben, wenn man den Recherchen des Biografen glauben darf.<\/p>\n<p>Internationaler Ruhm war ihm wichtig; deshalb musste zum Beispiel die mexikanische Ausgabe von \u201eAngola\u201c \u2013 die erste Publikation im \u201eWesten\u201c &#8211; von &#8218;kubanischem&#8216; Spanisch gereinigt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00dcberraschung! Dieser unaktuelle Autor ist eine aktuelle Gefahr!<\/strong><\/p>\n<p>Er passt zur aktuellen Zeitstr\u00f6mung enthemmter Moralisierung der Politik und zur schrecklichen Vereinfachung der Politik auf <u>eine<\/u> Front mit zwei Seiten.<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt vielleicht auch der R\u00fcckfall in die Denkmuster des Kalten Krieges gar nicht mehr auf.<\/p>\n<p>Er verkl\u00e4rte jeden Strategen oder St\u00fcmper an der Spitze \u201arevolution\u00e4rer\u2019 Bewegungen zum besonderen Menschen, strickte mit an deren Mythos, (S. 229 : Nkrumah, Che, Nyerere , &#8230;.), aus dem in Afrika die diversen nationalistischen Gr\u00fcndungsmythen wurden. Aus diesem Pool bedienen sich auch die neuen \u201akritischen\u2019 antikolonialistischen Aktivisten.<\/p>\n<p>Wie der trendige Betroffenheitsjournalismus heute pflegte er\u00a0 einen Kult der &#8218;kleinen Leute&#8216;, die doch als unvermeidlicher Kollateralschaden zwischen den Fronten bewaffneter &#8218;Befreiungsk\u00e4mpfe&#8216;\u00a0 aufgerieben werden. Zu denen b\u00fcxte er gern von den Botschaftsresidenzen und Pressekonferenzen aus, etwa um <u>etwas Neues <\/u>zu erfahren?\u00a0 Er musste wissen, dass die Revolution\u00e4re die Zivilbev\u00f6lkerung strategisch benutzten (&#8218;Fisch im Wasser&#8216;).<\/p>\n<p>Er liebte beides: \u201aHintergrundsinformationen\u2019 von oben und \u201aGeschichte aus erster Hand\u2019 von unten. Er war gegen\u00fcber seinen Informanten unkritisch, wenn ihre Tendenz \u201apasste\u2019 und sie farbige Erz\u00e4hlungen liefern, in Bars oder sonstwo. Das belegt Domoslawski durch glaubw\u00fcrdige Fachleute.<\/p>\n<p>So wie Kapuscinski \u201aLiterat\u2019 sein wollte, war er Kolportage-Literat, der durch gewichtige Helden und den Ernst seiner Themen beeindrucken wollte.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Domoslawskis Kapuscinski-Biografie <\/strong><\/p>\n<p>Sie macht die f\u00fcr Nicht-Polen bisher (vor Google) unsichtbare \u201aBrotarbeit\u2019 der Berichte von Kapuscinski sichtbar, etwas wie &#8218;geheimdienstliche&#8216; Informationen plus Spekulation &#8218;aus erster Hand&#8216; f\u00fcr eine begrenzte \u00d6ffentlichkeit, und mit den gleichen M\u00e4ngeln behaftet.<\/p>\n<p>Darin leistet Domoslawski wertvolle Vorarbeit f\u00fcr eine &#8218;Verurteilung&#8216; der Person Kapuscinskis, vermeidet aber systematisch den Eindruck der Anklageschrift. Durch Aufteilung und Scheindiskussionen wird das Gewicht jedes einzelnen Vorwurfs relativiert, also verringert.<\/p>\n<p>Es fehlt eine chronologische \u00dcbersicht seiner T\u00e4tigkeit \u2013 absichtlich? Um Spuren zu verwischen? \u2013 Niemand\u00a0 sonst h\u00e4tte sie so einfach vornehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein hundertprozent \u201epolnisches\u201c Buch: durch Name-dropping das \u201eWho-is-Who\u201c einer bis 1990 bestimmenden Warschauer Szene.<\/p>\n<p>Domoslawski will es wohl sich nicht mit seinen Informanten verderben, sie in ihren Handlungen und Urteilen nicht blo\u00dfstellen. Sie repr\u00e4sentieren schlie\u00dflich eine nicht unerhebliche Fraktion des heutigen Polen und eine Fangemeinde.<\/p>\n<p>Also eine \u201epolnisch\u2019 perfektionistische Biografie konventionellen Zuschnitts: Sechshundert Druckseiten Hagiographie, auch wenn der Held vor der H\u00e4lfte schon ausgez\u00e4hlt sein k\u00f6nnte. Aus deutscher Perspektive ist das Buch vor allem als zeitgeschichtliche Monografie n\u00fctzlich. In diesem Fall scheint mir &#8211; soweit ich sie 1976 und 1985-89 erlebt habe \u2013 die Atmosph\u00e4re gut getroffen <u>und<\/u> die Details zuverl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was Kapuscinskis Texte von \u201eAfrika\u201c vermitteln:<\/strong><\/p>\n<p>Die beanspruchte Gesamtzust\u00e4ndigkeit und die Ruhelosigkeit eines \u201aFliegenden Holl\u00e4nders\u2019 lie\u00dfen sich nur realisieren mit der &#8211; undurchschauten &#8211; Ideologie des <em>Panafrikanismus<\/em>, verquickt mit den Legenden der philosophierenden F\u00fchrergestalten wie Nyerere vom \u201eafrikanischen Sozialismus\u201c. Aber dann verhedderte er sich in der angeblichen <em>Korruption<\/em> der <em>neokolonialen<\/em> herrschenden Cliquen. Als reichte ein \u201eHeiliger\u2019\u201c wie Nyerere f\u00fcr den \u201aFortschritt\u2019 aus, verst\u00e4rkt durch die Ver\u00f6ffentlichung kritischer Berichten durch Ausl\u00e4nder. Oder ein politisierender \u201eDichter\u201c wie Neto.<\/p>\n<p>Kapuscinski wollte aus Afrika \u201aliefern\u2019. Aus Westafrika schrieb er einmal: <em>Die Lokalpresse ist \u201egrauenhaft\u201c, nichts als Prozessberichte, null Politik, ohne jede Meinung; \u201enichts aus dem man eine Depesche machen k\u00f6nnte\u201c. \u201eHier ist schon alles gefestigt&#8230;. Ostafrika war ein revolution\u00e4rer Vulkan, Westafrika ist wie Schweden oder die Schweiz\u201c<\/em> (249)<\/p>\n<p>(238:) Die <em>Revolutionsarmee<\/em> des brutalen Karume \u00fcbernahm auf Sansibar die Macht von der \u201e<em>neokolonialen Macht der arabischen Bourgeoisie\u201c<\/em>. K. war stolz, der erste Journalist vor Ort zu sein, weil er irgendwann mit Karume in einer Bar auf dem Festland ein Bier getrunken hatte.<\/p>\n<p>Seine B\u00fccher sind im konkreten Fall unzuverl\u00e4ssige Quellen, die st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcft werden m\u00fcssten, also f\u00fcr mich unbrauchbar. Und f\u00fcr normale unkritische Leser so sch\u00e4dlich, wie es eben Propaganda ist.<\/p>\n<p>Kurz: Von allen m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungen der bei der Lekt\u00fcre seiner B\u00fccher festgestellten M\u00e4ngel haben sich die schlimmsten bewahrheitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0Bilanz am 23.4.22<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Sein Ruhm ist Produkt des nationalistischen, aber auch cliquenhaften literarischen Personenkults in Polen. Das w\u00e4re ein eigenes Thema. In Deutschland scheinen die dominierenden Leserinnen schlicht ein zu tolerantes Publikum zu sein.<\/p>\n<p>Ein prominenter M\u00f6chtegern-Literat, den Karl Dedecius <u>nicht<\/u> \u00fcbersetzt hat, vielleicht weil der Linke nicht mochte? Oder weil ihn erst die afrikanischen und lateinamerikanischen Reportagen wenig begeisterten, und sp\u00e4ter nicht die Allerweltsweisheiten der B\u00fccher. Oder einfach Kapuscinskis \u201aKleine Fluchten\u2019 aus der grauen Realit\u00e4t Polens. Polanskis Parabeln und Hanna Kralls Reportagen etwa waren da ein gr\u00f6\u00dferes Kaliber, auch literarisch. Jedenfalls kein Revolutionskitsch f\u00fcr <em>Couch potatoes<\/em>.<\/p>\n<p>Was wollte der Rotbuch-Verlag mit der \u00dcbersetzung? Was bedeutet der Untertitel \u201eLeben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters\u201c? Und: Er gelte als \u201eder meistgelesene Autor Polens\u201c? Hat die Vertriebsabteilung die inhaltliche Entscheidung des Lektorats dem \u201aMarkt\u2019 angepasst?<\/p>\n<p>Der Lebenslauf eines ewigen Jung-Stalinisten und vom ZK geh\u00e4tschelten Dritte-Welt-Clowns, der die nach 1956 irgendwann unvermeidbare Ern\u00fcchterung \u00fcber Polen auf ein ganzes Jahrzehnt ausdehnte und nach 1990 noch zwei Jahrzehnte lang bef\u00fcrchtete, den Preis f\u00fcr die genossenen Privilegien doch noch entrichten zu m\u00fcssen, wird von D. bis ins Detail blo\u00dfgelegt.<\/p>\n<p>Internationale \u201alinke\u2019 \u201akulturelle\u2019 Seilschaften gleicher Generation vor allem in Lateinamerika, Meinungsmacher in den Feuilletons Polens (\u201eJahrhundertreporter\u201c) und Fan-Gemeinden (nicht nur in Deutschland) haben Kapuscinski immer wieder aufgefangen, aber heute ist ihre eigene Macht verblasst.<\/p>\n<p>Der von Beginn an unprofessionelle Journalismus von Ryszard Kapuscinski entwickelte sich \u00fcber Legendenbildung und Konfabulieren zu Formen, die literarischen Reportagen zum Verwechseln \u00e4hnlich sahen und nur bei exzellenter Kenntnis von Fakten und Verh\u00e4ltnissen zu enth\u00fcllen waren.<\/p>\n<p>Er lie\u00df sich zu lateinamerikanischen Journalismus-&#8218;Workshops&#8216;, die Freund Garcia Marquez organisierte, als Promi einladen, (622-625).<\/p>\n<p>Der ausf\u00fchrlich zitierte Auftritt in Mexiko (wann?)\u00a0 ist peinlich. Die gro\u00dfe Zahl der abgewiesenen studentischen Bewerber hat wenig zu bedeuten, geh\u00f6rt auf die Ebene von\u00a0 Karrierew\u00fcnschen. Mit dem Anspruch, einen \u201aNeuen Journalismus\u2019 mit illustrer Ahnenreihe (624: <em>Balzac, Goethe, Orwell, Malaparte, Chatwin, Baudrillard&#8230; <\/em>) zu begr\u00fcnden, macht er sich l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Lebens wollte er nach \u201eHerodot\u201c auch noch den Anthropologen Malinowski vereinnahmen (im Projekt \u201eReisen mit Malinowski\u201c) und schmeichelte sich, Kandidat f\u00fcr den Literaturnobelpreis zu sein.<\/p>\n<p>Ich gestehe:<\/p>\n<p>Au\u00dfer \u201eDer Fu\u00dfballkrieg\u201c (ein Sammelsurium) und \u201eAfrikanisches Fieber\u201c (atmosph\u00e4risch stark) und &#8211; nach der \u00f6ffentlichen Lesung &#8211; \u201eImperium\u201c habe ich kein Buch mehr von ihm mehr als angelesen, obwohl sie \u00fcber Jahre gut sichtbar im Regal standen und ich trotz einer Kritik an seiner \u201aHeimlichtuerei\u2019 meine positive Einstellung zu ihm bewahrte und selbstverst\u00e4ndlich Sachinformation erwartete. An \u201eImperium\u201c fiel mir blo\u00df eine geh\u00f6rige Portion \u201aenzyklop\u00e4dischen\u2019 Wissens auf, die ich mir heutzutage einfach bei Wikipedia besorgen w\u00fcrde. Er hatte es sich auch nur angelesen. Mit \u201eLapidarium\u201c konnte ich nichts anfangen.<\/p>\n<p>In Kenntnis seiner Erfindungen und Verf\u00e4lschungen steht bei mir sein Kredit auf Null. Genau wie sowieso schon sein abgestandene Antiimperialismus leninistischer Pr\u00e4gung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ist das Buch eine \u201eHagiographie? &#8211; Warum nicht, wenn wir unvoreingenommen heran gehen? (29.4.22)<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hagiographie\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hagiographie<\/a><\/p>\n<p><em>Die <strong>Hagiographie<\/strong> (auch in der Schreibweise Hagiografie, aus <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Altgriechische_Sprache\"><em>altgriechisch<\/em><\/a> <em>\u03c4\u1f78 \u1f05\u03b3\u03b9\u03bf\u03bd<\/em> <em>t\u00f2 h\u00e1gion<\/em><em> \u201edas Heilige, Heiligtum\u201c bzw. <\/em><em>\u1f05\u03b3\u03b9\u03bf\u03c2<\/em> <em>h\u00e1gios<\/em><em> \u201eheilig, ehrw\u00fcrdig\u201c und <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/-graphie\"><em>-graphie<\/em><\/a><em>) umfasst sowohl die Darstellung des Lebens von <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiliger\"><em>Heiligen<\/em><\/a><em> (<\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vita\"><em>Vita<\/em><\/a><em>) und ihrer Taten (<\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesta\"><em>Gesta<\/em><\/a><em>), als auch die wissenschaftliche Erforschung solcher Darstellungen. Hagiographische <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Quelle_(Geschichtswissenschaft)\"><em>Quellen<\/em><\/a><em> sind Texte oder <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Materielle_Kultur\"><em>materielle \u00dcberreste<\/em><\/a><em>, die geeignet sind, \u00fcber das irdische Leben der Heiligen, ihren <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiligenverehrung\"><em>Kult<\/em><\/a><em> und die nach \u00dcberzeugung der jeweiligen Kultgemeinschaft bewirkten <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wunder\"><em>Wunder<\/em><\/a><em> Aufschluss zu geben. Zu den Texten z\u00e4hlen etwa Viten (Heiligenleben), <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Translationsbericht\"><em>Translationsberichte<\/em><\/a><em>, Kloster- und Bistumschroniken, Erw\u00e4hnungen in sonstigen <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chronik\"><em>Chroniken<\/em><\/a><em> und anderen <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_der_Geschichtsschreibung\"><em>historiographischen Gattungen<\/em><\/a><em>, Authentiken (Beglaubigungsdokumente f\u00fcr Reliquien), <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiligenkalender\"><em>Kalendarien<\/em><\/a><em>, der Verehrung dienende literarische Gattungen in <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liturgie\"><em>liturgischen<\/em><\/a><em> Handschriften, beispielsweise <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hymne\"><em>Hymnen<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sequenz_(Liturgie)\"><em>Sequenzen<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antiphon_(Musik)\"><em>Antiphonen<\/em><\/a><em> oder <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Litanei\"><em>Litaneien<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Epigraphik\"><em>epigraphische<\/em><\/a><em> Zeugnisse (<\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inschrift\"><em>Inschriften<\/em><\/a><em>); zu den materiellen \u00dcberresten etwa <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ikone\"><em>Ikonen<\/em><\/a><em> und andere bildliche Darstellungen, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sakralbau\"><em>Kultbauten<\/em><\/a><em>, Kultger\u00e4t, Heiligengr\u00e4ber, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reliquie\"><em>Reliquien<\/em><\/a><em> und Reliquiare, <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Votivgabe\"><em>Votivgaben<\/em><\/a><em> und <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Devotionalie\"><em>Devotionalien<\/em><\/a><em>. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Domoslawski wei\u00df, warum er das Thema selber anspricht. Er ist kein braver \u201eEckermann\u201c wie Goethes Protokollant. Seine fast 700 Seiten enthalten alles, was zur Hagiographie einmal geh\u00f6rt hat: von der Selbstaussage des \u201aHeiligen\u2019 selbst wie der seiner Umgebung angefangen. Er betont auf jeder Seite den \u201ahohen Status\u2019 Kapuscinskis, sowohl gegen\u00fcber der Witwe wie den den Anh\u00e4ngern und selbst gegen\u00fcber Kapuczynskis Kritikern. Die angeblich hohen Erwartungen der Lesergemeinden in aller Welt sind ebenso sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Angesichts der beiden Verbotsprozesse f\u00fcr die Biografie erscheint der durchg\u00e4ngig dem\u00fctige, ja devote Ton peinlich, aber die Furcht des Autors berechtigt, als Verr\u00e4ter, als <em>Judas<\/em> (\u201e<em>der, den ich k\u00fcsse..<\/em>.\u201c) zur \u201aUnperson\u2019 zu werden.<\/p>\n<p>Warum hat er das Projekt auch dann nicht aufgegeben, als sich Kapuczinskis massive Neigung zur Legendenbildung und Quellenf\u00e4lschung abzeichneten?<\/p>\n<p>Vielleicht wollte er genau das erreichen, was ich an dieser Hagio-Biografie bewundere: die Potenz, die \u00dcberlegenheit der eigenen faktographischen wissenschaftlichen Methode an ihrem frechen und hartn\u00e4ckigen Leugner beweisen! Ich glaube mich an einige verr\u00e4terische S\u00e4tze innnerhalb seiner l\u00e4nglichen gewundenen Verteidigungsbem\u00fchungen zu erinnern.<\/p>\n<p>Es sind so viele Legenden, Verschleierungen und Weihrauch in der Welt. Und hier entkleidet ein erkl\u00e4rter und begabter Sch\u00fcler seinen <em>Meisterreporter <\/em>systematisch seiner L\u00fcgen, Legenden und T\u00e4uschungen, bis dieser Mensch ziemlich nackt vor uns steht: kein Vorbild, kein Meister, kein Heiliger, sondern ein Mensch in seiner diffusen Aura. Es ist auch ein Vatermord, schon weil Domoslawski in Lateinamerika das gleiche Feld beackert hatte. (Siehe unten pol.wikipedia)<\/p>\n<p>Es ist auch deshalb eine Hagiographie, weil Domoslawski sich nicht genug von seinem &#8218;Heldenreporter&#8216; l\u00f6st. Die welt- und landesgeschichtlichen Ereignisse und globalen Stellvertreterkriege reduziert er damit auf die Gro\u00dfe Kulisse f\u00fcr einen eingeflogenen, ahnungslosen und hilfsbed\u00fcrftigen \u201eReporter\u201c aus dem von Moskau abh\u00e4ngigen unzuverl\u00e4ssigen provinziellen Polen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Domoslawskis R\u00fcckzug vor der \u201epolitischen Biografie\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Unterschied zu einer politischen Biografie erhalten das Liebesleben, das \u201aletzte K\u00f6nigreich\u2019 Arbeitszimmer und das Sterben einen emotional bedeutenden Platz. War die Witwe gegen\u00fcber dem Leichenfledderer vielleicht nicht im Recht, als sie ihre Privatsph\u00e4re reklamierte? Die vielen \u201abefreundeten\u2019 Zeugen haben sich so leichtfertig verhalten, als k\u00f6nne ihre einzelne Enth\u00fcllung dem wunderbaren Gesamtbild \u00fcberhaupt nicht schaden. Oder als seien sie neugierig, was beim \u201aHeiligsprechungsverfahren\u2019 am Ende herauskommt. Meinten sie etwa, dass der <em>advocatus diaboli<\/em> eine reelle Erfolgschance bekommen sollte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Judas<\/strong><\/p>\n<p>Hat \u201e<em>Leb wohl, Judas<\/em>&#8230;\u201c von Ireneusz Iredynski(deutsch, Reclam-Leipzig 1983) bei Artur Domoslawski Pate gestanden? Ich zitiere die Eingangss\u00e4tze des Schauspiels auf Seite 7:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J<em>an: Wo waren wir stehengeblieben?<\/em><\/p>\n<p><em>Judas: Bei meinem Vater &#8230; dass er solche Einf\u00e4lle hatte &#8230; Es war komisch. Mutter hat erz\u00e4hlt, dass sie strikt dagegen war, mir diesen Vornamen zu geben &#8230;. Und da haben sie mich so getauft. Der Pfarrer wollte es nicht gelten lassen, aber Vater hat ihn \u00fcberzeugt. Es w\u00e4re ein Apostel. &#8230;. Na ja, aber was f\u00fcr einer. &#8230;. Ich hab dadurch gelernt, mich zu wehren.<\/em><\/p>\n<p><em>Jan: Durch was?<\/em><\/p>\n<p><em>Judas: In der Schule. Die andern riefen mir nach: Judas, her mit den Silberlingen, sonst kriegst du eins in die Fresse. &#8230; Da musste ich ran.<\/em><\/p>\n<p><em>Jan: Klar.<\/em><\/p>\n<p><em>Judas: Ich hab\u2019s gut gelernt.<\/em><\/p>\n<p><em>Jan: In den Magen oder in den Kopf?<\/em><\/p>\n<p><em>Judas: Beides.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Notwendige Erg\u00e4nzung 1.Mai 2022 :\u00a0 <\/strong><strong>Der \u201eClaas Relotius\u201c-Skandal 2017 <\/strong><\/p>\n<p>Mich interessierte seinerzeit der Fall nicht besonders, weil ich SPIEGEL, STERN und ZEIT &#8211; ebenso wie die diversen Sonntagsausgaben von Tageszeitungen &#8211; schon lange nicht mehr lese. Ich habe keine Zeit auf der Couch zu verschwenden, um irgendwann auf die Pointe zu sto\u00dfen. Auch sonntags nicht. In Wartezimmern gebe ich sp\u00e4testens nach zwei, drei Druckseiten auf.<\/p>\n<p>Mich wunderte nur, wieviel Wind um \u201edie Reportage\u201c als literarische Form gemacht wird, wieviel spezielle Kulturpreise daf\u00fcr vergeben werden. Welche Lobeshymnen ert\u00f6nen, auch zu Relotius. Ein Wirtschaftszweig feiert sich selbst. Wenn schon die journalistische Arbeit immer geringer gesch\u00e4tzt wird, wenn im Alltag immer weniger Mittel und Zeit zur Verf\u00fcgung stehen, immer mehr Praktikanten und schlecht bezahlte Anf\u00e4nger an die Front geschickt werden, die Korrespondenten immer weniger Sachverstand mitbringen, dann retten auch sch\u00f6n gemachte \u201eliterarische Reportagen\u201c nichts am System. Auch die Recherche-Pools der miteinander verbandelten Gro\u00dfverlage und politisierenden \u201eStiftungen\u201c produzieren Feigenbl\u00e4tter.<\/p>\n<p>Gerade die Vorw\u00fcrfe gegen Relotius und in diesem Zusammenhang gegen das SYSTEM SPIEGEL legen den Kern des Problems frei: Politkitsch, um Publikumserwartungen zu erf\u00fcllen. Oder als \u201eL\u00fcgenpresse\u201c Propaganda-Auftr\u00e4ge zu erledigen. Kriegsberichtserstattung hat augenblicklich wieder eine hohe Zeit. Um nicht grob zu erscheinen, m\u00f6chte ich an ein Interview Noam Chomskys erinnern. Er antwortet auf eine Vorhaltung des Partners (etwa): &#8218;Und warum sind Sie wohl in diese Position gelangt&#8216;?<\/p>\n<p>Die Themen der Reportage sind zu ernst, oft zu wichtig, um sie Stilisten zu \u00fcberlassen. Oder sie sind schlicht \u00fcberfl\u00fcssig. Wo Pressefreiheit herrscht, d\u00fcrften auch prominente Schriftsteller nicht die erste Wahl sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a03 Links<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das sehr lesenswerte Interview von Claude Fankhauser: &#8222;Autor im Gespr\u00e4ch: Artur Domoslawski&#8220;, bei reportagen.com, dem Internet-Magazin &#8222;REPORTAGEN<\/strong>&#8220; <a href=\"https:\/\/reportagen.com\/reportage\/autor-im-gespraech-artur-domoslawski?t=86d7c8a08b4aaa1bc7c599473f5dddda\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)\u00a0\u00a0<\/a><\/p>\n<p><strong>Rezension <\/strong><strong>in Die Welt, 12. April 2014 <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/literatur\/article126865031\/Vom-Gewicht-der-Tatsachen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a> <\/strong><strong>von Stephan Wackwitz: &#8222;Vom Gewicht der Tatsachen &#8211; Lob der Dokumentation: Artur Domos\u0142awskis Biografie der polnischen \u201eNew Journalism\u201c-Legende Ryszard Kapu\u015bci\u0144ski ist ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Grenzen journalistischer Freiheit&#8220;\u00a0 &#8211;<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ich zitiere im folgenden zentrale Abschnitte. Die Unterstreichungen sind von mir. (Gv)<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>(&#8230;.) \u00a02010 erschien im Warschauer Verlag \u015awiat Ksi\u0105\u017cki eine Biografie der polnischen \u201eNew Journalism\u201c-Legende Ryszard Kapu\u015bci\u0144ski, die bewies, dass die epistemologischen Komplikationen nonfiktionalen Schreibens keine abgehobenen literaturwissenschaftlichen Fragen sind, sondern Treibstoff sehr irdischer gesellschaftlicher Skandale. \u201e<u>Kapu\u015bci\u0144ski Non-Fiction<\/u>\u201c hei\u00dft das jetzt auch auf Deutsch greifbare Buch von Artur Domos\u0142awski, einem Reporter der \u201eGazeta Wyborcza\u201c, der mit dem verstorbenen Kapu\u015bci\u0144ski befreundet gewesen war und wie sein ber\u00fchmter Kollege und Mentor regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Diktaturen und Umst\u00fcrze in S\u00fcdamerika berichtet hatte. Diese Biografie l\u00f6ste in Polen gerichtliche Auseinandersetzungen, umfangreiche gegenseitige Verd\u00e4chtigungen, politische Diskussionen und allseitige Leidenschaftlichkeit aus.<\/p>\n<p><u>Um zu verstehen, wie ein so sorgf\u00e4ltig recherchiertes, abw\u00e4gendes und gerade in der moralischen Wertung eines Schriftstellerlebens geradezu skrupul\u00f6s multiperspektivisches Buch so wirken konnte, muss man etwas \u00fcber den literarisch-moralischen Status Kapu\u015bci\u0144skis in der postsozialistischen polnischen Gesellschaft wissen. <\/u>Kapu\u015bci\u0144ski war in den Neunzigerjahren und zu Beginn des Jahrhunderts so etwas wie ein s\u00e4kularer Heiliger. <u>Das lag nicht nur an seinem aphoristischen Alterswerk, das sich in seiner intellektuellen Substanz kaum \u00fcber die allgemein verbreiteten Meinungen, Vorurteile und Weltbilder des postsozialistischen polnischen juste milieu erhebt<\/u>, die entsprechenden Gemeinpl\u00e4tze vielmehr mit der moralischen Autorit\u00e4t des weitgereisten Kosmopoliten bekr\u00e4ftigte.<\/p>\n<p><u>Kapu\u015bci\u0144ski war vor allem in den langen dunklen Jahrzehnten zuvor <\/u>derjenige Schriftsteller gewesen, von dem man auch in der offiziellen Presse brillant geschriebene, undogmatische (wenn auch durchgehend marxistisch inspirierte) Berichte \u00fcber die Geschehnisse in aller Welt lesen konnte, <u>armchair travels f\u00fcr eine in ihrem sozialistischen Staat eingesperrte Gesellschaft, die auf ihre Weltoffenheit, Auslandsbezogenheit und Reisefreudigkeit zu Recht stolz gewesen war.<\/u> Kapu\u015bci\u0144ski wurde bewundert, geliebt und beneidet als der polnische Weltrepr\u00e4sentant \u2013 und als ein zeitgen\u00f6ssischer polnischer Schriftsteller, der \u2013 wie Mi\u0142osz, Lem und Mro\u017cek \u2013 schon seit den Siebzigerjahren zur Weltliteratur geh\u00f6rte.\u00a0 (&#8230;.)<\/p>\n<p><u>Gerade die Dekonstruktionen, die Domos\u0142awski einigen Hauptwerken Kapu\u015bci\u0144skis angedeihen l\u00e4sst, k\u00f6nnten sein Buch zu einem Klassiker auch der Literaturwissenschaft machen. <\/u>So hinterfragt er mit desastr\u00f6sen Wirkungen f\u00fcr die literarische Reputation Kapu\u015bci\u0144skis, warum der in seinem \u2013 nach 1990 ver\u00f6ffentlichten \u2013 Buch \u00fcber die Sowjetunion (\u201eImperium\u201c) dieses untergegangene Land eigentlich keine Zeile lang aus der Perspektive eines Mannes beschreibt, der immerhin von 1953 bis 1981 Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen ist \u2013 was, eben auch literarisch, eine vers\u00e4umte Chance von monumentalen Ausma\u00dfen darstellt.<\/p>\n<p><u>Oder er rekonstruierte mithilfe intensiver Quellenbefragungen, dass das Buch \u00fcber den Fall des \u00e4thiopischen Negus Haile Selassie, das aus Interviews mit H\u00f6flingen, Spitzeln und ehemaligen W\u00fcrdentr\u00e4gern seines Hofs zusammengesetzt zu sein beansprucht, <\/u>zwar als ein politisch sehr wirksames verstecktes Portrait der Polnischen Arbeiterpartei unter Edward Gierek funktioniert, aber <u>mit den \u00e4thiopischen Verh\u00e4ltnissen und auch mit den angeblichen Aussagen der zitierten Augenzeugen nicht allzuviel zu tun hat.<\/u><\/p>\n<p>Verteidiger dieses Verfahrens haben es als poetische Lizenz interpretiert, die es dem Reporter erlaubt habe, das Ph\u00e4nomen totalit\u00e4rer Macht \u201ean sich\u201c in einer poetischeren, und deshalb tieferen Wahrheit zu erfassen, als dass mit einem faktisch durchgehend korrekten Verfahren m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. <u>Aber als ich jetzt noch einmal in das Buch schaute, wurde mir fast schockartig klar, wie sehr das Wissen um die<\/u> nicht streng dokumentarische, sondern <u>offenbar weitgehend fiktionale Vorgehensweise Kapu\u015bci\u0144skis die literarische Qualit\u00e4t dieses Klassikers eben doch besch\u00e4digt.<\/u> \u00a0 (&#8230;.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>pl.wikipedia (<a href=\"https:\/\/pl.wikipedia.org\/wiki\/Artur_Domos%C5%82awski\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) : <\/strong><strong>Der Beitrag zu Artur Domoslawski ! &#8211; <em>Gutes Verst\u00e4ndnis des polnischen Textes dank Google Translate! Hier ein paar Ausz\u00fcge:<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Artur Domos\u0142awski (* 1. Dezember 1967) \u2013 polnischer Theaterwissenschaftler, Journalist, Schriftsteller, Reporter, Gewinner des Grand Press Award (2010), seit 2011 Journalist der Wochenzeitung Polityka. (&#8230;.)<\/p>\n<p>Lebenslauf<\/p>\n<p>1993 schloss er sein Studium an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Theaterwissenschaft an der PWST in Warschau ab. Er besch\u00e4ftigt sich haupts\u00e4chlich mit Lateinamerika, der Antiglobalisierungsbewegung, sozialen Konflikten und religi\u00f6sen Fragen.<\/p>\n<p>Sein Buch Latin American Rush (Dezember der Warschauer Literaturpremiere 2004 [1]) ist ein Reporterbericht \u00fcber Reisen durch fast ganz S\u00fcd- und Mittelamerika (einschlie\u00dflich Brasilien, Mexiko, Kuba, Argentinien, Peru, Chile), der mit den Geschichten verwoben ist dieser L\u00e4nder mit starker Betonung der Zeit der kommunistischen Revolutionen und Milit\u00e4rputsche. Ein gro\u00dfer Teil der Arbeit widmet sich der Beschreibung der Regime in Chile, Argentinien und Kuba sowie der Kritik marktliberaler Reformen [2]. Er erhielt die Beata Pawlak f\u00fcr das Buch mit dem Titel America Rebellious, eine Sammlung von Interviews mit amerikanischen linken Intellektuellen.<\/p>\n<p>Er wurde zum Journalisten des Jahres 2010 gew\u00e4hlt, geehrt w\u00e4hrend einer Gala in Warschau, organisiert von der Monatszeitschrift &#8222;Press&#8220; [3]. 2017 wurde er f\u00fcr das Buch Wykluczeni [4] f\u00fcr den Nike Literary Award nominiert.<\/p>\n<p>Am 1. Juni 2011 verlie\u00df er die \u201eGazeta Wyborcza\u201c f\u00fcr die Wochenzeitung Polityka [5]<\/p>\n<p>Der Fall der Kapu\u015bci\u0144ski-Sachbiographie<\/p>\n<p>Das 2010 erschienene Sachbuch Kapu\u015bci\u0144ski l\u00f6ste in den Medien eine Debatte \u00fcber die Biografie von Ryszard Kapu\u015bci\u0144ski, seine Beziehungen zum Regime der Volksrepublik Polen und die Zuverl\u00e4ssigkeit seiner journalistischen B\u00fccher aus. (&#8230;.) Am 14. Oktober 2016 hat das Berufungsgericht in Warschau die Entscheidung des erstinstanzlichen Gerichts rechtskr\u00e4ftig aufgehoben und Artur Domos\u0142awski das Recht erteilt, das Sachbuch Kapu\u015bci\u0144ski in vollem Umfang zu ver\u00f6ffentlichen. (&#8230;.)<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Redaktionelle \u00dcberarbeitung am 24.3.2023. Bisher wurde der Blog 77 x von 69 Besuchern angeklickt.<\/span><strong><span style=\"color: #ff0000;\"><br \/>\n<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachwort 11. Mai Mir war nicht so klar, welches Ansehen der Reporter Kapuscinski noch heute genie\u00dft. Nat\u00fcrlich konserviert das Netz auch noch die ersten Abwehrreflexe der Fans als taufrisch,\u00a0 z.B. Peter M\u00fcnder f\u00fcr CulturMag (LINK). Inzwischen ist das Enth\u00fcllungsbuch bereits bei medimops\u00a0 im Billigkarton gelandet. &#8222;Jahrhundertreporter&#8220; und M\u00e4rchenerz\u00e4hler war Kapuscinski noch erfolgreicher als 2017 Relotius [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[224,23,263],"tags":[],"class_list":["post-13828","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrika-medien-kritik","category-schoenschrift","category-vr-polen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13828","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13828"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13828\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16035,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13828\/revisions\/16035"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}