{"id":1377,"date":"2013-02-07T01:01:40","date_gmt":"2013-02-07T00:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1377"},"modified":"2024-02-13T12:30:06","modified_gmt":"2024-02-13T11:30:06","slug":"auf-dem-chinesischen-treidelpfad-in-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1377","title":{"rendered":"&#8222;Humanismus in China&#8220; -Fotoausstellung im MMK 2007"},"content":{"rendered":"<p>Konzeptionell, ethisch, politisch, methodisch und biografisch sind die verschiedenen Kunstszenen Chinas miteinander verbunden. <em>Humanismus in China,\u00a0<\/em>eine Zusammenstellung von 600 Fotos von 250 Fotografen \u00fcber 50 Jahre, mit Betonung der letzten 25 Jahre, wurde\u00a02007 in Frankfurt im MMK gezeigt. Da die damaligen Katalogtexte nicht gut zug\u00e4nglich sind, fasse ich deren Kernbotschaften hier zusammen und er\u00f6rtere sie\u00a0in Richtung\u00a0Liao Yi-wu und seiner literarischen Interviews.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Erl\u00e4uterung des Titels<\/b><strong>\u00a0&#8222;Humanismus in China&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Der irritierende, weil so ungreifbare und mit dem ersten Eindruck der Ausstellung unvereinbare Begriff <i>Humanismus<\/i> sollte nicht die gezeigten Verh\u00e4ltnisse charakterisieren, die Bilder sollten nicht die Geltung humanistischer Prinzipien vort\u00e4uschen. Er bezeichnet:<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>eine Haltung von <i>Intellektuellen<\/i>. <span style=\"text-decoration: underline;\">Bao Kun<\/span> zitiert S. 21 eine Definition des <i>bekannten arabischen Gelehrten Edward\u00a0 Said<\/i>: \u201e \u201e<i>Der zentrale Punkt scheint mir zu sein, dass der Intellektuelle ein Individuum ist, das die F\u00e4higkeit besitzt, eine Botschaft, eine Sicht, eine Haltung, Philosophie oder Meinung in der \u00d6ffentlichkeit zu repr\u00e4sentieren, zu verk\u00f6rpern und zu artikulieren<\/i>.\u201c\u00a0 (vgl. Ausf\u00fchrungen S.20!)<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Eine Bewegung in mehreren Medien: Musik, Literatur und Poesie, Fotografie und den anderen bildenden K\u00fcnsten mit flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4ngen, was den sozialen und k\u00fcnstlerischen, formalen Rang angeht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Yan Wendou<\/span> stellt fest: <i>Wenn man sich die Lebensl\u00e4ufe der an der Ausstellung teilnehmenden Fotografen, f\u00e4llt einem sofort auf, dass viele von ihnen auch als Kunstmaler und Literaten gearbeitet haben. Viele unter ihnen haben sowohl einen klaren Blick als auch einen scharfen Verstand. Viele schreiben genauso gut wie sie fotografieren k\u00f6nne, oder sie k\u00f6nnen sogar besser schreiben. Aber warum entscheiden sie sich f\u00fcr die Dokumentarfotografie? Ich denke, wenn es in unserer Gesellschaft nicht so viele L\u00fcgen und T\u00e4uschungen g\u00e4be, w\u00fcrden viele dieser 250 Fotografen nicht der Dokumentarfotografie nachgehen. sie w\u00fcrden sich eher mit den abstrakten K\u00fcnsten besch\u00e4ftigen oder einen leichteren Job suchen. (&#8230;) Der selbst\u00e4ndig denkende Kopf hinter dem Objektiv macht das Wesen einer guten Fotografie aus. viele chinesische Dokumentarfotografen sind Denker und Humanisten und dr\u00fccken sich mittels \u201aDokumentarfotografie aus. Sie leiden unter den mehrfachen Zwiesp\u00e4lten und Widerspr\u00fcchen, denen sie t\u00e4glich ausgesetzt sind: zwischen Ideen und Ausdrucksm\u00f6glichkeiten, zwischen Realit\u00e4t und Abstrahierbarkeit (von?) unserer Welt, zwischen Sprache und Bildern, zwischen Schnelllebigkeit unserer Zeit und R\u00fccksichtsnahme auf die Menschenw\u00fcrde, zwischen Beharrlichkeit und Opportunismus. sie wollen sich ihre Sch\u00fcssel Reis verdiene, gleichzeitig aber auch die Welt retten<\/i>.\u00a0 (48L-M)<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Fotografie bedeutete Humanismus eine Haltung, die im Widerstand gegen die <i>illusion\u00e4re Welt<\/i> chinesischer Medien der 60er und 70er Jahren entstand, als der Begriff des Menschlichen einfach auf den Kopf gestellt wurde und die Menschen vor den Kameralinsen zu einer Art <i>Amateurschauspielern<\/i> wurden, wie <span style=\"text-decoration: underline;\">Shi Baoxiu<\/span>\u00a0 (S.33 in: <i>Die Darstellung des Menschlichen in der chinesischen Fotografiegeschichte<\/i>) formuliert. <i>Die Fotografen schenkten den nat\u00fcrlichen Bildern, dem realistischen Ausdruck und der Individualit\u00e4t keine Aufmerksamkeit mehr. W\u00e4hrend der Gro\u00dfen Proletarischen Kulturrevolution erreichte die Situation ihren H\u00f6hepunkt. Die Fotografie mutierte zu einem blo\u00dfen Werkzeug der Politik und zu einer Waffe f\u00fcr Kampagnen<\/i>.(34)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Yan Wendou<\/span> spricht in seinem Katalogtext <i>Die Fahne der Menschlichkeit hoch halten<\/i> vom\u00a0 <i>F\u00fcnkchen Humanismus in China<\/i> seit den 80er Jahren und dass es sich <i>zu einem Feuerchen entwickeln<\/i> konnte.(46) Das ist 2004 geschrieben worden. Der Recherche zeigen die Jahre um die Jahrtausendwende eine auff\u00e4llige H\u00e4ufung entsprechender Aktivit\u00e4ten und Auftritte. <span style=\"text-decoration: underline;\">Liao Yi-wu<\/span> schrieb seine Reportagen zur selben Zeit wie das Team von <i>Humanismus in China<\/i> arbeitete.<\/p>\n<p>Was die Perspektive der ausgestellten Fotos angeht, benutzt <i>Yan Wendou<\/i>(45) einen Vergleich, den Touristen nachvollziehen k\u00f6nnen, die schon einmal die Schluchten des Yangtse befahren haben. Gewiss sind sie auf die schmalen Pfade <i>zwischen den Dorngestr\u00fcppen auf den steilen Felsw\u00e4nden<\/i> aufmerksam geworden, die fr\u00fcher Treidlern zum Ziehen der Boote stromaufw\u00e4rts dienten. Die Perspektive, die diese Ausstellung bietet. ist <i>die Perspektive eines Treidlers\u00a0 auf einem Treidelpfad und nicht die eines Reisenden auf einem Schiff. Man braucht daher auch keine pausenlose Belehrung durch einen Reisef\u00fchrer, keine willk\u00fcrliche Auslegung der Szenarien<\/i>\u201c f\u00e4hrt er fort. <i>Auf einem Treidelpfad r\u00fccken die Menschen und das menschliche Dasein in den Mittelpunkt unseres Blickwinkels.<\/i> Damit entdecken aber die Fotografen die Menschlichkeit in den Individuen wieder. Und das ist die 4., eine anthropologische Bedeutung von <i>Humanismus in China<\/i>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Er\u00f6rterung des theoretischen Konzepts<\/b><\/p>\n<p>Vorsicht, da ist die Idealisierung nicht weit, auch bei <span style=\"text-decoration: underline;\">Yan Wendou<\/span>, wie seine Beispiele zeigen. \u00dcberhaupt stellt er sich unsere Situation zu einfach vor. Er will verschiedene Auswahlkriterien blo\u00df individuell zugeben. Das ist bei den allermeisten Bildern nicht unser Problem.<\/p>\n<p>Er will aber nicht sehen: Wir sind ja keine Treidler, sondern Fremde, die ihm auf den Treidelpfad folgen. <i>Das sind Motive, bei denen die einfachsten Menschen verstehen, worum es geht<\/i>. Sind wir aber einfache Menschen? Das Gegenteil ist wahr.<\/p>\n<p>Wir haben zum Beispiel in der Regel einen moralisierten Begriff von Humanismus oder auch Humanit\u00e4t. Wenn wir grob unterteilen, geh\u00f6rt in China die Moral, der Konfuzianismus oder der Maoismus, in den Bereich der Institutionen, in der Moderne in den der Politik. Er ignoriert, ja zerquetscht das Individuum. Der Daoismus \u2013 f\u00fcr das Individuum zust\u00e4ndig &#8211; seinerseits ist nicht moralisch, obwohl darin tiefste Weisheit anzutreffen ist. (siehe Zhuangzi,\u00a0 auch die Studie \u201eDas ummauerte Ich\u201c von Sun Longji). Wir Westler brauchen schon die Belehrung, wenn auch nicht ohne Pausen, sensibel f\u00fcr unsere Fragen und geschickt im Umgang mit unter uns verbreiteten Aufmerksamkeitsdefiziten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Yan Wendou<\/span> vertraut auf die kluge Auswahl: Die ausgew\u00e4hlten Fotos sind durchgehend ruhig, zur\u00fcckhaltend bis introvertiert. Das ist durchaus verst\u00e4ndlich, denn wenn es um die Menschlichkeit geht, muss man nicht sofort Krallen und Z\u00e4hne zeigen. Die Fotos auf der Ausstellung sind nicht auf gewollte Effekte aus. sie sind nicht provokativ. Aber eben dadurch, gerade durch ihre authentische und ruhige Art verf\u00fcgen sie \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Aussagekraft und Glaubw\u00fcrdigkeit als manche Fotos in den Medien.(46) Die notwendige Anpassung an Europa \u2013 ist sie dem MMK gelungen? Und dem Katalog mit seinem billig produzierten und nur mit der Lupe lesbaren Textbuch? Meine erste Reaktion 2006 im MMK war dementsprechend k\u00fchl. Die Komposition war mir im Museum weniger durchsichtig als nun im Katalog. Man war zu nah dran, \u00dcberf\u00fclle und Redundanz haben die Differenzierungen totgeschlagen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Yan Wendou<\/span> ist selber ambivalent: Einerseits macht er eine neue Gef\u00e4hrdung der humanistischen Haltung aus: <i>Aber parallel zum Streben nach Menschlichkeit und Humanismus entwickelte sich die Salon-Doktrin des Formalen<\/i>.(46), andererseits &#8211; Traditionen und Lehrmeister sind sehr chinesisch \u2013 misst er die chinesischen Fotografen an der internationalen Konkurrenz: <i>Unser An Ge ist ein Erbe Brassai und Weegee. Unser Liu Sheng steht im Schatten von August Sander und Diane Arbus. Unser alter Herr Hou ragt nicht \u00fcber W.Eugene Smith und Sebastiao Salgado hinau<\/i>s.(46) Und er stellt entschuldigend fest: <i>Das chinesische Volk hat lange Zeit keinen Platz in der Geschichte der Fotografie gehabt. Oder die Menschen wurden falsch dargestellt. In China fehlte generell das Bewusstsein f\u00fcr den Humanismus<\/i>. (46)<\/p>\n<p>K\u00f6nnten Sander, Arbus, Delgado und die Fotografen des New Deal (46) nicht einfach vorbildliche Gesinnungsgenossen sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Dokumentarfotografie und Oral History \u2013 Vorbilder<\/b><\/p>\n<p>Das Entscheidende ist das Individuum. <span style=\"text-decoration: underline;\">Bao Kun<\/span> liefert einen Grundsatzartikel \u00fcber <i>Chinesische Dokumentarfotografie in Geschichte, Kultur, Politik und Ethik<\/i> (S.18ff.) und zitiert die linke amerikanische Auffassung von <i>Dokumentarfotografie<\/i> w\u00e4hrend des <i>New Deal <\/i>nach einem 1981 ins Chinesische \u00fcbersetzten Artikel:<\/p>\n<p><i>Charakteristisch sei die visuelle Reproduktion eines tief erlebten Augenblicks. So wie die pers\u00f6nlichen Erfahrungen, an die man sich klar und deutlich erinnert, sind die Bilder voll von psychologischer und emotionaler Bedeutung, sie kritisieren die Welt auf visueller Ebene. (&#8230;) Sie ist nicht gleich der logischen dokumentarischen Beziehung von \u201aObjekt \u2013 Verschluss \u2013 Objektiv \u2013 Lichtwert\u2019 auf der gew\u00f6hnlichen physikalischen Ebene; sie gibt tats\u00e4chlich eine komplizierte emotionale Beziehung zwischen demjenigen, der die Aufnahme macht und der Gesellschaft wieder. Ist dieses Gef\u00fchl nicht aus dem Foto zu lesen, geh\u00f6rt es auch nicht zum Genre der Dokumentarfotografie.<\/i> (20L) Der Autor kann nicht erkennen, dass dieser Artikel und ein weiterer Einfluss gehabt h\u00e4tten. Das h\u00e4lt ihn nicht davon ab, ihnen eine politische Rolle in den Medien zuzusprechen: <i>eine Stimme, eine Kraft der Kritik, ein Spiegel f\u00fcr die problematische Beziehung zwischen Mensch und Umwelt oder Mensch und\u00a0 historischer Kultur<\/i> <i>zu sein.<\/i> <i>Zwar k\u00f6nnen wir nicht erwarten, dass die Dokumentarfotografie die Geschichte von Grund auf ver\u00e4ndern kann, sie ist jedoch ein Druckmittel, das die Geschichte vorantreibt<\/i> &#8230; (20R)<\/p>\n<p>Auch er wendet sich gegen modische, eigentlich chronische technische Krankheiten in der Komposition, Farbgebung oder Bildsymbolik (?) (21L) und nat\u00fcrlich gegen Fotografen, die aus einer affektierten Pose heraus <i>ein vergr\u00f6\u00dfertes, entstelltes und d\u00e4monisiertes Bild von China pr\u00e4sentieren<\/i>. Alle beliebigen Bilder \u00fcber China seien <i>eine Irref\u00fchrung der Welt und eine Verletzung der nationalen Psyche<\/i>.(21M) \u2013 Damit bewegt sich <span style=\"text-decoration: underline;\">Bao Kun<\/span> auf dem schmalen Grat zwischen Kritiker und Zensor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Noch einmal: Wir sind keine Treidler! Im Gegenteil.<\/b><\/p>\n<p>Zeichen des <i>feudalen Aberglaubens<\/i> waren nicht nur den Maoisten verhasst, auch uns. Wir stehen in einer Gro\u00dfen Koalition fortschrittlicher Menschen. Schon die Revolution\u00e4re von 1919 und die KMT- Anh\u00e4nger bek\u00e4mpften die Volksreligion ( Siehe \u201eVerblichenes Gl\u00fcck \u2013 neues Gl\u00fcck\u201c in \u201eBilder vom Gl\u00fcck\u201c, 2002). Die Kommunisten\u00a0 versuchten sie sogar in ihrer anf\u00e4nglichen Schw\u00e4cheperiode f\u00fcr sich zu instrumentalisieren. Die Maoisten an der Macht versuchten sie mit Stumpf und Stiel auszurotten, wie einst die Bolschewiken den russischen Volksglauben. Der absoluten Herrschaft der KP China erscheinen uralte Volkstraditionen noch heute bedrohlich, mit gutem Grund.<\/p>\n<p>Reformerische Kr\u00e4fte mahnen das Regime bis heute vergeblich, moderne zivilgesellschaftliche Strukturen au\u00dferhalb der Parteistrukturen zuzulassen (Qinglian He: China in der Modernisierungsfalle, 2006, VR China 1998 \u2013 Kap.9: <i>Die Wiederbelebung patriarchalischer Organisationen in den D\u00f6rfern und die Herausbildung mafi\u00f6ser Kr\u00e4fte in den Regionen<\/i>). Es w\u00e4chst nicht nur die soziale und materielle Kluft, sondern auch die zwischen Peripherien und\u00a0 Zentrum.<\/p>\n<p>Was haben aber wir damit zu tun?<\/p>\n<p>Bereits die Missionare und ihr westlicher Unterst\u00fctzerkreis, dann im zwanzigsten Jahrhundert die Reiseschriftsteller und ihr Lesepublikum entsetzten sich \u00fcber das, was in China normal war. Plakativ: Opium, \u00f6ffentliche Hinrichtungen und Lilienf\u00fc\u00dfe. Unter der gelben Gefahr verstanden sie die Aussicht, die Chinesen k\u00f6nnten in einem Mongolensturm ihre Verh\u00e4ltnisse auf die westliche Welt \u00fcbertragen. Gerade politisch links engagierte Intellektuelle standen entschlossen auf der Seite der Modernisierer Chinas jeglicher Couleur. Chiang Kai-shek ebenso wie Mao Zedong\u00a0 betrieben <i>Public Relations<\/i> in Richtung Westen (etwa Edgar Snow). dort setzte sich das Sympathisieren unverdrossen in der Zeit des Kalten Krieges fort bei zunehmender Selbstverblendung \u00fcber das, was <i>die chinesische Revolution<\/i> hie\u00df. Bekannter H\u00f6hepunkt waren zehn Jahre der <i>Gro\u00dfen Proletarische Kulturrevolution<\/i>. Nach einer Phase der Zerknirschung und Desorientierung wurde unsere Haltung differenzierter, wenn nicht diffuser, aber immer auf eine Modernisierung Chinas hin gepolt. Die positive Wertsch\u00e4tzung von Traditionen Chinas war auf die Sph\u00e4re von Philosophie und Weltreligionen und auf die materiellen Best\u00e4nde der altchinesischen Hochkultur beschr\u00e4nkt. Nach 1989 und erst recht nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums will uns die Staatspartei KPChina &#8211; entschlossene Revolution\u00e4re von Gestern &#8211; als Ewiggestrige und als Modernisierungshindernis erscheinen \u2013 wobei uns erst allm\u00e4hlich der Verdacht beschleicht, es handele sich vielleicht um eine Variante eigenen Rechts. Im Land selber sollen die ersten Jahrzehnte der Volksrepublik f\u00fcr das erstarkenden Selbstbewusstsein als das heroische Gestern eines turbulenten Heuten und strahlenden Morgen erscheinen. Im Katalog der Ausstellung \u201eChinesische Dinge\u201c fiel mir die resolute Entscheidung der Kuratoren auf, <i>die gr\u00fcne Feldflasche<\/i> der VBA oder <i>das gestickte Banner<\/i> (10) neben dem kaiserzeitlichen <i>Bauernkalender<\/i> (70) unter die nationalen Traditionen aufzunehmen.<\/p>\n<p>Nun konfrontieren uns chinesische Intellektuelle \u2013 K\u00fcnstler und Schriftsteller \u2013 mit sanfter Gewalt, wie auf dem <i>Treidelpfad <\/i>mit dem unverstellten Gesicht des chinesischen Volkes und ungesch\u00f6nten Resten chinesischer Traditionen. Wir sind aber in der Mehrheit keine jungen Leute mehr, wie sie unbelastet von historischem Wissen und moralischem Rigorismus seit f\u00fcnfzig Jahren durch die Welt ziehen und sie nehmen, wie sie ist. Nein auch gestandene, in einem kulturvollen Leben ergraute Menschen. Als moderne Europ\u00e4er und als Verehrer chinesischer Hochkultur sind wir sozusagen per Definition keine Freunde des chinesischen Volkes und seiner einfachen Menschen. Auf dem uns angebotenen <em>Treidelpfad<\/em> sind wir Touristen, was immer wir sonst gern w\u00e4ren. Was k\u00f6nnen wir anderes tun, als unsere einheimischen Begleiter, Schriftsteller, K\u00fcnstler, Fotografen zu idealisieren, sie in Helden zu verwandeln, die das f\u00fcr uns veredeln m\u00fcssen \u2013 in Literatur und Kunst verwandeln \u2013 was eigentlich unverst\u00e4ndlich und wenig anziehend ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Gefahren f\u00fcr unsere Begleiter<\/b><\/p>\n<p>Auf diesem Treidelpfad\u00a0 drohen unserem chinesischen Begleiter oder F\u00fchrer von beiden Seiten Gefahren. Zun\u00e4chst der Sturz in den Abgrund:<\/p>\n<p>Indem <span style=\"text-decoration: underline;\">Liao Yi-wu <\/span>literarisch und k\u00fcnstlerisch seine Menschenw\u00fcrde und die anderer Individuen einfordert, es ungeteilt nach traditionellen Ma\u00dfst\u00e4ben <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> nach westlichen modernen Normen tut, protestiert er gegen die aktuellen machiavellistischen Praktiken und Grunds\u00e4tze der Herrschenden. Er hat am eigenen K\u00f6rper erfahren, was es hei\u00dft, sich mit den herrschenden Strategen der chinesischen Modernisierung anzulegen. Bei unerw\u00fcnschter Publikation kann immer das Totschlagsargument gegen ihn verwendet werden, er sei Agent des Auslands.<\/p>\n<p>Doch er zieht zugleich als Rebell im traditionellen Sinne \u2013 darauf stand im Fall des Scheiterns sowieso immer die Todesstrafe \u2013 den Zorn der Obrigkeit auf sich. Es gibt in China keine Tradition, keine Staatsdoktrin, die ihn davor bewahren w\u00fcrde. Konfuzius ist darin eindeutig: <i>Au\u00dfer dem Himmelssohn hat niemand das Recht, die Sitten zu bereden, Ma\u00dfe zu schaffen und die Schreibart zu pr\u00fcfen. (&#8230;) Wenn einer zwar die Stellung hat, aber nicht die Geisteskr\u00e4fte, so soll er nicht wagen, Sitte und Musik zu schaffen. Wer andererseits zwar die n\u00f6tigen Geisteskr\u00e4fte hat, aber nicht die Stellung, der soll auch nicht wagen, Sitte und Musik zu schaffen.<\/i> (zitiert nach Borrom\u00e9e\/Palmer, S.19)<\/p>\n<p>Die st\u00e4ndige existentielle Bedrohung veranlasst einen solchen K\u00fcnstler und Literaten, bei unserer globalen kulturellen Olympiade mitspielen, macht ihn aber auch abh\u00e4ngig von unserer Anerkennung als K\u00fcnstler. Galeristen, Kuratoren, Agenten, Trend-Scouts und\u00a0 Korrespondenten schw\u00e4rmen aus und bedienen sich am gro\u00dfen Angebot an Talenten. Man l\u00e4sst sich, wenn man das Gl\u00fcck hat, gerne mit unseren Kulturpreisen beh\u00e4ngen. Man bewirbt sich bei verschiedenen Adressen um Visa oder Asyl. Man h\u00e4tte einen Wunsch, aber man muss nehmen, was man kriegt, ob den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Nobelpreis, eine amerikanische Professur oder nur politisches Asyl.<\/p>\n<p>Die zweite Gefahr droht von oben: Entscheidungen aus heiterem Himmel, Steinschlag verst\u00e4ndnisloser Kritik oder blo\u00dfer Zur\u00fccksetzung.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt die Metapher vom <i>Treidler<\/i>\u00a0 Liao Yi-wu. Er war zweifellos immer ein Mann aus Sichuan, der nur bis Peking kam, weil man ihn gar nicht erst aus dem Land lie\u00df.\u00a0 Von siebzehn Reiseantr\u00e4gen wurden alle bis auf den letzten abgelehnt. Nach seiner Selbstdarstellung befindet sich Liao Yi-wu noch immer auf der Auslandsreise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Die doppelte, nein: kompliziertere Frontstellung des Intellektuellen Liao<\/b> \u2013 einmal zur Modernisierung in der Version der KPCh, zum andern gegen die unterdr\u00fcckerische Tradition Chinas, wie sie Karl Marx, Karl Wittfogel und schlie\u00dflich\u00a0 Barington Moore 1966 im Aufsatz \u201eTotalit\u00e4re Elemente in vorindustriellen Gesellschaften beschrieben haben. Dazu geh\u00f6rt gerade auch die normative Ordnung, welche die einfachen Menschen, die <i>Erdmenschen<\/i> noch heute am tiefsten verinnerlicht haben. Gerade sie beweisen in vielen seiner Interviews ihr Geschichtsbewusstsein. Geschichte ist hier Normsetzung. In manchem Interview sitzt L. selber zwischen den St\u00fchlen. Und die Gespr\u00e4che zeigen dies auch.<\/p>\n<p>Als Intellektueller kann er dem Menschenh\u00e4ndler, dem Bauernkaiser, dem alten M\u00f6nch u.a. in ihre Welt nicht folgen. Er argumentiert mit der Moderne gegen sie.<\/p>\n<p>Als chinesischer Mann sitzt er auch beim Thema Frauen zwischen den St\u00fchlen, k\u00f6nnte es jedenfalls. Wie hat er denn seine Gespr\u00e4chspartner gefunden? Er wollte Frauen weder als Kunde, noch Menschenh\u00e4ndler gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig benutzen, weder modern noch traditionell prostituieren. Eine Rezensentin hat fehlende Fraueninterviews moniert. Ich vermisse nichts. Bei \u201ePekingmenschen\u201c w\u00fcrde ich es sehr wohl. Schwesterlich solidarische Interviews hat bereits 1993 Ann Kathrin Scherer gef\u00fchrt. Sie wurden damals in Deutschland diskutiert (\u201eSieben Chinesinnen\u201c, KleinVerlag).\u00a0 Bei der Zeremonie \u00fcber dem Erhu-See hat eine jungen Frau eine Statistenrolle, bis sie die Zither zupft. Und dann greift er ihr respektlos in die Saiten, um seine improvisierte Rezitation energischer zu begleiten. (DVD)<\/p>\n<p>Seine Gespr\u00e4chspartner sind selber Teil beider Welten. Sie berichten von Gesch\u00e4ftsideen und Gesch\u00e4ften, ihren mehr oder weniger versch\u00e4rften Erfahrungen mit Beh\u00f6rden aller Art, sie urteilen \u00fcber ihre Enkel oder das Leben in der Stadt, \u00fcber Gestern und Heute (<i>Toilettenmann<\/i>), Stadt und Land. Sie kennen sich in der Terminologie ihrer Obrigkeit aus wie der \u00fcbertherapierte Klient in der seines Psychotherapeuten. Und auf eine perverse Art handelt es sich um eine unendlich lange und verst\u00f6rende Psychotherapie. So geh\u00f6ren neben aggressiven Kampagnen auch <i>Umerziehung durch Arbeit<\/i> und <i>Besserung durch Arbeit<\/i> seit einem halben Jahrhundert zum festen Repertoire des Regimes. Es dr\u00e4ngt mich, in das Geflecht eines solchen Gespr\u00e4chs einzutauchen!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die stummen fotografischen Momentaufnahmen von <i>Humanismus in China<\/i> auf die Bedingung \u00f6rtlicher und kultureller Vertrautheit\u00a0 angewiesen sind, bringt Liao Yi-wu die jeweils von den Partnern angesagten Themen zur Sprache. Er bringt sie sprachlich zur Welt. Die beiden \u00dcbersetzer \u00fcbertragen sie in unsere Alltagssprache und noch mal anders als im H\u00f6rbuch, ohne den Eindruck kinohafter Synchronisation zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Vor einer Lesung sollte man zur Einstimmung ein kraftvolles fremdes Musikst\u00fcck h\u00f6ren.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich zeigt sich l\u00e4ngst, dass <i>Humanismus in China<\/i> und <span style=\"text-decoration: underline;\">Liao Yi-wu<\/span>s dokumentarische Dichtung wenig mit der modernen internationalen Sph\u00e4re zu tun haben, worin sich etwa der von uns mit Recht geliebte Klaviervirtuose <span style=\"text-decoration: underline;\">Lang Lang<\/span> wie selbstverst\u00e4ndlich bewegt. Doch auf dem <i>Treidelpfad<\/i> soll es f\u00fcr uns diesmal kein Ausweichen geben! &#8211;\u00a0 Ein Experiment.<\/p>\n<p>7.2.2013, Redaktion Dezember 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konzeptionell, ethisch, politisch, methodisch und biografisch sind die verschiedenen Kunstszenen Chinas miteinander verbunden. Humanismus in China,\u00a0eine Zusammenstellung von 600 Fotos von 250 Fotografen \u00fcber 50 Jahre, mit Betonung der letzten 25 Jahre, wurde\u00a02007 in Frankfurt im MMK gezeigt. 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