{"id":13711,"date":"2022-03-25T12:19:13","date_gmt":"2022-03-25T11:19:13","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13711"},"modified":"2023-07-01T21:44:00","modified_gmt":"2023-07-01T19:44:00","slug":"erlebnisse-eines-tageloehners-in-berlin-gastbeitrag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13711","title":{"rendered":"Erlebnisse eines Tagel\u00f6hners in Berlin &#8211; Gastbeitrag"},"content":{"rendered":"<p><strong>___________________________________<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erlebnisse eines Tagel\u00f6hners<\/strong><\/p>\n<p><strong>I \u2013 Kuba, mon Ch\u00e9ri\u00a0\u00a0 (Nov. 2021)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das liege doch in Schwaben, erwidert Alejandro auf meine Auskunft, dass ich aus Freiburg komme. Angestachelt setze ich zu einer Grundsatzrede \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Badnern und Schwaben an. Doch Alejandro beschwichtigt mich sofort und versichert mir, dass er mich nur \u00e4rgern wollte, denn er wisse genau, dass Freiburg in Baden liege und was dies in Bezug auf Schwaben bedeute. Ich bin beeindruckt, denn f\u00fcr meine bisherigen Gespr\u00e4chspartner in Berlin entsprach alles, was s\u00fcdlich von Kassel liegt Bayern. Noch viel mehr beeindruckt bin ich jedoch, da Alejandro aus Kuba kommt und erst seit ein paar Jahren in Berlin lebt.<\/p>\n<p>Wir beide sind die n\u00e4chsten Tage f\u00fcr die Einlasskontrolle eines Luxusmode-Outlets zust\u00e4ndig, denn es ist \u201eBlack Week\u201c \u2013 d.h. die Woche des Black Friday (amerikanischer Konsumfeiertag) und es wird ein gro\u00dfer Andrang erwartet. <!--more-->Dieser bleibt dann jedoch coronabedingt aus und so haben wir Zeit f\u00fcr ausgiebige Unterhaltungen.<\/p>\n<p>Die Liebe hatte Alejandro aus einem Mexiko-Urlaub nach Deutschland gef\u00fchrt. Alles ging sehr schnell zwischen ihm und seiner deutschen Freundin, bald schon wurde die Heirat geplant, Alejandro zieht nach Deutschland. Dort erwartet ihn eine \u00dcberraschung, ein Bundestagsbesuch inklusive Wannseeschifffahrt \u2013 auf die Einladung einer AfD-Abgeordneten. Denn seine Ex-Schwiegereltern \u2013 die junge Liebe hielt leider doch nicht so lange \u2013 kommen aus Brandenburg und sind sowohl AfD-Parteimitglieder als auch Querdenker.<\/p>\n<p>Alejandro studiert inzwischen in Spanien, fliegt lediglich noch f\u00fcr die Arbeit nach Deutschland. Denn in Spanien gibt es keine Jobs f\u00fcr junge Menschen. All die \u201ekomfortablen\u201c Jobs wie Einlasskontrolleur, Nachtw\u00e4chter o.\u00e4. sind von \u00e4lteren Menschen besetzt, die sie brauchen, um ihre mickrigen Renten aufzubessern. F\u00fcr junge Menschen bleibt daher kaum Arbeit \u00fcbrig und wenn doch, dann zu sehr schlechten Bedingungen und noch viel schlechterer Bezahlung. Dies erkl\u00e4rt meinen Eindruck von den vielen Spaniern in Berlin <strong>&#8211;<\/strong> ein Gro\u00dfteil von ihnen studiert <strong>&#8211;<\/strong> welche bei Lieferdiensten oder Startups arbeiten, meist zu L\u00f6hnen und unter Verh\u00e4ltnissen, die heimische Arbeitnehmer f\u00fcr absolut inakzeptabel halten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In der Regel steigen die bereits etwas betagteren Kundinnen aus ihrem Auto \u2013 wahlweise BMW, Porsche oder Mercedes \u2013 und kommen \u00fcber den direkt vor dem Laden gelegenen Parkplatz zielstrebig auf den Eingang zu. Die meisten von ihnen kennen die Hausregeln und gehen automatisch zu den Schlie\u00dff\u00e4chern neben der T\u00fcr, um ihre Handtasche zu verstauen. Aufgrund der Coronabeschr\u00e4nkungen kommt jedoch aktuell eine neue Regel hinzu. Um die Anzahl der Kundinnen innerhalb des Ladens im Blick zu behalten, muss jede Kundin einen rollbaren, etwa 1,50m hohen Kleiderst\u00e4nder mit sich f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es kommt nun ein weiteres \u00e4lteres Ehepaar zur T\u00fcre herein, und die Dame geht wie selbstverst\u00e4ndlich zu den Schlie\u00dff\u00e4chern. Als wir ihr daraufhin jedoch den Kleiderst\u00e4nder mitgeben wollen, ist sie sichtlich verwirrt. Alejandro versucht ihr zu vermitteln, dass dies wegen Corona n\u00f6tig ist, doch die Dame stammt aus Frankreich und so trifft sein \u201espanisches\u201c Deutsch auf ihr rudiment\u00e4res Verst\u00e4ndnis der deutschen Sprache. Es folgt ein kurzer Moment des Z\u00f6gerns ihrerseits, bevor sie entschlossen durch den vor ihr stehenden Kleiderst\u00e4nder steigt.<\/p>\n<p>Alejandro und ich gucken uns, dank der Masken hoffentlich unbemerkt, breit grinsend an. Und auch ihr Ehemann ist sichtlich am\u00fcsiert und versucht sie abzuhalten: \u201eCheri, Cheri, no, no, no!\u201c. Sie versteht dies jedoch als Zeichen, dass der erste Durchgang nicht erfolgreich war und setzt sogleich zum zweiten Mal an. Daraufhin gibt es bei ihrem Mann kein Halten mehr. Er bricht in lautes Gel\u00e4chter aus. Endlich wird der Dame klar, dass es sich um einen Kleiderst\u00e4nder und nicht um einen Metalldetektor handelt. Peinlich ber\u00fchrt erkl\u00e4rt sie, dass sie sehr viel fliege und daher dachte, dass es sich um eine Sicherheitskontrolle handle. Als die beiden schlie\u00dflich in den Laden gehen, w\u00fcnschen wir ihnen \u2013 das Lachen mit letzter Kraft unterdr\u00fcckend \u2013 einen erfolgreichen Einkauf.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu seinen vormaligen Schwiegereltern bezeichnet sich Alejandro als liberal, sowohl in Gesellschafts- als auch in Wirtschaftsfragen. Und so verhandeln wir inmitten des Konsumtempels ein breites Spektrum an Sichtweisen, sprechen angeregt \u00fcber den kubanischen \u201eSozialismus\u201c und die deutsche Demokratie.<\/p>\n<p>Meine teils nostalgisch verkl\u00e4rte Sicht auf Kuba trifft dabei auf Alejandros Schilderungen einer Gesellschaft, die von extremem Mangel geplagt ist. Er sieht keine realistische Chance f\u00fcr Reformen oder eine merkliche Verbesserung der Lage. Ich erfahre im Folgenden von einem Exodus der Jugend aus Kuba, der noch st\u00e4rker sei als der in Spanien. Jeder, der die M\u00f6glichkeit dazu habe, verlasse das Land. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist das Interesse der Gro\u00dfm\u00e4chte an Kuba fast ganz zur\u00fcckgegangen. Abgesehen nat\u00fcrlich, von der nach wie vor anhaltende Sanktionswut der Amerikaner \u2013 deren Auswirkungen eine eingehendere Betrachtung an anderer Stelle verdienen \u2013 zeugen lediglich noch steinerne Monumente, wie etwa das Monstrum der russischen Botschaft in Havanna, von einer anderen Zeit.<\/p>\n<p>Ebenso verkl\u00e4rt wie mein Blick auf Kuba, ist Alejandros Blick auf Deutschland. Um sein Bild von einer nahezu perfekten Demokratie und klassen\u00fcbergreifendem Wohlstand zurechtzur\u00fccken, erz\u00e4hle ich von Korruption, allerorts fehlenden Investitionen, einem Bildungssystem, das einen \u00fcbersteigerten Egoismus f\u00f6rdert und der zunehmenden Prekarisierung immer gr\u00f6\u00dferer Teile der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>In der Folge diskutieren wir \u00fcber \u201eEntwicklung\u201c (im Kontext nachholender Modernisierung) und dar\u00fcber, was f\u00fcr eine Gesellschaft wir f\u00fcr erstrebenswert halten. Dabei wird deutlich, wie wir beide von den Verh\u00e4ltnissen geformt wurden, in denen wir aufgewachsen sind.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich das gro\u00dfe Defizit unserer Gesellschaft in einem Mangel an kollektivistischen Idealen ausmache, legt Alejandro seinen Schwerpunkt gerade auf das Gegenteil, einen Mangel an pers\u00f6nlichen Freiheiten. Und aus dieser Sicht ist es nur konsequent, dass er \u2013 trotz seiner Kritik an US-Imperialismus und konsumistischer Ma\u00dflosigkeit \u2013 in die USA,\u00a0 \u201cThe Land of the Free\u201d,\u00a0 ziehen m\u00f6chte. Viele seiner Freunde und Verwandten haben es dort bereits \u201egeschafft\u201c und so ist auch er hoffnungsfroh und will dort sein Gl\u00fcck versuchen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich kurz vor der Laden\u00f6ffnung noch eine kleine Warteschlange vor der Ladent\u00fcre gebildet hatte und der Andrang am Vormittag zwar nicht riesig, aber doch merklich war, hat der Publikumsverkehr in den letzten Stunden merklich abgenommen. Da sich inzwischen nur noch ab und zu eine Kundin in den Laden verirrt, beschlie\u00dft unsere Chefin, dass wir fr\u00fcher Feierabend machen d\u00fcrfen. Alejandro und ich packen also schnell unsere sieben Sachen und treten hinaus in die kalte Berliner Abendluft im November.<\/p>\n<p>J. M. (eingereicht ende Februar)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>___________________________________ Erlebnisse eines Tagel\u00f6hners I \u2013 Kuba, mon Ch\u00e9ri\u00a0\u00a0 (Nov. 2021) Das liege doch in Schwaben, erwidert Alejandro auf meine Auskunft, dass ich aus Freiburg komme. Angestachelt setze ich zu einer Grundsatzrede \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Badnern und Schwaben an. 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