{"id":1371,"date":"2010-09-09T21:21:34","date_gmt":"2010-09-09T20:21:34","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1371"},"modified":"2016-02-13T11:18:39","modified_gmt":"2016-02-13T10:18:39","slug":"im-netz-mueller-pohles-selbstzeugnisse1-unter-der-lupe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1371","title":{"rendered":"Selbstzeugnis eines Fotografikers (M\u00fcller-Pohle)"},"content":{"rendered":"<p>Es handelt sich bei M\u00fcller-Pohles Programm [1] im Zeichen der digitalen Medienrevolution um eine Neuauflage des Modernismus, <!--more-->den Fritz Kramer in den Kontext eines Ungen\u00fcgens an der Natur und der Wendung gegen die \u201eMimesis\u201c in der Moderne gestellt hat. Nicht \u201edie Natur versagt\u201c (IF) sich ihnen, sondern sie wenden sich gegen die Natur. M\u00fcller-Pohle nennt namentlich drei extreme F\u00e4lle: \u201eMonoly-Nagy, Rodschenko und Hausmann\u201c(I)<\/p>\n<p>Sein eigener Weg begann mit dem Vorbild \u201egro\u00dfer Regisseure\u201c (I) des Kinos. Ein wichtiges Bekenntnis, ebenso wie das, in der Praxis dem \u201efunktional einfachen Spielzeug\u201c Fotografie (I) den vorzug gegeben zu haben, und das brachte ihn auf den Weg der \u00e4sthetischen Verarmung.<\/p>\n<p>Hypothese: Er ist wie die allermeisten Fotografen im Grunde Techniker und begreift nicht, dass K\u00fcnstler sich zwar vor allem in der Moderne sogenannte Theorien zurechtgelegt haben, die sich aber in der Befeuerung ihrer Kreativit\u00e4t bew\u00e4hrten, ein St\u00fcck auch in der Anleitung ihrer<i> <\/i>Sch\u00fcler<i> <\/i>und Galeristen<i>.<\/i><\/p>\n<p>Er will an der revolution\u00e4ren Produktivkraft \u201eComputerisierung\u201c teilhaben, ihrer Macht, er will einen Platz in deren strategischen Labors ergattern (Abt. \u201eBildstrategien\u201c (IF)). Er wurde so vom (selbsternannten) K\u00fcnstler zum \u00dcberl\u00e4ufer. Nur nicht als Nostalgiker gelten! Den Anschluss nicht verlieren.<\/p>\n<p>M\u00fcller-Pohles Arbeiten sind offensichtlich auch nur \u201eGadgets\u201c (Flusser) \u00a0und er bietet sie \u2013 als \u201eAutor\u201c (trotz Flusser) sogar signiert an. Ins Netz stellt er blo\u00df Splitter. Ebenso braucht er Markenzeichen: \u201eVisualismus\u201c, \u201eGenerative Fotografie\u201c, \u201eNeosubjektivismus\u201c (IF) und eine \u00e4sthetische Ahnengalerie. Alles wie gehabt. Die f\u00fcr die 80er Jahre festgestellte \u201eethische und zugleich \u00e4sthetische Krise\u201c (IF) , \u201ein der Verfall der Glaubw\u00fcrdigkeit der Fotografie und ihre zunehmende Redundanz Hand in Hand gehen\u201c, h\u00e4lt offensichtlich immer noch an.<\/p>\n<p>Die Hoffnung auf das digitale Bild teilt M\u00fcller-Pohle mit Flusser, der geradezu eine Hymne darauf komponiert hat, und dies trotz, ja wegen dessen zerst\u00f6rerischer Wirkung. Das Abenteuerliche daran scheint mir, dass beide auf den entfesselten \u201eApparat\u201c draufsatteln wollen und die Verwissenschaftlichung und Kollektivierung des \u201ekreativen Prozesses\u201c forcieren. Operation gelungen, Patient tot. Welchen Nutzen f\u00fcr die Menschen soll eine solche Therapie haben? Sind Flussers existenzphilosophische Wurzeln, sein Humanismus,<i> <\/i>in den Achtzigern bereits<i> <\/i>abgestorben?<\/p>\n<p>Der erste \u00e4sthetische Eindruck der ins Netz gestellten Fotos ist <i>clean<\/i>, k\u00fchl und kontrolliert, was bei \u201etechnischen Bildern\u201c schlie\u00dflich auch zu erwarten ist, denn \u201einszenierende Fotografie\u201c soll schlie\u00dflich nicht konzeptionslos<i> <\/i>erscheinen, es sei denn, das w\u00e4re die raffinierte \u201eAbsicht\u201c. Mit den \u201eDom\u00e4nen der Inszenierung\u201c \u201ewie Pornografie und Werbung\u201c (IF) hat solche Kunstfotografie die Selbstbeschr\u00e4nkung auf\u00a0 den engen Horizont gemeinsam, den der Konzipierende und das Konzept erlauben. Die <i>realexistierende <\/i>Pornografie im Netz ist intelligenter, weil sie Angebote aus allen Richtungen und Stilen \u2013 auch stillose \u2013 aufsaugt und f\u00fcr den geneigten User wieder ausspuckt. Da gibt es noch Entdeckungen zu machen!<\/p>\n<p>Wichtiger als die auf die Personen bezogenen Aspekte ist ein weiterer:Was sich an der Fotografie bei ihrer Karriere zur Kunstgattung beobachten l\u00e4sst. Sie scheint in zwei Abteilungen zu zerfallen: in die geschlossene Abteilung der \u201eGr\u00fcnder\u201c, von Niepce bis Cartier-Bresson, samt den Nachz\u00fcglern der am Ende analogen Epoche, die man noch in den erlauchten Kreis einschmuggeln kann \u2013 auf Gr\u00fcndungsmythen will auch heute niemand verzichten \u2013 und die in die Zukunft offene Bewegung, \u00e4sthetische Speerspitze der Neuen Medien und eines neuen, angepassten Kunstbegriffs. Flusser konnten sie in den Achtziger Jahren so gut brauchen wie er sie. Waschechte Fotografen kennen sich mit Apparaten und Techniken aus. Sie suchen die irgendwie perfekte Oberfl\u00e4che. Ihre Theorien sind b\u00fcndiges Programm. Tiefgr\u00fcndiges Spekulieren \u00fcberlassen sie lieber jemand anderem, mindestens als Stichwortgeber. Jedenfalls, solange es st\u00e4ndig neue technische Programme\u00a0 auszuprobieren gibt. Nimmt das programmatische Geschw\u00e4tz \u00fcberhand, ist das ein Zeichen von Krise. Galerien und\u00a0 Museen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst, auch die akademischen Lehrst\u00e4tten, sind erstes Asyl, von wo aus sie wie alle Partisanen die weiteren Schritte planen, die letztlich zu einer globalen angewandten syn\u00e4sthetischen Wissenschaft f\u00fchren, die von der Klob\u00fcrste bis zum inszenierten Weltuntergang alles designm\u00e4\u00dfig im Griff hat.<\/p>\n<p>Ich muss die Perspektive zurechtr\u00fccken: Das Medium Fotografie wird von M\u00fcller-Pohle und Kollegen nur zum Teil vertreten, gerade weil diese Einzelk\u00e4mpfer mit beschr\u00e4nkten Budgets einem elit\u00e4ren Kunstbetrieb zuarbeiten, um einen wie immer \u201egearteten Dialog\u201c \u00fcber \u201einteressante Informationen\u201c in Gang zu halten. Geschw\u00e4tz. Um es mit einem Vergleich aus der Urbanit\u00e4t des 19.Jahrhunderts zu sagen: Nur der Pausensekt &#8211; Vernissage! &#8211; und die Ballettm\u00e4dchen sind daran interessant.<\/p>\n<p>In Wahrheit ist aus technischer Sicht in der Fotografie die Grenze zwischen <i>Kunst und Kommerz <\/i>irrelevant. Die Fotografie ist auch l\u00e4ngst nicht mehr Speerspitze. Im digitalen Film \u2013 keineswegs nur im Kino &#8211;\u00a0 beschleunigt sich die Medienrevolution. Doch schon in den heroischen Kinozeiten eines Chaplin und Fellini z\u00e4hlten die <i>wahren Cineasten <\/i>blo\u00df Einstellungen und Schnitte (\u201eCahiers du Cinema\u201c, Godard).<\/p>\n<p>Bald werden die Konsumenten wo immer sie wollen mitten im virtuellen Geschehen sein. Ob sie die beiden Sph\u00e4ren noch auseinander halten? Von Kriegsschaupl\u00e4tzen wird bereits die \u00dcberlagerung von physischem Ort und Information &#8211; aus dem Helm \u2013 berichtet.<\/p>\n<p>9.9.2010<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0 IF= \u201einszenierende Fotografie\u201c 1988\u00a0\u00a0\u00a0 I = Interview 1999\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 ADP =Niepce 1996\u00a0\u00a0 &#8211;\u00a0 alle im Netz<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es handelt sich bei M\u00fcller-Pohles Programm [1] im Zeichen der digitalen Medienrevolution um eine Neuauflage des Modernismus,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,10],"tags":[],"class_list":["post-1371","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fotografie","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1371"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3919,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371\/revisions\/3919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}