{"id":137,"date":"2011-12-17T00:00:37","date_gmt":"2011-12-16T23:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=137"},"modified":"2014-03-16T22:31:25","modified_gmt":"2014-03-16T21:31:25","slug":"betrifft-lesefruechte-vom-dritten-ufer-baitello-jr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=137","title":{"rendered":"Betrifft: \u201eLesefr\u00fcchte vom Dritten Ufer\u201c &#8211; Baitello Jr."},"content":{"rendered":"<p><b><\/b><b>Nachtrag, <\/b>der den ersten Beitrag verschlingt. Oder doch nicht?<b> <\/b><\/p>\n<p><i><span style=\"text-decoration: underline;\">N<\/span><\/i>orval Baitello J\u00fanior : \u201eSchrift verschlingt Bild verschlingt Schrift. Auf der Suche nach dem anthropophagischen Denken bei Vil\u00e9m Flusser. Kommunikation als das Verschlingen des Anderen\u201c, <i>in: Susanne Klengel\/Holger Siever (Hg.) \u201eDas Dritte Ufer. Vil\u00e9m Flusser und Brasilien\u201c, K\u00f6nigshausen&amp;Neumann W\u00fcrzburg 2009, S.145 &#8211; 158 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Als ich j\u00fcngst diesen Essay von 2006 las, merkte ich, dass in der Versammlung meiner \u201eLesefr\u00fcchte\u201c etwas Wesentliches fehlt.<!--more--> Und pl\u00f6tzlich war es, als ob auch die Tagung in Lissabon 2011 und die darauf basierenden\u00a0 flusser-studies 11 daran ankn\u00fcpfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Norval Baitello sucht mit Sp\u00fcrsinn brasilianische Wurzeln im flusserschen Denkstil und findet welche. Vil\u00e9m Flusser erscheint als Kind der intellektuellen Rebellion in Brasilien gegen \u201emeist unkritische\u201c \u201e<i>pret-a-porter-\u00dcbernahmen<\/i>\u201c(146) aus den Metropolen. Die brasilianische Moderne sah sich als genialer und ungeb\u00e4rdiger Sch\u00fcler der Alten Welt. (146). Die Alternative des <i>Modernismo<\/i> war radikal eklektisch.\u00a0 In Deutschland sch\u00e4tzte der Herausgeber der Zeitschrift \u201eMerkur\u201c Hans Paeschke die Wildheit an Flusser<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, ebenso dachten wohl die FAZ-Redakteure in den Sechziger Jahren \u00fcber ihren schrillbunten Korrespondenten.<\/p>\n<p>Flusser\u00a0 hatte mit der Vertreibung aus Europa 1939-40 einen dramatischen Verlust erfahren. Was kam dem ins<i> Bodenlose<\/i> St\u00fcrzenden gelegener, als an der Peripherie der bewohnten Welt aufgefangen zu werden\u00a0 von unschuldigen\u00a0 <i>Anthropophagen<\/i> \u2013 Vicente und Dora Ferreira-Silva &#8211; die eine intellektuelle und k\u00fcnstlerische, nicht eine \u00f6konomische imperialistische <i>Anthropophagie<\/i> praktizierten. Er erlebte eine allgemeine Aufbruchsstimmung in den K\u00fcnsten und der Literatur, wo man <i>Ursprungsmythen<\/i> als ureigene Ausscheidung betrachtete &#8211; synthetisch und disparat wie Candomble, Voodoo, Capoeira, Samba und die Geschichten des Sertao. Flusser r\u00fchrte seinen eigenen Zaubertrank. Oswald de Andrade und Kafka, Seume und der Buddhismus kamen hinein, die j\u00fcdische Tradition wohl erst sp\u00e4ter. Diese Ingredenzien hatten ebenso viel Einfluss auf ihn wie die europ\u00e4ischen Philosophen Wittgenstein und Heidegger.<\/p>\n<p>Kreative Menschen verschlingen und verdauen seit jeher. Waum soll man diesen Vorgang nicht <i>anthropophagisch<\/i> nennen?<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Es war doch egal, wer die Vorlagen lieferte, ob mit Hans Staden ein transatlantischer Simplizissimus des 16.Jahrhunderts oder ein Ethnologe der Jahrhundertwende wie Koch-Gr\u00fcnberg<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. Hauptsache, ein brasilianischer Pfad f\u00fchrte aus der Vorgeschichte unmittelbar\u00a0 in die <i>Nachgeschichte<\/i> der modernen Zivilisation., Was Vil\u00e9m Flusser als gro\u00dfer, alles \u00fcberw\u00f6lbender\u00a0 Zivilisationsprozess erschien, war zugleich sein pers\u00f6nliches Thema: Traditionen auszuweiden und zu verschlingen, die mit den Katastrophen seines Jahrhunderts an ihr Ende gekommen waren.<\/p>\n<p>In seiner \u201e<i>Historia do Diabo<\/i>\u201ctrug seine Kritik an der industriellen Produktion und dem Konsumismus das tropisch-barocke Gewand der \u201e<i>V\u00f6llerei<\/i>\u201c. (ebd.: 150) \u201e<i>V\u00f6llerei<\/i>\u201c ist ein weit gespannter Begriff, der zum Beispiel von der Tods\u00fcnde der christlichen Theologie bis zur Physiologie<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> reicht &#8211; geradezu eine anthropologische Konstante. Darauf hat gerade wieder Achim Peters in der FAZ (4.6.11,S. Z3 ) in Verbindung mit dem Energiebedarf des Gehirns hingewiesen. Flusser entleerte den Begriff nicht nur, sondern st\u00fclpte ihn noch \u00fcberm\u00fctig um wie eine Socke \u2013 oder eher wie einen Damenstrumpf.<\/p>\n<p>F\u00fcr den von Baitello hypothetisch der Glosse unterlegten \u201e<i>Feminismus<\/i>\u201c \u00a0h\u00e4tte sich eine selbstbewusste Leserin der Zeitung \u201eGlobo\u201c sicher bedankt. In dieser Form hat der eine lange Tradition und ist auf allen Kontinenten verbreitet. Ich erkenne darin etwa Kali-Durga wieder, die nur ein paar T\u00e4ler weg neben dem \u201eBuddhismus\u201c beheimatet ist. Auch die\u00a0 Geister des afro-brasilianischen Voodoo lagern bedrohlich nahe bei der Shopping Mall des Konsumismus. Diese Geister verschlingen mit Vorliebe Luxusg\u00fcter wie Parfums, Cognac.<\/p>\n<p>Seien wir ernsthaft: Wir verm\u00f6gen dem Dichterdenker \u2013 \u201e<i>Literapensante<\/i>\u201c (Giannotti; ebd.: 146) &#8211; ja in seine k\u00fchnsten Kapriolen der Zeitkritik zu folgen, weil wir selber das Grundthema gut kennen. Immerhin erw\u00e4gt Baitello auch die M\u00f6glichkeit, das Buch sei \u201e<i>Flickwerk<\/i>\u201c. Er will seine Antwort von der rettenden \u201e<i>\u00fcberzeugende(n) gedankliche(n) Verkn\u00fcpfung<\/i>\u201c abh\u00e4ngig\u00a0 machen. (ebd.: 152) 2013: Was ist \u00fcbrigens daraus geworden?<\/p>\n<p>Ich res\u00fcmiere meinen Erkenntnisgewinn aus diesem Aufsatz, und der ist \u00fcberraschend gro\u00df:<\/p>\n<p>Ich lerne das brasilianische Nichts \u2013 genauer das des poetischen \u201e<i>Konkretismus<\/i>\u201c (ebd.: 154) &#8211;\u00a0 kennen, nachdem ich &#8211; in seinem brasilianischen Nachruf auf Hannah Arendt &#8211; bereits dem brasilianischen \u201eFunktion\u00e4r\u201c begegnet bin. Die zitierten fr\u00f6hlich spielenden Funktion\u00e4re (ebd.: 156) liegen offensichtlich Flussers telematischen Phantasien zugrunde. Und f\u00fcr den geliebten Essay \u201eH\u00e4user bauen\u201c erhalte ich brasilianische Kontexte. Obwohl mir die Kontexte aus der eigenen Lebenswelt vorher auch plausibel erschienen sind.<\/p>\n<p>Wir kennen in Europa aus den sp\u00e4teren Schriften vorwiegend ein<i> europ\u00e4isiertes<\/i> Bild von Vilem Flusser. Man betrachtete ihn vielleicht als R\u00fcckwanderer \u2013 solche Leute meinen wir Deutschen zu kennen \u2013 und er gab sich nach Jahrzehnten in Brasilien als moderner Nomade ohne feste Bindungen. In seiner Person wird die Vorspiegelung von N\u00e4he bis heute von seinem b\u00f6hmischen Akzent und \u00fcberhaupt seiner sprachlichen Gewandtheit verst\u00e4rkt. Das Bild von Brasilien ohnehin f\u00fcr viele von uns kaum detailreicher als die Vorstellung von\u00a0 Zuckerhut, Regenwald, Favelas und Brasilias Kolossalbauten. Wer las und liest in Europa schon brasilianische Literatur oder gar \u201akonkrete Poesie<i>\u2019<\/i>, zumal in \u00dcbersetzung? Die drei\u00dfig Jahre seines Lebens dr\u00fcben waren im Grunde f\u00fcr uns Deutsche eine irritierende L\u00fccke in seinem Lebenslauf, von ein paar z\u00f6gernd mitgeteilten Daten notd\u00fcrftig \u00fcberbr\u00fcckt. Das wird jetzt anders:<\/p>\n<p>Auch der autodidaktische Vil\u00e9m Flusser erh\u00e4lt in Baitellos Darstellung mehr Zeichnung und Tiefe: Er ist rebellisch und neugierig \u2013 nimmt Anregungen auf,\u00a0 so wie Kinder B\u00fccher verschlingen und frei in ihren Kosmos einbauen. Ganz in diesem Sinne thematisiert Baitello die brasilianische Kinderbuch-Rezeption von Stadens Kannibalen.(Vgl. ebd.: 147\/8\u00a0 4.Kap.)<\/p>\n<p>\u201eUnvorhergesehene(r) \u00fcberraschende(r) Formate\u201c (147) &#8211; \u00a0In solchen\u00a0 \u201eGesten\u201c sehe ich den aufblitzenden Schalk Vilem Flussers. Die \u201eGeschichte des Teufels\u201c ist Flussers erstes Buch (149) \u2013 W\u00e4re das nicht der auszuschildernde Anfang eines Ariadnefadens durch sein labyrinthisches Werk? \u00a0 \u00a0 \u00a0&#8211; \u00a0\u00a017.12.11<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Brief vom 12.8.1990 an Flusser: \u201e&#8230;<i> am Anfang unseres Kontaktes &#8230; empfand ich Ihr Temperament noch als exotisch und ihre Gedanken als eine h\u00f6chst originelle Paraphrase der so lianenhaft verschlungenen Gew\u00e4chse in den Urw\u00e4ldern Brasiliens<\/i>.\u201c Berliner Flusser-Archiv, Ordner : Briefwechsel mit \u201eMerkur\u201c u.a. deutschsprachigen Publikationen, S.109<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Nur der moderne Wissenschaftler muss \u2013 \u00fcbrigens ebenso wie seine Versuchskaninchen- seine <i>Verdauung<\/i> weitgehend nach au\u00dfen verlegen, damit sie auf die korrekte Anwendung der\u00a0 vorgeschriebenen Prozeduren kontrolliert werden kann. Oder doch nicht, weil sie niemand liest? (so Sloterdijk im \u201eSpiegel\u201c 49\/2011,126)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachtrag, der den ersten Beitrag verschlingt. Oder doch nicht? Norval Baitello J\u00fanior : \u201eSchrift verschlingt Bild verschlingt Schrift. Auf der Suche nach dem anthropophagischen Denken bei Vil\u00e9m Flusser. Kommunikation als das Verschlingen des Anderen\u201c, in: Susanne Klengel\/Holger Siever (Hg.) \u201eDas Dritte Ufer. Vil\u00e9m Flusser und Brasilien\u201c, K\u00f6nigshausen&amp;Neumann W\u00fcrzburg 2009, S.145 &#8211; 158 \u00a0 \u00a0\u00a0 Als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-137","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur_zu_vf"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=137"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":328,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137\/revisions\/328"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}