{"id":1366,"date":"2013-02-09T22:22:18","date_gmt":"2013-02-09T21:22:18","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1366"},"modified":"2024-02-13T12:51:20","modified_gmt":"2024-02-13T11:51:20","slug":"liao-yi-wu-der-weg-ist-zu-weit-9-2-2013","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1366","title":{"rendered":"Liao Yi-wu, gesehen durch die Optik von \u201eHumanismus in China\u201c"},"content":{"rendered":"<h4>Veranstaltungsidee f\u00fcr die &#8222;Lounge&#8220; des MAK Frankfurt\u00a0 Januar \/ Februar 2013:<\/h4>\n<h4>Liao Yi-wu\u2019s\u00a0 Erz\u00e4hlungen,<b> <\/b>gesehen durch die Optik von<b> <\/b>\u201eHumanismus in China<b> \u2013 <\/b>ein fotografisches Portr\u00e4t\u201c, MMK 2007<\/h4>\n<p>Als ich die Geschichten, genauer die literarischen Interviews, in \u201eFr\u00e4ulein Hallo und der Bauernkaiser\u201c las \u2013 in deutscher \u00dcbersetzung &#8211; schienen die Menschen ganz nah zu sein. Ich meinte sie deutlich wahrzunehmen, zumal beim Lesen mein angesammeltes Hintergrundwissen sich st\u00e4ndig bemerkbar machte wie ein junger Hund. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1302\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zu ausgew\u00e4hlten Kapiteln)<\/p>\n<p>Als ich dann den Katalog von \u201eHumanismus&#8230;\u201c aufschlug, entdeckte ich die Bilder ganz neu. Die Ausstellung in Frankfurt 2007 hatte mich, trotz einer gewissen Aufgeregtheit, mit dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Strom auftretender Individuen kalt gelassen. Heute wei\u00df ich: Sie waren stumm geblieben. Sie werden das im strengen Sinne auch bleiben. Doch erscheinen sie mir jetzt anders als damals, <i>plastisch<\/i>, entzifferbar. Es scheint m\u00f6glich, wenigstens einigen von ihnen Worte oder S\u00e4tze in den Mund zu legen \u2013 auch erkl\u00e4rende Worte \u2013 die sie selber gesagt haben k\u00f6nnten. Man mag \u00fcber so eine Skrupelhaftigkeit den Kopf sch\u00fctteln und auf das Allgemeinmenschliche verweisen, das uns alle verbinde. Mir ist darin zu wenig Greifbares, auch zu wenig Interessantes.<\/p>\n<p>Dann schaue ich mir den gut einst\u00fcndigen Film \u00fcber ein Treffen von Freunden mit Yi-wu zum Gedenken an die Opfer der &#8218;Anti-Rechts&#8217;kampagnen in einem abgelegenen ehemaligen Haftgeb\u00e4ude, einem <i>Kuhstall<\/i>, in den Bergen \u00fcber Dali\u00a0 in Y\u00fcnnan an. Ich sehe ein ziemlich beliebig erscheinendes n\u00e4chtliches Ritual und verfolge sehr emotionale Dialoge zwischen den Teilnehmern, h\u00f6re den Schlag der kleinen Trommel, Yiwus Fl\u00f6tenspiel und seine Beteiligung am Lautenspiel der einzigen Frau unter den Anwesenden.<\/p>\n<p>Die englischen Untertitel sind m\u00fchsam zu verfolgen, die S\u00e4tze dunkel und krass, von einsetzender Erm\u00fcdung und vom Rausch befeuert. Ich h\u00f6re Liao Yi-wu schluchzen und seine wilde Rezitation des Klagelieds \u2013 sie erinnert mich entfernt an den unvergesslichen heulenden Duktus des Russen J. Brodsky. Er ist wieder fremd. Paradoxerweise kenne ich ausgerechnet die Landschaft um den Erhu-See, auch das Panorama vor den Stallfenstern ist mir bekannt.<\/p>\n<p>Der bescheidene, mit einer wackligen Handkamera gedrehte Film, vermittelt eine neue Dimension.\u00a01988\u00a0ging auch ich arglos und ahnungslos \u00fcber diese buschig bewachsenen Bergh\u00e4nge, einzig ber\u00fchrt vom nahe gelegenen kleinen daoistischen Kloster, damals bereits wieder aufgebaut. Von ihm ist im Film aber nichts zu h\u00f6ren oder zu sehen.<\/p>\n<p>Ich denke an einen multimedial gest\u00fctzten Auftritt: Einleitend Liao Yi-wu\u2019s Musik und eine Folge von Bildern aus \u201eHumanismus\u201c, auch entsprechende Reisefotos von 1988. Am Ende eine Filmsequenz. Im Vortrag sollten die Zitate aus Liao\u00a0 Yi-wu von einer zweiten Stimme gelesen werden. \u00a029.1.2013<\/p>\n<p><strong>Der Film<\/strong> <em>ist Teil der Produktion &#8222;Erinnerung bleib&#8230;&#8220; (Essays von Herta M\u00fcller u.a.,CD,DVD; dt.,engl., chin.; FlyFastConcepts bei \u00a0Lieblingsbuch Berlin o.J. 2012<\/em><\/p>\n<p>Ich lernte Yao Yi-wu nicht \u00fcber die Medien kennen, sondern \u00fcber sein Buch in der Mitte der Sommerferien. Es gab ja <strong>viel Wirbel<\/strong> um ihn. Und der hat sich bis zum Herbst (Friedenspreisrede in Frankfurt) noch verst\u00e4rkt. Seither habe ich die nagende Sorge, mein Zugang \u00fcber das Buch k\u00f6nnte versch\u00fcttet gehen. Jemand fragte mich: <strong>wie <i>Pekingmenschen<\/i><\/strong> (dt.1986)? Ich konnte mich gar nicht mehr recht erinnern. Als ich Stephans Angebot einer Veranstaltung bereits angenommen hatte, las ich darin und bemerkte die erste H\u00fcrde: Das oberfl\u00e4chliche, vordergr\u00fcndig politische Interesse der Leute an solchen Berichten und die entsprechende Rezeption. Dagegen ist Liao nicht gefeit, wie Wen Huang\u00a0 in seiner kritischen Rezension der amerikanischen \u00dcbersetzung zeigt. Liao Yi-wu ist eminent politisch, aber auch wieder nicht, genau wie seine Rede in der Paulskirche: Er k\u00fcndigt der KP einfach das Mandat des Himmels auf. Er hat das Zeug zum vision\u00e4ren <i>Bauernkaiser<\/i>.<\/p>\n<p>Dann kam mir die <strong>Sprachbarriere<\/strong> zu Bewusstsein. Selten habe ich es so schmerzlich empfunden, nicht den Originaltext lesen zu k\u00f6nnen wie diesmal. \u00dcbersetzung ist immer Vertrauenssache. In diesem Fall fand ich ein positives Indiz: Eine von Linda Jarvis n\u00e4her beleuchtete Textstelle haben die deutschen \u00dcbersetzer treu \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Immerhin: Wir k\u00f6nnen wenigstens f\u00fcr lichte Momente die W\u00e4nde um unser Glashaus einrei\u00dfen und uns chaotischen Gef\u00fchlen \u00fcberlassen. Liao hilft dabei. Er ist Reisender durch diese Sph\u00e4ren, mancher seiner Gespr\u00e4chspartner auch. Que Yue: <i>Wir sind alle blind \u2013 wir wissen alle nicht, wo\u2019s langgeht<\/i>. (ebd. 486)<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend.<\/p>\n<p>Soll doch der Hans Peter Hoffmann auftreten! Privatdozent und \u00dcbersetzer der Geschichten, der \u201egerne zu Lesungen kommt\u201c, wie auf seiner Website steht.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre eine Menge F\u00e4den, aber durchwegs abgerissene F\u00e4den zu China! Selbst die chinesischen Rockmusiker der Achtziger sind weit weg! Mich haben meine eigenen Reiseerinnerungen verlassen. Was mich aber immer noch elektrisiert, sind die Bilder. Dabei war der Nachklang von \u201eHumanismus in China\u201c extrem dissonant. Mit dem Katalog \u00f6ffnet sich mir eine neue Dimension. Ich hasse Bilderfluten und Bilderinflation. Die alten Fotos aus der franz\u00f6sischen Zeitschrift \u2019<i>VU<\/i>\u2019, Hedda Hammer, Kollegin Wiegmanns und v.Brandts Zeitungsstiche &#8230;. dann die Kl\u00e4nge, die wilden Kl\u00e4nge: Von chinesischer Oper und Trauermusik zu Liao\u2019s <i>Gebr\u00fcll mit Fl\u00f6te<\/i> (<i>Das M\u00e4dchen Hallo<\/i>.. , 465) &#8230; die Legenden, Opernstoffe und Romane, die Geschichte, der Maoismus als Kulturgeschichte oder die Geschichte der Unterdr\u00fcckung in <i>Das ummauerte Ich<\/i> mit seiner <i>Higher Kind of Loyality<\/i>.<\/p>\n<p>War ich nicht seit der Zweiten Examensarbeit stolz auf meinen historisch fundierten Durchblick?\u00a0 Ich stehe f\u00fcr unorthodoxe Blickwinkel, den syn\u00e4sthetischen Medienmix, die Detailbeobachtung, das Crossover zwischen Wissenschaft und Poesie. Ich schrecke heute vor einer so breiten Aufgabenstellung zur\u00fcck, ebenso wie vor der Konkurrenz zu Fachleuten. Flusser hat mich lange viel Kraft gekostet, in China werde ich aber immer Analphabet bleiben; jetzt dachte ich sogar an eine Pekingreise. Mir werden die unbeackerten Felder in meiner N\u00e4he bewusst. Die Lebensepoche der provozierten Fremdheit ist f\u00fcr mich vor\u00fcber. Ich werde in rasantem Tempo bescheidener \u2013 und bequemer.\u00a0 Die chinesischen Fr\u00fcchte h\u00e4ngen mir zu hoch. Abschied nehmen? Vielleicht, wenn\u2019s die Geschichten, Bilder und T\u00f6ne und Legenden zulassen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veranstaltungsidee f\u00fcr die &#8222;Lounge&#8220; des MAK Frankfurt\u00a0 Januar \/ Februar 2013: Liao Yi-wu\u2019s\u00a0 Erz\u00e4hlungen, gesehen durch die Optik von \u201eHumanismus in China \u2013 ein fotografisches Portr\u00e4t\u201c, MMK 2007 Als ich die Geschichten, genauer die literarischen Interviews, in \u201eFr\u00e4ulein Hallo und der Bauernkaiser\u201c las \u2013 in deutscher \u00dcbersetzung &#8211; schienen die Menschen ganz nah zu sein. 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