{"id":1361,"date":"2007-09-20T19:19:13","date_gmt":"2007-09-20T18:19:13","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1361"},"modified":"2020-05-22T10:52:13","modified_gmt":"2020-05-22T08:52:13","slug":"1361","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1361","title":{"rendered":"Von China lernen &#8211; Unrechtsbewusstsein (Dialog)"},"content":{"rendered":"<p>Wie \u00fcber China aufkl\u00e4ren? &#8211; D. war hier. Was China angeht, spricht er von einem vagen Eindruck unvers\u00f6hnlicher Widerspr\u00fcche, einem zweigeteilten Bild Chinas, wie es die westliche Wahrnehmung seit mehr als hundert Jahren strukturiert: <!--more-->Weisheit und Hochkultur einerseits \u2013 Gelber Drache und Rote Ameisen andererseits, Gelbe Gefahr, Barbarei und Opium. K\u00f6nnte ich nicht Leute wie ihn an der Hand nehmen, mit einem Ratgeber, einem deftigen Unterrichtsbuch, z.B. f\u00fcr das Fach Ethik, oder besser noch im Stil von: <i>Clever Bluffen<\/i>? Oder noch besser: Meine Vielzahl erinnerter Geschichten launig verkn\u00fcpfen: Diderot\u2019scher Dialog mit Text-Einlagen von maximal zwei Druckseiten. Versuchen wir einen Dialog!<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Haben diese Wirtschaftsverbrecher, die unsere Kinder mit giftigem Spielzeug kontaminieren \u201egar kein Unrechtsbewu\u00dftsein\u201c?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht! Aus Sicht chinesischer Ethik \u2013 Mainstream &#8211;\u00a0 ist alles so einfach und schl\u00fcssig: F\u00fcr Mattells Kunden tragen diese Gangster schon gar keine Verantwortung. Bei Mattell wei\u00df das Management selbst, warum es in China produzieren l\u00e4sst und unter welchen \u201afr\u00fchkapitalistischen\u2019 Rahmenbedingungen. Man hat sich auf abgeschlossene Vertr\u00e4ge und die hauseigene Kontrolle verlassen? Selbst schuld, wenn man sich \u00fcbersch\u00e4tzt. Behandeln nicht gerade die Amerikaner Vertr\u00e4ge als Waffe gegen ihre Partner?\u00a0 Die Waffe war wohl diesmal stumpf, sie m\u00fcssen noch viel dazulernen, die Gr\u00fcnschn\u00e4bel! Betrogene Betr\u00fcger! Wollten uns mit den Preisen \u00fcber den Tisch ziehen. Wir haben akzeptiert, na und? Chinas Alltag kennt keine \u201a N\u00e4chstenliebe\u2019; die Idee ist vielleicht etwas f\u00fcr Frauen, die zu viel zu den Buddhisten\u00a0 laufen. Wer den Schaden hat, braucht f\u00fcr den Spott nicht zu sorgen.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Aber die Loyalit\u00e4t der Betr\u00fcger gegen\u00fcber ihrer eigenen chinesischen Firma? Es war doch klar, dass der Produktionsmangel binnen kurzem auffliegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Im Anschlu\u00df an Qinglian He (\u201aChina in der Modernisierungsfalle\u2019, 1998, dt. Hamburger Edition 2006) muss man davon ausgehen, dass die untreuen Manager die Firma rechtzeitig vor den Reklamationen verlassen haben und dass ihnen vielleicht ein halbes Jahr Vorsprung gen\u00fcgt hat, um die Profite abzuzweigen und den Nachfolgern den Scherbenhaufen zu hinterlassen. Hit and Run. Und dass sie sich sicher f\u00fchlen, weil sie Beziehungen haben. Unter anderen Pl\u00fcnderern. R\u00e4ubermoral, sehr alt.<\/p>\n<p>Die \u201aWeisheit der Daoisten\u2019 ist k\u00e4uflich. Jeder ist als Sch\u00fcler willkommen. Sie ist einmal eine\u00a0 Beziehungs- und Verhaltenslehre, die gef\u00e4hrliche \u201eStrategeme\u201c (H.von Senger) hervorbringt. Der\u201a<i>gute Koch<\/i>\u2019 des Zhuangzi (Dschuangdsi) braucht sein Messer nie zu sch\u00e4rfen, der \u201eGeneral\u201c und der intrigante B\u00fcrokrat gewinnen jede Auseinandersetzung, die sie annehmen. Geschmeidige Selbsterhaltung als einziges Prinzip. Ihre tieferen Inhalte und Werte kann man straflos ignorieren. Auch f\u00fcr den Daoismus gilt, was Zhuangzi\u00a0 in \u201aR\u00e4ubermoral\u2019 \u00fcber \u201e<i>die Moral der Heiligen<\/i>\u201c sagte: \u201e<i>dass die R\u00e4uber ebenfalls nicht ohne die von Heiligen geschaffene Moral ihr Handwerk treiben k\u00f6nnten. Nun sind der Guten auf der Welt nur wenige, der Schlechten aber viele, und darum ist der Nutzen der Heiligen f\u00fcr die Welt gering, ihr Schaden aber gro\u00df<\/i>.\u201c (Das h\u00f6chste Gl\u00fcck, it 3115, 2005, \u00dcbersetzung H.O.H.Stange, S.55)<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Alle westlichen Idealisierungen Chinas haben sich immer wieder aufgel\u00f6st in einer bestechend einfachen und anpassungsf\u00e4higen Denkart. Es ist ja nicht so, dass westliche Menschen moralischer handelten &#8211; nur zwei Stichworte: \u201eGammelfleisch\u201c und Waffenexporte &#8211; aber ein verlogener ideologischer \u00dcberbau l\u00e4sst sie oft h\u00e4ssliche Verrenkungen machen, um\u00a0 ihr Tun zu besch\u00f6nigen. Schopenhauer hat dies bereits angeprangert.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Hart am Leben ist chinesische Theorie, Alltagstheorie und hohe Theorie \u2013 sofern sie nicht als freche L\u00fcge das Gesicht zu wahren versucht, was wieder allgemein akzeptiert wird.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Willst du eigentlich Feindbilder verbreiten?<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Feindbilder geh\u00f6ren wohl zum \u00e4ltesten Bestand der Menschheit, und sie hat sie bereits geerbt, diese lebensnotwendigen Schablonen! Wer Gefahren nicht rechtzeitig wahrnimmt, geht unter. Damit hat Denken begonnen. Man hat uns Deutschen so viele Hemmungen eingetrichtert und als Menschlichkeit schmackhaft zu machen versucht. Umerziehung, <i>reeducation<\/i>, nicht wahr? Und nach einem halben Jahrhundert verlassen sich Wirtschaft wie Politik \u2013 wissenschaftlich beraten \u2013 schamlos offen auf die Sozialsteuerung. Es war ja schon l\u00e4cherlich, den politisch korrekten Diskurs ernst zu nehmen.\u00a0Mit solch gespaltenen Denken kann man die Welt nicht verstehen. Ich sage nur \u201eFrankfurter Rundschau\u201c.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Wir erleben die Auferstehung der Kategorie der Dummen, nicht eigentlich als T\u00e4ter, sondern als Opfer ihrer Illusionen und ihrer Gier. Vorerst in der Formulierung: \u201edumm gelaufen\u201c.<\/p>\n<p>Lasst uns von China lernen! Von seinen besten K\u00f6pfen!<\/p>\n<p>20.9.2007, Redaktion 7.12.2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie \u00fcber China aufkl\u00e4ren? &#8211; D. war hier. 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