{"id":13512,"date":"2021-11-08T22:52:19","date_gmt":"2021-11-08T21:52:19","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13512"},"modified":"2024-02-12T00:04:38","modified_gmt":"2024-02-11T23:04:38","slug":"der-wissenschaftler-und-das-irrationale-erster-band-beitraege-aus-ethnologie-und-anthropologie-1981-review","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13512","title":{"rendered":"Der Wissenschaftler und das Irrationale &#8211; Erster Band &#8211; Beitr\u00e4ge aus Ethnologie und Anthropologie&#8220; (1981)- Review"},"content":{"rendered":"<h4>Verfasst : 11.1.2020<\/h4>\n<h4>Beim St\u00f6bern in einem fremden Antiquariat sto\u00dfe ich im Herbst 2019 auf zwei dicke Paperbacks, die vor vierzig Jahren (1981) bei Syndikat in Frankfurt verlegt wurden. Da blickte ich aber als Gymnasiallehrer in eine andere Richtung. Ihr angeschmutzter Umschlag strahlt noch immer etwas von seiner fr\u00fcheren Eleganz aus &#8211; freches farbiges Titelbild von Wei\u00df umgeben. Im Innern herrscht kr\u00e4ftige Druckschw\u00e4rze in lesefreundlicher Gr\u00f6\u00dfe, ganz im Unterschied zu Suhrkamps wissenschaftlichen Taschenb\u00fcchern!<\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">&#8222;Der Wissenschaftler und das Irrationale &#8211; Erster Band &#8211; Beitr\u00e4ge aus Ethnologie und Anthropologie Herausgegeben von Hans Peter Duerr&#8220; so lockt der Titel noch immer.<\/span><\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<h4>Auf den 690 Seiten geht es um &#8222;Lehrjahre&#8220; , &#8222;Schamanen, Hexen, Ethnographen&#8220;, &#8222;&#8230; &#8222;Was der Professor nicht gesagt hat&#8220;, &#8222;Die Beschreibung des Fremden in der Wissenschaft&#8220;, &#8222;Irrationales in der Wissenschaft &#8211; lebensl\u00e4nglich&#8220;, &#8222;Religion des Volkes und Religion der Gelehrten&#8220; und vieles mehr. Den st\u00e4rksten Eindruck hinterl\u00e4sst bei mir &#8222;<span style=\"color: #ff0000;\">Die ethnoromantische Versuchung&#8220;<\/span> (S.377ff.) auf neun Druckseiten von <span style=\"color: #ff0000;\">Stephen O. Murray<\/span> (*1950 in St.Paul, Minnessota, u.a. &#8222;The Scientistic Reception of Castaneda&#8220; 1979). Ich lade heute meine Lesenotizen und subjektive Schlussfolgerungen vom Herbst 2019 hoch. Ich hoffe, dass die Botschaften von Murray &amp; Co trotzdem zu Ihnen durchdringen.<\/h4>\n<h4>Ein ganzer Band \u201eEthnologie und Anthropologie\u201c !<br \/>\n&#8218;Ethnologie&#8216; &#8211; Ein Wespennest an ausgepr\u00e4gtem Individualismus, voller Eifers\u00fcchteleinen um fiktive Reviere, Grenzziehungen, \u00dcberbietungen angesichts hoffnungslos \u00fcberdimensionierter Herausforderungen durch \u201eFeldforschung\u201c.<br \/>\nHin- und hergerissen zwischen dem Reiz des Exotischen, \u00fcberhaupt des Ungew\u00f6hnlichen und dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit, wechseln die Feldforscher zwischen Gr\u00f6\u00dfenwahn und Verzagtheit.<br \/>\nMan erf\u00e4hrt bei Murray ein wenig \u00fcber den Benimmcode der akademischen Welt, namentlich, wenn &#8222;wissenschaftliche Geringsch\u00e4tzung unsichtbar bleibt\u201c (382). Herausgeber wissenschaftlicher Magazine ziehen aus schlechten Erfahrungen (hier mit Castaneda) zwar ihre Lehren, &#8222;aber sie verm\u00f6gen keinen Grund zur Warnung jener zu sehen, die bislang in ihrer gl\u00e4ubigen Haltung nicht zu ersch\u00fcttern waren.&#8220; (ebd.)<br \/>\nWie immer habe ich mir mit der Ethno-Branche eine Richtung mit einer kurzen, aber um so dramatischeren Wissenschaftsgeschichte ausgesucht, von den Anf\u00e4ngen dieses (20.)Jahrhunderts, als es nur eine geringe Zahl von Anthropologen und viele dahinsterbende Kulturen gab (380) (&#8230;) bis zur gegenw\u00e4rtigen Anthropologie, wo jeder Anthropologe sein eigenes Dorf oder seinen eigenen Kulturbereich statt ein Monopol \u00fcber eine ganze Kultur oder noch fr\u00fcher einen ganzen Kulturkreis hat. (381)<\/h4>\n<h4>Ihr fehlen verl\u00e4ssliche institutionelle Rahmenbedingungen und allgemein anerkannte methodische Regeln. Zudem ist die Reproduzierbarkeit (angeblich) objektiver Ergebnisse, ohnehin meist fiktiv, denn\u00a0 \u201eeine Reproduktion von Untersuchungsbefunden\u201c ist unattraktiv: &#8222;W\u00e4hrend Originalit\u00e4t wissenschaftliche Aufmerksamkeit (und die damit verbundenen Belohnungen) auf sich zieht, gilt dies f\u00fcr Reproduktionen nicht&#8230;&#8220; Murray zitiert die Warnung aus einem &#8222;Methodologiekurs&#8220;, &#8222;dass Arbeiten zum Zweck der Best\u00e4tigung oder Widerlegung bereits erfolgter Untersuchungen mindestens dreimal so gut sein m\u00fcssten wie eine Originaluntersuchung, um eine Chance der Ver\u00f6ffentlichung zu haben.&#8220; (381) &#8211; Wie in der F.A.Z. (Sparte &#8222;Natur und Wissenschaft&#8220;) zu lesen war, gilt die Warnung allgemein in den Wissenschaften.<br \/>\nDie Situation wird durch Eigent\u00fcmlichkeiten des Forschungsgebiets versch\u00e4rft: \u201e\u00dcberdies ist der \u00e4u\u00dfere Druck selbst auf noch so isoliert lebende Gesellschaften so gro\u00df, dass bei Nachuntersuchungen festgestellte Unterschiede eher einem sozialen Wandel zugeschrieben werden als einer fehlerhaften Beobachtung bei der Erstuntersuchung. \u201c (381 f.)<br \/>\nDaher die abstrakte Selbstreferenz im permanenten Streit um die Dominanz konkurrierender Fachbegriffe (jetzt beispielsweise genderm\u00e4\u00dfig und postkolonial). Und die umfangreiche R\u00fcckversicherung im Anmerkungsapparat (meist ohne Seitennennung, der Name muss gen\u00fcgen), die niemand je \u00fcberpr\u00fcfen wird. \u201eSchulen\u201c und \u201eAutorit\u00e4ten\u201c dienen auch dazu, sich abzugrenzen von \u201eReisenden und Missionaren\u201c.<\/h4>\n<h4>Man beachte, dass Ethnologen \u00f6ffentlich in ritualisierter Form kommunizieren, per Vortrag, Aufsatz oder Studie, bewehrt mit wissenschaftlichem Anmerkungs-Apparat, dass sie daf\u00fcr geduldig zum <em>peer review<\/em> Schlange stehen, dass sie ihre prim\u00e4ren Feldnotizen zu Lebzeiten unter Verschluss halten und schlie\u00dflich sowieso in einem abgelegenen Archiv f\u00fcr die Nachwelt entsorgen. Die auf S. 381 beschriebene Tendenz wegen eines wachsenden Angebots an Anthropologen zur Spezialisierung und Verkleinerung der &#8218;Erbh\u00f6fe&#8216; hat das \u00dcbel der Segmentierung und \u201e\u00dcbertreibung des Exotischen\u201c (<span style=\"color: #333333;\">Maurice Bloch<\/span>, 378) verschlimmert.<br \/>\nMurrays Glosse ist voll pr\u00e4gnant formulierten Erfahrungen. z.B.: \u201eWenn jemand unter misslichen Umst\u00e4nden an einem fernen Ort unter Menschen lebt, zu denen er (Endlich spricht das Elend jemand aus!) nur mit M\u00fche eine Beziehung herstellen kann, und ein Dutzend Ph\u00e4nomene beobachtet, von denen elf gerade so vertraut erscheinen wie bei ihm zu Hause, so ist es das zw\u00f6lfte, das andersartige, von dem berichtet wird (&#8230;.), um die k\u00f6rperliche und seelische Unbill zu rechtfertigen.\u201c (377f.)<br \/>\nMir geht auf, dass ich quasi als Korrektur eines romantischen Kult um \u201eKulte\u201c banale Machtbeziehungen und soziale Funktionen hervorhebe, oder besser, um die Spannung zwischen beiden Arten von Ph\u00e4nomenen sichtbar zu machen\u00a0 nat\u00fcrlich auf den Schultern von MacGaffey, Kejsa-Engholm und Till F\u00f6rster (&#8222;Offensichtliches und Verborgenes&#8220; 1998).<br \/>\nOft gewinne ich auch den Eindruck, dass die Forscher sich in Details verlieren, beziehungsweise das ausf\u00fchrlich beschreiben, was sie \u201averstanden\u2019 haben. Die ganze von Josef-Franz Thiel erlebte F\u00fclle \u2013 oder manchmal D\u00fcrftigkeit \u2013 lese ich in seinem in vielen Facetten schillernden Erfahrungsbericht \u201eJahre im Kongo\u201c, der die Bodenhaftung an keiner Stelle verliert. (<a href=\"http:\/\/Jahre im kongo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK)<\/a> Literarisch eleganter sorgt Michael Oppitz daf\u00fcr, dass der Leser &#8211; und sei es durch \u00fcberraschende ironische Einsprengsel in einen darstellenden Text &#8211; regelm\u00e4\u00dfig daran erinnert wird, wo er sich befindet, und wo nicht.<br \/>\nWarum sind \u201aMonografien\u2019 so langweilig wie Konversationslexika? Gerade auch, wenn sie \u201avertraute\u2019 Ph\u00e4nomene f\u00fcr interessante \u201afremdartige\u2019 ausgeben? Vielleicht, weil die Autoren zuhause nie Heimatmuseen besucht haben.<br \/>\nWarum sind ethnographische Fotos so banal und im gebotenen Format fast nutzlos? Warum k\u00f6nnen die meisten Feldforscher \u00fcberhaupt nicht fotografieren? Unkreative B\u00fcrokraten? \u00c4sthetikferne Archivare? Die eingesammelten Objekte werden so eindimensional beschrieben?<br \/>\nWas ist irgendwo \u201awichtig\u2019? L\u00e4sst man sich von den Informanten herumschubsen?<br \/>\nKeine eigentliche \u201eBerufsausbildung\u201c, (388) im Umgang mit dem (positivistisch) \u201eMessinstrument\u201c, welches im Fall der anthropologischen Ausbildung \u201eder menschliche Beobachter\u201c ist. \u2013 Maja Nadig, die Parin\u2019s, Erdheim und die Ethnopsychoanalyse hatten da einen guten kommunikativen und reflexiven Ansatz!<br \/>\nNoch \u2019bis zu den 50er Jahren \u201egalten Berichte, die in der ersten Person geschrieben waren, innerhalb der Anthropologie als formal misslungen, aber (&#8230;) wenn man nicht wei\u00df, was dem &#8218;Feldarbeiter&#8216; eigentlich widerf\u00e4hrt, die H\u00e4lfte oder \u00fcberhaupt der gr\u00f6\u00dfte \/ Teil des Prozesses verloren geht.\u201c (zitiert B.Myerhoff 1980)<br \/>\nIch bem\u00fche mich, den \u201eFeldarbeiter\u201c als Zeuge zu beschreiben, aber das passt vorn und hinten nicht. Er ist kein reiner Beobachter, aber das sind Zeugen vor Gericht auch nicht. Er kommt mit Erwartungen und Fragen. Ist voreingenommen und naiv zugleich. Er sieht, was er \u201awei\u00df\u2019 \u2013 wenn er sich dar\u00fcber nicht irrt. Der ganze Rest wird kompliziert. Der Zufall sollte nicht die Hauptrolle spielen, doch auch das Forschungsprogramm (\u201eheute mit mehr Prothesen und enger gefassten Hypothesen arbeiten\u201c 384) hat sich inzwischen herrschenden &#8218;Agenda&#8216; gemausert) soll dann nicht zum verdeckenden Tunnelblick werden?<br \/>\nAndererseits ist er auf \u00dcbersetzer angewiesen, ihren Sprachk\u00fcnsten und eigenen Absichten. Wem vertraut er sich an? Wie sch\u00e4tzen ihn die Gegen\u00fcber ein? Wie geht man mit ihm um, baut er ihn lokalen Alltag ein? Zo\u00e9 Strothers zweij\u00e4hrige Erfahrungen bieten Anschauungsmaterial von ihrem unklaren und ambivalenten Status. Was h\u00e4tte sie eigentlich ohne den tiefgehenden Konflikt im Dorf mit nach Hause gebracht?!\u00a0 Das fragte ich mich bereits vor Wochen! (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10472\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>)<br \/>\nDer Band f\u00fchrt unterschiedliche Grenzg\u00e4nge vor. Unverkrampft erscheinen mir nur Leute wie Feyerabend, Oppitz und Parin, auch Ralph Linton in Madagaskar, (und nat\u00fcrlich Zo\u00e9 Strother) die den Leser \u201eabholen\u201c\u2013 bei seiner Lebenserfahrung wie an einer Bushaltestelle oder am Bahnsteig. Ein sch\u00f6nes Wort! Lieben wir nicht alle, von jemandem abgeholt zu werden, dem wir Vertrauen entgegenbringen k\u00f6nnen und der nicht so schrecklich kompliziert und anspruchsvoll ist? Der nicht eine neue Terminologie erfindet oder uns sonst ein zu enges Korsett anlegt. Der nicht mehr erz\u00e4hlt als was er wei\u00df und nach gesundem Menschenverstand wissen kann. Damit kommen die Autoren \u00fcbrigens ziemlich weit.<br \/>\nMichael Oppitz fotografierte (39, 59) im Dorf Taka 1981 einen \u201eSchamane(n) beim Ersp\u00e4hen einer Hexe\u201c. \u201eIch sehe Kathka diese Hexe sehen, sehe aber selber die Hexe nicht. Zugleich ist am Ort des Vorfalls (&#8230;) eine Intensivierung der Spannung zu sp\u00fcren. (&#8230;)\u201c (38) So kann man sich diesseits wie jenseits der \u201aGrenze\u2019 bewegen, weil der Verfasser in seiner Bescheidenheit einen ungeteilten Erfahrungsraum \u00f6ffnet.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verfasst : 11.1.2020 Beim St\u00f6bern in einem fremden Antiquariat sto\u00dfe ich im Herbst 2019 auf zwei dicke Paperbacks, die vor vierzig Jahren (1981) bei Syndikat in Frankfurt verlegt wurden. Da blickte ich aber als Gymnasiallehrer in eine andere Richtung. 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