{"id":134,"date":"2011-11-03T20:36:02","date_gmt":"2011-11-03T19:36:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=134"},"modified":"2014-03-16T22:32:33","modified_gmt":"2014-03-16T21:32:33","slug":"lesefruechte-vom-dritten-ufer-eine-buchempfehlung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=134","title":{"rendered":"Lesefr\u00fcchte vom Dritten Ufer \u2013 eine Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Susanne Klengel\/Holger Siever (Hg.), Das Dritte Ufer &#8211; Vil\u00e9m Flusser und Brasilien, W\u00fcrzburg 2009 ISBN 978-3-8260-3687-3\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das war wohl ein Kongress \u2013 in Germersheim (Deutschland) 2006 \u2013, an dem man gerne teilgenommen h\u00e4tte, der auch Jahre danach nichts von seiner Brisanz verloren hat. Vielstimmigkeit,<!--more-->doch nicht Jubelreden oder eitle Spielereien der Art: Womit k\u00f6nnte man Flusser noch in Verbindung bringen? Es muss spannend gewesen sein, die Diskussionen zu verfolgen, aber vielleicht ist auch jetzt erst die Grundlage einer solchen Diskussion gegeben.<\/p>\n<p>Ich habe Flusser f\u00fcr meinen Ethik-Unterricht an einem Gymnasium vor etwa f\u00fcnf-zehn Jahren entdeckt. Damals war Flusser der erste nicht sesshafte philosophische Autor im 20. Jahrhundert. \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c hatte mich f\u00fcr ihn gewonnen. Er l\u00e4sst mich seither nicht los. Eine intensivere Besch\u00e4ftigung in den vergangenen Jahren mit seinen Schriften und seinem Leben hat aber auch Frustration und Konflikte provoziert. Verschiedene Studien zu Flusser haben sie immer nur eine Zeitlang bes\u00e4nftigt.<\/p>\n<p>Ich will hier nur ein paar Beitr\u00e4ge hervorheben, die f\u00fcr mich in klarer Optik und vor allem unverschl\u00fcsselt Vil\u00e9m Flussers Existenz und Wirken in Brasilien beleuchten. \u00dcber diese Seite seines Lebens hat \u2013 so stelle ich an mir selbst fest \u2013 trotz aller Sekund\u00e4rlitera-tur Flusser die Deutungshoheit behaupten k\u00f6nnen, mit immer denselben Blindstellen und Unsch\u00e4rfen, was mir im nachhinein das bewunderte Buch \u201eBodenlos\u201c trotz seiner kon-zeptionellen Extravaganz doch zu einer typischen Autobiografie werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Izabela Furtado Kestler<\/span> kartographiert n\u00fcchtern \u2013 \u201eauf die philosophischen Werke [\u2026] werde ich nicht eingehen\u201c (S. 99) Flussers \u2013 Integration in die brasilianische Kultur, die ihn sogleich unversehens in eines der ideologischen Lager integrierte, zwischen denen sich die Rivalit\u00e4ten und politische Gr\u00e4ben nach 1964 immer mehr vertieften \u2013 Zuf\u00e4lle, die zum Schicksal werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Michael Hanke<\/span> bestimmt Flussers prek\u00e4ren Status in diesem Geflecht ohne Besch\u00f6-nigung. Auch der Zeitraum seines legend\u00e4ren Engagements in Brasilien grenzt sich auf eine Handvoll Jahre ein. Flussers Zwiesp\u00e4ltigkeit und Zweigleisigkeit h\u00f6ren nie auf. Ein Emigrant, der es sich auf seinen Koffern wohnlich eingerichtet hat \u2013 war das seine \u201edritte Position eines Immigranten\u201c (S. 119)? Kost\u00fcmierte er sich etwa blo\u00df als Brasilianer? Ge-wiss nahm er die Umgangsformen und Unarten seiner provinziellen intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Umgebung an. \u00dcber diese Zirkel \u00e4u\u00dferte er sich sp\u00e4ter bekanntlich herab-lassend. Doch was hei\u00dft das schon, wo er doch 1980 erkl\u00e4rte, \u00fcbrigens in Sao Paulo: \u201eWie provinziell Prag war, davon gebe ich mir erst jetzt Rechenschaft.\u201c (Vil\u00e9m Flusser, Zwie-gespr\u00e4che \u2013 Interviews 1967-1991, G\u00f6ttingen 1996, S.22)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">M\u00e1rcio Seligmann-Silva<\/span> verkn\u00fcpft Flussers zentrale Lebensleistung, aus Vertreibung und Exil eine menschenw\u00fcrdige Lebensperspektive zu gewinnen, aufs Intimste mit des-sen Herkunft und Schicksal. Er hebt auch zu Recht die Rang der bereits erw\u00e4hnten schmalen Textsammlung hervor, seine Er\u00f6rterung wirft auch ein gutes Licht auf die Komposition von <i>Jude sein <\/i>durch Edith Flusser und Stefan Bollmann. So klar ist mir die spezifische j\u00fcdische Identit\u00e4t Flussers noch nirgends geworden, und das in einer Weise formuliert, die nicht politisch zu missbrauchen ist. Es war dann sch\u00f6n, im Aufsatz nicht nur Walter Benjamin (pr\u00e4zise an zwei Punkten), sondern auch Ruth Kl\u00fcger zu begegnen sowie Flussers polnischen Schicksalsgenossen Witold Gombrovicz. Auch Derrida, Agamben und Girard helfen, Flussers Konzeptualisierung der Bodenlosigkeit zugleich zu kl\u00e4ren und zu verdichten.<\/p>\n<p>Auch <span style=\"text-decoration: underline;\">Joachim Michael<\/span> stellt zu diesem Essay kritische Fragen. So etwas ist erfri-schend zu lesen, weil es (noch?) Seltenheitswert hat, ausgerechnet gegen\u00fcber einem Au-tor, der bei jeder Gelegenheit Vorl\u00e4ufigkeit, Experiment und Provokation als seinen Stil behauptet und zu Kritik und Metakritik aufgefordert hat.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Susanne Klengel<\/span> verteilt in \u201eBrasilien denken\u201c ihre Kritik an Flussers Brasilien-Essay auf verstreute Bemerkungen (vgl. S. 118-21), wobei mir unklar bleibt, ob sie die Schrift \u201eAuf der Suche nach dem neuen Menschen\u201c eigentlich retten oder diskret verabschieden will. Das von ihr vorgeschlagene neue Etikett der Anthropophagie verbindet zwar Flus-sers Unarten mit der Essenz der brasilianischen Moderne, die Autorin \u00fcberzeugt mich aber nicht wirklich von deren untergr\u00fcndigen Einfl\u00fcssen auf Flusser. FLUSSER STUDIES 3<\/p>\n<p>Eine dazu passende Fallstudie scheint <span style=\"text-decoration: underline;\">Rainer Guldin<\/span> zu bieten. Er \u00fcberpr\u00fcft Flussers gescheiterten Dialog mit dem Dichter Haroldo de Campos anhand des in den Schriften erkennbaren Dialogpotentials. Es sieht danach so aus, dass vor allem Flusser von de Campos einiges h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen, aber das nicht begriff. Obschon er in <i>Bodenlos <\/i>klagte, Haroldo de Campos \u201everschloss sich jedem Argument, und schlie\u00dflich unterbrach er den Dialog\u201c, war er selbst wohl nicht dazu in der Lage. Er beendete den entsprechenden Ab-satz vielsagend mit: \u201eJedenfalls kritisierte man seine Gedichte weiter in der Presse.\u201c (Vil\u00e9m Flusser, Bodenlos, D\u00fcsseldorf und Bensheim 1992, S.155) Wie gew\u00f6hnlich privile-gierte er auch auf diesem Feld einen Aspekt und ignorierte den Rest, etwa relevante Diskussionen, ob nun ber\u00fchmte \u201ekunsttheoretische Diskussionen\u201c, oder \u201eaktuelle Debatten\u201c(S. 121) in der brasilianischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Autoren von <i>Das Dritte Ufer <\/i>nehmen auch Flussers Anspruch einzugreifen ernst und er\u00f6rtern explizit unterschiedliche Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Erfahrung des Scheiterns. Ich war gespannt auf die Rekonstruktion von Flussers Aktivit\u00e4ten als Kurator im Zusammenhang der S\u00e3o Paulo-Kunstbiennale 1973, die <span style=\"text-decoration: underline;\">Ricardo Mendez<\/span> bietet. Kurz und gut: das in der Branche \u00dcbliche: Gremien, Manifeste, Kontakte und Intrigen. Mein genereller Verdacht, dass Flusser ein rein strategisches Verh\u00e4ltnis zur Kunst pflegte, verdichtet sich. Beeindruckend ist die Nichtzulassung von 90% der Kandidaten. Der harmlose Gr\u00f6\u00dfenwahn von Festival-Avantgarden? Doch Flusser zeigte genau diese Symptome. Bei der einzigen Er-w\u00e4hnung von Schule im Beitrag horche ich auf, doch allem Anschein nach war f\u00fcr ihn \u2013 im Unterschied etwa zu Walter Benjamin \u2013 eine grundlegende Ver\u00e4nderung des Erziehungssystems kein besonders interessantes Thema. Dagegen die Videotechnik! Deren aus heutiger Sicht bescheidenes Potential hat Flusser sp\u00e4ter \u2013 meiner Kenntnis nach \u2013 nur zur Dokumenten seiner Auftritte genutzt \u2013 Videobotschaften \u2013 wie sie heute jeder Guru verbreiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich erlebe an mir, dass die n\u00fcchternen, aber vielf\u00e4ltigen Blicke auf das denkende Individuum Vil\u00e9m Flusser in <i>Das dritte Ufer <\/i>mir wieder den Kopf frei macht f\u00fcr faszinierende Entdeckungen in seiner komplexen, und inzwischen durchaus \u00fcbersichtlich dokumentier-ten Innenwelt. Rainer Guldin, Dirk Hennrich und andere f\u00fchren Konstruktionen und Rekonstruktionen mit sichtlichem Vergn\u00fcgen vor.<\/p>\n<p>Dann nagt wieder der Zweifel: Welchen Sinn macht es heute, immer noch mehr \u00fcber Flusser zu wissen, bis irgendwann ein un\u00fcberschaubares Wissen nur noch von einer Priesterschaft in Apparaten verwaltet werden kann, die Flusser als Datensatz generieren \u2013 solange \u00fcberhaupt noch Fragen eintreffen. Wollen wir ihn nicht als Menschen f\u00fcr uns bewahren \u2013 in manchem als tragische Gestalt, in manchem als Vorbild? Wollen wir selber nicht wirksam einzugreifen versuchen? Oder nehmen wir etwa sein Pathos des absurden Weiterlebens nach Auschwitz f\u00fcr nachwachsende Generationen zum Nennwert? Ein f\u00fcr eine telematische Gesellschaft kunstvoll gewirktes Sinn-Gespinst vor einem Abgrund Sinnlosigkeit ist f\u00fcr mich durchsichtiger Fummel, der so kleidsam wie \u00fcberfl\u00fcssig ist.<\/p>\n<p>Ich will nicht vergessen, den Herausgebern zu danken f\u00fcr ein substantielles, informatives und anregendes Buch, auch wenn das von meiner Besprechung nur unzureichend vermittelt werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P.S. 28.10.2013:<\/p>\n<p>Den Rat von Rainer Guldin, auch die \u00fcbrigen Beitr\u00e4ge zu rezensieren, h\u00e4tte ich ernst nehmen sollen! Schon einen Monat sp\u00e4ter verfasste ich &#8211; f\u00fcr mich &#8211; einen Nachtrag zu <span style=\"text-decoration: underline;\">Norval Baitello J\u00fanior<\/span>: &#8222;Schrift verschlingt Bild verschlingt Schrift&#8220; stie\u00df ich auf den ausgezeichneten Ausatz von <span style=\"text-decoration: underline;\">R\u00fcdiger Zill<\/span>: &#8222;Nomadentum als konkrete Utopie&#8220;. Ich m\u00f6chte hier auch hinweisen auf den Tagungsbericht von <span style=\"text-decoration: underline;\">Gustavo Bernardo Krause<\/span>, der ebenfalls in den Flusser Studies in der Rubrik &#8218;Reviews&#8216; erschienen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susanne Klengel\/Holger Siever (Hg.), Das Dritte Ufer &#8211; Vil\u00e9m Flusser und Brasilien, W\u00fcrzburg 2009 ISBN 978-3-8260-3687-3\u00a0 Das war wohl ein Kongress \u2013 in Germersheim (Deutschland) 2006 \u2013, an dem man gerne teilgenommen h\u00e4tte, der auch Jahre danach nichts von seiner Brisanz verloren hat. 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