{"id":13248,"date":"2021-09-02T16:18:25","date_gmt":"2021-09-02T14:18:25","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13248"},"modified":"2021-10-03T20:47:01","modified_gmt":"2021-10-03T18:47:01","slug":"die-werte-des-westens-in-afghanistan-j-buchsteiner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13248","title":{"rendered":"Die Werte des Westens in Afghanistan  (J. Buchsteiner)"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\">ZITAT<\/h1>\n<h3>ES H\u00c4TTE NIEMALS GELINGEN K\u00d6NNEN &#8211; DER WESTEN IST IN AFGHANISTAN AN SEINER EIGENEN HYBRIS GESCHEITERT, NICHT AN MANGELNDER ENTWICKLUNGSHILFE\u201c (Jochen Buchsteiner,1.9.21 FAZ Feuilleton)<\/h3>\n<p><!--more--><\/p>\n<h4>Vorwort<\/h4>\n<p>Es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn uns jemand eine Vorlage liefert, wie hier der angesehene Autor Navid Kermani dem erfahrenen Auslandskorrespondenten Jochen Buchsteiner <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/redaktion\/jochen-buchsteiner-11104502.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK<\/a> zum Kurzportr\u00e4t FAZ)<\/p>\n<h4>\u00a0\u201e ( ) Am Anfang einer ehrlichen Betrachtung ( ) sollte daher die Einsicht stehen, dass andere Kulturen andere Kulturen sind. Das ist keine banale Feststellung, denn die gegenteilige Auffassung hat die Au\u00dfenpolitik des Westens in den vergangenen drei Jahrzehnten angetrieben. Grundlage fast aller Fehlentscheidungen war die Hybris, dass die westliche Kultur gewisserma\u00dfen die h\u00f6chste Zivilisationsstufe darstellt und sich deshalb fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch \u00fcberall durchsetzen wird. Die operative Ableitung lautete: Eingriffe in nichtwestliche Systeme sind per se eine Befreiung f\u00fcr die Betroffenen, auch wenn sie dies nicht gleich verstehen. Als Asiaten wie Lee Kuan Yew und Mahadir bin Muhamed in den Neunziger Jahren die Universalit\u00e4t westlicher Werte infrage stellten und ihnen &#8222;asiatische Werte&#8220; entgegensetzten, die sich nicht \u00fcberwiegend an der Freiheit des Einzelnen ausrichteten, wurden sie als autorit\u00e4r beschimpft. Das war insofern berechtigt, als die beiden Politiker (mit Singapur und Malaysia) vergleichsweise autokratische Staaten regierten ( ). Aber autorit\u00e4r, ja dogmatisch war in Wahrheit die Gegenseite: Sie erkl\u00e4rte jede Alternative zu ihrem Modell f\u00fcr minderwertig. ( ) &#8222;<\/h4>\n<h4>(Afghanistan): \u201eDas Auff\u00fchren von Fakten &#8211; dass man es mit einer archaischen Stammesgesellschaft ohne Pluralismus-Tradition zu tun hat, dass der Islam afghanischer Pr\u00e4gung nicht mit modernen gleichberechtigungskonzepten harmoniert,\u00a0 dass Fremdherrschaft \u00fcber kurz oder lang am paschtunischen Stolz- und Ehrbegriff zerschellen wird &#8211; stand im Verdacht der R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit und schlimmer noch, der Relativierung.\u00a0 Sollte hier einer Kultur abgesprochen werden, reformf\u00e4hig zu sein? Wollte da jemand andeuten, dass sich der afghanische Muslim &#8211; und erst recht die afghanische Muslima &#8211; nicht genauso nach westlicher Freiheit sehnt wie wie jeder auf dem Globus? ( )&#8220;<\/h4>\n<h2><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Kommentar (Admin.)<\/h2>\n<p>Der Auszug endet mit zwei provokanten und das Problem ironisch zitierenden und daher missverst\u00e4ndlichen Frages\u00e4tzen. Im ersten liegt der Knackpunkt in einem westlichen Verst\u00e4ndnis von &#8222;reformf\u00e4hig&#8220;. &#8222;Reform&#8220; w\u00e4re also das Ergebnis von Schulung, Nachhilfe, ja Indoktrinierung\u00a0 durch\u00a0 &#8211; sagen wir &#8218;mal &#8211; NGOs und durch den Zwang von importierten Gesetzen<\/p>\n<p>Im Kontext der Kolonisierung zentralafrikanischer Gesellschaften vor einem Jahrhundert hat der Afrikanist Jan Vansina auf die gewaltsam blockierte Anpassungsf\u00e4higkeit traditioneller afrikanischer Gesellschaften durch westliche Kolonialisten aufmerksam gemacht. Zwei Kerns\u00e4tze lauten: <em><span class=\"tlid-translation translation\" lang=\"de\"><span class=\"\" title=\"\">Die V\u00f6lker in und um den Regenwald hatten die politische Kontrolle und damit die Initiative verloren, Institutionen zur Bew\u00e4ltigung der neuen Ordnung zu schaffen.&#8220; <\/span><\/span><\/em><span class=\"tlid-translation translation\" lang=\"de\"><span class=\"\" title=\"\">(\u00a0 <\/span><\/span><span class=\"tlid-translation translation\" lang=\"de\"><span class=\"\" title=\"\">) <\/span><\/span><em>Die sich unmittelbar anschlie\u00dfende administrative Unterwerfung nahm den Afrikanern die M\u00f6glichkeit, eine auf den eigenen Traditionen fu\u00dfende Antwort zu finden, wie das vorher m\u00f6glich gewesen war.&#8220;<\/em>\u00a0 <em>Von Anfang an arbeiteten alle Kolonialisten wie selbstverst\u00e4ndlich daran, die fremden b\u00fcrokratischen Praktiken aus Europa im Regenwald zu implementieren, ob es sich nun um die Erbfolge von Chiefs, den gleichen Rechtsstatus unter D\u00f6rflern, Ehegesetz und \u00f6ffentliche Moral oder die Aush\u00f6hlung traditioneller Rechtsverfahren und -grunds\u00e4tze handelte, die danach als \u201aGewohnheitsrecht\u2019 etikettiert wurden. <\/em>(\u00fcbersetzt, <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10472\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zum Blog)<\/p>\n<p>Noch weit schlechter kamen bekanntlich die nordamerikanischen Indianer aus einem Jahrhundert des kulturellen Genozids. Die stabiler organisierten Gesellschaften Asiens erfuhren zwar schwere Dem\u00fctigungen durch die &#8222;Barbaren&#8220; (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7555\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zu Ce Shaozheng). Sie\u00a0 waren aber mit den primitiven Brechstangen der westlichen Invasoren nicht zu knacken. Vielleicht Japan ausgenommen, das &#8211; bereits\u00a0 als eifriger Sch\u00fcler westlicher Moderne vorgesch\u00e4digt &#8211;\u00a0 ein atomares Inferno plus anschlie\u00dfende die amerikanische Besatzungszeit erlebt hat.<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcber dem FAZ-Artikel das\u00a0 aktuelle Foto (2021) der zerst\u00f6rten und nun einger\u00fcsteten Buddha-Statuen von Bamiyan\u00a0 mit dem bewaffneten Taliban (?) im Vordergrund betrachte, muss ich an die von unseren Medien geh\u00e4tschelten Naturreservate in Afrika denken, wo westliche Werte zu exterritorialen Inseln gef\u00fchrt haben, die mit Hightech und Waffengewalt ebenso gegen die Einheimischen wie gegen Fremde verteidigt werden (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10090\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>). Und die auch nur so lange funktionieren, als die Geh\u00e4lter f\u00fcr die Ranger bereitgestellt werden, die fr\u00fcher J\u00e4ger waren. Zur\u00fcck zum Foto: Sch\u00fctzt der Bewaffnete den Status quo, oder posiert er f\u00fcr das Bild der Agence France Press?<\/p>\n<p>Der zweite Fragesatz ber\u00fchrt menschliche Tr\u00e4ume im Konflikt mit Ordnungen, und die Tr\u00e4ume n\u00e4hren sich aus vielen Quellen. Buchsteiner wendet sich dagegen, dass man gedankenlos und im Grunde arrogant das westliche Konsum- und Zerstreuungsmodell auf Fremde projiziert.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre, wie mein \u00c4rger \u00fcber naive und defizit\u00e4re Argumente der postkolonialen Aktivisten und ihrer Unterst\u00fctzer nachl\u00e4sst. Paradigmenwechsel kann wohl nicht rationaler und eindrucksvoller auftreten. Wie sagte noch Paul Feyerabend?\u00a0 Sie haben die schw\u00e4cheren Argumente, k\u00f6nnen ihre Behauptungen nicht beweisen und w\u00fcrden ohne Protektion nicht \u00fcberleben. So ist es wohl.<\/p>\n<p>Die Krise des \u201eHumboldtforums\u201c in Berlin ist dabei blo\u00df ein Kollateralschaden, den ein eingebildetes Kulturmanagement, eingelullt in seinem typisch deutschen ideologischen Gespinst, f\u00fcr weltumspannend hielt. J\u00fcrgen Gro\u00dfe hat das in seinem Essay &#8222;Bodenlose Fenster&#8220; (FAZ &#8222;Geisteswissenschaften&#8220; 21. Juli 2021 N3) etwas umst\u00e4ndlich, aber am Ende einleuchtend dargelegt.<\/p>\n<p>Stand: 2.Sept. 16.00<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wegen seines Widerspruch wird vom\u00a0 Chefredakteur der NZZ, Eric Gujer, der Artikel Samuel Schirmbecks in seiner Glosse &#8222;der andere Blick&#8220; vom Freitag empfohlen. Ich zitiere die Ausgangsthese:<\/p>\n<div class=\"headline__highlight headline__highlight--opinion\">\n<div class=\"headline__inner headline__inner--highlight\">\n<h4><em><span class=\"teaser__flag--text\"> Gastkommentar\u00a0 <\/span><\/em><em><span class=\"metainfo__item metainfo__item--author\">Samuel Schirmbeck\u00a0 NZZ\u00a0<\/span><time class=\"metainfo__item metainfo__item--date\" datetime=\"2021-09-02T03:30:00.000Z\"> 02.09.2021, 05.30 Uhr <\/time><\/em><time class=\"metainfo__item metainfo__item--date\" datetime=\"2021-09-02T03:30:00.000Z\"><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/afghanistan-nicht-der-westen-sondern-der-islam-ist-gescheitert-ld.1642340?mktcid=nled&amp;mktcval=123_2021-09-02&amp;kid=nl123_2021-9-2&amp;ga=1&amp;trco=\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a><\/time><strong><em> Titel: Wider eine schiefe Sicht auf Afghanistan \u2013 nicht der Westen, sondern der Islam ist gescheitert<\/em><\/strong><\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<h4 class=\"headline__inner\"><em>Der westliche Abzug aus Afghanistan wird nicht selten h\u00e4misch kommentiert. F\u00fcr \u00abIslam-Versteher\u00bb ist jedes Bem\u00fchen, Muslime an Freiheit, Demokratie und Menschenrechten teilhaben zu lassen, ein kultureller \u00dcbergriff. Direkt betroffene Muslime sehen das anders. In Bezug auf Afghanistan ist derzeit allerorten vom \u00abScheitern des Westens\u00bb zu h\u00f6ren, vom Scheitern des Islam jedoch so gut wie nie. Der Westen hatte jedoch nie vor, Afghanistan zu \u00abverwestlichen\u00bb. Insofern ist er mit seinen Werten dort auch nicht gescheitert. Er hat lediglich versucht, milit\u00e4risch eine Brandmauer zwischen dem friedlich-toleranten und dem kriegerisch-jihadistischen Islam zu errichten. Denn diese Brandmauer fehlt in der islamischen Theologie bis heute.<\/em> (\u00a0 )<\/h4>\n<p>Bei allem Respekt f\u00fcr Schirmbecks zehn Jahre als Korrespondent in Algerien,\u00a0 scheinen mir\u00a0 bereits die Formulierungen &#8222;der Westen habe lediglich versucht, milit\u00e4risch eine Brandmauer (&#8230;) zu errichten, denn diese Brandmauer fehle in der islamischen Theologie ( )&#8220;\u00a0 Buchsteiner vollauf zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Verstehe ich Schirmbeck richtig? Handelte es sich um so etwas wie eine &#8222;Ersatzvornahme&#8220;, die in Wikipedia folgenderma\u00dfen definiert ist: &#8222;<em><b>Ersatzvornahme<\/b> ist allgemein die Vornahme einer geschuldeten Handlung anstelle des Handlungspflichtigen auf dessen Kosten. Sie ist ein Mittel zur Vollstreckung gerichtlicher oder beh\u00f6rdlicher Anordnungen.<\/em> ( )&#8220; ?\u00a0 Sogar &#8222;auf dessen Kosten&#8220; k\u00f6nnte bei zwanzig Jahren Krieg zutreffen. Die Vollstrecker sind bekannt, nur wer gab die Anweisungen? Etwa die G\u00f6ttin Hybris?<\/p>\n<p>Admin. am 5.9.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZITAT ES H\u00c4TTE NIEMALS GELINGEN K\u00d6NNEN &#8211; DER WESTEN IST IN AFGHANISTAN AN SEINER EIGENEN HYBRIS GESCHEITERT, NICHT AN MANGELNDER ENTWICKLUNGSHILFE\u201c (Jochen Buchsteiner,1.9.21 FAZ Feuilleton)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[208,241],"tags":[],"class_list":["post-13248","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-indien-nepal-afghanistan","category-zitate-links-downloads"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13248"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13363,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13248\/revisions\/13363"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}