{"id":13237,"date":"2021-08-27T22:41:59","date_gmt":"2021-08-27T20:41:59","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13237"},"modified":"2021-08-27T22:49:43","modified_gmt":"2021-08-27T20:49:43","slug":"neuanfang-mit-den-taliban-gilles-dorronsoro-nzz-25-8-21","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13237","title":{"rendered":"Neuanfang mit den Taliban? (Gilles Dorronsoro, NZZ 25.8.21)"},"content":{"rendered":"<h4><strong>&#8230;&#8230;denn<\/strong> <strong>\u00abnicht die Taliban, sondern wir haben den afghanischen Staat zerst\u00f6rt\u00bb<\/strong><!--more--><\/h4>\n<h3><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Vorbemerkung (Admin.)<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>NZZ-Interviews sind knapp komponiert. Das Gespr\u00e4ch entwickelt Eigendynamik. Dabei ruft Gilles Dorronsoro in den vergangenen zwanzig Jahren h\u00e4ufig wiederholte Kritiken ins Ged\u00e4chtnis. Wegen der komplexen Zusammenh\u00e4nge empfehle ich dringend, den Link zum \u201eGespr\u00e4ch\u201c zu nutzen und beschr\u00e4nke meine Zitate auf Dorronsoros Einsch\u00e4tzung der Taliban.<\/p>\n<p>Mit denen sind auch die Perspektiven der zur\u00fcck bleibenden \u201aOrtskr\u00e4fte\u2019 westlicher Regierungen, Armeen und NGOs untrennbar verk\u00fcpft, welche momentan die Schlagzeilen beherrschen :<\/p>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Interview von Ulrich von Schwerin mit dem Afghanistan-Experten Gilles Dorronsoro <\/strong><strong>:<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><strong>\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\">\u00abNicht die Taliban, sondern wir haben den afghanischen Staat zerst\u00f6rt\u00bb<\/span><\/strong><span style=\"color: #ff0000;\"> <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/afghanistan-interview-mit-dem-konfliktforscher-gilles-dorronsoro-ld.1641885?mktcid=nled&amp;mktcval=102&amp;kid=nl102_2021-8-25&amp;ga=1&amp;trco=\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a><\/span><\/h4>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>ZITAT<\/strong><\/h2>\n<p>( ) <em> Sie sagen, der Westen habe den afghanischen Staat zerst\u00f6rt. Aber gab es denn staatliche Strukturen in Afghanistan vor 2001?<\/em><\/p>\n<p>Ja, die Taliban hatten den Staat wieder aufgebaut. Er blieb extrem fragil, weil er keine Ressourcen hatte, aber es war ein echter Staat mit einer Justiz und einer Polizei. Die Taliban kontrollierten 85 Prozent des Territoriums, und die Tatsache, dass sie den Opiumanbau ausmerzen konnten, hat gezeigt, dass dies eine effektive Kontrolle war.<\/p>\n<p>( ) Nach 2001 sind verschiedene Institutionen unter internationaler Kontrolle aufgebaut worden ohne wirkliche Autonomie. Die Gesamtheit dieser Institutionen bildete jedoch keinen Staat, sondern lediglich eine transnationale Regierung.<\/p>\n<p>Die NGO haben einen parallelen Arbeitsmarkt geschaffen und einen grossen Teil der qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte absorbiert. Sie haben die \u00f6ffentliche Politik ( ) zu grossen Teilen definiert. () Es waren immer dieselben grossen Unternehmen, die die Auftr\u00e4ge erhielten und das Geld dann in mehreren Stufen bis zu den kleinen afghanischen Unternehmen weiter verteilten. Das alles hat den Steuerzahler enorm viel Geld gekostet. Afghanistan war eine riesige Maschine, um \u00f6ffentliche Gelder in private Profite umzuwandeln. ( ) Ein Grossteil der Milliarden, die die USA f\u00fcr Afghanistan ausgegeben haben, ist auf die Bankkonten westlicher Unternehmen, NGO und \u00fcberbezahlter Experten zur\u00fcckgeflossen.<\/p>\n<p>( ) <em>Werden die Menschen in den Grossst\u00e4dten bereit sein, unter das Joch der Taliban zur\u00fcckzukehren? Es gab schon Proteste.<\/em><\/p>\n<p>Die Menschen haben nicht die Wahl, ob sie die Taliban akzeptieren oder nicht. Das milit\u00e4rische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ist klar. Die Regierung ist gest\u00fcrzt, ein neues Regime ist an der Macht. Es gibt Vorbehalte gegen die Taliban in Kabul und anderen Grossst\u00e4dten. (&#8230;) Ich sehe nicht, dass solche Proteste das neue Regime destabilisieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><em>Der Erfolg der Taliban ist auch auf ihren R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Woher kommt diese Popularit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Die Popularit\u00e4t der Taliban ist schwer zu messen. Aber zum Teil ist sie darin begr\u00fcndet, dass die Taliban die Frage des Staates ernst genommen haben. Sie haben ein Rechtssystem geschaffen, sie haben Gesetze erlassen und gegen die Korruption gek\u00e4mpft. Sie haben eine etatistische Politik verfolgt. Es gab in der Bev\u00f6lkerung ein Bed\u00fcrfnis nach einer R\u00fcckkehr des Staates, und die Taliban haben dieses Bed\u00fcrfnis ernst genommen.<\/p>\n<p><em>Wie wichtig ist der Islam f\u00fcr die Legitimit\u00e4t der Taliban?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Der Islam spielt weiterhin eine wichtige Rolle in der afghanischen Politik. Religi\u00f6ser Fundamentalismus ist eine Tatsache \u2013 auch innerhalb der bisherigen Regierung. Die Taliban werden auch deshalb als legitime Bewegung wahrgenommen, weil ihre Anf\u00fchrer islamische Geistliche sind. Was die Taliban als Gesellschaftsmodell vorschlagen, mag uns missfallen, aber es entspricht den Forderungen eines wichtigen Teils der afghanischen Gesellschaft. (&#8230;.) (D)as nach 2001 begr\u00fcndete System hatte einen islamischen Anstrich, und einige Politiker haben einen islamistischen Diskurs gepflegt. Aber da diese Politiker gleichzeitig Milliarden veruntreut haben, war das nicht sehr \u00fcberzeugend. Es war ein v\u00f6llig korruptes System, dessen Streitkr\u00e4fte unter der F\u00fchrung der Amerikaner k\u00e4mpften. Das hat die Legitimit\u00e4t dieses Systems untergraben und zur Legitimit\u00e4t der Taliban beigetragen, die nicht korrupt waren und gegen die ausl\u00e4ndischen Besatzungstruppen k\u00e4mpften.<\/p>\n<p><em>Haben sich die Taliban seit ihrem Sturz im Jahr 2001 ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Ihr Verhalten wird nicht unabh\u00e4ngig von dem sein, was wir tun. Wenn wir uns weigern, mit den Taliban \u00fcber Themen wie Migration, Drogenhandel und Terrorismus zu sprechen, bei denen wir gemeinsame Interessen haben, wird das ihre Politik beeinflussen. Wenn wir uns dagegen mit wirtschaftlicher Hilfe engagieren, wird sich das ebenfalls auswirken. Meiner Meinung nach w\u00e4re es gef\u00e4hrlich, zu versuchen, sie so weit wie m\u00f6glich zu isolieren. Es ist besser, zu versuchen, mit ihnen Vereinbarungen zu finden.<\/p>\n<p><em>Sind die Taliban darauf vorbereitet, das Land zu regieren?<\/em><\/p>\n<p>Sie kontrollieren das Land, aber sie haben nicht die Mittel, um das Land zu regieren. Das vorangehende Regime hat leere Kassen zur\u00fcckgelassen. In Afghanistan gibt es kein Geld mehr. Der IMF hat die 400 Millionen Dollar blockiert, die in diesem Jahr f\u00fcr Hilfsmassnahmen geplant waren, und die Amerikaner haben die Mittel der Zentralbank gesperrt. Afghanistan ist heute ein Land, das v\u00f6llig ruiniert ist und das mitten in einer D\u00fcrre steckt. Die Taliban werden Zeit brauchen, um die Verwaltung wieder aufzubauen.<\/p>\n<p>( ) <em>Sind State-Building-Projekte wie in Afghanistan grunds\u00e4tzlich zum Scheitern verurteilt?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Im Jahr 2001 war ein Erfolg angesichts des Zustands der politischen Klasse in den USA, angesichts der Tendenz zur Privatisierung des Krieges und angesichts der verzerrten Wahrnehmung der nichtwestlichen Gesellschaften unwahrscheinlich. Das lag nicht an den Besonderheiten der afghanischen Gesellschaft, es lag an uns. Heute ist die Situation noch schlimmer. Das Niveau der Expertise ist gesunken, die Privatisierung des Krieges ist weiter fortgeschritten, und unsere Haltung zum Islam ist von einer Mischung aus Abneigung und Faszination gepr\u00e4gt, was unsere Beziehung zu den muslimischen Gesellschaften erschwert. All das macht mich sehr pessimistisch, was zuk\u00fcnftige Interventionen betrifft.<\/p>\n<p><em>Warum haben die westlichen Regierungen dem Rat von Experten wie Ihnen nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt?<\/em><\/p>\n<p>Nach 2001 hat sich in den Think-Tanks und Universit\u00e4ten eine veritable Expertenindustrie entwickelt, die viel Geld gekostet hat. Aber viele dieser Experten hatten keine Erfahrung vor Ort oder waren in wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen gefangen, die sie daran hinderten, die Politik zu kritisieren. ( )<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Zur Person <\/strong><\/span><\/h3>\n<p><em><strong><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Bildschirmfoto-2021-08-26-um-17.56.02.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-13242\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Bildschirmfoto-2021-08-26-um-17.56.02-253x360.png\" alt=\"\" width=\"154\" height=\"219\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Bildschirmfoto-2021-08-26-um-17.56.02-253x360.png 253w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Bildschirmfoto-2021-08-26-um-17.56.02.png 258w\" sizes=\"auto, (max-width: 154px) 100vw, 154px\" \/><\/a><\/strong>Der Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Pariser Universit\u00e4t Panth\u00e9on-Sorbonne war 1988 erstmals zur Feldforschung in Afghanistan und ist seitdem regelm\u00e4ssig an den Hindukusch zur\u00fcckgekehrt. Schon unmittelbar nach der Intervention 2001 hat der <\/em><em>Konfliktforscher davor gewarnt, dass die milit\u00e4rische Strategie und das politische Vorgehen des Westens zum Scheitern verurteilt seien.<\/em><\/p>\n<p><em>Ausser zu Afghanistan hat Dorronsoro auch ausf\u00fchrlich zum Kurdenkonflikt in der T\u00fcrkei und im Irak sowie zum B\u00fcrgerkrieg in Syrien geforscht<\/em>. (NZZ)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;&#8230;denn \u00abnicht die Taliban, sondern wir haben den afghanischen Staat zerst\u00f6rt\u00bb<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[208,241],"tags":[],"class_list":["post-13237","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-indien-nepal-afghanistan","category-zitate-links-downloads"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13237","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13237"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13237\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13244,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13237\/revisions\/13244"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}