{"id":1323,"date":"2013-02-08T15:15:20","date_gmt":"2013-02-08T14:15:20","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1323"},"modified":"2024-02-15T13:37:21","modified_gmt":"2024-02-15T12:37:21","slug":"liao-yi-wus-literarische-interviews-eine-vorrede","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1323","title":{"rendered":"Liao Yi-wu&#8217;s literarische Interviews &#8211; eine Vorrede"},"content":{"rendered":"<p>Vorrede f\u00fcr eine\u00a0(nicht realisierte)\u00a0Pr\u00e4sentation auf der Baustelle des MAK Frankfurt im Fr\u00fchjahr 2013<\/p>\n<p>Warum f\u00e4llt mir Brecht ein, der alte Haudegen unter den Poeten? Oder Lu Xun\u2019s Warnrufe: seine Vergleiche des Alten in seinem Garten oder des brennenden Hauses und der Ruf \u201eRettet die Kinder!\u201c <!--more-->Heute lese ich: \u201eViel Norden im S\u00fcden \u2013 viel S\u00fcden im Norden \u2013 Globale Entgleisungen\u201c oder\u00a0 \u201eDer S\u00fcden als Vorreiter der Globalisierung\u201c. Die Autoren des in der FAZ 9.1.13 besprochenen Buches reden von Indien, Afrika, Brasilien. China eingeschlossen w\u00fcrden sie von \u00fcber Dreiviertel der Menschheit reden. Angesichts solcher Zahlen \u00fcberheben sich politische Projekte, Argumentation und vor allem Polemiken. Wie gut, dass wir unsere Klassiker haben, dann wissen wir auch schon, was ihre Ermahnungen und Warnungen fruchten: Nichts. So wenig wie die Anstrengungen der Publizisten, Ausstellungsmacher und Lehrer.<\/p>\n<p>Ich darf in meinem Vortrag also Abstand halten von der Politik, zumal ich in einem wenn auch entkernten Museumsbau spreche. Unser Standpunkt ist ohnehin abgehoben.<\/p>\n<p>Leisten wir uns den Luxus der individuellen Sensibilit\u00e4t und des pers\u00f6nlichen Horizonts\u00a0auch in den Menschheitsfragen, die mit \u201eMenschenw\u00fcrde\u201c und \u201eMenschenrechten\u201c umrissen sind. Ich darf also von dem Erwachen eines alten Mannes im Garten des Lu Xun sprechen, von einer bemerkenswerten Augen-OP und der folgenden Neuentdeckung der sichtbaren Welt. Auch die h\u00e4lt bekanntlich nur ein paar Tage an. Der Chirurg hei\u00dft Liao Yi-wu und seine Methode ist das literarische Interview.<\/p>\n<p>Die Wirkung habe ich jetzt am <span style=\"text-decoration: underline;\">Katalog<\/span> einer gro\u00dfen Fotoausstellung vor mittlerweile sieben Jahren 2006 im MMK gesp\u00fcrt. Ich kann mich an keinen nachhaltigen Effekt der Ausstellung erinnern, obwohl meine Frau behauptet, schon damals beeindruckt gewesen zu sein. Die F\u00fclle der Momentaufnahmen auf der ganzen Wand in drei Reihen \u00fcbereinander, die auf uns einst\u00fcrmte schockierte als Gesamtkunstwerk. Was hatte das mit \u201eHumanismus in China\u201c zu tun? War das nicht Etikettenschwindel, eine zynische Version von \u201cThe Family of Men\u201c (1951, seit 2003 \u201aWeltdokumentenerbe\u2019) ? *<\/p>\n<p>Selbst wo Individuen gezeigt wurden, wurden sie ausgestellt als aus einem chaotischen Kosmos heraus zuf\u00e4llig vergr\u00f6\u00dferte Ameisen. Dabei kamen die Fotografen offensichtlich nicht einmal \u00fcberall hin. Vor allem: Auch sie blieben bis auf lakonische Bildtitel stumm.\u00a0Nun geschieht das Wunder dank Liao Yi-wu und seiner deutschen \u00dcbersetzer Hans Peter Hoffmann und Brigitte H\u00f6henrieder: Einige \u201aAmeisen\u2019 beginnen zu sprechen! Was auf Fotos zu wenigen gestisch gelang (z.B. Kat. S.302). Der Autor h\u00e4lt uns jeweils geraume Zeit bei seinen Gespr\u00e4chspartnern. Welchem Fotografen w\u00fcrde das gelingen? Wir h\u00f6ren ihnen zu \u2013 vom gedruckten Text gesteuert. Ein H\u00f6rbuch w\u00e4re noch einmal etwas anderes.<\/p>\n<p>Was sie sagen, \u00f6ffnet uns weitere Dimensionen. Wir sind ja nicht ganz ungebildet. Wir haben vielleicht altchinesische Romane gelesen- wie \u201eDie drei Reiche\u201c, \u201eDie R\u00e4uber von Liang Shan Moor\u201c oder irgendwann eine Weltmusik-CD etwa mit dem Titel \u201eFolk Instrumental Traditions\u201c erstanden und dann im Regal vergessen, eine Peking-Oper gesehen oder Propagandafilme aus dem China der siebziger Jahre, wir haben vor allem Fernsehreportagen ohne Ende gesehen und Zeitungsberichte in den Sparten Feuilleton oder \u201eAus aller Welt\u201c gelesen&#8230; Was wir alles im Laufe der Jahre aus China vernommen haben &#8230;. Wir m\u00fcssen den Gang der Unterredungen nur anhalten und unser Ged\u00e4chtnis befragen. Vielleicht stellt es uns Passendes zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Ich nehme meinen Mut zusammen und beschr\u00e4nke mich heute aufs \u2013 modellhafte &#8211; Illustrieren.<\/p>\n<p>10.2.2013 geschrieben, 4.12. redigiert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* \u00a0 \u00a0 25.6. 2006 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<b><em>Sonntagmorgen auf dem Balkon<\/em>.<\/b><\/p>\n<p><em>Ich horche in die Welt hinaus.: Kein Laut dringt aus China, dem Sweatshop f\u00fcr die ganze Welt, nur ein paar hundert Bilder, die man erst zu einer Feststellung zusammenz\u00e4hlen muss. Von den Massen im Stadion nebenan oder denen am Mainufer ist ja auch nichts zu vernehmen, wenn sie zu ihrem Vergn\u00fcgen zusammenstr\u00f6men.<\/em><\/p>\n<p><em>Kein Aufschrei ist aus dem Museum f\u00fcr Moderne Kunst zu h\u00f6ren, das w\u00e4re auch sehr verwunderlich. \u00dcberhaupt entspricht es dem Zeitgeist, Wahrheiten aus dem politischen Raum zu verbannen, den unbedarften Leuten der gehobenen \u00c4sthetik- und Eventproduktion zu \u00fcberlassen. Den Mantel der sprachlosen Beliebigkeit dar\u00fcber zu breiten. Der Ethnologie ist das China der einen Milliarde Han auch zu gro\u00df.<\/em><\/p>\n<p><em>Der politischen Zensur in der Heimat unter den Schutz des Kunst-Labels entkommen,\u00a0ger\u00e4t die Dokumentation international in die\u00a0 KUNST-Falle.\u00a0Die einzelnen Fotos\u00a0 tragen oft nicht. Es ist schon die Komposition, und die ist\u00a0 mir im Museum weniger durchsichtig gewesen als nun im Katalog. Man war zu nah dran,\u00a0das Redundante hat die Differenzierungen totgeschlagen.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorrede f\u00fcr eine\u00a0(nicht realisierte)\u00a0Pr\u00e4sentation auf der Baustelle des MAK Frankfurt im Fr\u00fchjahr 2013 Warum f\u00e4llt mir Brecht ein, der alte Haudegen unter den Poeten? 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