{"id":13138,"date":"2021-08-16T16:30:44","date_gmt":"2021-08-16T14:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13138"},"modified":"2021-08-21T00:23:59","modified_gmt":"2021-08-20T22:23:59","slug":"saigon-1975-kabul-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13138","title":{"rendered":"SAIGON 1975 &#8211; KABUL 2021  in Ken Burns und Lynn Novick : \u201eVietnam\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ken Burns und Lynn Novick \u201eVietnam\u201c \u00a0\u00a0\u00a09-teilige Dokumentar-Serie je 53\u2019 USA 2017<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Drei Abende lang ausgestrahlt in ARTE vom 10. bis 12. August\u00a0 &#8211; <\/strong><strong>In der ARTE-Mediathek verf\u00fcgbar bis 5. Februar 2022 (<a href=\"https:\/\/programm.ard.de\/TV\/Programm\/Alle-Sender?datum=10.08.2021&amp;hour=20&amp;archiv=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>)<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Drei von neun Stunden angeschaut, keineswegs traumatisiert. <\/strong>Die ber\u00fcchtigten Aufnahmen angeblich \u201enicht f\u00fcr Kinder und Jugendliche geeignet\u201c, laden zum Hinschauen ein, entsprechende haben sich vor einem halben Jahrhundert meiner Generation ins Ged\u00e4chtnis eingebrannt. Die neun Folgen geben Gelegenheit zu erneuter Begegnung und aktueller Einordnung.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die heutige Jugend ungeeignet ist vielleicht die scheinbar nur &#8217;sinnlose&#8216; Endlosigkeit des Gemetzels, aber sie wahrzunehmen, ist ja auch eine Lehre \u00fcber die geschichtliche Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich sehe \u00fcbrigens die st\u00e4ndig auftauchender Abbildungen unkomfortabler Frontsituationen, die im Grunde keine Deckung bieten und von den Zeitzeugen oft mit \u201adefaitistischen\u2019 Kommentar versehen werden, in der Tradition des Klassikers \u00fcber den Ersten Weltkrieg. Wenn historische Bildung Jugendliche \u00fcberhaupt noch erreicht, ist es fast das Wichtigste, \u00fcber falsche Soldatenlegenden aufgekl\u00e4rt zu werden, mit denen die Rekrutierer auch heute noch arbeiten.<\/p>\n<p>In der Zivilisation des Gegners zerst\u00f6rt das Kriegsgeschehen relevante Normen, weil der moderne asymmetrische und technisierte Krieg alle Normen sprengt. Vietnamesen wiederholen im Interview mehrfach das \u201azus\u00e4tzliche\u2019 Ungl\u00fcck, wenn die Leiche von Angeh\u00f6rigen nicht erreichbar und der genaue Zeitpunkt des Todes nicht zu ermitteln ist. Die Verletzung der Piet\u00e4t auf Seiten der Amerikaner analysiert die Studie \u201eAchill in Vietnam\u201c, die ich im Geschichtsunterricht \u00fcber die Alten Griechen einsetzte. \u00dcberhaupt spielen die seelischen Verkr\u00fcppelungen bei den auftretenden Veteranen eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weitere Einsichten, \u00fcber &#8230;.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nixon<\/strong><\/p>\n<p>Er verk\u00f6rpert die Banalit\u00e4t des B\u00f6sen, die selbstverst\u00e4ndlich nicht ohne Begabungen &#8211; etwa Rhetorik \u2013 auskommt. Nixon gewinnt in seinen TV-und Telefon-Auftritten mehr Profil als gerissener Taktiker als gedacht. Er bedeutete &#8211; nicht als erster und auch nicht als letzter &#8211; die strukturellen Schw\u00e4chen des US-amerikanischen Patriotismus aus und verk\u00f6rperte die schmutzige Seite der \u201eExekutive\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Ohnmacht der normalen \u201aB\u00fcrger\u2019 gegen\u00fcber &#8218;ihrem&#8216; und &#8218;demokratischen&#8216; Staat und dessen professioneller Dienerschaft<\/strong>.<\/p>\n<p>Jedes Engagement, selbst in all den ber\u00fchmten &#8218;Bewegungen&#8216; \u2013 in jeder Folge mindestens eine \u2013 hatte letztlich keine weitere Bedeutung als f\u00fcr die Bewahrung der pers\u00f6nlichen Integrit\u00e4t. Wiederholt konnte man hoffen, sie bewirkten etwas anderes als Ausweitung der Aggression und der T\u00e4uschungsman\u00f6ver. Bittere Illusionen! Der\u00a0 bei einer Senatsanh\u00f6rung auftretende Veteran erhielt f\u00fcr seine Rede <em>standing ovations<\/em>; aber wie in der Folge (8) erscheint der Senat darin auch als popul\u00e4re Fassade der Machtstruktur.<\/p>\n<p><strong>Das \u00e4u\u00dferliche Auf- und Ab des zwanzigj\u00e4hrigen Krieges<\/strong>. Die Kontinuit\u00e4t einer in diesem Fall von den Akteuren je l\u00e4nger je mehr als aussichtslos betrachteten und dennoch fortgesetzten Politik war der bewusst verborgene Hintergrund.<\/p>\n<p>Die Phantasie des erfahrenen Investigativjournalisten der \u201ePentagon Papers\u201c reichte nicht aus f\u00fcr die Vorstellung fortgesetzter Untreue amerikanischer Pr\u00e4sidenten gegen\u00fcber ihrem Staatsvolk.<\/p>\n<p>Wenn ich darin auch nicht einen ausgearbeiteten Verschw\u00f6rungsplan sehe, so doch einen Mix aus situationsbezogenen Konzepten, angenommenen Denkgewohnheiten, aus popul\u00e4ren Erwartungen, die leichtfertig oder bewusst gesch\u00fcrt worden waren, und sich auftuender Chancen, die man zynisch ergriff. Kissinger war (und ist) daf\u00fcr sehr sensibel.<\/p>\n<p><strong>Kissinger entbl\u00f6\u00dfte sich in seinen <\/strong>(inzwischen freigegebenenen)<strong> Telefonaten<\/strong> als williger Helfer des skrupellosen Ehrgeizlings Nixon\u201a <strong>als \u201aEichmann\u2019 des Vietnamkrieges<\/strong>. Als ein brillanter Kopf von altr\u00f6mischem Format wird er heute noch allgemein respektiert, kein gutes Zeichen f\u00fcr die Zukunft der Demokratie!<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Verh\u00e4ltnis von vordergr\u00fcndigen Entwicklungen und strategischen wie taktischen Hintergr\u00fcnden erlebte ich vor Jahren im <strong>Fall Israel<\/strong>, als ich Eyal Weizmanns \u201eSperrzonen\u201c (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8966\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) las, und danach verst\u00e4rkt nach jedem weiteren investigativen Buch und Feature (LINK).<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Die ausgew\u00e4hlten Zeitzeugen aus der Millionenschar der Opfer<\/strong> zeigen sich ihrer Rolle gewachsen, w\u00fcrdig. N\u00e4her kann man dem sich \u00fcber zwei Jahrzehnten aufschaukelnden Krieg heute nicht kommen. Eine Zeitlang wird er sich jeder Begegnung mit anderen Themen der damaligen Zeit aufdr\u00e4ngen und Fragen stellen. So erlebt bei der Beatles-Dokumentation \u201eEight Days A Week\u201c gestern abend. Ja, ich werde f\u00fcnfzig Jahre alte Zeitungsausschnitte, die ich \u201avorsichtshalber\u2019 bis heute aufhob, mir noch einmal mit frischem Blick durchsehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Afghanistan aktuell : Taliban \/\/ Vietcong &amp; Nordvietnam<\/strong><\/p>\n<p>Hat etwa eine subversive Truppe bei ARTE die Serie von 2017 wieder ins Programm gedr\u00fcckt? Ins unverd\u00e4chtige Sommerprogramm langweiliger Wiederholungen?<\/p>\n<p>Ich nehme schon an, hinter den Kulissen hatte man die historischen Parallelen des milit\u00e4rischen Abenteuers zum Fall \u201eVietnam\u201c vor Augen, ein unterkomplexes Kalk\u00fcl&#8216; &#8211; wovor bereits 2011 gewarnt wurde* &#8211; die st\u00e4ndigen Fortsetzungen eines dummen und aussichtslosen &#8218;Engagements und schlie\u00dflich des\u00a0 brutalen R\u00fcckzugs der Alliierten aus Afghanistan. Nun sind die Menschen im Westen auf die sch\u00e4bige Hoffnung zur\u00fcckgeworfen,\u00a0 dass &#8218;die Taliban&#8216; doch nicht solche brutalen und realit\u00e4tsfremden Barbaren sind, die Rolle, die sie in der Litanei der Massenmedien zwei Jahrzehnte hatten.\u00a0 Aber dass die Parallelen der Abl\u00e4ufe in die Details reichen, ist einfach furchtbar.<\/p>\n<p>16. August 2021<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Erinnerung<\/strong>: Aufgrund solcher Warnungen* verteilte ich im Dezember 2001 meinen Sch\u00fclern das &#8222;Flugblatt Afghanistan 2001&#8220; (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2020\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) &#8211; Unterrichtseinheiten zur Geschichte des Landes waren vorhergegangen. Krasse Erfahrungen eines deutschen &#8218;Helfers&#8216; in den achtziger Jahren hatten mir bereits die eigene, die westliche Distanz zur afghanischen Landbev\u00f6lkerung, in Gestalt der Mujaheddin, vor Augen gef\u00fchrt (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3682\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>). Das &#8222;Burka&#8220;-Argument von Feministinnen war 2001 die perfekte Untermalung der offiziellen Propaganda ( die \u00fcbrigens &#8218;taliban&#8216;-typische Erscheinungen beim US-verb\u00fcndeten Saudi-Arabien noch ein Jahrzehnt lang schlicht ignorierte). Erstaunt sah ich in Bildb\u00e4nden der 1970er Jahre unbeanstandet die Burka als regionale Tracht. Ein landeskundiger Oppositions-Politiker der CDU, J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer, warnte damals in einem popul\u00e4ren Taschenbuch. Die rot-gr\u00fcne Bundesregierung traute sich nicht, den bushigen USA eine zweite Verweigerung zuzumuten. Heute kann Todenh\u00f6fer als Gr\u00fcnder einer politischen Splittergruppe einen traurigen Triumph feiern. (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/J_Todenhoefer\/status\/1427263048469917697?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Etweet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) zu seiner Schlagzeile in Twitter; wikipedia (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%BCrgen_Todenh%C3%B6fer#Publikationen_und_Rezeption\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>))<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ken Burns und Lynn Novick \u201eVietnam\u201c \u00a0\u00a0\u00a09-teilige Dokumentar-Serie je 53\u2019 USA 2017 Drei Abende lang ausgestrahlt in ARTE vom 10. bis 12. August\u00a0 &#8211; In der ARTE-Mediathek verf\u00fcgbar bis 5. Februar 2022 (LINK) Drei von neun Stunden angeschaut, keineswegs traumatisiert. 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