{"id":1302,"date":"2012-11-19T10:10:37","date_gmt":"2012-11-19T09:10:37","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1302"},"modified":"2024-02-13T12:53:06","modified_gmt":"2024-02-13T11:53:06","slug":"fraeulein-hallo-und-der-bauernkaiser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1302","title":{"rendered":"&#8218;Fr\u00e4ulein Hallo und der Bauernkaiser&#8216; (Liao Yiwu)"},"content":{"rendered":"<h4>Der Beitrag \u00a0scheint auch 2016 noch gelesen zu werden, was mich freut, aber ihm folgten 2013 noch mehrere andere zu diesem Thema, die man ruhig auch zur Kenntnis nehmen sollte (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1366\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">LINK<\/a>)<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein paar Wahrheiten \u00fcber China in\u00a0<i>\u201eFr\u00e4ulein Hallo und der Bauernkaiser\u201c<\/i><\/strong><\/p>\n<p><i>In Liao\u2019s literarischen Interviews erscheint d<\/i><i style=\"font-style: italic;\">er chinesische Kosmos in seiner Vielschichtigkeit.\u00a0<\/i><i>Ich bin auf Spurensuche. Die Wahrheit ist etwas mit tiefen Falten. Und zwar so tief und verwickelt, dass wir sie immer blo\u00df ein St\u00fcck weit auswickeln k\u00f6nnen. \u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2705LiaoYiwu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1316\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2705LiaoYiwu-300x225.jpg\" alt=\"IMG_2705LiaoYiwu\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2705LiaoYiwu-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2705LiaoYiwu-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2705LiaoYiwu.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0\u00a011.10.2013 in Frankfurt\/Main<\/i><\/p>\n<p><i>Ich beginne im Sommerurlaub mit gro\u00dfem Elan, wundere mich, was alles mir die genaue Lekt\u00fcre des Gespr\u00e4chs mit dem \u201eMenschenh\u00e4ndler\u201c an chinesischen Verh\u00e4ltnissen wieder vor Augen gef\u00fchrt hat! Man sollte diesen Kommentar vielleicht erst nach der Lekt\u00fcre des Interviews lesen. Danach wird die Kommentierung knapper. Irgendwann komme ich mit dem Schreiben nicht mehr nach, bleibe ich stecken. F\u00fcr die F\u00fclle der Hinweise bringe ich nicht mehr die n\u00f6tige Disziplin auf. <\/i><\/p>\n<p><i> (Seitenzahlen nach der gebundene Ausgabe) \u00a0 \u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u201eDer Menschenh\u00e4ndler\u201c Qian<\/b><\/p>\n<p>Die Gespr\u00e4chspartner verhandeln die ganze Zeit dar\u00fcber, wie \u00fcber die Sache angemessen zu reden ist. Der Austausch der Argumente ist un\u00fcbersichtlich. Zur Demontage von Qians Verteidigungsstrategie bedient sich Liao juristischer Begriffe (\u201eprovinz\u00fcbergreifender Menschenhandel\u201c 39, ungesetzliche Kohabitation 41) und Konzepte (Todesstrafe 41, \u201eZunge abschneiden\u201c 45) und sogar der Sprache forensischer Psychologen (43), vor allem aber ungeschminkter Beschreibungen (39 \u201eHochzeitsnacht\u201c). Am Ende haben beide die Wahrheit dieser Existenz ein St\u00fcck weit ausgewickelt. Der Befragte will sich eben auch als intelligenter Mensch profilieren, als \u201evon Natur aus umsichtig\u201c(44) und begabt mit einer flinken \u201eZunge\u201c (36, 45), vor allem aber als ehrlicher Kerl von altem Schrot und Korn und\u00a0 als Opfer der Verh\u00e4ltnisse. Vom \u201eR\u00e4uber\u201c grenzt er sich ab. In der ehrw\u00fcrdigen harten Moral der Landleute sieht er die ehrbaren Wurzeln seiner T\u00e4tigkeit (34,35). Ihren Gespenster- Glauben (\u201efeudaler Kram\u201c,39) will er allerdings im Trend der Zeit nicht akzeptieren.<\/p>\n<p>Um seine Verteidigungsstellung zu \u00fcberblicken, zeichne ich ein Schema:<\/p>\n<p>In einem inneren Kreis liegen <i>Stadt<\/i> oder <i>Zivilisation<\/i>. Darum legt sich <i>das Land<\/i> in mehreren Ringen, die in den \u00e4u\u00dferen liegen <i>die Berge<\/i> (41 zweimal), jenseits davon <i>die W\u00fcste<\/i> (37,42 <i>Der Norden<\/i>). \u201e<i>Der Norden ist wilder als der S\u00fcden<\/i>\u201c (42). Die <i>Zivilisation<\/i> greift in das Land aus, mit Eisenbahnlinien (37), Rundfunk (42) und Fernsehen, nat\u00fcrlich auch mit den Polizeiaktionen (41). Von der allgegenw\u00e4rtigen Partei ist gar nicht die Rede.<\/p>\n<p>Die l\u00e4ndliche Gegenkultur zur st\u00e4dtischen Zivilisation beruht auf der b\u00e4uerlichen Position in der Welt: \u201eMit dem Gesicht zur gelben Erde, mit dem R\u00fccken zum Himmel\u201c (35). Die Verachtung der Bauern durch die St\u00e4dter erkl\u00e4rt Qian b\u00fcndig aus diesem uralten Gegensatz. Dem Landvolk blieb gar nichts anderes \u00fcbrig als eine eigene Wertordnung zu entwickeln, welche Qian in einigen Redewendungen zitiert. (\u201eNach den Regeln des Volkes gilt als Mann und Frau, wer mit Pauken und Trompeten in das eigene Haus geladen wurde\u201c 41) &#8211; Die Sammlung seiner und anderer Gespr\u00e4chspartner \u201eSpruchweisheiten\u201c w\u00e4re sicher\u00a0 interessant!<\/p>\n<p>Die \u201ealte Zeit\u201c reichte \u201ebis 1982\u201c (42). Die Epoche des Maoismus wird dabei durch einen Schwall von Parolen, Feststellungen zum Status (42: Er sei \u201eTeil der arbeitenden Bev\u00f6lkerung\u201c, kein \u201eVolkssch\u00e4dling\u201c 42) und die bittere Armut (\u201enackt um die Feuerstelle\u201c 36) repr\u00e4sentiert. Diese Armut muss als \u00dcbertreibung erscheinen, aber ich habe in der Pariser Illustrierten \u201eVu\u201c der drei\u00dfiger Jahre Fotos nackter Bauern am Tretrad zur Bew\u00e4sserung auf dem Feld gesehen, h\u00e4tte es blo\u00df f\u00fcr die kommunistische Zeit nicht mehr erwartet. &#8211; Das sind Spuren, die ich meine! &#8211; Die H\u00e4rte in famili\u00e4ren und sexuellen Beziehungen (Niet und Nut 38, Knebeln, so eine will keiner 42,&#8230;) ist bekannt, nicht nur f\u00fcr China. aber dort kam vielleicht das Vorbild der traditionellen Elite mit ihrem rigiden Formalismus hinzu.<\/p>\n<p>Daraus kann Rebellion werden. Qian leistet der Sentenz \u201eein Himmelssohn, ein Gesetz\u201c(42) ein ziemlich wirres Lippenbekenntnis (42), dank Umerziehungslagern. Doch der Satz: \u201eSo viele D\u00f6rfer sollten das Gesetz nicht verstehen?\u201c(43) signalisiert Fundamentalopposition, und erst recht der vorher: \u201eWenn der M\u00f6nch in die Berge geht, ist in seinem Kopf kein Gesetz. Und wenn da ein Gesetz ist, braucht er es nicht.\u201c (41) Darin ist die Erinnerung an die r\u00e4umlich begrenzte Geltung der kaiserlichen Ordnung lebendig, daran, sich der Ordnung durch Entweichen in die Berge entziehen zu k\u00f6nnen, und an die Tradition der Bauernaufst\u00e4nde, die <i>das himmlische Mandat<\/i> der Kaiser-Dynastien mehrfach beendeten.<\/p>\n<p>Die Anspielung auf die Banditen im Norden, die \u201eGeld und Ehre nicht verlieren\u201c wollen (42), klingt freilich nach Resignation. Zwar bestand die Gefahr immer f\u00fcr den ehrbaren Bauern, den man auch <i>Erdmenschen<\/i> nannte, aber heute kann er ihr nicht mehr ausweichen. Die Opfer von Entehrung betrachtet Qian mit lauem Mitgef\u00fchl, die von Frauen nicht anders. Das ist einfach Tradition.<\/p>\n<p>Wenigstens ist seine Behauptung \u201eIch habe als H\u00e4ftling keine Beziehungen zur Au\u00dfenwelt\u201c (45) nur politisch korrekte Fiktion f\u00fcr einen fiktiven Rechtsstaat. Sonst w\u00e4re Qian wirklich zu bedauern.<\/p>\n<p>\u201eDie Reformen kommen nicht zu uns\u201c (40), aber sie machen sich bemerkbar, wie wir wissen, in der Selbstbedienung der Parteikader und den Zerfall der staatlichen Autorit\u00e4t auf dem Dorf, sowie indirekt \u00fcber die Lektionen der Medien (Nachrichten, und Wanderarbeiter. Verf\u00fchrungsk\u00fcnste)<\/p>\n<p>In seiner Praxis n\u00fctzt er die Lektionen, baut realistisch und umsichtig auf seine pers\u00f6nlichen Qualit\u00e4ten und den Zeitgeist: In der Stadt agiert Qian in einer anonymen Welt der T\u00e4uschung und ungebremster Gier. Er folgt den Wanderarbeiter(inne)n in das st\u00e4dtische Milieu.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/P2100891HumanismusZeitungsleser.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1319\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/P2100891HumanismusZeitungsleser-300x256.jpg\" alt=\"P2100891Humanismus,Zeitungsleser\" width=\"300\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/P2100891HumanismusZeitungsleser-300x256.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/P2100891HumanismusZeitungsleser-624x534.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/P2100891HumanismusZeitungsleser.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>&#8218;Humanismus in China&#8216;,Ausstellung MMK Frankfurt 2006<\/em><\/p>\n<p><b>Der Klomann<\/b><\/p>\n<p>Die Entwicklungen in China haben seine Perspektiven nur verschlechtert. Auf den Titel \u201eV\u00e4terchen\u201c kann er im Alter nicht mehr rechnen. Auch die Zeiten, wo er seine schmutzige Arbeit im gr\u00f6\u00dferen, sogar revolution\u00e4ren Kontext Sinn und Anerkennung erhielt, sind vor\u00fcber. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs er\u00f6rtern die beiden immer wieder ergebnislos, wie sie heutzutage aufzuwerten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der alte Toilettenmann hat eine gesamtgesellschaftliche Perspektive, aufgespannt zwischen den Gelehrten, Intellektuellen, F\u00e4hrleuten einerseits und andererseits den Proletariern. Er denkt politisch und reflektiert den Wandel: \u201eKeiner hatte einen Begriff von Wirtschaft\u201c (52). Ich erkenne die sp\u00e4ten Parteikampagnen wieder: Arbeiter philosophieren (\u201eIntellektualisierung der Proletarier\u201c?-\u201eEinfach\u201c 54f.) und die Anti-Konfuzius-Kampagne von 1975. Er scheint damals gesunden Menschenverstand, sogar Menschlichkeit bewiesen zu haben, und sei es seiner Toilette wegen, wenn \u201eLiteratur den Boden\u201c kehrte. \u00dcber die Intelligentsia\u00a0 hat er \u00fcber die Jahre bemerkenswerte Einsicht gewonnen. Etwa:\u00a0Man kann \u201eRinderteufel und Schlangengeister\u201c (54) nicht \u201eproletarisieren\u201c wie normale Menschen.<\/p>\n<p>Der Befund deckt sich mit dem Selbstzeugnis von Liu Bin-y\u00e4n in seiner Autobiographie \u201eA Higher Kind of Loyality \u2013 A Memoir of Chinas Foremost Journalist\u201c (New York 1990). \u201eIch wusste, dass Intellektuelle keine Ungerechtigkeit aushalten, trotzdem mussten sie eine Zeitlang unterw\u00fcrfig sein wie Hunde. Innerlich setzten sie alles auf die Liste; wenn die Zeit reif w\u00e4re, w\u00fcrden sie die Punkt f\u00fcr Punkt wieder hervorholen. (&#8230;.) \u201aNur Bildung und Gelehrsamkeit z\u00e4hlen, alles andere ist nichts wert\u2019, das ist von Konfuzius, nicht einmal Maos Arm war lang genug, um \u00fcber Konfuzius hinauszureichen.\u201c (54\/55)\u00a0 Liao anerkennend: \u201eIch finde, Ihr habt sehr viel Witz.\u201c\u00a0Bei aller Fremdheit verst\u00e4ndigen sie sich gut \u2013 und im zweiten Teil der Unterhaltung fachsimpeln sie \u00fcber Toiletten und tauschen Anekdoten aus.<\/p>\n<p>Mir kommt ein Argument f\u00fcr das Festhalten der\u00a0 KP an den Schl\u00fcsselstellungen in den Sinn und ich schweife ab:<\/p>\n<p>Jahrhunderte der Erfahrung lehrte die Staatselite den Umgang mit den \u00f6konomischen und sozialen Kr\u00e4ften im Reich. Assistiert von der normsetzenden Elite, vor allem Konfuzianern, schuf sie eine starke Klammer. Das war der chinesische Weg, Ordnung im Chaos zu behaupten. Au\u00dferhalb und in Schw\u00e4cheperioden herrschte Gesetzlosigkeit. K\u00fcnftig k\u00f6nnte ich mir neben der Ausbreitung der Rechtstaatlichkeit sogar <i>Demokratie<\/i> vorstellen, und zwar auf lokaler und einzelstaatlicher Ebene wie in den USA. (Der Rest ist dort schon eine Farce.) <i>Peking<\/i> muss aber wie <i>Washington<\/i> immer das ungeliebte Gegen\u00fcber bleiben. Wenn schon Maos langer Arm nicht hinreichte &#8230;.<\/p>\n<p>Noch etwas zur Elite und der Bemerkung, sie k\u00f6nne \u201ekeine Ungerechtigkeit aushalten\u201c:<\/p>\n<p>Mit ihrer asketischen Haltung sollten sie &#8211; wie der griechische Atlas &#8211; den Himmel \u2013 tragen, indem sie \u201edas Gesetz\u201c, alle Normen oberhalb der Sippenordnung und au\u00dferhalb der Religion durchsetzten, tradierten und zugleich erneuern sollen. Echte Funktionseliten haben in China Tradition. Das macht ihren Status aus. Und letztlich erwartet das Volk von ihnen, notfalls sich sogar aufzuopfern! Wie viele <i>Helden<\/i> und <i>Schutzg\u00f6tter<\/i> sind daraus erwachsen!\u00a0 \u2013 pr\u00e4gt das nicht die Individuen? Ich denke auch an das Gedicht von Lu Xun auf den Wasserb\u00fcffel, der dem Kind gehorcht, aber dem Himmel trotzt, und an die Geschichte der chinesischen Studentenschaft im 20.Jahrhundert, nicht erst 1989.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die Kategorien \u00e4u\u00dferst abstrakt, bezeichnen nur eine Trennlinie. Wohin hat sie sich verschoben? Wird die verantwortungsbewusste Elite immer kleiner? Nein. Die immer komplexeren Steuerungsaufgaben im System China fordern und f\u00f6rdern das gesamtgesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein. Warum erstaunen mich denn immer wieder solche chinesische Intellektuelle in den <i>Thinktanks<\/i> und Universit\u00e4ten, von denen in den Medien die Rede ist?<\/p>\n<p>Das Volk seinerseits h\u00fctet sich vor Systemkritik, vor Einmischung \u2013 aus guten Gr\u00fcnden \u2013 wenn es nicht zum \u00c4u\u00dfersten gedr\u00e4ngt oder gereizt wird. Es ist das Volk geschmeidiger Profiteure und Wendeh\u00e4lse, das sich ausdifferenziert.\u00a0 Und jetzt entdeckt es die Freuden der Konsumgesellschaft und der Reisefreiheit.<\/p>\n<p>Und die Dissidenten? Ob in Ungnade gefallene Mandarine oder Rebellen gegen Peking, sie werden\u00a0 \u2013 paradox gesprochen \u2013 auch zu einer Elite, haben aber nicht die Position (Konfuzius), um legal etwas zu bewegen.<\/p>\n<p>Dass viele Altkommunisten heute ungl\u00fccklich sind mit den dekadenten, aber typisch chinesischen Verh\u00e4ltnissen, hat damit zu tun, dass der chinesische Kommunismus selbst etwas Westliches an sich hatte, und dass er sich mit chinesischen Utopien vom Gl\u00fcck verband.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u201eWir sind Falun Gong\u201c <\/b>(378ff.)<\/p>\n<p>Der Kontakt mit diesen \u201eeinfachen Leuten\u201c, die eigentlich \u201e\u00e4ngstlich wie M\u00e4use\u201c (379) sein m\u00fcssten, macht Liao ungeheure Angst, und tats\u00e4chlich h\u00e4mmert <i>das B\u00fcro 610<\/i> bereits acht Tage sp\u00e4ter an seine T\u00fcr.<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung der Frauen entfaltet sich nicht anderes als ein buddhistisches H\u00f6llengericht und ein Inquisitionsverfahren, das man sich chaotischer und barbarischer nicht vorstellen kann.<\/p>\n<p>Die KP-Spitze ist zu der Auffassung gelangt, dass mit Falun Gong eine gef\u00e4hrliche Ketzerei im Volk Wurzeln schlage und gibt die Losung in der Hierarchie nach unten durch. Dort versucht man die Ketzerei mit allen Mitteln zu liquidieren, halsstarrige Anh\u00e4nger werden wie Ungeziefer zerquetscht.<\/p>\n<p>Frau Chens Vergleich der Partei mit einem \u201ez\u00e4nkischen alten Weib\u201c ist viel zu nachsichtig (382) und Liaos Ausruf \u201efinsteres Mittelalter\u201c greift zu kurz. Auch in Europa wurden Ketzerverfolgungen von weitsichtigen kirchlichen und weltlichen Eliten machiavellistisch\u00a0 betrieben. \u00d6ffentlich verabreichte Schl\u00e4ge (384) durch den \u00f6rtlichen Parteisekret\u00e4r sind nicht per se dysfunktionale \u00dcbergriffe, auch wenn sie hier sadistisch wirken. Die europ\u00e4ische Justiz pflegte diese Art von repr\u00e4sentativer \u00d6ffentlichkeit vor den Augen der \u201eGaffer\u201c (384) bis ins 19. Jahrhundert (vgl. Foucault). Der Ausruf Liaos \u201eSie kennen kein Gesetz und keinen Himmel\u201c wird von \u00c4u\u00dferungen des Leiters der Irrenanstalt best\u00e4tigt, in die sie eingewiesen wird: \u201eHeul du nur deinen Himmel an\u201c (389). Die Begriffe \u201eMenschen\u201c und \u201eGerechtigkeit\u201c sind f\u00fcr ihn ein \u201ePfurz\u201c (389). \u2013 Hierin k\u00f6nnte unabh\u00e4ngig vom Grad der Grausamkeit ein Fall der Verrohung durch die Despotie der KP, nicht nur durch die vielen antireligi\u00f6sen Kampagnen vorliegen.<\/p>\n<p>\u201eDer kleinste Spalt\u201c im Ordnungsgef\u00fcge muss geschlossen werden, wenn er erst einmal die Aufmerksamkeit der Beh\u00f6rden erregt hat. Die Anh\u00e4nger von Falun Gong wiederum suchen und nutzen \u201eden kleinsten Spalt, der sich auftut\u201c (379). Der Meister hat die Anh\u00e4nger zur Kompromisslosigkeit verdonnert \u201enicht l\u00fcgen\u201c (384 \u2013 Kant h\u00e4tte wohl keine Freude daran!). \u201eVolkst\u00e4nze\u201c (380) als bloss verdeckte Fortsetzung der Mission sind bereits s\u00fcndhafte Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Bei der Aussicht eines Mehrparteiensystems dreht die KP durch. Der auch von chinesischen Akademikern ge\u00e4u\u00dferte Vorwurf an die KP, die Entstehung zivilgesellschaftlicher Organisationen nicht zugelassen zu haben, \u00fcbersieht die unglaublich Neuheit dieses Konzepts in China. Im alten China hatten alle Volksorganisationen oberhalb der Sippenverb\u00e4nde und ihrer d\u00f6rflichen Selbstverwaltung den Makel der Rebellion. Entsprechend waren und sind die Umgangsformen. Auch das kollektive Ged\u00e4chtnis der Landbev\u00f6lkerung reicht weit und es blitzt auf im Moment der Gefahr, so wie es Walter Benjamin beschrieben hat. Die Frau sagt: \u201eIch ging in Ketten und trug einen Kragen, wie die R\u00e4uber vom Liang shan Moor\u201c (387). Sie bezieht sich auf den ber\u00fchmten historischen Roman. Auch die Kriegsverbrechen im antijapanische Krieg sind ihr pr\u00e4sent in Form eines japanischen (?) Films: \u201eKomm \u00fcber den Fluss des Zorns\u201c (390). Das Volk lernt Geschichte im Kino, an Hand von Comics und durch Kleintheater, in Gef\u00e4ngnissen, Amtsstuben und anderen Staatsinnenr\u00e4umen.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u201eDer Komponist\u201c (162ff.)<\/b><\/p>\n<p>Auf Serpentinenkurs in die H\u00f6lle. Die siebzig Jahre Leben des Komponisten lassen mich ratlos zur\u00fcck. Zu viele Fragen.<\/p>\n<p>Die strickenden Frauen bleiben in Erinnerung. Strickte nicht auch <i>die Montagne<\/i> im revolution\u00e4ren Paris 1793-94? Wolf Biermanns Ratschlag kommt mir in den Sinn: \u201eSing\u2019 gar nicht, sondern summ\u201c.<\/p>\n<p>Wir verfolgen einen existentiellen<i> Fahrstuhl<\/i> eines Kaders wie bei Liu Bin-yan, an den Volksmassen vorbei in den <i>Kuhstall<\/i> f\u00fcr <i>Rechtsabweichler<\/i> und zur\u00fcck nach oben, nur scheint dieser weit d\u00fcmmer, grausamer und sinnloser.<\/p>\n<p>Die chinesische KP entwickelte sich in den ersten Jahrzehnten ausschlie\u00dflich als eine Art Geheimgesellschaft und als ein Parteiorden mit lebenslangen Seilschaften. Wir wissen, Verrat an solchen Organisationen wird immer furchtbar bestraft; hier wird der Tod oft durch eine P\u00e4dagogik ersetzt, der es auf Todesopfer nicht ankommt, zur Umerziehung und Abschreckung nach innen, zur Volkserziehung durch lebendige Beispiele und Hassobjekte nach au\u00dfen. Fragen:<\/p>\n<p>Wie weit reichte das Studium von Lenin? (\u201eWir oder sie!\u201c) und die br\u00fcderliche Schulung durch die sowjetische GPU? Wieweit wirkte die eigene Intrigenkultur? Wie wurde eigentlich die asiatische <i>Gehirnw\u00e4sche<\/i> entwickelt, von der man in Deutschland in Verbindung mit dem Vietcong erfuhr? Weite Bereiche des <i>Kellers<\/i> (Adolf Holl) der chinesischen Kultur sind uns nur indirekt bekannt, durch eine detaillierte religi\u00f6se Ikonografie etwa. Der maoistische Comic \u201ewei\u00dfes Knochengespenst\u201c nach Motiven des Romans \u201eDie Reise nach dem Westen\u201c zeigt nun seinen grauenvollen Hintergrund. \u00dcberhaupt sind die Romanklassiker wieder zu studieren, und vielleicht doch in ihrer langen Fassung!<\/p>\n<p>Nicht vergessen, dass Mao (angeblich) in der Schule Romane unter dem Tisch las. Hier im Interview werden ausgesuchte Grausamkeiten explizit auf \u201eRitterromane\u201c zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><\/b><b>Der Arbeitsgruppenleiter<\/b> \u2013 w\u00e4hrend des<i> Gro\u00dfen Sprungs nach vorn<\/i>!<\/p>\n<p>Nur Kannibalismus! Archaische und zugleich apokalyptische Bilder. Eine t\u00f6dliche Falle, wie ich sie vorher trotz aller einschl\u00e4gigen Berichte nur mit der Situation von Menschen in der Gaskammer assoziierte. Diesmal Ersticken in Zeitlupe. Was kann es Schrecklicheres geben? Und die Frage: Wer hat sich eigentlich selbst umgebracht? Sicher nur jemand ohne Familie. In der Kulturrevolution und in den St\u00e4dten war das noch mal anders.<\/p>\n<p><b>Der M\u00f6nch<\/b><\/p>\n<p>Im September suchte ich noch ein \u00fcberzeugendes Beispiel f\u00fcr den asketischen Pol von \u201eSchopenhauers Kompass\u201c (Urs App,2011): \u201evom Lebenwollen zu lassen\u201c, und fand hier den buddhistischen M\u00f6nchs Deng Kuan. Es ging auch f\u00fcr Schopenhauer bekanntlich um Heilige.<\/p>\n<p>Und warum halte ich den alten Deng f\u00fcr einen <i>Heiligen<\/i>? Er macht unter Maos Herrschaft Qualen biblischen Ausma\u00dfes durch und bewahrt darin eine nicht nachvollziehbare Festigkeit. Wo er der \u00dcbermacht nachgibt, verliert er nicht seinen inneren Kompass. Dass nach alledem der \u00f6rtliche Parteichef\u00a0 regelm\u00e4\u00dfig die wenigen Einnahmen des Klosters erpresst, kommentiert er mit dem Satz: \u201e<i>Wenn der Rachen von einem Gierhals nicht zu gro\u00df ist, kann ich ihn doch stopfen<\/i>\u201c (155) und auf die Frage, wie so das zerst\u00f6rte Kloster aufgebaut werden soll: \u201e<i>Ach, was geht, das geht<\/i>.\u201c (ebd.)<\/p>\n<p>In seinen \u00dcberzeugungen ist er selbstredend kontr\u00e4r zur normalen Welt, aber er diagnostiziert sie n\u00fcchtern. Er schw\u00e4rmt nicht, er doziert nicht. Er hat nach eigener Aussage \u201ekeine Lehrschrift zustande gebracht\u201c. Als Landkind und hat er erst im Kloster seinen Bildungsweg begonnen. \u00dcberdies ist er schon als Hundertj\u00e4hriger fast ein Heiliger. Also ein mir sehr fremder Mensch, kein Rattenf\u00e4nger! Auch Schopenhauer h\u00e4tte seine Freude an ihm, an seinen buddhistischen \u00dcberzeugungen und an seinem exemplarischen Fall. Und f\u00fcr die These einer\u00a0 <i>H\u00f6lle auf Erden<\/i>, kenne ich kein schlagenderes Beispiel.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Das ist nur ein Bruchteil aller Geschichten im Buch. Es w\u00fcrde sich lohnen, \u00fcber diese Geschichten ganz ernsthaft zu reden.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>detlev()graeve.org\u00a0 19.11.2012<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag \u00a0scheint auch 2016 noch gelesen zu werden, was mich freut, aber ihm folgten 2013 noch mehrere andere zu diesem Thema, die man ruhig auch zur Kenntnis nehmen sollte (LINK) &nbsp; &nbsp; Ein paar Wahrheiten \u00fcber China in\u00a0\u201eFr\u00e4ulein Hallo und der Bauernkaiser\u201c In Liao\u2019s literarischen Interviews erscheint der chinesische Kosmos in seiner Vielschichtigkeit.\u00a0Ich bin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[221],"tags":[],"class_list":["post-1302","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-china-herrschaft-und-gesellschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1302"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15457,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1302\/revisions\/15457"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}