{"id":13009,"date":"2022-06-17T11:11:47","date_gmt":"2022-06-17T09:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13009"},"modified":"2024-02-12T21:43:57","modified_gmt":"2024-02-12T20:43:57","slug":"projekt-rafai-5-5-eine-folge-von-bilanzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13009","title":{"rendered":"Im Tropenfieber : Walther von Wiese und Kaiserswaldau     (Rafai 5\/5)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #ff0000;\">Upload: 9. Juni 2021. \u00dcberarbeitung: 20. Juni 2022<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Johannes Fabian<\/strong> hat f\u00fcr seine Studie <strong>&#8222;Im Tropenfieber&#8220; (2001)<\/strong> die Reiseberichte verschiedener\u00a0 v o r-kolonialer Afrikaforscher systematisch gelesen. Ich profitierte von mancher Bemerkung, hatte aber nicht die Energie zur Einarbeitung. Die folgenden Zitate aus dem Kapitel XI, dem &#8222;Epilog&#8220;, belegen:\u00a0 Wieses Bericht h\u00e4tte perfekt zu Fabians &#8218;Ahnengalerie&#8216; gepasst. Auch hier l\u00e4sst sich der \u201e<em>Mythos der Afrikaforschung\u201c <\/em>durchg\u00e4ngig<em> \u201emit konkreten spezifischen Informationen konfrontieren, die in denselben Quellen enthalten waren, welche diesen Mythos ausagierten und n\u00e4hrten<\/em><em>.<\/em>\u201c (365) Auch sein Zeugnis enth\u00e4lt reichlich Material f\u00fcr eine\u00a0 unaufgeregte &#8222;<em>Gegengeschichte<\/em>&#8222;, welche den Blick f\u00fcr unterschiedliche Perspektiven \u00f6ffnet, methodisch historische Zeugnisse hinterfragt und sie\u00a0 &#8218;gegen den Strich zu lesen&#8216; unternimmt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Johannes Fabian : Im Tropenfieber &#8211; Aus:\u00a0 Kap. XI &#8218;Epilog&#8216;: <\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Wir fanden, dass eine ideale und ideologische Geschichte von wissenschaftlicher Forschung als h\u00f6chst individuellem, kontrolliertem, ja, heroischem Unternehmen, das eine rationale Zielsetzung hatte und noch relativ frei von der Routine einer wissenschaftlichen Disziplin war, seine eigene Gegengeschichte in den \u00fcberreichen Belegen enthielt&#8230;. Pl\u00e4ne und Instruktionen, die in den Metropolen verfasst waren, kollidierten mit \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnissen und blieben meist in ihnen stecken &#8230;.. Was eine Sache der Ausf\u00fchrung von genau umschriebenen Aufgaben h\u00e4tte sein sollen, verwandelte sich fast immer in einen Kampf ums blo\u00dfe \u00dcberleben &#8230;. Menschliche und nat\u00fcrliche Objekte, die den Idealvorstellungen zufolge h\u00e4tten dazu da sein sollen, sich beobachten zu lassen, erwiesen sich als in verwickelten Beziehungen von Interaktion und Widerstand stehend. Die einfachsten Instrumente und Gewohnheiten der Wissenschaft &#8230; funktionieren entweder \u00fcberhaupt nicht oder &#8230;&#8230;unter dem Zwang, sich dem Tanz der Verh\u00e4ltnisse anzuschlie\u00dfen &#8230;.. Wenn es <u>eine<\/u> durchg\u00e4ngige Erfahrung gab, die diese Emiss\u00e4re des Imperialismus und Missionare einer \u00fcberlegenen Zivilisation, dann war die der Abh\u00e4ngigkeit. Reisende waren von Dingen \u2013 Geldmittel, Ausr\u00fcstungen und Gebrauchsgegenst\u00e4nden &#8211; abh\u00e4ngig und je mehr Dinge sie hatten, desto mehr hatten sie mit Problemen der Logistik zu k\u00e4mpfen. Und sie waren von Menschen abh\u00e4ngig. Besonders auf ihren ersten Reisen waren sie im Vergleich zu ihren F\u00fchrern, Dolmetschern und Tr\u00e4gern Amateure auf dem Gebiet der Afrikareisen. Je professioneller diese Helfer waren, desto abh\u00e4ngiger die Forschungsreisenden von deren Wissen, auch bevor sie soweit waren, die Art von Wissen zu produzieren, das sie nach Hause mitbringen sollten. F\u00fcgen wir dem allen die Launen einheimischer Herrscher und die Wechself\u00e4lle des Klimas und der nat\u00fcrlichen Umwelt hinzu. Eine Erfahrung machten alle diese jungen, kr\u00e4ftigen M\u00e4nner, und sie steht f\u00fcr alle anderen: die der Abh\u00e4ngigkeit von ihrem K\u00f6rper. M\u00fcdigkeit, kleinere Wunden, gr\u00f6\u00dfere Krankheiten, Unf\u00e4lle und beinahe t\u00f6dliche Verletzungen f\u00fchrten zu Leiden von heroischen Ausma\u00dfen und wiederum von prosaischer Abh\u00e4ngigkeit vom guten Willen ihrer Begleiter und Helfer.<\/em><\/p>\n<p><em>Und als h\u00e4tten all diese Festlegungen und Zw\u00e4nge nicht ausgereicht, gab es noch die Erwartung der Selbstkontrolle &#8230; ein umfassendes Regime der tropischen Hygiene, das all denkbaren Aktivit\u00e4ten von der Fu\u00dfpflege bis zum Tagebuchf\u00fchren reglementierte&#8230;.. nur am Rande sorgten sie daf\u00fcr, dass die Wissenschaftler mit den Menschen, zu deren Studium sie gekommen waren, verst\u00e4ndigten. &#8230;. lie\u00dfen ihnen zwangsl\u00e4ufig nur wenig Toleranz f\u00fcr die fortw\u00e4hrenden spielerischen und ernsthaften Herausforderungen, mit denen Afrikaner ihrer Autorit\u00e4t als Karawanenf\u00fchrer begegneten. &#8230; \/ (366) &#8230; Schlie\u00dflich vermochten nur wenige Reisende &#8230;. die Augen vor Beweisen zu verschlie\u00dfen, die sie f\u00fcr die Doppelz\u00fcngigkeit ihrer imperialen Geldgeber hatten.\u201c<\/em> (367)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fabian zum Sammeln \u201eethnographischer Objekte&#8220; als materielle Zeichen des wissenschaftlichen Erfolges und als &#8222;Kapital der jungen Anthropologie&#8220;:<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>Ethnographische Objekte als Konstruktionen von ungewissem wissenschaftliche Status<\/em> <strong>260<\/strong>, <em>verglichen mit \u201eProben der Natur\u201c<\/em> <strong>261<\/strong><\/p>\n<p><em>Das Sammeln erforderte Hingabe<\/em> <strong>261<\/strong><\/p>\n<p><em>Das Sammeln bei kurzen Aufenthalten am Flu\u00dfufer \u00e4hnelte der Oberfl\u00e4chenarch\u00e4ologie<\/em> <strong>261f.<\/strong> Man denke auch an das fehlende Wissen dieser Reisenden von den Gesellschaften und Kulturen, durch die sie auf gebahnten Routen zogen.<\/p>\n<p>\u201e<em>Diese ethnographischen Objekte weigerten sich gewisserma\u00dfen, an ihrer urspr\u00fcnglichen Funktion und ihrem urspr\u00fcnglichen Kontext festzuhalten.<\/em>&#8230;\u201c <strong>262<\/strong> Da wird der Tauschprozess als der erste Moment ihres &#8218;zweiten Lebens&#8216; sichtbar. Aber auch das Scheitern des \u00dcbergangs ist Thema: &#8222;<em>D<\/em><em>er afrikanische Besitzer wollte sich von seinem Horn nicht trennen, spielte lieber vor&#8220;.<\/em>\u00a0 Auf der anderen Seite verr\u00e4t der Forscher Pogge: &#8222;<em>Was ich besser brauchen kann als der H\u00e4uptling <\/em>(der Lunda)<em> muss ich verstecken.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Aber <em>die Geschm\u00e4cker \u201awandelten sich\u2019 schon w\u00e4hrend des Tauschprozesses<\/em> <strong>263<\/strong> &#8211; Da konnte N\u00fctzliches erworben, Sehns\u00fcchte erf\u00fcllt und die Hoffnung gen\u00e4hrt werden, an der Macht der Wei\u00dfen zu partizipieren.<\/p>\n<p>Zum Druck der Auftraggeber in Europa :\u00a0 Ethnografische Objekte wurden zur \u201e<em> \u201aDatenbasis\u2019 auf der die Anthropologie urspr\u00fcnglich ihren Ruf als akademische und wissenschaftliche Disziplin aufbaute. In Museen gelagerte ethnographische Objekte waren ein Kapital, ohne das die Anthropologie nicht unter den Paradigmata des Evolutionismus und Diffusionismus institutioniert und professionalisiert worden w\u00e4re.<\/em>\u201c<strong> 265<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre von Zwernemann:&#8220;<em>Leo Frobenius und das Hamburgische Museum f\u00fcr V\u00f6lkerkunde<\/em>&#8220; (<em>Mitteilungen<\/em>&#8230;,N.F.17 ,1987, 111-128) sehe ich v. Wieses Entt\u00e4uschung \u00fcber die eigenen Ergebnisse in der aussichtslosen Konkurrenz mit der \u00fcberragenden Rolle von Leo Frobenius f\u00fcr den strategisch konzipierten &#8222;Aufbau&#8220; der Afrika-Sammlungen des Museums durch <em>etwa 10.200 Erwerbungen in den Jahren 1905 bis 1912 <\/em>(121). Da riskierte selbst Museumsdirektor Thilenius finanziell eine Menge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das getippte &#8222;Tagebuch&#8220;, eine Vorform des Buchtextes<\/strong><\/p>\n<p>Die Bibliothekarin des Weltkulturenmuseums Frankfurt legt mir ein als\u00a0 &#8222;Tagebuch&#8220; betiteltes Typoskript in Fotokopie vor. Mein spontaner Eindruck ist positiv. Gegen\u00fcber dem Buchtext\u00a0 sind die Abweichungen nicht erheblich und ich m\u00f6chte seither den Reisebericht lieber im asketischen Kleid des gebundenen maschinenschriftlichen Textes von 92 Din A4-Seiten lesen als im wilhelminisch aufgetakelten Prachtband &#8222;<em>Vom Kongo zum Niger und Nil<\/em>&#8222;und seiner verknautschten &#8218;deutschen Schreibschrift&#8216;. Das\u00a0 passt mir \u00e4sthetisch besser zur Welt des forschenden Milit\u00e4rs. Diktion und L\u00e4nge der Abschnitte des Berichts erinnern mich irgendwie an <em>Bellum Gallicum<\/em>.<\/p>\n<p>Der Titel &#8222;Tagebuch&#8220; ist irref\u00fchrend.\u00a0 \u00dcber das im Buch Gesagte hinaus fehlen Daten und Details \u00fcber das Tag f\u00fcr Tag Geleistete und Erlebte. Selbst Beate Schneider und Christine Stelzig zitieren in ihrem gro\u00dfen Essay \u00fcber die Expedition 1910-11\u00a0 (in &#8222;UBANGI&#8220; Grotaers*, Actes Sud 2007 pp. 261-83, Franz\u00f6sisch) nur aus diesem &#8222;Tagebuch&#8220; in Frankfurt, dazu ein wenig aus dem Briefwechsel von Wieses. Sind die der Darstellung zugrund liegenden t\u00e4glichen Notizen oder Tageb\u00fccher verloren gegangen, so wie Objekte und zahlreiche Fotos und manches an Dokumentation, oder liegen sie unentdeckt im Archiv des MARKK in Hamburg? &#8211; Eine Recherche-Aufgabe. Momentan zu gro\u00df f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Der Berichterstatter von Wiese zeigt sich als junger Mann ohne belastende Skrupelhaftigkeit. &#8211; Davon sind mir mittlerweile im\u00a0 damaligen Kamerun mehr begegnet (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=214\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blog<\/a> &#8222;<em>Duala&#8220;<\/em>). Der deutsche Gast &#8211; und Sp\u00e4her &#8211; darf gerade dort nicht hin, wo es an diversen Fronten &#8218;brennt&#8216;. Daraus resultiert etwas zwischen Abenteuerurlaub und \u00dcberlebenstraining. Er kann sich aber auf die improvisierte milit\u00e4rische Infrastruktur der gerade eroberten Kolonien verlassen, vor allem aber auf die &#8218;Kameradschaft&#8216; unter Standesgenossen trotz der nationalen Rivalit\u00e4ten. Die wenigen Missionare erlebt er als erfreundliche, hilfsbereite Menschen. Wor\u00fcber man wohl geredet hat? Die Natur bot Fieber und Ersch\u00f6pfung gegen ihn auf, Stromschnellen, Unwetter, M\u00fcckenschw\u00e4rme oder F\u00e4ulnis und Verlust von Gep\u00e4ck. Immerhin gab es f\u00fcr den Freiherrn\u00a0 auch Erfreuliches wie die Jagd auf Gro\u00dfwild. Seine Zeichnungen und Aquarelle (?)\u00a0 wurden sp\u00e4ter vom offiziellen Maler der Gesamtexpedition Heims sensibel \u00fcberarbeitet. Die f\u00fcr das Buch ausgew\u00e4hlten informativen Fotos von Wieses lassen von der Aufnahme bis zum Abzug die W\u00fcrde der Aufgenommenen erkennen. Respekt! Die meisten Aufnahmen ging leider bereits auf dem Weg verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die &#8222;Menschenfresser&#8220;-Saga verdient genauere Betrachtung<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die von Fabian betonte Abh\u00e4ngigkeit aller durchreisenden &#8218;Ethnografen&#8216; von ihren mehr oder weniger zuf\u00e4lligen Gew\u00e4hrsleuten, Begleitern und Informanten ist im \u201e<em>dreiw\u00f6chigen Standlager<\/em>\u201c in <em>Bangassu<\/em>, dem \u201e<em>Hauptort des gesamten Mbomu-Distrikts<\/em>\u201c (261) un\u00fcbersehbar. \u201e<em>Sain, ein Halbaraber aus Witu von der ostafrikanischen K\u00fcste<\/em>\u201c (263, 272) n\u00e4hrte die Menschenfresser-Saga, auf die v.Wiese bereits durch fr\u00fchere Reiseberichte eingestimmt war.<\/p>\n<p>Wem diente sie?<\/p>\n<p>Dem Gesch\u00e4ftsmann und Vertrauten des Sultans <em>Sain<\/em> war sie n\u00fctzlich, weil der schlechte Ruf der Gegend geeignet war, europ\u00e4ische Konkurrenten auf Abstand zu halten.<\/p>\n<p>Dem Sultan und seinen Beratern, die sich \u201e<em>sehr ablehnend gegen die Europ\u00e4er, mochten es nun Kaufleute oder Regierungsangestellte sein<\/em>\u201c verhielten, n\u00fctzte sie in derselben Weise. Profitierte der Sultan doch von den h\u00f6heren Preisen der \u201e<em>ihm sympathischeren Freih\u00e4ndler<\/em>\u201c dank einer Klausel im Konzessionsvertrag der \u201e<em>Gesellschaft der Sultanate des Oberubangi<\/em>\u201c, wodurch formal ein Uferstreifen von 25 Metern von deren Handelsmonopol ausgenommen war. (262)<\/p>\n<p>Wie Stelzig und Schneider bemerken, profitierte auch der Autor, und zwar von der &#8218;G\u00e4nsehaut&#8216; seiner Leserschaft. Geradezu gen\u00fcsslich walzte er das angebliche Risiko, \u201e<em>im Magen eines Nzakara zu verschwinden<\/em>\u201c (269) aus und zog selbst aus ein paar beruhigenden Anekdoten, die unter den Europ\u00e4ern kursierten, keine Konsequenzen. Beispiel : Ein verirrtes Mitglied einer offiziellen franz\u00f6sischen \u201eErkundung\u201c wurde von &#8222;Menschenfressern&#8220; gerettet und durchgef\u00fcttert. (269-71)<\/p>\n<p>Selbst als &#8218;Forscher&#8216; konnte v.Wiese nur gewinnen, da er als Zeuge (vom H\u00f6rensagen) neue zitierf\u00e4hige Belege lieferte.<\/p>\n<p>Dem Offizier musste die psychologische Taktik der Abschreckung gel\u00e4ufig sein. Noch in der Gegenwart spielen weltweit Inszenierungen neuer Waffensysteme, aber immer auch &#8222;Kriegsgreuel&#8220; und &#8218;barbarische&#8216; Praktiken nicht nur des &#8222;IS&#8220; eine Rolle. Und vergessen wir nicht, dass die afrikanischen Handelspartner an der Atlantikk\u00fcste jahrhundertelang Europ\u00e4er auch mit Gruselgeschichten vom Vordringen ins Landesinnere abschreckten. Wie durch spartanische H\u00e4rte und gnadenlose Anthropophagie kleine Gruppen von <em>Salampasu<\/em> ihre gro\u00dfen Nachbarn <em>Lunda<\/em> und <em>Luba<\/em> auf Abstand hielten, wenigstens bis ende des 19. Jahrhunderts, ist ein weiteres Beispiel. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10247\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK zum Blog<\/a>)<\/p>\n<p>Ich gebe zu, ganz unbeeindruckt haben mich selber v.Wieses hartn\u00e4ckige Wiederholungen nicht gelassen. Dass Stelzig und Schneider das Thema locker nehmen, k\u00f6nnte sich schlie\u00dflich einer Verabredung unter modernen Wissenschaftlern verdanken. Und das verteufelt kleingedruckte gewichtige moderne Standardwerkwerk \u201eUbangi\u201c hat keinen Sachindex.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Noch einmal: von Wieses\u00a0 Ambivalenz gegen\u00fcber &#8222;Europ\u00e4isierung&#8220; und &#8222;Kolonisation&#8220;<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zwar musste er die \u201eEurop\u00e4isierung\u201c der Afrikaner als Ziel der \u201eKolonisierung\u201c gut finden, aber eben nur im Prinzip, nicht unter den realen Bedingungen, mit denen er vor Ort konfrontiertwar:\u00a0 \u201e<em>&#8230;es zeigte sich wiederum, dass es selbst im Innersten Afrikas allerh\u00f6chste Zeit ist, ethnographisch zu sammeln und zu retten was noch zu retten ist. In wenigen Jahren findet der Ethnograph nur noch behoste Nigger, europ\u00e4ische Schundwaren statt der Erzeugnisse der Eingeborenen und ein seltsames Gemisch von fr\u00fcheren Stammessitten und europ\u00e4ischen Unsitten; dies alles hei\u00dft dann \u201aeinziehende europ\u00e4ische Kultur\u2019! Die gro\u00dfen Kolonialgesellschaften wollen ja nur gegen ihre Waren Kautschuk und Elfenbein einhandeln, aber nichts f\u00fcr die Erziehung der Neger tun.<\/em> (275) Zur T\u00e4tigkeit der allerersten Missionare konnte er nichts zu schreiben. Er schwadronierte &#8218;zivilisationskritisch&#8216; und verquirlte eine politische Kritik an Europa mit der popul\u00e4ren Verachtung f\u00fcr die Reaktionsweisen der Afrikaner: <em>In kurzen Worten will ich beschreiben, was ich in Rafai vorfand, und jeder wird daraus ersehen, da\u00df man eher glauben k\u00f6nnte, sich in der Negerrepublik Liberia zu befinden, als bei einem H\u00e4uptling der Menschenfresser Zentralafrikas.<\/em>\u201c (275) \u201e<em>Dadurch da\u00df der Neger einen europ\u00e4ischen Anzug tr\u00e4gt, wird sein Verlangen nach Menschenfleisch noch lange nicht unterdr\u00fcckt<\/em>\u201c (277).<\/p>\n<p>Der ehemalige Gymnasiast und geschulte Milit\u00e4r fasste die ihm von Sultan <em>Rafai <\/em>pers\u00f6nlich diktierte \u201eGeschichte des Landes\u201c (278-280) b\u00fcndig zusammen, was ihm nicht schwer gefallen sein d\u00fcrfte, denn es handelte sich um Themen seiner Schulzeit: Dynastiegeschichte, Erbfolgen, Vertreibungen und Kriege, deren Feldz\u00fcge sich \u00fcber Hunderte von Kilometern erstreckten.<\/p>\n<p>Davon unbeirrt ging v. Wiese von der in Europa gerade geltenden Doktrin in sich abgeschlossener traditioneller Kulturen aus. Er betrieb &#8218;Wissenschaft&#8216; im Nebenfach\u00a0 und aus der Perspektive des Befehlsempf\u00e4ngers in einer Befehlskette. Er macht sich die Wertungen noch korrekter zu eigen als seine akademischen Vorgesetzten in der jungen Ethnographie, etwa im Streit mit Thilenius um die Sammelw\u00fcrdigkeit eines typischen &#8218;Colon&#8216;-Objekts.<\/p>\n<p>An der Tatsache der Unterdr\u00fcckung verschiedener V\u00f6lker durch die Azande-F\u00fcrsten interessierte ihn nur das vermutete Resultat: kultureller &#8218;Verschnitt&#8216;: <em>Z<\/em><em>un\u00e4chst hebe ich hervor, da\u00df die meisten Bewohner des Sultanats Rafai gar keine Asande sind, sondern unterworfene St\u00e4mme, wie Biri, Ngabu, Nsakkara und verschiedene Banda<\/em>\u201c (275-76). Seine &#8218;Diagnose&#8216; wiederholt er anl\u00e4sslich der Verh\u00e4ltnisse im sudanesischen Ort Wau: <em>il s\u2019y trouve un tel m\u00e9lange de peuplades (&#8230;) que la plupart d\u2019entre eux ne savent plus vraiment ce qu\u2019ils sont en r\u00e9alit\u00e9; &#8230;* <\/em>\u201e (&#8222;Tagebuch&#8220; 86-87 (?) nach Stelzig u. Schneider 273; *R\u00fcck\u00fcbersetzung: <em>Es findet sich hier einer derartige Mischung von Volksst\u00e4mmen (&#8230;) dass die Mehrheit unter ihnen nicht mehr wei\u00df, was sie wirklich sind, &#8230;)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die &#8222;Sultanate&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0\u201e<em>Die urspr\u00fcnglichen Sitten und Gebr\u00e4uche der Asande\/Bandja<\/em>\u201c (276), sollte er hier \u201aerforschen\u2019 ?\u00a0 Er berichtete aus einer von Raubz\u00fcgen, Kriegen und Vertreibungen \u00fcber mehr als ein Jahrhundert verw\u00fcsteten Region.<\/p>\n<p>Bei Jan Vansina erfahren wir \u00fcbrigens, was es mit den <strong>\u201eSultani\u201c<\/strong> auf sich hatte: Sie waren von Eroberern aus dem Norden und Osten, <em>Arabern<\/em> und <em>Sansibari<\/em>, als Statthalter eingesetzt worden. <em>Die zwangen die Bev\u00f6lkerung, sich in gro\u00dfen D\u00f6rfern niederzulassen und verhalfen dort den \u201cSultani\u201c, jungen ehrgeizigen M\u00e4nnern zu Macht, denen die traditionellen Eliten wenig entgegenzusetzen hatten, um ein kollektives Gegengewicht zu bewahren. &#8211; <\/em><strong>Jan Vansina: \u201e<em>Paths in the Rainforest<\/em>\u201c<\/strong> p. 242 und\u00a0 BLOG \u201eGardema\u00df und radikaler Bauplan\u201c <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10421\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> .<\/p>\n<p>Bei v.Wiese liest sich die Geschichte so: \u201e<em>Von Norden kamen auf ihren Raubz\u00fcgen arabische Sklaven- und Elfenbeinh\u00e4ndler ins Land. Mit diesen trat Bayaengi und sp\u00e4ter sein Sohn Rafai in Handelsbeziehungen. Die Araber belie\u00dfen Rafai als Oberh\u00e4uptling und&#8230;. Besonders Ziber-Pascha gab an Rafai direkt seine Befehle. Rafai unterwarf die eingesessenen St\u00e4mme &#8230;..<\/em>\u201c (278)<\/p>\n<p>Das Beherrschungsrezept kopierten die Belgier in ihrer Kongo-Kolonie. Von den Sklavenh\u00e4ndlern und ungebildeten Milizen erhielt man spezielle Dienstleistungen, auf man bei der Kolonialeroberung angewiesen war. Europa hat sich in Afrika eingeschlichen.\u00a0 von Wiese nahm die unter \u00f6ffentlichem Druck erzwungene oberfl\u00e4chliche Zivilisierung der belgischen Kolonialverwaltung nur als Nachteil wahr.<\/p>\n<p>Die Region war ideales Einzugsgebiet, nach Norden offene Savanne und nach Osten und Westen durch Wasserstra\u00dfen erschlossen. Die \u201eSultanate\u201c Rafai und Bangassu lagen auf Handelsrouten. Auch am b\u00f6sen Ende der Fresskette konnte man als gut bewaffneter und vernetzter H\u00e4ndler Geld verdienen. Sklaven, Elfenbein und dann Rohgummi waren Exportg\u00fcter von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ein Vergleichsfall<\/p>\n<p>Der schwedische Missionar Karl Laman hat um 1915 von seinen einheimischen Katecheten (Yombe) an der M\u00fcndung des Kongo die m\u00fcndlich \u00fcberlieferten Informationen \u00fcber die Zeit des entwickelten Sklavenhandels erfragt, und Wyatt MacGaffey hat die gesellschaftlichen Konsequenzen 2008 kompromisslos zusammengestellt (Siehe Blog \u201e<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4251\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sklaven, H\u00e4ndler und Despoten<\/a>\u201c). Es sind dieselben Faktoren:<\/p>\n<p>Die Machtkontrolle durch Konsultation der Honoratioren geht verloren, die materielle Kluft wird un\u00fcberbr\u00fcckbar, wachsende Rechtlosigkeit der Schw\u00e4cheren und &#8211; innerhalb der Familien &#8211; der Jugend, Prunksucht, die sich auch auf \u201aHumankapital\u2019 (Frauen und Sklaven) erstreckt, bei Gelegenheit demonstrative Verschwendung auch dieses \u201aKapitals\u2019, Verrohung der Sitten &#8230;. Und Kriege: J\u00e4hrliche Angriffskriege gegen bereits unterworfene Nachbarn, wie vom Zwerg-Sultanat \u201eBangassu\u201c berichtet, sind auch vom weit \u00e4lteren Sklavenj\u00e4gerreich Abom\u00e9 &#8211; die mit den Raubtierfiguren der K\u00f6nige im Quai Branly (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=159\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blog<\/a>) &#8211; bekannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>ABER &#8230;.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Argumente f\u00fcr eine begrenzte Korrektur der Beurteilung Walther von Wieses<\/strong><\/p>\n<p>Die Argumente finden sich in meinem fr\u00fcheren Bilanz-Text\u00a0 vom 9. Juni 2021:<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>v. Wieses Kritik zielt auf Entscheidungen der Machteliten au\u00dfer Reichweite der Milita\u0308rs: Politik und Finanzkapital. Beide haben einen kurzen Zeithorizont fu\u0308r schnellen Gewinn und geringe Neigung zu Investitionen in die Zukunft; es darf nichts kosten. Die Politik ist populistisch, die Wirtschaft ein weites Feld fu\u0308r Aufsteiger,Sparer und Investoren. Beide Bedingungen sind immer noch aktuell!<\/p>\n<p>Das Milita\u0308r wei\u00df, was es brauchen wu\u0308rde, aber er bekommt es nicht. Insofern ist der Bericht Wieses ein Zeichen der Ohnmacht und kritisch, offen gegen Frankreich gerichtet, aber indirekt auch gegen das Deutsche Reich.<\/p>\n<p>In den Versa\u0308umnissen der Politik sieht von Wiese\u00a0 das Verbrechen an den Menschen, die Ursache fu\u0308r unno\u0308tiges Leid der Menschen und Degradierung der ku\u0308nftigen Kolonie. Die Unvermeidlichkeit einer Kolonisierung steht fu\u0308r ihn wie fu\u0308r viele Zeitgenossen au\u00dfer Zweifel.<\/p>\n<p>Wiese hat ein solides normatives Korsett, in dem Zweckrationalita\u0308t eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n<p>Eine grundsa\u0308tzliche Ablehnung und Verachtung \u201eder Neger\u201c kann ich bei Wiese nicht ausmachen. Geradezu dankbar werden Zeichen von Wu\u0308rde, guter Organisation, Kooperation und Anpassung an die \u201eZivilisation\u201c zur Kenntnis genommen. Doch die Kombination von Fremdheit\/Unversta\u0308ndnis, Verelendung, sowie Taktiken der Subversion und Rebellion seitens der Schwachen na\u0308hren Abscheu und Verachtung. Der Reisebericht ist oft emotional und bedient Emotionen. Auch Wei\u00dfe werden z.B. als Betru\u0308ger und Nichtsnutze wahrgenommen. Die Azande werden jedenfalls gru\u0308ndlich entzaubert.<\/p>\n<p>Die Sprache der moderner Kunstwissenschaftler steckt voller Euphemismen. Ein Grund mag sein, dass sie die Azande als bereits entmachtete zahnlose Tiger kennengelernt haben.<\/p>\n<p>Deren Eliten veredeln ihre Wolfsnatur und ihre ausbeuterischen Dynastiegeschichten mit wu\u0308rdevollem Auftreten und biegen sich die Geschichte zurecht (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11377\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> <em>Storms vs. Lusinga<\/em>).\u00a0 Was bleibt ihnen denn heute anderes als heroische Mythen, in einer weiter verelendeten Region und in Fl\u00fcchtlingslagern, auf mehrere zentralafrikanische Staaten verteilt?<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Upload: 9. Juni 2021. \u00dcberarbeitung: 20. Juni 2022 &nbsp; Johannes Fabian hat f\u00fcr seine Studie &#8222;Im Tropenfieber&#8220; (2001) die Reiseberichte verschiedener\u00a0 v o r-kolonialer Afrikaforscher systematisch gelesen. Ich profitierte von mancher Bemerkung, hatte aber nicht die Energie zur Einarbeitung. Die folgenden Zitate aus dem Kapitel XI, dem &#8222;Epilog&#8220;, belegen:\u00a0 Wieses Bericht h\u00e4tte perfekt zu Fabians [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[239],"tags":[],"class_list":["post-13009","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-v-wiese-u-kaiserswaldau-projekt-rafai"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13009"}],"version-history":[{"count":19,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13009\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15447,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13009\/revisions\/15447"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}