{"id":12932,"date":"2021-06-19T21:58:24","date_gmt":"2021-06-19T19:58:24","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12932"},"modified":"2021-06-20T01:40:28","modified_gmt":"2021-06-19T23:40:28","slug":"diskriminierungsfrei-und-gesetzestreu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12932","title":{"rendered":"Diskriminierungsfrei und gesetzestreu"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">Voreiliges Pamphlet anl\u00e4sslich meiner Pensionierung im Mai 2009<\/h3>\n<p>Hochgeladen 19.6.2021<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">26.5.09 \u201ePensionierung\u201c<\/h4>\n<p>Ich komme direkt aus drei Jahren \u201eVorruhestand\u201c an die Altk\u00f6nigschule gefahren, um bei dem mir unbekannten Schulleiter meine Urkunde abzuholen. Habe viele Kollegen getroffen. Die erinnern mich an die \u201eTitanic, die unter Dampf unterging\u201c oder eher noch an eine \u201eunsinkbare Titanic\u201c. Die alten Kollegen w\u00fcrde ich allesamt in Pension schicken, sie tun mir einfach leid. Der \u201eAltbau\u201c sieht aus wie die Bronx, das d\u00fcrfte nicht hingenommen werden. Johnny Kumar (&#8222;m\u00f6eh&#8220;- Redakteur) ist mir sympathisch.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">*<\/h4>\n<p>\u201eDiskriminierungsfreiheit\u201c und \u201eGesetzestreue\u201c sind Eckwerte des Systems, weil Erfolgsvoraussetzung f\u00fcr die Durchsetzung des gl\u00e4sernen Menschen. Sie werden in der westlichen Welt momentan durchgesetzt, als ob ein Plan dahinter w\u00e4re.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei ist es blo\u00df systemische Planm\u00e4\u00dfigkeit. Viele dezentrale Kr\u00e4fte der wissenschaftlichen Zivilisation kommen aus den verschiedensten Richtungen diversen Interessengruppen entgegen, jede will Systemfehler beseitigen, die Rationalit\u00e4t im System, die Kompatibilit\u00e4t erweitern, Energien freisetzen, auch solche, die von Blockierungen gebunden werden.<\/p>\n<p>Ging Diskriminierung fr\u00fcher von intellektuellen und wissenschaftlichen Autorit\u00e4ten aus, die Hierarchien, stabile Normen und sp\u00e4ter vermeintliche Kausalketten verteidigten, so erweist sich die ganze Denkrichtung als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. 1989 schlug jeder Art von -zentrismus die Totenglocke. So etwas war nur noch f\u00fcr Sonntagsschule und Sonntagsreden, f\u00fcr politische und soziale Folklore jeder Art erlaubt. Wirtschaft, <em>social engineering,<\/em> Wissenschaften und Technologien wurden regelrecht umgepolt, anfangs von den Akademikern alten Schlages bek\u00e4mpft, aber meist untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Wenn dieses alte Denken nicht mehr praktiziert wird, sondern je nach Anwendung\u201esch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung\u201c, \u201eanything goes\u201c, \u201ePluralismus\u201c, \u201eSpezialisierung\u201c und \u201eInterdisziplinarit\u00e4t\u201c, alles mit der Perspektive eines sich stetig vervollkommnenden Systems betrieben wird, das aus jeder Krise gest\u00e4rkt hervorgehen und bald schon einen Grad von Durchblick und Wissen erlangen kann, dem kein einzelner Mensch mehr folgen k\u00f6nnte, dann sehen wir auch in undurchdringlicher Komplexit\u00e4t keine Bedrohung mehr. Ted K. hat das wie mancher andere prognostiziert. Ordnungswissen verliert seine Substanz, wird rein funktional (nach Wert und Zweck) und tr\u00e4gt ein verk\u00fcrztes Verfallsdatum.<\/p>\n<h4>Mach mit !<\/h4>\n<p>Warum erkenne ich in so vielen neuen Entwicklungen die alten Verh\u00e4ltnisse in der DDR? Weil der Kommunismus (Stalinismus, Maoismus, SED) zur Modernisierung Ideen der Umerziehung und Perfektibilit\u00e4t des Menschen beisteuerte, nachdem die Industrialisierung Bauern bereits zu Rekruten gemacht hatte, und weil er die Au\u00dfenlenkung in Konkurrenz zu Amerikas geschmeidigeren Methoden in gro\u00dfen Ma\u00dfstab ausprobierte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen hei\u00dft das,<em> allzeit bereit <\/em>zu sein und keine <em>unm\u00f6glichen<\/em> (V.Flusser: <em>unwissenschaftlichen<\/em>) Fragen zu stellen oder doch nur den daf\u00fcr eingerichteten &#8222;Notrufen&#8220;\u00a0 und auf \u201eIdeologie\u201c und \u201eDesinformation\u201c spezialisierten Agenturen: also Call-Centern, Schulen, Kirchen, Therapeuten, Medien, <em>Sachbuch<\/em>verlagen u.s.w., damit sie den neuen Autorit\u00e4tsdarstellern in den Chefetagen nicht l\u00e4stig fallen, die solche Fragen doch nur an entsprechende Sachbearbeiter weitergeben, weil sie <em>wissen, dass sie <u>nicht<\/u><\/em> wissen.<\/p>\n<p>Wie selbstverst\u00e4ndlich verlangte heute im dlf ein Anrufer nach \u201eEthikkommissionen\u201c in jeder Klinik, damit man wisse, was an Behandlung man Hilfesuchenden geben m\u00fcsse <u>und<\/u> wolle.<\/p>\n<h4><strong>Gesetzestreu !<\/strong><\/h4>\n<p>Aber bitte auf aktuellem Stand und ohne zu fragen. Wer darf von sich annehmen, den aktuellen Stand an \u201eGemeinwohl\u201c oder \u201eRecht\u201c &#8230;.. zu repr\u00e4sentieren? \u201eMichael Kohlhaas\u201c oder einen &#8222;Luther&#8220; (&#8222;<em>Hier stehe ich<\/em>&#8230;&#8220;) kann das System sich nicht leisten. \u201eWiderstandsk\u00e4mpfer&#8220;\u00a0 geh\u00f6ren in die Gedenktagfolklore der Abteilung <em>Legitime Abstammung<\/em> speziell f\u00fcr die Ewiggestrigen &#8211; Linke und Liberale, Wertkonservative von der \u201eZeit\u201c &#8211; jedenfalls der \u00e4lteren Generation, die sich zwar auch vom globalen Konsumismus haben einfangen lassen, aber meinen, noch \u201eWerte\u201c zu haben.<\/p>\n<p>Grenzwerte, Verkehrsregeln, &#8230;. alles hat bereits seine <em>konsensuelle<\/em> Basis in den jeweiligen zur Kompetenz erhobenen Clearing-Gremien, so klein sie auch sein und verborgen sie auch wirken m\u00f6gen. Daf\u00fcr hat auch der <em>linke<\/em> Akademiker Habermas seinen Segen gegeben. Er soll keine Schutzbehauptungen aufstellen.<\/p>\n<p>\u201eProfessionalit\u00e4t\u201c trifft sich mit \u201eformaler Kompetenz\u201c (also die ideale konfuzianische Kombination von <em>Stellung und Bef\u00e4higung<\/em>) zu Festlegungen eines politischen \u201eWillens\u201c, eigentlich \u201eKompromissen\u201c, deren detaillierte Herleitung kaum rekonstruierbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Man sollte auch nicht vergessen, dass schon die klassischen Ingredenzien der parlamentarischen Demokratie, Debatte und Diskussion (vgl. Sennett) mit harten Konventionen verkn\u00fcpft waren.<\/p>\n<p>Die \u201eFreiheit der Wissenschaft\u201c ist heute immer mehr an einen Jargon und die Konventionen angels\u00e4chsischer Publikation gekn\u00fcpft. Schon die akademischen Lehrlinge konsultieren \u00e4ngstlich die einschl\u00e4gigen akademischen Benimmregeln betr. Terminologie, Zitierweise, Abstract, Literaturverzeichnis &#8211; und lassen \u00fcber das Ganze das aktuelle Korrekturprogramm laufen.<\/p>\n<p>Es gibt manche Verhaltensweisen, die f\u00fcr sich genommen menschlich verst\u00e4ndlich und geradezu sympathisch sind, aber in Funktionsstellen &#8211; und das sind alle Leitungsstellen heute &#8211; <em>kontraproduktiv <\/em>sind. Sie k\u00f6nnen durch \u00dcberwachung entdeckt werden und f\u00fchren dann zur Sanktionierung. Eine Entlassung &#8211; sie kann ohnehin unversehens passieren &#8211; hei\u00dft oft einen existenziellen Absturz aus der immer nur leihweise \u00fcberlassenen Bedeutungszuschreibung. Von abgew\u00e4hlten Politikern wei\u00df man, dass sie daran am meisten leiden, dass sie aus dem exklusiven Informations- und Kommunikationszirkel herausfallen und mit einem Mal nicht mehr <em>gefragt<\/em> sind, da einflusslos und uninformiert. Talkshow-Auftritte und der kurze Rummel um das eigene Buch schaffen in den wenigsten F\u00e4llen befriedigenden Ersatz. Nat\u00fcrlich wurde solcherlei vom kommunistischen Funktion\u00e4r schon in Zeiten des Kalten Kriegs erz\u00e4hlt, mit geheucheltem Mitgef\u00fchl und klammheimlicher Freude: <em>Er h\u00e4tte das wissen m\u00fcssen, die Revolution frisst ihre Kinder.<\/em><\/p>\n<p>Die Professorenschaft hat sich bisher mit der Emeritierung eine ganz sachte Rampe in die Bedeutungslosigkeit erhalten k\u00f6nnen, wovon andere Berufst\u00e4tige nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Immer noch : <\/strong><strong>Gesetzestreu<\/strong><\/p>\n<p>\u201eKorruptionsbek\u00e4mpfung\u201c ist heute zum ersten Mal in der Geschichte glaubw\u00fcrdig auf Erfolg bedacht, <u>erstens<\/u> weil \u201eKorruption\u201c konservativ wirkt, zugunsten bestehender Privilegien, weil es damit zugunsten der Unt\u00fcchtigen wirkt, die damit ihr \u00dcberlebenschancen mit unfairen Mitteln zu verbessern hoffen. <u>Zweitens<\/u> sind die tonangebenden Kreise auf solches Lavieren selten angewiesen, da sie sich gesetzestreu und kompetent \u00fcber exklusive legale Wege beraten lassen, oder die haben einbauen lassen (Stichwort <em>Lobbyismus<\/em>). Einfallsreiche neue Wege der Korruption werden auch nicht bestraft, sondern belohnt. Das waren immer schon \u201edie Gro\u00dfen\u201c, die man \u201elaufen l\u00e4sst\u201c. Entsprechendes gilt f\u00fcr \u201eDoping\u201c.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher krempelte man die \u00c4rmel hoch, zeigte die F\u00e4uste, dopte, schloss beide Augen und drohte auch schon mal Gewalt an. Fans, Hooligans werden neuerdings den Clubs ziemlich l\u00e4stig. Heute ist jede Rohheit und Tumbheit (Dummheit) verp\u00f6nt, es sei denn in abgegrenzten Feldern.<\/p>\n<p>Hingegen erobert ausgewiesener Schwachsinn die Gesellschaft: zuerst als einmal bodenloses Geschw\u00e4tz, das die unz\u00e4hligen neuen Medienkan\u00e4le f\u00fcllt \u2013<em> trash <\/em>und <em>spam<\/em> \u2013 dann in Form von Film, Theater, Musik, Soaps, Reportagen und Spielen. Mich erstaunt immer noch spontan der Anblick intelligent wirkender Menschen bei solchen Darbietungen und Themen. Doch da beginnt auch schon der Trug. Wojtek K. klagte \u00fcber die <em>Unbildung<\/em>, den geringen Horizont seiner kanadischen Kollegen. <em>Campus und Karriere <\/em>(dlf) scherzte heute, dass Humboldt und Einstein alle zehntausend Master-Studieng\u00e4nge belegt h\u00e4tten, aus Angst, die Hochschule ungebildet zu verlassen. Der ernste Kern: Die seit Jahrzehnten periodisch vorgetragenen Sorgen um \u201edie Bildung\u201c oder \u201eAllgemeinbildung\u201c, auch um das \u201eBildungsb\u00fcrgertum\u201c kreisen um eine vertrocknete Mumie, deren Tod bereits in der Barbarei des Ersten Weltkriegs festgestellt werden konnte. Eine ideologische Schlangenhaut, irgendwann im 19. Jh. abgestreift und seither verschrumpelt.<\/p>\n<p>Weder ideell noch materiell bef\u00e4higt \u201eBildung\u201c zur Teilhabe am modernen Konsum. Sie st\u00f6rt bei der notwendigen sensiblen Anpassung. Muss man wirklich auf einer Karte zeigen k\u00f6nnen, wo man seinen letzten Urlaub verbracht hat? Wieviel Leute auf der Welt m\u00fcssen wirklich die Orientierungs-F\u00e4higkeiten besitzen, an denen zum Beispiel in der ersten <em>Pisa-Studie<\/em> unsere jugendlichen Migranten scheiterten? Warum sollen nicht auch M\u00e4nner formvollendete Hostessen sein? Die erweiterte Schulpflicht dient zu einem guten Teil als Verlegenheitsl\u00f6sung der \u00dcberbr\u00fcckung einer vorzeitigen Arbeitslosigkeit, andernfalls w\u00e4re sie wirklich noch f\u00fcr das Lernen konzipiert. Die angemessenen Begriffe sind aber: Beschulung, Schulung, Anlernen, Training, Dressur, Briefing&#8230;.<\/p>\n<p>In Asien fand ich lange schon die Modelle f\u00fcr h\u00e4ssliche, vermeintlich systemwidrige &#8211; darin t\u00e4uschte ich mich &#8211; Entwicklungen bei uns. Als skandal\u00f6s empfand ich das Rattenrennen japanischer Kinder, um in die privilegierteste Institutionen zu gelangen, aus denen man dann in jungen Jahren von den Gro\u00dfkonzernen gepfl\u00fcckt wurde \u2013 sozusagen als intellektuelle <em>Unschuld<\/em> (wenn auch sonst <em>verderbt)<\/em>. Oder das Knock-out-System nachkolonialer afrikanischer Schulen, das auf dem einzigen \u201egymnasialen\u201c Schulweg \u201eSchulversager\u201c produziert und selbst den vermeintlich Erfolgreichen kaum Lebensperspektive anzubieten hat. Die Entwicklung in Deutschland l\u00e4uft auf eine Kombination beider Modelle hinaus. Und ich bin \u00fcberzeugt: Sie sind lebensf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Denen, die auf Zusammenbr\u00fcche hoffen (\u201aUNA-Bomber\u2019 Kaczynski), kann ich nicht folgen. Das w\u00e4re zu sch\u00f6n. Das ist verkappte Revolutionsromantik. <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=774\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK<\/a>)<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">*<\/h4>\n<h4>Ich entdecke meine intellektuellen Vers\u00e4umnisse:<\/h4>\n<p>Die Alarmzeichen immer noch nicht deutlich genug erfasst zu haben. Es lag nicht allein an der schlechten Poesie der Flugbl\u00e4tter wie \u201eFreiheit stirbt scheibchenweise\u201c oder an durchsichtigen Partikularinteressen. Das Leben ist zwar keine Dauerwurst, aber ich wollte die dunklen Wolken, die sich um uns zusammengezogen haben, nicht wirklich wahrhaben. Und so habe ich mir bis heute ein heiteres Gem\u00fct bewahrt und einen guten Schlaf. Mich sperrt man nicht in erb\u00e4rmliche Zellen.<\/p>\n<p>Meinen Beruf h\u00e4tte ich selbstverst\u00e4ndlich nicht mehr ertragen, meine einzige bemerkenswerte Lebensleistung also nicht erbringen k\u00f6nnen. Ich habe zwar verschiedentlich von der <em>Knarre <\/em>getr\u00e4umt, aber was sagt mir das Beispiel Kaczynskiy? &#8211; <em>No way<\/em>.<\/p>\n<p>&#8211; \u201eDeine <em><u>Lebensleistung<\/u><\/em>? Wie, du?\u201c<\/p>\n<p>&#8211; Nun, nicht die ertr\u00e4umte \u201epolitische\u201c, emanzipatorische! Aber die menschliche und zugleich (ungern gebe ich es zu) traditionsbewahrende, mit meinen bescheidenen Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Selbst wenn ich die wenigen Zeitfenster zu breiterem Einfluss in der Lehrerschaft (etwa in Lehrertfortbildung und Unesco-Gruppe) h\u00e4tte nutzen k\u00f6nnen, es w\u00e4re auch auf dieser Ebene nicht anders gewesen. \u201eWage zu denken&#8230;\u201c &#8211; also nicht weltbewegend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Voreiliges Pamphlet anl\u00e4sslich meiner Pensionierung im Mai 2009 Hochgeladen 19.6.2021 26.5.09 \u201ePensionierung\u201c Ich komme direkt aus drei Jahren \u201eVorruhestand\u201c an die Altk\u00f6nigschule gefahren, um bei dem mir unbekannten Schulleiter meine Urkunde abzuholen. Habe viele Kollegen getroffen. Die erinnern mich an die \u201eTitanic, die unter Dampf unterging\u201c oder eher noch an eine \u201eunsinkbare Titanic\u201c. 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