{"id":12593,"date":"2021-04-22T21:23:48","date_gmt":"2021-04-22T19:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12593"},"modified":"2026-03-23T23:42:12","modified_gmt":"2026-03-23T22:42:12","slug":"mischa-hedingers-african-mirror-auf-der-sicheren-seite","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12593","title":{"rendered":"Mischa Hedingers \u201eAfrican Mirror\u201c \u2013 Ren\u00e9 Gardi postkolonialisiert"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">REN\u00c9 GARDI (1909-2000)<\/h3>\n<p>Zwanzig Jahre nach seinem Tod \u2013 eben erst war er zur W\u00fcrde eines dieser langweiligen Stra\u00dfennamen gekommen, sechzig Jahre nach seinen Kinofilmen und f\u00fcnfundsiebzig Jahre nach seinem Scheitern als P\u00e4dagoge, wurde &#8218;die Legende&#8216; durch einen Dokumentarfilm ins grelle Licht gezerrt und musste mit umfangreichen Archivalien gegen sich selbst aussagen. Der Coup, der nur im Archiv und am Schneidetisch\u00a0 gelandet wurde, muss dem Regisseur Hedinger elegant gelungen sein, denn die Liste der absolvierten Festivals ist lang. (<a href=\"https:\/\/www.africanmirror.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>).<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Ich wunderte mich schon, wie h\u00e4ufig mein Blog \u201eEine Lanze f\u00fcr Ren\u00e9 Gardi!\u201c (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2574\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) aufgerufen wurde, aber w<\/span><span style=\"color: #333333;\">as ich erst im Februar 2021 \u00fcber &#8222;African Mirror&#8220; (CH 2019) erfahren habe, hat mich zun\u00e4chst emp\u00f6rt und veranlasst mich heute, mich noch einmal zu Wort zu melden.\u00a0 <\/span><span style=\"color: #333333;\">Ich las dann journalistische Kritiken und die zum Film herausgegebene <\/span><span style=\"color: #333333;\">Brosch\u00fcre (<a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/y1m3fk2usr6x9w1\/191021_AM_Booklet_def_DS.pdf?dl=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> dropbox pdf)<\/span><span style=\"color: #333333;\">. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Ich beschr\u00e4nke<\/span><span style=\"color: #333333;\"> mich auf zwei Filmkritiken und <\/span><span style=\"color: #333333;\">das <\/span><span style=\"color: #333333;\">gut komponierte <\/span><span style=\"color: #333333;\">Interview in der Brosch\u00fcre.\u00a0 Was\u00a0 sich der junge Filmk\u00fcnstler Hedinger\u00a0 (<a href=\"https:\/\/www.mischahedinger.ch\/?page_id=2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zur Filmographie) mit dem Film vorgenommen hat, wird vom Freund und Berater Tevodai Mambai kommentiert. Der stammt aus einer von Gardi portr\u00e4tierten Ethnie in den Mandara-Bergen, verteilt auf Nigeria und Kamerun.<\/span><span style=\"color: #333333;\"> In den achtziger Jahren geboren, war er Student der Germanistik an der \u00ab\u00c9cole normale superieure\u00bb Paris und ist heute Doktorand an der Universit\u00e4t Bern (<a href=\"http:\/\/www.germanistik.unibe.ch\/ueber_uns\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>).<\/span><span style=\"color: #333333;\">, Er begleitete die Arbeiten Hedingers am Film. <\/span>Dessen Afrika-Erfahrungen beschr\u00e4nkten sich nach eigener Darstellung auf ein halbes Jahr im PR-Kontext, als er in Westafrika \u201eImagefilme f\u00fcr NGOs\u201c drehte. In der historischen Materie, um die es bei Ren\u00e9 Gardi geht, um koloniale Beziehungen und Verh\u00e4ltnisse, war er bisher Laie.\u00a0 Hingegen untersucht Tevodai Mambai als Germanist speziell deutsche Kolonialliteratur. Von anderen F\u00e4llen her hatte ich schon die Bef\u00fcrchtung eines zu engen &#8218;wissenschaftlichen&#8216; Blickwinkels, aber seine eigenen Erfahrungen und die soziale Verantwortung, die auf einem erfolgreichen kameruner Kind aus tiefster Provinz lasten sind deutlich erkennbar.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">\u00a0Kernaussagen zweier Filmkritiken von 2019:<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">&#8222;K.-o-Schlag&#8220;<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Medienjournalist Lory Roebuck beginnt seine Rezension <\/span><span style=\"color: #333333;\">(NZZ 13.11.2019, <strong><a style=\"color: #333333;\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/rene-gardis-afrika-sehnsucht-manchmal-wuenschte-ich-wir-schweizer-haetten-auch-eine-kolonie-ld.1521420\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a><\/strong>) <\/span><span style=\"color: #333333;\">mit der hintersinnigen Hypothese \u201e<em>Der Film vertraut seinem Publikum<\/em>\u201c und f\u00fchrt seine Leser allm\u00e4hlich zur Schlusspointe: \u201e<em>Ren\u00e9 Gardi und seine paternalistische Haltung waren schon damals angez\u00e4hlt. Nun verpasst ihnen Hedinger noch den K.-o-Schlag.<\/em>\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Gardis Film \u201eMandara\u201c fiel bereits 1960 durch, erst bei der deutschen Pr\u00fcfstelle f\u00fcr das steuerbefreiende \u201ePr\u00e4dikat wertvoll\u201c, dann an den schweizer Kinokassen. Es war die Zeit afrikanischer &#8218;Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rungen&#8216; und die Hinterw\u00e4ldler des Mandara-Gebirges waren nicht die passenden Repr\u00e4sentanten f\u00fcr die vielversprechende neue\u00a0 Epoche.<\/span><\/p>\n<h4><\/h4>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #ff0000;\">&#8222;<em>Wenn die Montage zur Demontage wird\u00a0 &#8211; Mischa Hedinger entschl\u00fcsselt in seinem Dokumentarfilm &#8222;African Mirror&#8220; \u00fcber den Fotografen und Filmer Ren\u00e9 Gardi den weissen Blick<\/em>&#8222;<\/span><\/h3>\n<p><strong>Kasper Suber<\/strong> (WOZ\u00a0 Nr.46\/2019 vom 14.11.2019 <span style=\"color: #333333;\"><strong><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/-a236\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a><\/strong> <\/span>) geht in den letzten zwei Abs\u00e4tzen\u00a0 seiner Filmkritik auf die postkoloniale &#8218;Botschaft&#8216; von &#8222;African Mirror&#8220; ein:<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; <em>Wer heute das koloniale Bilderkarussell noch einmal anwirft, muss sich der Frage stellen, ob damit nicht erneut Stereotype in die Welt gesetzt werden. Und der Frage, ob eine nichtweisse Sicht auf Ren\u00e9 Gardi n\u00f6tig w\u00e4re. Mischa Hedinger hat sich dagegen entschieden, er l\u00e4sst die Bilder und Zitate f\u00fcr sich allein sprechen. Aus Gr\u00fcnden der k\u00fcnstlerischen Reduktion ist das durchaus nachvollziehbar, schafft er doch so einen klaustrophobischen Raum, in dem es f\u00fcr weisse BetrachterInnen kein einfaches Entrinnen vor der Geschichte gibt. Daf\u00fcr steckt er aber auch Kritik ein, so in einem Gespr\u00e4ch mit dem Kameruner Germanisten Tevodai Mambai im Reader zum Film. \u00abDiese Bilder sind nicht mehr aktuell, im Film gibt es jedoch kein Wort zur jetzigen Situation der Mafa. In diesem Zusammenhang ist der Film f\u00fcr mich auch verletzend\u00bb, kritisiert Mambai im Gespr\u00e4ch. F\u00fcr ihn sei \u00abAfrican Mirror\u00bb kein Film \u00fcber die Mafa, sondern \u00fcber die Schweiz und Gardis Obsessionen, entgegnet Hedinger. Vermutlich haben beide recht, sind mehrere Filme aus Gardis Material denkbar.<\/em><\/p>\n<div class=\"content\">\n<div class=\"region region-content\">\n<article class=\"node node-woz-text node-full\" role=\"article\">\n<div class=\"article-content\">\n<p><em>\u00abAfrican Mirror\u00bb best\u00e4tigt auf alle F\u00e4lle, dass die Besch\u00e4ftigung mit dem kolonialen Erbe in der Schweiz in nur kurzer Zeit weit gekommen ist. Wurde die postkoloniale Theorie anf\u00e4nglich als moralisierend abgetan, ist sie aus der Geschichtsschreibung nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen haben sich mit der Verflechtung der Schweiz mit dem kolonialen Herrschaftsprojekt besch\u00e4ftigt. Mit seinem Film f\u00fchrt Hedinger nun einem breiten Publikum vor, was ein dominanter weisser Blick genau bedeutet. Nur wer diesen erkennt, wird die gegens\u00e4tzlichen Wahrnehmungen von Europa und Afrika \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Oder mit dem Filmtitel gesagt: durch den Spiegel gehen.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<section class=\"donation-widgets\">\n<div id=\"flattr-widget\">\n<p>Suber spielt die hier die Rolle eines Journalisten des Mainstreams: Er stellt kritische Fragen, um sie gleich mit hohlen Floskeln unter Hinweis auf ungenannte Autorit\u00e4ten einzufangen und das Einverst\u00e4ndnis dar\u00fcber vorauszusetzen, dass &#8222;<em>ein klaustrophobischer Raum<\/em>&#8220; ein angemessenes &#8222;<em>k\u00fcnstlerisches<\/em>&#8220; Mittel darstelle,\u00a0 um\u00a0 &#8222;<em>weisse(n) Betrachter<strong>I<\/strong>nnen<\/em>&#8220; &#8222;<em>vorzuf\u00fchren<\/em>&#8222;, was ihr &#8222;<em>dominanter weisser Blick&#8220; <\/em>in der Welt f\u00fcr ein Unheil anrichte. Es geh\u00f6rt zum Programm einer &#8222;postkolonialen Schweiz&#8220;, den Landsleuten Schuldgef\u00fchle aufzudr\u00e4ngen f\u00fcr &#8222;<em>Verflechtungen<\/em>&#8222;, die \u00fcberhaupt nicht ihre Verflechtungen sein k\u00f6nnen, im Unterschied zu ihren zahllosen Verflechtungen in der Gegenwart, als Konsumenten, Investoren, Urlauber, W\u00e4hler&#8230;..\u00a0 Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die \u00e4ltere Generation f\u00fcr ihre Anh\u00e4nglichkeit an Ren\u00e9 Gardi bestraft werden soll. Dass damit der Graben der ja nicht nur &#8222;<em>gegens\u00e4tzlichen Wahrnehmungen von Europa und Afrika<\/em>&#8220; zu \u00fcberwinden w\u00e4re, halte ich f\u00fcr einen frommen Wunsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">BROSCH\u00dcRE UND INTERVIEW<\/span><\/h2>\n<div id=\"attachment_12623\" style=\"width: 179px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12623\" class=\"wp-image-12623\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-262x360.jpg\" alt=\"Doku\" width=\"169\" height=\"233\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-262x360.jpg 262w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-655x900.jpg 655w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-1117x1536.jpg 1117w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-1490x2048.jpg 1490w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-624x858.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/IMG_African-Mirror-titel-scaled.jpg 1862w\" sizes=\"auto, (max-width: 169px) 100vw, 169px\" \/><p id=\"caption-attachment-12623\" class=\"wp-caption-text\">&#8218;African Mirror&#8216; Titel<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hedinger hat eine \u00fcber siebzigseitige Brosch\u00fcre zur \u201eVertiefung\u201c (<a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/y1m3fk2usr6x9w1\/191021_AM_Booklet_def_DS.pdf?dl=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> dropbox pdf) verfasst, die heute im Netz &#8211; anders als die Pressestimmen und\u00a0 Werbetrailer &#8211; nicht leicht aufzufinden ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">&#8222;<em>Das <\/em><\/span><em>Protokoll von zwei Gespr\u00e4chen, die Mischa Hedinger w\u00e4hrend und nach der Arbeit am Film mit Tevodai Mambai f\u00fchrte<\/em>&#8222;, ist f\u00fcr\u00a0 mich der interessanteste Teil. Ich habe ein paar knappe pers\u00f6nliche Kommentare eingeschoben.<span style=\"color: #333333;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Vorab mein Gesamteindruck: Tevodai Mambais Einfluss auf das Endergebnis kann nicht entscheidend gewesen sein, nach dem, was er im Interview <\/span><span style=\"color: #333333;\">an differenzierenden Bewertungen und grunds\u00e4tzlicher Kritik zur\u00fcckhaltend und h\u00f6flich vorbringt<\/span><span style=\"color: #333333;\">. Der junge Schweizer wirft ihm hoffnungsfroh die Kampfbegriffe \u201ekolonialistisch\u201c und \u201erassistisch\u201c zu. Zur\u00fcck kommt immer wieder ein einschr\u00e4nkendes \u201eAber\u201c.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">AUSZ\u00dcGE<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>TM: Gardis Afrikabild kann das Bild, das hier in Europa herrscht und welches von Stereotypen und Klischees gepr\u00e4gt ist, verst\u00e4rken. Es ist ein paternalistisch gepr\u00e4gtes Bild, welches in seinem Buch vermittelt wird. Aber fu\u0308r uns Mafa ist das Buch auch ein historisches Dokument, auf das wir zuru\u0308ckgreifen k\u00f6nnen, wenn wir uns mit unserer Kultur und mit unseren Vorfahren auseinandersetzen wollen. (&#8230;.)<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>MH: Was findest du, wo zeigt sich der Rassismus von Gardi?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>TM: Rassismus kann man beispielsweise feststellen, wenn er bestimmte Begriffe wie \u00abunzivilisiert\u00bb oder \u00abhinterlistig\u00bb benutzt. Oder wenn er in seinem Buch behauptet, die Afrikaner, die sich im Gef\u00e4ngnis befinden, sind materiell besser gestellt, als diejenigen die frei sind.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>MH: Wie w\u00fcrdest du Gardis Verh\u00e4ltnis zum Kolonialismus beschreiben?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>TM: Ren\u00e9 Gardi und Paul Hinderling (&#8230;.) waren zum Beispiel bei der Volksz\u00e4hlung dabei oder konnten bei der Reise in die Berge mit den Kolonialherren mitreisen und teilten deren Ansichten. Das heisst, die Idee, nach der die Schwarzen im Allgemeinen \u00abminderwertigere\u00bb Leute sind, war auch im Kopf von Ren\u00e9 Gardi omnipr\u00e4sent. Das war aber auch die Idee der Epoche.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">&#8222;Das hei\u00dft&#8230;\u201c leitet eine f\u00fcr MH freundliche Vermutung ein.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>MH: Du hast mir gesagt, dass du den Mandara-Film auch Jugendlichen gezeigt hast. Was f\u00fcr Diskussionen l\u00f6ste der Film bei euch aus?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>TM: Zum ersten Mal habe ich den Film im Jahre 2008 in meinem eigenen Dorf gezeigt. Ich wollte, dass die Jugendlichen die Bilder ihrer Vorfahren sehen. Sie haben sich dar\u00fcber gefreut, aber es tauchten auch Fragen auf: So zeigt der Film zum Beispiel nur nackte Leute und damals, in den 50er Jahren, gab es l\u00e4ngst auch moderne Kleidung. Das Bild von diesen Leuten h\u00e4tte Ren\u00e9 Gardi auch zeigen k\u00f6nnen, aber das hat er nicht gemacht. Dieses Jahr nun haben wir den Film im Rahmen des Kultur-Forums Ditsuma gezeigt. Die jungen Leute finden den Film interessant, weil er uns dazu bringt, \u00fcber unserer Kultur und unsere Vorfahren zu reden und dar\u00fcber nachzudenken, wie wir das heutige moderne Leben und das Leben unserer Vorfahren kombinieren k\u00f6nnen.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">\u201eNacktheit\u201c ist eine interessante Sache. Die \u201afunktionelle\u2019 Nackheit der Bauern als \u201aArbeitskleidung\u2019 kontrastiert mit der symbolischen Bedeutung, mit der die muslimischen Herren, die Fulbe, die Missionare und ihrer aller Z\u00f6glinge das Thema aufluden. Die unausrottbare erotische Komponente lassen wir vielleicht lieber beiseite.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>MH: Die Mafa selber kommen in Gardis Film oder in seinem Buch nicht zu Wort. Was denkst du, warum war das so?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>TM: Das ist ein weiterer rassistischer Aspekt. Das haben die Jugendlichen, die den Film sahen, auch erw\u00e4hnt. Warum lassen die Europ\u00e4er*innen die Afrikaner*innen nicht f\u00fcr sich selber sprechen? Das ist eine Frage, die wir auch heute noch stellen. Bei Gardi war das vielleicht noch die Idee der Epoche, aber auch in seinem Film h\u00e4tten die Mafa zu Wort kommen k\u00f6nnen. Und es ist immer noch so: Es gibt hier in Europa auch heute noch Europ\u00e4er*innen, die im Namen von Afrika sprechen.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Dieses Vers\u00e4umnis nimmt Mambai in seiner Kritik an \u201eAfrican Mirror\u201c wieder auf. \u00dcbrigens: Wie haben sich die Gender-Sternchen wohl angeh\u00f6rt, als Schnalzen?<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>\u00a0<\/em>MH: <em>Wie war es f\u00fcr dich hier in der Schweiz zu sein und in Basel die Objekte deiner Vorfahren in einem Museum oder zum Teil auch etwas verstaubt in einem Keller zu sehen? Wie ist es f\u00fcr dich im Staatsarchiv in Bern zu sein und all diese Fotos aus den 50er Jahren deiner Vorfahren zu sehen? Ich stelle mir vor, das ist auch ein komisches Gef\u00fchl?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: <em>Das ist kein komisches Gef\u00fchl, ich freue mich in der Schweiz zu sein und die kulturellen Objekte meiner Vorfahren zu sehen. Sie sind hier gut restauriert und aufbewahrt. Das Problem besteht darin, dass die Schweizer, vor allem die j\u00fcngere schweizerische Generation nicht viel \u00fcber diese kulturellen Objekte weiss. kulturellen Dialog zul\u00e4sst. (&#8230;.) Jetzt zur Frage: Sollen diese Objekte zur\u00fcck nach Afrika geschickt<\/em> <em>werden? Das ist im Moment nicht unsere Priorit\u00e4t. Wir sind zur Zeit mit dem Problem von Fundamentalisten konfrontiert, der Gruppierung Boko Haram. (&#8230;.) Wir sind gegen Auswanderung, wir wollen in unserem Gebiet bleiben und wir suchen nach Wegen und Mitteln, damit wir gegen die Fundamentalisten k\u00e4mpfen und ein ruhiges Leben in unserem eigenen Land f\u00fchren k\u00f6nnen. Von der Schweiz m\u00f6chten wir dabei gerne Hilfe bekommen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH: <em>Wie war es f\u00fcr dich nun meinen Film African Mirror zu schauen? (p.70\/71)<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0<span style=\"color: #000000;\">Klar, &#8222;meinen Film&#8220;! Der K\u00fcnstler l\u00e4sst sich seine verbriefte Kunstfreiheit nicht nehmen.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: (&#8230;) <em>Unsere Mafa-Kultur ist darin noch einmal dokumentiert, aber mit einer kritischen Sicht auf Gardi. Das finde ich wichtig. Was das Afrikabild angeht, gibt es aber f\u00fcr mich ein Problem. Der Film gibt die Bilder der 50er und 60er Jahre wieder. Diese Bilder sind nicht mehr aktuell, im Film gibt es jedoch kein Wort zur Aktualit\u00e4t, zur jetzigen Situation der Mafa. In diesem Zusammenhang ist der Film f\u00fcr mich auch verletzend, denn dieses Material tr\u00e4gt nochmals zu einem negativen Afrikabild bei. Das Afrikabild der Europ\u00e4er ist sowieso schon negativ. Begriffe wie die \u00abWilden\u00bb, \u00abPrimitiven\u00bb, \u00abUnzivilisierten\u00bb sind verletzend f\u00fcr uns.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Kasper Suber in der \u201eWochenzeitung\u201c hat diesen Aspekt des Interviews in seiner Filmkritik aufgegriffen.<br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH: <em>Denkst du nicht, dass ein heutiges Publikum das Afrikabild Gardis kritisch reflektiert, so wie es im Film nun gezeigt wird?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: <em>Ich kann mir vorstellen, da\u00df Europ\u00e4er*innen, die noch nie in Afrika waren, oder sehr wenig \u00fcber den afrikanischen Kontinenten wissen, sich in ihrem negativen Afrikabild best\u00e4rkt f\u00fchlen. Es besteht die Gefahr, dass diese Leute, die auch durch die heutigen Medien ein stereotypisches Afrikabild haben, die Kritik an Gardi in deinem Film m\u00f6glicherweise nicht sehen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH: <em>Du h\u00e4ttest sicher einen anderen Film mit Gardis Archivmaterial gemacht. Was w\u00e4re dir wichtig?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: <em>Ich w\u00fcrde wohl Gardis Bilder mit der heutigen Situation in Nordkamerun vergleichen. Was f\u00fcr Ver\u00e4nderungen gibt es? Was denkt das Volk der Mafa heute? Wie ist das Verh\u00e4ltnis der Mafa zu Institutionen wie der Schule aber auch zur Tradition, wie beispielsweise der traditionellen Medizin? Denn auch was die Journalisten in Abuja <\/em>(Nigeria) <em>oder Yaound\u00e9 <\/em>(Kamerun)<em> schreiben, hat nicht viel mit unseren realen Problemen zu tun. Ich w\u00fcrde dokumentieren, wie wir Nordkameruner mit dem Konflikt mit den Boko Haram umgehen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH: <em>F\u00fcr mich ist &#8218;African Mirror&#8216; kein Film \u00fcber die Mafa, sondern ein Film \u00fcber die Schweiz und \u00fcber Gardis Obsessionen und europ\u00e4ische Vorstellungen von Afrika. Das Handwerk und das traditionelle Leben der Mafa habe ich im Film kaum thematisiert. Wie ist das f\u00fcr dich?<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Nicht so schnell! \u201eEin Film \u00fcber die Schweiz\u201c! Beklagte Mambai nicht, dass die j\u00fcngere schweizerische Generation zu wenig \u00fcber afrikanische Kulturen wisse, und generell das Afrika-Bild einiges zu w\u00fcnschen lasse? Sp\u00e4ter f\u00e4llt der Satz: \u201eAls Betroffener habe ich auch W\u00fcnsche zum Beispiel, deine eigene Stimme zu h\u00f6ren&#8230;\u201c &#8211; <\/span><span style=\"color: #000000;\">Vorbild h\u00e4tte der Ethnologe Bernhard Gardi der n\u00e4chsten Generation sein k\u00f6nnen, der mit Hingabe die von Hedinger ignorierte materielle Kultur erfoscht hat, und der 1997\u00a0 &#8222;in das &#8218;Traumland&#8216;\u00a0 seines Vaters gefahren (ist) und den Nachkommen der Hirten, Schmiede und Zauberer die Fotos seines Vaters \u00fcberbracht (hat)&#8220;(di Falco 2009).<br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: <em>Als Afrikaner und vor allem als Mafa erkenne ich mich im Film wieder. Ich sehe meine Ahnen und ihre materielle Kultur. Wenn ich den Film schaue, habe ich ein bestimmtes Interesse, und das war auch immer mein Interesse an Gardis Werk, n\u00e4mlich die materielle Kultur der Mafa, die Gardi gefilmt hatte. Ich denke, das ist ganz normal, dass wir unterschiedliche Interessen haben. Du hast dich mehr daf\u00fcr interessiert, wie Gardi seinen Film hergestellt hatte und was sein Verh\u00e4ltnis zum Kolonialismus war.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Aber als Betroffener, als Afrikaner und Mafa habe ich auch W\u00fcnsche und dazu geh\u00f6rt, dass auch andere Bilder und Stimmen in einem solchen Film Platz haben. Mir h\u00e4tte es zum Beispiel gefallen, deine eigene Stimme zu h\u00f6ren und dass etwas \u00fcber das heutige Afrikabild gesagt wird. Das w\u00fcrde eine andere Perspektive erm\u00f6glichen.<\/em> (S. 72\/73)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH: <em>Was f\u00fcr Themen und Material von Gardi war f\u00fcr dich neu in meinem Film?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: (&#8230;.) <em>Der Rassismus Gardis war f\u00fcr mich in deinem Film jedoch st\u00e4rker pr\u00e4sent. Der Vergleich zwischen den Mafa und den Schweizer Berglern war f\u00fcr mich zwar nicht ganz neu, ist mir im Film aber nochmals besonders aufgefallen.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Ich habe mir noch einmal Fredi Murers Dokumentation \u201eWir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind\u201c (1974) angesehen. War er nach neuer Zeitrechnung auch \u201arassistisch\u2019, (binnen-)kolonialistisch\u2019?<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Die Frustration Gardis \u00fcber die Ver\u00e4nderungen in den Mandarabergen ist zwar vollkommen daneben und rassistisch formuliert <\/em>(formuliert !!) <em>, ich kann sie teilweise aber sogar verstehen. Die Konflikte zwischen unseren Traditionen und der aus Europa kommenden \u00abModernit\u00e4t\u00bb waren in den 50er Jahren sehr stark.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>\u00dcber die Volksz\u00e4hlung und das Steuern eintreiben habe ich zwar in Gardis Buch gelesen, die Filmaufnahmen davon zu sehen, war f\u00fcr mich aber eine neue Erfahrung. Unsere Vorfahren haben uns davon erz\u00e4hlt, diese Aufnahmen sindf\u00fcr uns nun eine historische Quelle. Es war eindr\u00fccklich, die Zwangsarbeit zu sehen, wie meine Ahnen gezwungen wurden, Baumwolle anzubauen. Die Baumwolle war ja nicht f\u00fcr uns, die war f\u00fcr die Weissen. Ganz anders war f\u00fcr mich die Szene, wo man badende Kinder sieht. Diese Aufnahmen haben mich an meine eigene Kindheit erinnert.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">MH:<em> F\u00fcr wen ist dieser Film? Das ist eine Frage, die ich mir oft gestellt habe. Ich denke, es ist schon eher ein Film f\u00fcr Weisse. Wie siehst du das?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">TM: <em>Der Film ist vor allem f\u00fcr ein europ\u00e4isches Publikum, aber er ist auch f\u00fcr mich und uns Mafa interessant. Der Film zeigt gut, wie subjektiv Gardis Perspektive war. Und wie er sich durch sein Werk einen Namen machen wollte. Man sieht, wie jeder seine eigene Perspektive hat, dagegen kann man nichts machen. Diejenigen die zu uns kommen und uns beschreiben und filmen, haben unterschiedliche Sichtweisen. Auch du und ich haben unsere unterschiedlichen Perspektiven.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #333333;\">Was bleibt da eigentlich noch \u00fcbrig vom \u201aRassisten\u2019 Rene Gardi?<br \/>\n<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Ich denke auch, dass der Film uns hilft, in einen Dialog zu treten. Wir warten darauf, dass du nach Mokolo kommst, um den Film zu zeigen und mit den Jugendlichen von Ditsuma \u00fcber den Film zu diskutieren.<\/em><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0Dialog ist nur ein sch\u00f6n klingendes Wort, &#8218;Dialog&#8216; kann in handfestem Streit enden. Schlimmer, wenn man gar keine Reibungsfl\u00e4che findet.<\/li>\n<\/ul>\n<h3><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Ich fordere nur Fairness gegen\u00fcber Ren\u00e9 Gardi !<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Wann werden die \u201apostkolonialen\u2019 Volkserzieher einsehen, dass die Vergangenheit zwar nicht sch\u00f6ner, aber auch nicht <\/span><span style=\"color: #000000;\">h\u00e4sslicher <\/span><span style=\"color: #000000;\"> war als die Gegenwart. Und dass Individuen z\u00e4hlen, nicht der Abriss angestaubter Denkm\u00e4ler.<\/span><\/p>\n<p>Bei der erneuten Lekt\u00fcre von &#8222;Eine Lanze f\u00fcr Ren\u00e9 Gardi&#8220; fallen mir die differenzierenden,\u00a0 kritischen, aber wertsch\u00e4tzenden Haltungen der Kommentatoren auf. Auch historische Distanz und Abschied sind darin sp\u00fcrbar. Manches schien noch erlaubt zu sein, was heute in einer antiliberalen &#8218;Linken&#8216; verp\u00f6nt ist, etwa Gesellschaftskritik im traditionellen Kleid <span style=\"color: #000000;\">nostalgischer R\u00fcckbesinnung auf ein &#8218;verlorenes Paradies&#8216;, wie Ren\u00e9 Gardi es im westafrikanischen Bergland aufscheinen sah. Warum werden &#8222;die\u00a0 Afrika-Hymnen&#8220; (di Falco 2009) Gardis nicht als vergangene, meinetwegen &#8218;\u00fcberwundene&#8216; toleriert? <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>REN\u00c9 GARDI (1909-2000) Zwanzig Jahre nach seinem Tod \u2013 eben erst war er zur W\u00fcrde eines dieser langweiligen Stra\u00dfennamen gekommen, sechzig Jahre nach seinen Kinofilmen und f\u00fcnfundsiebzig Jahre nach seinem Scheitern als P\u00e4dagoge, wurde &#8218;die Legende&#8216; durch einen Dokumentarfilm ins grelle Licht gezerrt und musste mit umfangreichen Archivalien gegen sich selbst aussagen. 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