{"id":125,"date":"2003-04-20T00:00:09","date_gmt":"2003-04-19T23:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=125"},"modified":"2013-11-03T15:53:22","modified_gmt":"2013-11-03T14:53:22","slug":"oscar-niemeyer-der-naive-held","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=125","title":{"rendered":"Oscar Niemeyer &#8211; der naive Held"},"content":{"rendered":"<p><b>Osterspaziergang im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt \u00a0<\/b><\/p>\n<p>Wie auf einer Achterbahn wechseln wir zwischen Bewunderung und Ern\u00fcchterung, und da endet sie schlie\u00dflich: Angesichts der \u00fcber dreihundert Projekte auf der Banderole ist die erste Bilanz:\u00a0 Beton bleibt Beton. Die gerade Linie\u00a0\u00a0hat sich durchgesetzt\u00a0&#8211; und deren Auftraggeber.<!--more--> Man muss aber Macho-Feuilletonisten nur etwas von \u201e<em>Formen einer Frau<\/em>\u201c faseln und sie schlie\u00dfen die Augen selbst vor deutlich anderen Formen. Die d\u00fcnnen S\u00e4ulenf\u00fc\u00dfe k\u00f6nnen \u2013 wie Karin andeutet \u2013 auch etwas anderes vermitteln als ihre angebliche &#8222;<i>Leichtigkei<\/i>t&#8220;: fehlende Bodenhaftung. Ein einziges Mal &#8211; im eigenen Privathaus von 1955 &#8211; entstand in der Achtung vor dem Felsbrocken und in der Luftigkeit des Bungalow ein paradiesisches Miteinander von Innen und Au\u00dfen, einem tropischem Garten.<\/p>\n<p>Der n\u00fctzliche Idiot &#8211; Sorry, aber eine Wortpr\u00e4gung von Revolution\u00e4ren &#8211; diente den M\u00e4chtigen und ihren Agenturen. Als Kind der Dritten Welt fand Niemeyer im Kalten Krieg seinen Platz auf der entsprechenden richtigen\u00a0Seite, und zwar\u00a0 als Dekorateur der postkolonialen Macht und ihrer Agenturen. Wenn er 1964 \u00a0&#8222;<em>verh\u00f6rt<\/em>&#8220;\u00a0worden ist, so nicht wegen seiner Bauten. Und bald war er in Brasilien wieder am Bau, auch f\u00fcr die Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>Vergeblich hielten wir nach sozialem Bauen Ausschau, wie es &#8211; autorit\u00e4r auch er &#8211; Ernst May in Frankfurt praktizierte. Mit Clubh\u00e4usern und Schulen war das \u00c4u\u00dferste an Volksn\u00e4he erreicht. Als Mensch suchte er allerdings &#8211; neben der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Idylle &#8211; die warme N\u00e4he der freien Bretterbudenstadt. Entgegen seinen Beteuerungen im Filmfeature war ihm die Gestaltung von Innenr\u00e4umen wohl erst ab einem gewissen Grad an Pathos und einer Mindestgr\u00f6\u00dfe interessant:\u00a0 da, wo die \u00e4u\u00dfere Repr\u00e4sentation auf die Innenseite\u00a0 \u00fcbertragbar war.<\/p>\n<p>Zu viel Symbolik und freischwebende Sch\u00f6nheit. Zuviel Bildende Kunst. Niemeyer diente der Macht- und Prachtentfaltung und der symbolischen Legitimation seiner Auftraggeber. Brasilia repr\u00e4sentiert eine der Menschenfeindlichkeit des Sertao ebenb\u00fcrtige Menschenfeindlichkeit der Staatsutopie. <span style=\"text-decoration: underline;\">Vil\u00e9m\u00a0<\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">Flusser<\/span> hat bereits\u00a01970\u00a0das N\u00f6tige angemerkt.<\/p>\n<p>Bei ihm wiederholt sich die Naivit\u00e4t vieler Kreativer und die Versuchung, \u00fcber dem Gr\u00f6\u00dfenwahn des Auftraggebers in einen Schaffensrausch zu verfallen. Auch Leni Riefenstahl oder Sergej Eisenstein haben mit ihrem Talent blind gedient. Der sensible Ernst Fischer hat in seinen Erinnerungen seine entsprechende Rolle &#8211; damals in der psychologischen Kriegf\u00fchrung Moskaus &#8211; klar formuliert:\u00a0 Unverdauliches verdaulich zu machen.\u00a0Oder war Niemeyer 1957 vielleicht ein tropikaler Stalinist?<\/p>\n<p>Die Gigantomanie erschreckt. Die riesigen planierten und versiegelten Fl\u00e4chen\u00a0 zwischen den Bau-K\u00f6rpern, die weiten aufgestauten Wasserfl\u00e4chen, die an die notwendigen hygienischen Ma\u00dfnahmen gemahnen und irgendwie\u00a0 auf\u00a0 eine Nierentischform hinauslaufen.<\/p>\n<p>Welch \u00f6den Universit\u00e4tsgel\u00e4nde in Constantine und hier im Nirgendwo in Brasilien: diese Massenquartiere, die das lernende Individuum verzwergen! Und was f\u00fcr ein gigantischer Eingang ins Bildungsministerium! Ein unglaublich wirkender Plan einer Villa entschl\u00fcsselt sich als Privat-B\u00fchne des Vizepr\u00e4sidenten. Wohin zog der Mann sich eigentlich zur\u00fcck? frage ich mich spontan. &#8211; Louis Quatorze zog sich auch nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>P.S. 2013-10-27: \u00a0Ziehen <span style=\"text-decoration: underline;\">wir<\/span>\u00a0uns noch zur\u00fcck. Doch, dann und wann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osterspaziergang im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt \u00a0 Wie auf einer Achterbahn wechseln wir zwischen Bewunderung und Ern\u00fcchterung, und da endet sie schlie\u00dflich: Angesichts der \u00fcber dreihundert Projekte auf der Banderole ist die erste Bilanz:\u00a0 Beton bleibt Beton. 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