{"id":1249,"date":"2010-04-24T22:22:47","date_gmt":"2010-04-24T21:22:47","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1249"},"modified":"2024-02-11T23:15:02","modified_gmt":"2024-02-11T22:15:02","slug":"taetiges-bemerken-oder-sammeln-fotografieren-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1249","title":{"rendered":"T\u00e4tiges Bemerken oder Sammeln, Fotografieren, Schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Anlass gab mir <strong>Reiner Speck: Peter Ludwig, Sammler (insel tb.,1986)<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>\u201e<em>Sammeln erw\u00e4chst aus alten Leidenschaften des t\u00e4tigen Bemerkens<\/em>\u201c (Wilhelm Salber).<\/p>\n<p>Im heiter belebten Park f\u00e4llt mir dieser Satz wieder ein. Und dass er genauso oder noch mehr f\u00fcr das Fotografieren gilt \u2013 weniger f\u00fcr inszenierende Fotografie. Schnappsch\u00fcsse vor allem feiern das Leben, den Moment, den sie aus dem Strom herausheben. Sie zeigen gleichzeitig den Menschen, der sie ausl\u00f6st. Er kann sich nicht herausreden.<\/p>\n<p>Auch Fotografieren ist Thesaurieren, Schatzsuche und Sch\u00e4tze Ansammeln. Das Motiv des hedonistischen Stehlens (18) spielt auch eine Rolle, was keiner Erl\u00e4uterung bedarf.<\/p>\n<p>Mich hat schon immer daran das Wunder der Transsubstantialisierung interessiert, ganz pragmatisch. Die Verwandlung in ein Bild ist eine Methode, die wesentliche Seite einer Sache zu bewahren und daf\u00fcr die Sache wieder loslassen zu k\u00f6nnen. Seit der Kindheit herrschte chronischer Platzmangel, der vor allem das Sammeln, nicht das Aufheben an sich, sondern das Aufheben schmerzlich begrenzte.<\/p>\n<p>Die Sammlung von Miniaturen ist ein anderer Weg, aber man muss das Findergl\u00fcck beim Schopf packen. Eine Zeitlang habe ich auf eine Sammlung f\u00fcr den \u201aFluchtkoffer\u2019 hin gearbeitet.<\/p>\n<p>Das fotografische Bild erlaubt jedoch auch das Einfangen weit gr\u00f6\u00dferer, unerreichbarer oder absolut station\u00e4rer Objekte und Visionen und kann damit die Bewahrung des kostbaren Moments der Begegnung verbinden\u00a0 \u2013 etwa wie das Licht fiel \u2013 oder mit einem damit verbundenen Ereignis.<\/p>\n<p>Das gilt eingeschr\u00e4nkt auch f\u00fcr die Zeichnung, die \u00d6lskizze. Doch so dicht mit Informationen bepackt kann nur ein Foto sein. Die technische Entwicklung hat dessen \u00d6konomisierung und Miniaturisierung ins Unvorstellbare getrieben.<\/p>\n<p>Mit dem Abbild gewinnt man also einiges, es ist keineswegs blo\u00dfer Ersatz, ebenso wenig die damit verbundene Leidenschaft \u2013 etwa f\u00fcr \u201aechte\u2019 Leidenschaften, wie das Vorurteil meint.<\/p>\n<p>Es geht aber im Moment des Fixierens zweifellos auch viel verloren, die Wandelbarkeit der Wirkungen des Motivs beispielsweise. Das Foto ist ein neuer, anderer Gegenstand mit eigenem Schicksal. Den urspr\u00fcnglichen Zeitzeugen und authentischen Repr\u00e4sentanten kann es nicht ersetzen. Als Reflex, Stellungnahme und Kommentar dokumentiert das Bild bereits die Wirkung des Originals in der Welt, seine Wirkungsgeschichte.<\/p>\n<p>Man lebt auch mit Bildern, aber doch eingeschr\u00e4nkt, verglichen mit dem, was Gegenst\u00e4nde bieten: Was von Peter Ludwig und bereits seinem Vater berichtet wird, gilt auch f\u00fcr mich: \u201edas Erlebnis des Sammlers, seine j\u00fcngste Erwerbung von Raum zu Raum mitzunehmen, tags\u00fcber vor den Schreibtisch zu stellen und abends neben das Bett\u201c. (22)<\/p>\n<p>Die Geschichte des Sammler-Paares Ludwig bietet mir zwei interessante Facetten:<\/p>\n<p>Erstens kommen sie vom Buch her, vom Studium, nicht vom Fetisch.<\/p>\n<p>Zweitens sind sie Exempel der paradiesischen \u201eWunscherf\u00fcllung\u201c (12). Sie sind das \u201aH\u00f6chste\u2019, was Sammler werden k\u00f6nnen, wohlgemerkt als erfolgreiche Unternehmer, als Team, als reflektierte Einheit.\u00a0Nie war einer allein seinen Obsessionen ausgeliefert. Nie haben sie sich &#8211; auch nicht als Kunsth\u00e4ndler \u2013 kr\u00fcmmen oder verbiegen m\u00fcssen. Es ist gut f\u00fcr die eigene Bescheidenheit, bei allem berechtigten Stolz des kleinen Sammlers,\u00a0 sich auf diese Weise an den gro\u00dfen Tieren zu messen.<\/p>\n<p>Doch auch der von R. Speck eingeschlagene Weg, \u00fcber das Wie des Sammelns dem Sammler auf die Schliche zu kommen, ist nachahmenswert.<\/p>\n<p>Ich habe immer Wert auf Feldfotos gelegt. Ich will die ganze Spannweite der Bedeutungen erlebbar machen, die ein Ding hat, darunter auch seine Geschichte. Als alter Basisdemokrat sehe ich nicht ein, dass nur kanonisierte Kunst, \u201edie Beute der Sieger\u201c (Benjamin) eine solche Dimension haben soll. Und ich bem\u00fche mich, meine Sammlung zu sch\u00fctzen, weniger vor Dieben und Verfall, als vor Missachtung. Ich\u00a0 sehe sie als eine Vielfalt von \u00dcberlebenseinheiten, strebe danach, einzelne St\u00fccke zu Gruppen zusammenzufassen. Es soll darin eine Stimmigkeit entstehen, auch wenn sie nur von einer Ausstrahlung herr\u00fchrt, die aus der \u00e4sthetischen Qualit\u00e4t, der Entstehungszeit, dem Material oder Wettereinfl\u00fcssen entstehen konnte. Diese Einheit m\u00f6chte ich nicht wieder aufl\u00f6sen. Jetzt jedenfalls noch m\u00f6chte ich keinen Teil davon missen.<\/p>\n<p>Auch das Schreiben geh\u00f6rt in diesen Zusammenhang, eine noch radikalere Transformation.\u00a0Begriffenes Leben ist ergriffenes Leben. Wenn \u201edas Kunstwerk .. eine gr\u00f6\u00dfere ontologische Dichte\u201c hat als jedes andere Sammelobjekt, so erst recht das Geschriebene, an dem so viel an gelebtem Leben haftet, dass wir uns nur wundern k\u00f6nnen, zum Beispiel Erinnerungen.\u00a0Beim Lesen wird \u2013 \u00e4hnlich wie beim Betrachten eines \u201eKunstwerks\u201c oder \u201eunscheinbare(r), aber sch\u00f6ne(r) Dinge\u201c (41) \u2013 ein Text wieder \u201ezum Leben erweckt\u201c (21) durch Entdecken von Bez\u00fcgen und t\u00e4tigem Kunstgenuss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass gab mir Reiner Speck: Peter Ludwig, Sammler (insel tb.,1986)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-1249","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sammeln"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1249"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13384,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249\/revisions\/13384"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}