{"id":123,"date":"2013-01-02T00:00:55","date_gmt":"2013-01-01T23:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=123"},"modified":"2015-04-23T21:11:33","modified_gmt":"2015-04-23T20:11:33","slug":"dokumentarfilm-winternomaden-ch-2012","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=123","title":{"rendered":"\u201eWinternomaden\u201c Manuel v. St\u00fcrler"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-565\" alt=\"P1320427Schafe 1-2011\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011-300x229.jpg\" width=\"300\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011-300x229.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011-1024x784.jpg 1024w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011-624x478.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/P1320427Schafe-1-2011.jpg 1099w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0\u00a0 <\/b>\u00a0*<b>\u00a0 \u00a0\u00a0<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Dokumentarfilm &#8211; Nachdenken \u00fcber das Medium<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b>Der Film \u00fcber einen viermonatigen winterlichen Schaftreck \u2013 einer <i>Transhumance<\/i> \u2013 von achthundert Schafen durch die Westschweiz von heute ist nicht nur bildstark, er regt mich auch spontan zum Nachdenken \u00fcber das Medium Film an.<!--more--> N\u00e4here Informationen, etwa den Filmtipp in Zeit-online samt Trailer findet man leicht im Netz. <i>www.zeit.de\/video\/2012-12\/2044657529001\/kino-filmtipp-winternomaden-von-manuel-von-stuerler<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach dem <i>Abbildcharakter<\/i> dieses Films dr\u00e4ngt sich vor, aufdringlich wie ein Leitschaf. Gelegentlich rechte ich immer noch mit <strong>Vil\u00e9m Flussers <\/strong>pauschalem Urteil \u00fcber das Kino im Allgemeinen und speziell \u00fcber Dokumentaristen, auch jetzt wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht einmal<i> <\/i>digitale Spezialeffekte werden in \u201eWinternomaden\u201c genutzt, nur die ruhige Handkamera. Also ist der Film ein Fenster zur Welt?\u00a0 \u2013 nein, das w\u00e4re zu naiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beginnen wir mit der gezeigten Winterwanderung. Sie repr\u00e4sentiert kaum das heutige Leben in der Schweiz, ist eine Randerscheinung, \u201eaussterbend\u201c, wie man sagt. Doch in diesem Zustand ist sie nicht einmal autonom oder gar autark. Wenn man uns im Nachspann sagen w\u00fcrde, der gezeigte Treck sei eigens f\u00fcr den Dokumentarfilm ein letztes Mal wiederbelebt worden, wir w\u00fcrden es problemlos glauben. Der Film hat zudem ein Drehbuch und der Autor hat f\u00fcr den Film zwei Jahre lang recherchiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser hat Recht: Das Spezifische an der filmischen Geste ist der Filmschnitt: im Weglassen, in der Auswahl, in der Montage, der Aufteilung und der Balance der vermittelten Aspekte. \u201eWinternomaden\u201c ist darin kunstvoll: So gibt es keine Hintergrundinformationen, keine Statistik, keinen autoritativ aus dem Off operierenden Erz\u00e4hler, der die Deutungshoheit \u00fcber das Gezeigte behaupten, die drei Protagonisten zu beschr\u00e4nkten Laien-Darstellern degradieren und die Dynamik in deren Beziehung kanalisieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen uns sogar selber auf der Leinwand repr\u00e4sentiert finden, in Zufallsbekanntschaften am Rande der Strecke. Wenn wir uns in ihnen erkennen, geben wir darin keine tolle Figur ab: unsicher im Auftreten, unbedarft, den Fotoapparat in der Hand, am besten noch ein Almosen spendend in vager Erinnerungen an die Gepflogenheiten traditioneller Gastfreundschaft. Wie kommentierte eine Freundin: \u201eKeine Sympathietr\u00e4ger\u201c. Wem in den Sitzreihen vor mir ginge es dabei anders? Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir uns von den beiden abgerissenen Kleinbauern aus der Westschweiz distanzieren, die der Herde den\u00a0 Durchzug verweigern. Sie haben aber offensichtlich gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Geiz. Und dann taucht immer wieder der Boss der Sch\u00e4fer im eleganten SUV auf der Bildfl\u00e4che auf. Er spielt die Rolle des modernen Agrarunternehmers in einer Zweideutigkeit aus, wie wir sie aus gesellschaftskritischen Features \u00fcber die Dritte Welt gewohnt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens mit der Selektion der ersten f\u00fcnfzig Schafe vor Weihnachten verdunkelt sich die rauhe Winteridylle zu einem nur scheinbar anachronistischen, im Grunde aber \u00f6konomisch durchdachten Tiertransport, wodurch z.B. die Winterf\u00fctterung entf\u00e4llt. Sch\u00e4fer und Sch\u00e4ferin werden auch in unseren Augen zu dem, was sie immer schon sind: zu Gehilfen, ja zu kleinen R\u00e4dchen im System. Zwar spricht der Hirt Jean irgendwann von <i>Leidenschaft<\/i> \u2013 \u00fcbrigens in der diplomatisch angelegten Konversation mit einem der beiden Bauern \u2013 aber er thematisiert mehrfach das Aussteigen, das Aufh\u00f6ren, das Altern &#8211; nicht anders als ein im Apparat resignierender Funktion\u00e4r bei Flusser. H\u00e4tte ein traditioneller Nomade jemals so geredet, auch wenn Konflikte mit Dorfbewohnern um Wasser und Weide immer schon zur Realit\u00e4t des Viehtriebs geh\u00f6rt haben? Der \u00e4rmliche Bauer an Kr\u00fccken wird deutlicher: \u201eSie haben es sich ausgesucht\u201c. Die Gehilfin Carole wollte ja eigentlich nach Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Spannung des Films l\u00e4sst bis zum Ende kaum nach. Sie braucht keine Verst\u00e4rker. Sie entsteht aus dem Grundkonflikt des Vorhabens inmitten unserer Alltagswel und dem Stress einer st\u00e4ndig ungewissen Situation Ein kleines Epos, auch wenn \u201eDokumentation\u201c draufsteht. Auch das ist Erz\u00e4hl\u00f6konomie! Man vergleiche nur den entsprechenden Aufwand des Filmformats \u201eTatort\u201c.\u00a0Eine genial einfache Erz\u00e4hlung, die sich voll und ganz auf den Filmschnitt verl\u00e4sst:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum will pers\u00f6nliche Hintergr\u00fcnde erfahren?\u00a0 Zwei Szenen mit Freunden sind wie zuf\u00e4llig daf\u00fcr reserviert. Die verschiedenen Szenen von Dezember bis M\u00e4rz sind abwechslungsreich und plausibel montiert. Weder die Einblendung von Landkarten oder gar der Route, noch eingeblendete Kalenderdaten st\u00f6ren die Freiheit der Montage. Wiederholungen werden m\u00f6glichst vermieden. Dem aufmerksamen Zuschauer gen\u00fcgen zu ihrer Vergegenw\u00e4rtigung ohnehin kurze Einstellungen. Die erh\u00f6hen den Eindruck von Authentizit\u00e4t. Man kann gar nicht beurteilen, ob die Situation nur wenige Sekunden hergegeben hat oder die Einstellung beim Schnitt gek\u00fcrzt worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat der Film auch etwas von Platos H\u00f6hlenwand? \u2013 Ja. Etwas wird auf sie projiziert. Sie spiegelt uns Dinge und Geschehnisse wider, die jemand f\u00fcr uns inszeniert hat und wovon wir blo\u00df farbige Schatten \u2013 auch T\u00f6ne geh\u00f6ren dazu \u2013 wahrnehmen. Jeder Betrachter hat etwas anderes gesehen. Etwa Philosophen, die aus dem Sonnenlicht in die H\u00f6hle zur\u00fcckgekehrt sind \u2013 auch die m\u00fcssen ja irgendwo bleiben &#8211; jeder sieht etwas anderes.<b> <\/b>Flusser philosophierte 1974 \u00fcber W\u00e4nde, denen ja er das Kino zurechnete: <i>Unsere W\u00e4nde sind sp\u00e4te und dekadente Formen der H\u00f6hlenw\u00e4nde<\/i> (\u201eVom Stand der Dinge\u201c: 76). Und dann sprach er \u00fcber unsere Kultur ihrer Ausschm\u00fcckung. <i>Manchmal bedecken diese Dinge, die Kultur ausmachen, mehr als nur die Nacktheit der W\u00e4nde. Sie verdecken Risse in den W\u00e4nden und verbergen die Gefahr, dass das Geb\u00e4ude einst\u00fcrzen und uns unter seinen Tr\u00fcmmern begraben k\u00f6nnte.<\/i> (77)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es trifft zwar zu, dass die neue, \u00fcbrigens digitale Projektionsmaschine des Programmkinos \u201eMal seh\u2019n\u201c in Frankfurt von der Europ\u00e4ischen Union gesponsert worden ist. Doch wozu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWinternomaden\u201c scheint mir jedenfalls keine <i>verdeckende <\/i>und <i>verbergende <\/i>Projektion zu sein.<i> <\/i>Wenn deren Wahrnehmung aber vom jeweiligen Blickwinkel oder pr\u00e4ziser von der Haltung des Kopfes abh\u00e4ngt? Der ist ja schlie\u00dflich nicht wie in Platos Gleichnis festgebunden. Das hie\u00dfe, dass auch beabsichtigte oder auch nur erw\u00fcnschte Wirkungen von Kunst beim Publikum nicht wirklich zu steuern sind. Der Unternehmer schaut zwar auf den Durchschnitt der Besucher und mag sich dabei beruhigen. Am K\u00fcnstler nagt der Gedanke schon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschrieben \u00fcber die Jahreswende 2012\/13<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser: &#8222;Die Geste des Filmens&#8220; in &#8222;Gesten&#8220;, 1991,1995 in Fischer Wissenschaft, S. 119-124; weiteres zum Film in Marburgers Dissertation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Abbildung<\/span>: \u00a0Schafidyll in den H\u00fcgeln um Frankfurt, Februar 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0*\u00a0 \u00a0\u00a0 Der Dokumentarfilm &#8211; Nachdenken \u00fcber das Medium \u00a0Der Film \u00fcber einen viermonatigen winterlichen Schaftreck \u2013 einer Transhumance \u2013 von achthundert Schafen durch die Westschweiz von heute ist nicht nur bildstark, er regt mich auch spontan zum Nachdenken \u00fcber das Medium Film an.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38],"tags":[],"class_list":["post-123","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-film"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=123"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3222,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123\/revisions\/3222"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=123"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=123"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=123"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}