{"id":12297,"date":"2020-12-01T17:44:02","date_gmt":"2020-12-01T16:44:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12297"},"modified":"2024-02-12T18:05:10","modified_gmt":"2024-02-12T17:05:10","slug":"paul-feyerabend-ueber-experten-in-einer-freien-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12297","title":{"rendered":"Paul Feyerabend \u00fcber Experten in einer freien Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #000000;\">PAUL FEYERABEND \u2013 ES IST H\u00d6CHSTE ZEIT, IHN WIEDER ZU LESEN, UM DEM KONZEPT FREIER MENSCHEN\u00a0 IM ZANGENGRIFF WISSENSCHAFT-TECHNISCHER\u00a0 PRAXIS ETWAS MEHR BEACHTUNG ZU SCHENKEN.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Die folgenden Texte beruhen auf einem Pr\u00fcfungstext und zwei Arbeitsbl\u00e4ttern, die ich 1998 -2001 f\u00fcr den Ethik-Unterricht der Klassenstufe13 zusammenstellte.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><strong>1<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Experten in einer freien Gesellschaft<\/span><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-12298\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft-606x900.jpg\" alt=\"\" width=\"673\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft-606x900.jpg 606w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft-242x360.jpg 242w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft-624x927.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Feyerabend-Experten-in-freier-Gesellschaft.jpg 1009w\" sizes=\"auto, (max-width: 673px) 100vw, 673px\" \/><\/a><span style=\"color: #000000;\">Text ist durch Anklicken auf Seitenbreite zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>2<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e\u00d6kologisches Handeln und \u00f6kologische Philosophie\u201c<\/span><\/h2>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>Text:<\/strong> <strong>Paul Feyerabend: Redet nicht herum, organisiert euch, <\/strong>in \u201eThesen zum Anarchismus, Karin Kramer Berlin 1996, S. 207-212 ( Ausz\u00fcge)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>In den achtziger Jahren erhielt Feyerabend aus New York die Aufforderung, <\/strong>zu einer Sondernummer von TELOS , Titel: \u201cEcology,Philosophy, and Politics\u201c ,einen Beitrag zu schreiben. &#8222;Wir dachten&#8220;, hie\u00df es in dem Brief, &#8222;dass Sie an den \u00f6kologischen Auswirkungen der j\u00fcngsten Debatten in der Wissenschaftstheorie interessiert sein k\u00f6nnten.&#8220; Zun\u00e4chst wollte er absagen. Doch eine wichtige Bewegung wie die \u00d6kologie sollte nicht durch fruchtlose akademische Debatten aufgehalten werden. Und schlie\u00dflich waren es keine \u201e Dinosaurier\u201c, die zu der Debatte einluden, sondern engagierte Intellektuelle. Also antwortete er der Redaktion kurz. (Ich habe meinen Sch\u00fclern Ausdr\u00fccke verwandter Bedeutung mit einem <span style=\"color: #ff0000;\">*<\/span> versehen.) Unter anderem schrieb er :<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Ich bezweifle, dass das \u00f6kologische Handeln durch eine \u00f6kologische Philosophie wesentlich gef\u00f6rdert werden wird. Ganz im Gegenteil, eine solche Philosophie kann mit ihren Debatten einen Schutzring bauen, der gr\u00f6\u00dfere Ver\u00e4nderungen des Status quo verhindert. Die Kritik mag klar und einschneidend sein, sie mag das Zentrum der Sache treffen &#8211; aber alles das geschieht an einem sicheren Ort, wo es keinen Schaden anrichtet, auf den Seiten einer respektablen Zeitschrift oder innerhalb der Mauern von \u201eAkademia\u201c.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><em>\u00a0<\/em>Was hei\u00dft politisch handeln? Politisch handeln hei\u00dft versuchen, K\u00f6pfe und Situationen in der Welt zu ver\u00e4ndern. Politisches Handeln kann demokratisch oder totalit\u00e4r, abstrakt oder pers\u00f6nlich sein.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Totalit\u00e4res Handeln versucht die Menschen zu beeinflussen, es. gibt ihnen aber keine M\u00f6glichkeit, auf den Einfluss zur\u00fcckzuwirken. Es ist eine Einbahnstra\u00dfe. Beispiele sind fast alle Erziehungsprogramme (oder Rehabilitationsprogramme in Gef\u00e4ngnissen) und ein gro\u00dfer Teil der modernen medizinischen Praxis.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Es ist klar, dass das abstrakte Handeln, das abstrakte Denken eingeschlossen, totalit\u00e4re Z\u00fcge hat &#8211; man h\u00e4lt es einfach f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich, dass das reduzierte* Menschentum, das es fordert ( z.B. der vern\u00fcnftige* Mensch ), allein der Beachtung wert ist.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Abstraktes Handeln ist auch elit\u00e4r: Nur ganz besondere Leute haben die Bildung und die Kenntnisse, um die Karikaturen* zu verstehen. Das erkl\u00e4rt die totalit\u00e4ren und elit\u00e4ren Aspekte des Liberalismus, des akademischen Marxismus und anderer \u201efortschrittlicher\u201c Ideologien. Es ist zuzugeben, dass Liberale und Marxisten fortw\u00e4hrend von Freiheit, Gleichheit und Wahrheit reden. Aber die Gleichheit, die sie verteidigen, gibt nicht <u>allen<\/u> Lebensformen gleiche Rechte, z.B. behandelt sie Indianer und Harvard-Akademiker keinesfalls als gleich. Andere Lebensformen gibt es dann einfach nicht. Und die Wahrheit ist <u>nicht<\/u> ein Seinsgrund, der alle Aspekte des Menschseins umfasst, &#8211; den Leib wie auch die Seele, das Irdische wie das G\u00f6ttliche im Menschen &#8211; sondern sie ist ein Ergebnis des Herumspielens in einem (ideologischen) Geb\u00e4ude. Wir haben weder Freiheit noch Erkenntnis &#8211; wir haben blo\u00df eine neue Sklaverei, gegr\u00fcndet auf neue Vorurteile.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Demokratisches Handeln arrangiert die Situation so, dass im Prinzip alle von der Handlung Betroffenen an ihr teilnehmen k\u00f6nnen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Pers\u00f6nliches Handeln befasst sich mit Freunden, nicht mit theoretischen Einheiten*. Es folgt, dass das \u00f6kologische Handeln aus den Tr\u00e4umen, den Problemen, \u00c4ngsten, den Hoffnungen von kleinen Gruppen hervorgehen sollte und nicht aus anonymen Philosophien, die von objektiven, d. h. unfreundlichen und gesichtslosen Denkern geschaffen wurden.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Zwischen den Ideen der verschiedenen Gruppen entstehen langsam \u00c4hnlichkeiten, aber diese \u00c4hnlichkeiten treten zur Vielfalt hinzu, ersetzen sie nicht; und weil sie aus einem konkreten und historisch einzigartigen Prozess der Wechselwirkung hervorgehen, haben sie sehr konkrete und einzigartige Z\u00fcge. Eine Philosophie, die unabh\u00e4ngig von einem solchen Austausch entwickelt wird, kann diese Z\u00fcge nicht vorhersehen, und ihre Begriffe k\u00f6nnen sie keinesfalls ausdr\u00fccken.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Demokratische Handlungen kleiner Gruppen sind nicht nur menschlicher als Massenbewegungen mit Schlagw\u00f6rtern, sie haben auch entscheidende politische Vorteile: Man kennt die Probleme, man lebt mit ihnen, und daher besteht kein Bed\u00fcrfnis, einen k\u00fcnstlichen \u00c4rger an unbekannten Gefahren zu erzeugen. Man kennt auch die lokalen und Bundes-Beh\u00f6rden. Also braucht auch nicht ein abstraktes Misstrauen an <u>allen<\/u> Institutionen verbreitet zu werden, welches unterstellt, dass die Regierungsinstitutionen Probleme <u>prinzipiell nicht <\/u>l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Dabei ist es eher so, dass einige Institutionen f\u00e4hig, aber ineffizient sind, andere f\u00e4hig, effizient, aber nicht willens zu helfen, wieder andere sehr langsam, aber am Ende sehr wirksam. Das politische Handeln sollte sich solcher Unterschiede bedienen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Rationale Argumente und demokratische Handlungen gehen fast immer verschiedene Wege.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Das ist auch der Grund, warum eine rein philosophische oder wissenschaftliche Diskussion \u00f6kologischer Streitfragen entweder nutzlos oder potentiell intolerant ist. Sie ist nutzlos, denn das demokratische Handeln f\u00fchrt h\u00f6chstwahrscheinlich zu ganz anderen Ergebnissen, und sie ist potentiell intolerant, weil die Philosophen ja oft annehmen, sie h\u00e4tten es mit Voraussetzungen tun, was hei\u00dft, dass man ihnen zuh\u00f6ren muss, w\u00e4hrend sie nur sich selbst zuzuh\u00f6ren brauchen.<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">3<\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Feyerabend<\/strong><\/span><\/h2>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Aufzeichnung von Ulrich Steinvorth (*1941), <\/strong>publiziert in \u201eVersuchungen \u2013 Aufs\u00e4tze zur Philosophie Paul Feyerabends\u201c, von Hans Peter Duerr herausgegeben, S. 315-28 , Suhrkamp (Textauszug)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">\u201eVor einigen Semestern hatte ich die Ehre, einen Lehrstuhl f\u00fcr Philosophie an einer kleinen Universit\u00e4t (Osnabr\u00fcck) zu vertreten. Als meine Hoffnungen auf einen Ruf schwanden und ich die Gunst der Entscheidenden an ihresgleichen&#8230; gehen sah, las ich mit Vergn\u00fcgen Feyerabend und beschloss, ein Seminar \u00fcber sein Buch \u201eErkenntnis f\u00fcr freie Menschen\u201c (I979) zu veranstalten.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Zur ersten Sitzung kamen Massen, so da\u00df ich in einen ungem\u00fctlichen Vorlesungssaal umziehen mu\u00dfte. Aber bald waren es so wenige, da\u00df ich die Parallelkurse zusammenlegen mu\u00dfte, die ich eingerichtet hatte, um diskutieren zu k\u00f6nnen. Mit dem Rest zerbrach ich mir den Kopf \u00fcber die Gr\u00fcnde. Es bildeten sich zwei Parteien. Die eine meinte, schuld sei <u>ich<\/u>, ich stellte Feyerabend in einem zu negativen Licht dar, das sei frustrierend. Die andere Partei meinte, schuld sei <u>Feyerabend<\/u>, der entgegen den Erwartungen nichts zu sagen habe. Schlie\u00dflich hatten wir die Idee, das Seminar mit einem \u00f6ffentlichen Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Feyerabend enden zu lassen&#8230;.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Was dabei herauskam? Die kleine Universit\u00e4t hatte ihren Spa\u00df gehabt, und da ihr die Pflege der Beziehungen zur Stadt zur Pflicht gemacht war, bat mich die Leitung um eine Aufzeichnung der Diskussion zur Ver\u00f6ffentlichung in der Schriftenreihe \u201eB\u00fcrger und Universit\u00e4t\u201c. So entstand die folgende Wiedergabe, die in Klammern die Seitenzahlen aus dem genannten Feyerabend-Buch angibt.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Der Wortf\u00fchrer der Anh\u00e4nger iFeyerabends ist <strong>Karl<\/strong>, der schon sehr viele F\u00e4cher studiert hat und erst k\u00fcrzlich aus Kassel kam, wo er Feyerabend selbst h\u00f6rte. Die Sprecherin der Kritiker ist <strong>Jutta<\/strong>; sie kam im 2.Bildungsweg an die Universit\u00e4t und \u00fcbte vorher eine Reihe verschiedenartiger Berufe aus. Sie bat Karl zu beginnen.\u00a0 <u><br \/>\n<\/u><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>KARL<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Ich beginne mit dem Ursprung von Feyerabends Ideen, den man kennen mu\u00df, um sie richtig einzuordnen. Ich mu\u00df deshalb ein l\u00e4ngeres Zitat vorlesen:<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">\u00bb<em>Im Jahre i964 kamen als Ergebnis der neuen Erziehungspolitik Kaliforniens zahlreiche Mexikaner, Indianer, Schwarze in meine Vorlesungen &#8230; Wer war ich, um diesen Menschen zu erkl\u00e4ren, was und wie sie denken sollten? Ich hatte keine Ahnung von ihren Problemen &#8230; Waren die trockenen Abstraktionen, die die Philosophen \u00fcber die Jahrhunderte hin angesammelt und die Liberale mit einigen schmalzigen Phrasen umgeben hatten, um sie geschmackvoller zu machen, das richtige Angebot an Menschen, die man ihres Landes, ihrer Kultur, ihrer W\u00fcrde beraubt hatte und die nun die d\u00fcrren Ideen der Sprachrohre ihrer so menschlichen Sklaventreiber geduldig absorbieren und wiederholen sollten? &#8230; Ihre Vorfahren hatten lebendige Kulturen &#8230; Und doch sind sie nie mit der Ehrfurcht und Aufmerksamkeit untersucht worden, die sie verdienen &#8230; Mit Ekel schrak ich vor der Aufgabe zur\u00fcck, die ich durchf\u00fchren sollte. Denn diese Aufgabe &#8230; war die eines gebildeten und vornehmen Sklavenhalters. Und ein Sklavenhalter wollte ich nicht sein<\/em>\u00ab (2o8 f.).<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Wer hat so gut wie Feyerabend die Rolle der akademischen Philosophie erkannt? Wer hat sie so einfach dargestellt? Wer hat besser die Notwendigkeit einer ganz anderen, in Inhalt und Form neuen Philosophie nachgewiesen? Wor\u00fcber sich seine Kritiker so gern aufregen, seine Witze und Sp\u00e4\u00dfe, das geh\u00f6rt zur neuen Form.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>JUTTA<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Warum hat sich Feyerabend, als ihm seine Rolle klar wurde, nicht darauf beschr\u00e4nkt, die nicht-europ\u00e4ischen Kulturen mit der verdienten Ehrfurcht zu untersuchen? Warum hat er stattdessen den trockenen Abstraktionen der Philosophen eine weitere hinzugef\u00fcgt, deren schmalzige H\u00fclle die aller anderen an Eing\u00e4ngigkeit \u00fcbertrifft?<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Liegt es daran, dass jeder, der wie Feyerabend Erkenntnis-, Wissenschafts- und politische Theorie f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig erkl\u00e4rt (23 f.), damit schon selbst eine Erkenntnistheorie und politische Theorie vertritt, nur eine, die zur Mangelhaftigkeit verurteilt ist, weil sie nicht offen ausgef\u00fchrt werden darf? Oder handelt es sich um ein privates Problem, das in dem Ma\u00df vom Charakter der Allgemeinheit zeugt, in dem andere sich mit ihm identifizieren?&#8230;.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>KARL<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">\u00a0Feyerabend erkennt den Zusammenhang der vorherrschenden akademischen Philosophie mit der westlichen Kultur und ihrem Imperialismus insgesamt: Muss er deshalb aufh\u00f6ren, an der Universit\u00e4t Philosophie zu lehren? Er wird ja nicht so \u00e4ngstlich sein, selbst aufzuh\u00f6ren, bevor man ihn zwingt.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>JUTTA<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Das kritisiere ich nicht. Ich kritisiere den Inhalt, da\u00df er n\u00e4mlich &#8230;. selbst eine politische Theorie propagiert, und dazu eine schlechte, die zur\u00fcckf\u00e4llt auf die Stufe, auf der Menschen anfangen, f\u00fcr gesellschaftliche Missst\u00e4nde eine Erkl\u00e4rung zu suchen. Dann schieben sie n\u00e4mlich gew\u00f6hnlich die Schuld auf bestimmte Gruppen oder Personen, auf den Teufel oder Hexen, auf die Juden, die Kapitalisten oder die Kommunisten. So unglaublich es klingt, sucht auch <u>er<\/u> sie bei einer Gruppe, den Intellektuellen&#8230; Deren Erkenntnistheorie sei \u00bb<em>das Instrument, mit dessen Hilfe es den Intellektuellen gelang, ihre Herrschaft trotz der Kindlichkeit ihrer Ideologie zu befestigen und st\u00e4ndig weiter auszudehnen<\/em>\u00ab (220). &#8230;<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>KARL<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Du vergisst, da\u00df Feyerabend mit den Intellektuellen die typischen Vertreter der westlichen Kultur, die Speerspitze ihres Imperialismus meint.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>JUTTA <\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Und er? Und wir? Sind wir keine Intellektuellen?<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>KARL<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Wir sollten uns den Intellektualismus etwas abgew\u00f6hnen. &#8230; Was ist der Inhalt seiner Kritik? Dass es nicht nur den Indianern, sondern auch uns schlecht gehen wird, solange man sich an folgendes Prinzip h\u00e4lt:<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse sind nur vern\u00fcnftig, wenn sie sich begreifen lassen, das hei\u00dft durch eine Formel beschreiben oder nach ,Regeln und Ma\u00dfst\u00e4ben bestimmen lassen, die von Intellektuellen formuliert und angewandt werden. Die Geschichte des Abendlands ist f\u00fcr Feyerabend, ganz \u00e4hnlich wie f\u00fcr Hegel und Max Weber, nur mit unterschiedlicher Bewertung, eine Geschichte des Versuchs, solche Regeln und damit den Einfluss derer durchzusetzen, die eitel genug sind zu glauben, mit einigen ihrer Worte lie\u00dfe sich die Komplexit\u00e4t einer Gesellschaft erfassen. Sollte dieser Versuch gelingen, dann kann das nur den Niedergang der Gesellschaft bedeuten.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #000000;\">Die menschliche Praxis, wie Feyerabend am Beispiel der Wissenschaftsgeschichte gezeigt hat, muss, um zu gedeihen, \u00bbprinzipienlos\u00ab sein (23) &#8211; Oder um Feyerabend selbst sprechen zu lassen: \u00bb<em>Rationalisten wollen, dass man immer rational handle; d. h., man soll Entschl\u00fcsse nach Regeln und Ma\u00dfst\u00e4ben f\u00e4llen, die sie und ihre Freunde f\u00fcr wichtig und grundlegend halten. Das Beispiel der Naturwissenschaften zeigt, dass solches Handeln zu nichts f\u00fchrt: die physische Welt ist zu komplex, als dass sie mit Hilfe \u201arationaler\u2018 Methoden beherrscht und verstanden werden k\u00f6nnte. Aber die soziale Welt, die Welt des menschlichen Denkens, F\u00fchlens, der menschlichen Phantasie, die Welt der Philosophie, der Dichtung, der Wissenschaften, die Welt des politischen Beisammenseins ist noch viel komplizierter.\u00ab<\/em><em> Und ich brauche nur weiterzulesen, um seine Alternative klar zu machen:<\/em> \u00ab <em>Ist es daher nicht besser, soziales Handeln auf die konkreten Entscheidungen von Menschen zu gr\u00fcnden, die ihre Umgebung sowie die W\u00fcnsche, Erwartungen, Hoffnungen, die Phantasien ihrer Mitmenschen genau kennen, statt auf die Regeln von Gelehrten, die dieser Umgebung h\u00f6chstens in den B\u00fcchern ihrer Kollegen begegnet sind&#8230;<\/em>?\u00bb (22)<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PAUL FEYERABEND \u2013 ES IST H\u00d6CHSTE ZEIT, IHN WIEDER ZU LESEN, UM DEM KONZEPT FREIER MENSCHEN\u00a0 IM ZANGENGRIFF WISSENSCHAFT-TECHNISCHER\u00a0 PRAXIS ETWAS MEHR BEACHTUNG ZU SCHENKEN. Die folgenden Texte beruhen auf einem Pr\u00fcfungstext und zwei Arbeitsbl\u00e4ttern, die ich 1998 -2001 f\u00fcr den Ethik-Unterricht der Klassenstufe13 zusammenstellte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[267,5,21,190],"tags":[],"class_list":["post-12297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-experten","category-lehrer_altkoenig","category-philosophen-suchen","category-herrliche-zeiten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12297"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12301,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12297\/revisions\/12301"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}