{"id":12035,"date":"2020-08-19T19:29:15","date_gmt":"2020-08-19T17:29:15","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12035"},"modified":"2020-08-26T02:12:48","modified_gmt":"2020-08-26T00:12:48","slug":"naechtliche-gedanken-wozu-ueberhaupt-kritik-an-den-bisherigen-voelkerkundemuseen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12035","title":{"rendered":"N\u00e4chtliche Gedanken: Wozu \u00fcberhaupt Kritik an den alten V\u00f6lkerkundemuseen?\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Sie haben doch Ausstellungen auf den Weg gebracht, didaktisch wertvoll! Das Publikum war weder schulisch besonders vorgebildet, noch anspruchsvoll. <u>Daf\u00fcr<\/u> brauchte man nicht die \u2013zigtausend Asservate in den Depots! Um deren geheime Botschaften k\u00fcmmerte sich die Kulturpolitik sowieso nicht. Was darin \u2019r\u00fcberkommen sollte, hing von anderen Kriterien ab.<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_12036\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Mitoko-LINK.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12036\" class=\"wp-image-12036\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Mitoko-LINK-159x360.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"560\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Mitoko-LINK-159x360.jpg 159w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Mitoko-LINK-398x900.jpg 398w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Mitoko-LINK.jpg 442w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12036\" class=\"wp-caption-text\">Mitoko (Detail)<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10913\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> LIN<\/a>K<\/p><\/div>\n<p>Und dann erst das Material, fast undokumentiert, ohnehin zusammengestohlen oder -geramscht! Oft auch noch kriegsbesch\u00e4digt. Eigentlich unzumutbar. Ja, wenn vor f\u00fcnfzig Jahren der heutige rigide Kanon der Wissenschaftlichkeit geherrscht und auf Seiten der Kolonisierten die Chance bestanden h\u00e4tte, publikumswirksam Forderungen zu stellen, wenn auch auf einem Nebenschauplatz!<\/p>\n<p>Was zeigen die ersehnten \u201eObjektbiografien\u201c bisher? Entweder dokumentierte \u201aBeutekunst\u2019 oder totale anonyme Finsternis.<\/p>\n<p>So wie im modernen Kunsthandel, behielt doch jedes kleine R\u00e4dchen in der Handelskette sein Wissen f\u00fcr sich. Und welchen guten Grund sollten sie haben, Leuten aus der Sippe der Eroberer \u00fcber ihre sakralen oder neu-sakralen Kontexte reinen Wein einzuschenken? Wir Europ\u00e4er bringen ohnehin die elementaren Voraussetzungen nicht mit, wir m\u00fcssen sie uns \u00fcber unser &#8218;Gro\u00dfhirn&#8216; aus der wissenschaftlichen community aneignen. Und die ist ja wohl das Gegenteil einer unter dem Diktat der Natur funktionierenden sozialen Gruppe.<\/p>\n<p>Wir brauchen uns gar nicht erhaben zu f\u00fchlen. Wir gehen ins Frankfurter St\u00e4del oder in die Schirn, und stellen fest: F\u00fcr westliche K\u00fcnstler ist die Frage nach der k\u00fcnstlerischen Intention unter ihrer W\u00fcrde, sie \u00fcberlassen die Antwort ihren Agenten oder als Outsourcing den Kuratoren, darauf spezialisierten Kunstwissenschaftlern.<\/p>\n<p>Ich will mehr \u00fcber dummerweise erworbene konkrete Objekte aus mehr oder weniger ausgestorbenen oder ausgelaugten Kulturen wissen, aber der \u00f6ffentliche Diskurs dreht sich entweder um spekulative Bewertungen oder Eigentumsverh\u00e4ltnisse und Nutzungsrechte.<\/p>\n<p>In h\u00f6lzernen (oder auch marmornen) \u201aKunstwerken\u2019\u00a0 sahen traditionelle Gesellschaften, ob Hellas oder Schwarzafrika,\u00a0 nur \u201eHandwerk\u201c, das \u00f6konomisch und auf anst\u00e4ndige Weise gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen zu dienen hatte, etwa einem Fest, einem Kult oder einer h\u00f6fischen Repr\u00e4sentation. Wie sollten diese Werke durch die Versetzung in ein fremdes \u2013 westliches \u2013 Milieu ihrer subalternen Lage entkommen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Man hat in Europa alles versucht: totale Reinigung, Umpatinierung, Sockelung, professionelle Beleuchtung, Fahndung nach der Geburtsurkunde, Beschw\u00f6rung durch professionelle Laudatoren, Kanonisierung, Multiplikation durch Publikation. Und in den Herkunftsl\u00e4ndern durch eine schon manieristische Verst\u00e4rkung erfolgreicher formaler Qualit\u00e4ten der Produkte.<\/p>\n<p>Ihren Makel der Herkunft werden sie nicht los. Erst recht wirkt der hinaus posaunte &#8218;Rang&#8216; unglaubw\u00fcrdig vor dem Hintergrund der verelendeten Herkunftsmilieus.<\/p>\n<p>Dass\u00a0 die zuf\u00e4lligen Umgebungen hier wie dort konservatorisch als ungeeignet gelten, dass Schwundrisse und Insektenfra\u00df st\u00e4ndig ihre materielle Substanz nicht nur bedrohen, sondern real besch\u00e4digen und Restaurierungsma\u00dfnahmen provozieren, schadet dem Ruf der Objekte und dem f\u00fcr sie erhobenen Anspruch, in die fiktive &#8222;Schatzkammer der Menschheit\u201c aufgenommen zu werden.<\/p>\n<p>In Wahrheit f\u00fcllen immer noch Machteliten ihre Salons, &#8218;Kabinette&#8216; und Tresore mit &#8218;Rarit\u00e4ten&#8216;. Die wirklichen Kultursch\u00e4tze der Menschheit waren immer diskret, aber weit verbreitet und &#8217;selbstverst\u00e4ndlich&#8216;. Sie bestanden und bestehen aus fl\u00fcchtigen \u201aMaterialien\u2019 wie Versen, Ges\u00e4ngen, Spielen, Rhythmen, Bewegungsabl\u00e4ufen, Mustern, Farben, Kochrezepten, handwerklichen Fertigkeiten und so weiter. (Auch die katalogisiert man heute schon, weil es sonst keinem auff\u00e4llt.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben doch Ausstellungen auf den Weg gebracht, didaktisch wertvoll! Das Publikum war weder schulisch besonders vorgebildet, noch anspruchsvoll. Daf\u00fcr brauchte man nicht die \u2013zigtausend Asservate in den Depots! Um deren geheime Botschaften k\u00fcmmerte sich die Kulturpolitik sowieso nicht. 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