{"id":12011,"date":"2020-04-15T11:11:33","date_gmt":"2020-04-15T09:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12011"},"modified":"2024-02-12T21:57:22","modified_gmt":"2024-02-12T20:57:22","slug":"die-ethnische-saeuberung-palaestinas-1948-historiker-ilan-pappe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=12011","title":{"rendered":"&#8222;Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas&#8220; 1948 (Historiker Ilan Pappe)"},"content":{"rendered":"<h4>2020, am 15. April :\u00a0\u00a0 W\u00e4hlerschaft und politische Klasse in diesem skandal\u00f6sen Kleinstaat scheinen unf\u00e4hig zur Regierungsbildung. Ihrem unverw\u00fcstichen Repr\u00e4sentanten droht wieder einmal eine Anklage wegen Korruption. Aber ist das \u00fcberhaupt politisch von Bedeutung?<\/h4>\n<h4>Nein, sagte vor \u00fcber zehn Jahren bereits Ilan Pappe in &#8222;Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas&#8220; (2006 London, dt. bei Zweitausendeins 2007)<\/h4>\n<h4><!--more--><\/h4>\n<h4>Im &#8222;Corona&#8220; Stop-down erweisen sich Buchspender wieder als gro\u00dfz\u00fcgige M\u00e4zene. Der offene &#8222;B\u00fccherschrank&#8220; vor der Wartburg-Kirche in Frankfurt ist gut gef\u00fcllt. Ich greife zu dem offenbar ungelesenen Exemplar mit intaktem Schutzumschlag und r\u00e4tsele \u00fcber den Hintergrund des Autors &#8222;Ilan Pappe&#8220;. Nie geh\u00f6rt.<\/h4>\n<h4>Dann ist es doch keine \u00dcberraschung: &#8222;einer der Protagonisten der &#8218;Neuen israelischen Historiker'&#8220;, 1954 als Sohn deutscher Juden in Haifa geboren, promovierte in Oxford, war Leiter des Friedensforschungsinstituts\u00a0 in Givat Haviva und Politologe an der der Universit\u00e4t Haifa bis 2007, siedelte dann nach Gro\u00dfbritannien \u00fcber und lehrt an der Universit\u00e4t Exeter (<a href=\"https:\/\/socialsciences.exeter.ac.uk\/iais\/staff\/pappe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>).<\/h4>\n<h4><strong>Wieso habe ich die ganzen dreizehn Jahre <\/strong><strong>dar\u00fcber <\/strong><strong>nichts\u00a0 erfahren?<\/strong> Nicht einmal im Buchladen des Verlags Zweitausendeins?\u00a0 <strong>Was k\u00f6nnen B\u00fccher \u00fcberhaupt bewirken?<\/strong> <strong>Sp\u00e4ter frage ich mich, warum nicht bereits bei der Lekt\u00fcre von Tom Segev &#8222;Die ersten Israeli&#8220; so deutlich mitbekommen habe<\/strong>, ob selbst d<strong>er<\/strong> das\u00a0 generalstabsm\u00e4\u00dfig organisierte Verbrechen an den ans\u00e4ssigen Pal\u00e4stinensern 1948 etwa bewusst verharmlost habe.<\/h4>\n<h4>Die Erscheinungsdaten beider B\u00fccher geben eine Antwort. Die erste englische Ausgabe von &#8222;Die ersten Israelis&#8220; erschien bereits 1986, und dann hat der Siedler Verlag die bereits 1998\u00a0 \u00fcberarbeitete zweite Ausgabe erst 2008 deutsch herausgebracht, zwei jahre nach Ilan Pappes Studie.<\/h4>\n<h4>Ilan Pappes Thema ist die historische Rekonstruktion von milit\u00e4rischer Planung und Ausf\u00fchrung der Vertreibung, sodann des Vergessens und der erfolgreichen Geschichtsf\u00e4lschung. Nach \u00dcberzeugung des Verfassers hatte der &#8222;Friedenprozess&#8220; der Neunziger Jahre nie eine Chance, wegen der Verleugnung systematischer Vertreibungen, wegen des &#8222;Ausschluss(es) der Ereignisse von 1948&#8220;, auch nicht unter dem Hoffnungstr\u00e4ger im Westen: Izak Rabin.<\/h4>\n<h4>Die &#8222;Festung Israel&#8220; ist noch immer mit dem &#8222;demografischen Problem&#8220; ihrer\u00a0 fr\u00fchen &#8211; nicht zu vergessen &#8211; s\u00e4kularen zionistischen Planer konfrontiert,in ihrem angestrebten Nationalstaat nur eine Minderheit zu bilden. Seit 1948 geht es darum, &#8222;die Bev\u00f6lkerung im Staat &#8218;wei\u00df&#8216; zu halten, spricht: nichtarabisch&#8220; (S.330).<\/h4>\n<h4>Ein zweites Element kommt dazu: &#8222;Seit ann\u00e4hernd zwei Jahrzehnten kann sich der Staat Israel schon nicht mehr auf eine \u00fcberwiegende j\u00fcdische Mehrheit berufen&#8220;. Und dass es s\u00e4kularen Juden immer schwerer fallen soll, zu definieren, was denn ihr Judentum im &#8218;j\u00fcdischen Staat&#8216; ausmacht. (S.329). Pappe verweist dazu zum Beispiel auf die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.<\/h4>\n<h4>&#8222;Im Wahlkampf f\u00fcr die Knesset 2006 diskutierten Experten die Frage der &#8218;demografischen Balance&#8216; ganz \u00e4hnlich, wie Mehrheitsbev\u00f6lkerungen in Europa und den Vereinigten Staaten \u00fcber Zuwanderung und die Aufnahme oder Abschreckung von Einwanderern debattieren. In Pal\u00e4stina entscheidet jedoch die Einwanderergemeinde \u00fcber die Zukunft der einheimischen Bev\u00f6lkerung, nicht umgekehrt.&#8220; (S.325)<\/h4>\n<h4>Die starke Emotionalisierung des Themas in Israel (S.327) ist eine Realit\u00e4t. Fraglich ist nur, ob wir bereits &#8218;als Deutsche&#8216;\u00a0 uns der Emotionalisierung andernorts unterwerfen m\u00fcssen. D\u00fcrfen doch auch &#8218;deutsche&#8216; Kritiker israelischer Staatlichkeit emotional aufgeladene &#8218;Werte&#8216; haben. Nein? Das w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner! Menschenrechte sind nunmal &#8211; wenn man sie \u00fcberhaupt in ihrer Abstraktion anerkennen will\u00a0 &#8211; unteilbar.<\/h4>\n<h4>Oder sollen wir lieber erst an der VR China oder an Trumps Amerika ein modernes deutsches &#8218;R\u00fcckgrat&#8216; &#8211; laut Kieser mental und physisch &#8211; trainieren? Ich sp\u00fcre schon: Sie lachen mich aus.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Man kann etwas tun, in der Berichterstattung<\/strong><\/h4>\n<h4>Bereits seit 1969 \u00e4rgert mich die immer wieder gedruckte Behauptung, der Staat Israel &#8211; oder auch &#8222;die einzige Demokratie im Nahen Osten&#8220; &#8211; drohe seine politische Unschuld zu verlieren oder habe sie jetzt aber doch verloren, oder wahlweise seine &#8222;Liberalit\u00e4t&#8220;. Kein anderes Regime durchleuchtet seine &#8218;B\u00fcrger&#8216; wohl so effektiv wie dieser hochger\u00fcstete moderne Kleinstaat im permanenten Ausnahmezustand.<\/h4>\n<h4>Es scheint so etwas wie ein bew\u00e4hrtes Konzept bei Redaktionen zu geben: Man schicke in kurzen Abst\u00e4nden unerfahrene oder oberfl\u00e4chlich urteilende Journalisten ins Land und lasse berichten. Kritische Literatur bearbeite man mit geh\u00f6riger Versp\u00e4tung.<\/h4>\n<h4><strong>Eine Ausnahme von der Regel lag als angegilbter Zeitungsausschnitt im gl\u00fccklich gefundenen Buch: &#8222;<em>So werden Staaten gemacht &#8211; Tom Segevs Klassiker &#8222;Die ersten Israelis&#8220; liegt endlich auf Deutsch vor&#8220;, <\/em>von meinem Altersgenossen\u00a0 Arno Widmann in der Frankfurter R<\/strong><strong>undschau<\/strong><strong> 8. Juli 2008. &#8211; Der Titel relativiert das Thema, aber der Text tut das nicht. (Zur Vergr\u00f6\u00dferung bitte anklicken)<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<h4><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-11091\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-638x900.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"882\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-638x900.jpg 638w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-255x360.jpg 255w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-1089x1536.jpg 1089w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-1452x2048.jpg 1452w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-624x880.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20200416_0001-scaled.jpg 1815w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/h4>\n<h4>Manches wird verst\u00e4ndlicher: So die Verachtung der im Land geborenen Siedler, &#8218;Sabras&#8216;, f\u00fcr die &#8218;Seiflinge&#8216;, die eingewanderten \u00dcberlebenden des Holocaust.\u00a0 Mit dem Eichmann-Prozess\u00a0 1961 lancierte die politische Elite Israels extra ein Umerziehungsprogramm f\u00fcr grob gestrickte Neusiedler und Profiteure der pal\u00e4stinensischen Vertreibung. Die Verrohung durch Krieg und Kriegsbeute galt auch f\u00fcr die Juden, die sich am pal\u00e4stinensischen Beutegut bereichert hatten.<\/h4>\n<h4>Die israelische Suche nach &#8218;aktiven&#8216; j\u00fcdischen Widerst\u00e4ndlern im europ\u00e4ischen Holocaust verdienen nicht den bei uns offiziell bekundeten Respekt. Der P\u00e4dagoge Janusz Korcak hat meine gr\u00f6\u00dfte Hochachtung.<\/h4>\n<h4><strong>Als Deutscher, der mit Reemtsma&#8217;s\u00a0 &#8218;Hamburger Edition&#8216; und dem Fernsehen sich \u00fcber nationalsozialistische Profiteure von &#8218;j\u00fcdischem&#8216; b\u00fcrgerlichem Verm\u00f6gen aufgeregt hat, etwa im Fall von Josef Neckermann &#8211; und bis heute aufregen soll &#8211; erwarte ich:\u00a0 <\/strong><\/h4>\n<h4><strong>&#8218;Juden&#8216; sollten nun wirklich in der &#8218;menschlichen Gesellschaft&#8216; angekommen sein.\u00a0\u00a0 &#8218;Ihr&#8216; Staat im Nahen Osten &#8211; wenn es denn &#8218;ihrer&#8216; ist &#8211; soll jeden Anspruch auf &#8218;positive Diskriminierung&#8216; aberkannt bekommen. <\/strong><strong>Durch staatliche und parastaatliche Verbrechen <\/strong><strong>traumatisierte und neurotisierte Individuen\u00a0 gibt es \u00fcberall in der Welt. Nationale Gedenkst\u00e4tten hat schlie\u00dflich fast jeder moderne Staat, auch Diktaturen. Man muss sie wohl in gutem diplomatischem Stil tolerieren, aber man sollte ihnen nicht unbesehen besondere Ehre angedeihen lassen.<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>Die Opfer des Holocaust waren Europ\u00e4er, keine Israeli. Unser Gedenken geh\u00f6rt nach Deutschland und an die Tatorte in Europa.<\/strong><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2020, am 15. April :\u00a0\u00a0 W\u00e4hlerschaft und politische Klasse in diesem skandal\u00f6sen Kleinstaat scheinen unf\u00e4hig zur Regierungsbildung. Ihrem unverw\u00fcstichen Repr\u00e4sentanten droht wieder einmal eine Anklage wegen Korruption. Aber ist das \u00fcberhaupt politisch von Bedeutung? Nein, sagte vor \u00fcber zehn Jahren bereits Ilan Pappe in &#8222;Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas&#8220; (2006 London, dt. bei Zweitausendeins 2007)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42],"tags":[],"class_list":["post-12011","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-palaestina-israel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12011","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12011"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12011\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12024,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12011\/revisions\/12024"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12011"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12011"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12011"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}