{"id":1201,"date":"2013-06-23T17:07:29","date_gmt":"2013-06-23T16:07:29","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1201"},"modified":"2020-10-20T23:55:20","modified_gmt":"2020-10-20T21:55:20","slug":"ueber-erziehung-1-kritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1201","title":{"rendered":"\u00dcber Erziehung 1. Kritik"},"content":{"rendered":"<p><strong>zu <em>Parerga und Paralipomena<\/em>, Kap. XXVIII \u00dcber Erziehung : <i>Begriffe sollen aus Anschauungen entstehen. (<\/i>\u00a7 372)<\/strong> \u00a0 \u00a0\u00a0<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-admin\/post.php?post=1201&amp;action=edit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a> zu vorigem Bericht \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kontext in &#8222;Love Affair&#8220; <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><i>&#8222;Begriffe sollen aus Anschauungen entstehen&#8220;<\/i><\/strong><\/p>\n<p>Das ist so plausibel etwa wie:\u00a0 \u201awissen wovon man redet\u2019 oder dass es etwas wie\u00a0 einen <i>gesunden Menschenverstand <\/i>\u00a0gibt. Man solle den Kindern nicht\u00a0 <i>den Kopf voller Begriffe stopfen, <\/i>so <i>dass die Erziehung schiefe K\u00f6pfe macht.<\/i> <i>Schiefe K\u00f6pfe <\/i>sind voller \u201aVorurteile\u2019. \u2013 Das war es eigentlich schon. Der Text ist sehr unterkomplex, ein polemischer Essay eben.<\/p>\n<p>Dass <i>Begriffe<\/i> bei h\u00f6heren Lebewesen spontan entstehen bei der <i>Bekanntschaft mit der Welt <\/i>(\u00a7373) &#8211; und zwar elementare und selbstverst\u00e4ndlich unscharfe Begriffe, etwa \u201aBeute\u2019, \u201aJ\u00e4ger\u2019 oder \u201aFrucht\u2019 &#8211;<i> <\/i>\u00a0ist hier nicht gemeint. Es geht Schopenhauer um <span style=\"text-decoration: underline;\">komplexe<\/span> Begriffe und abstrakte theoretische Konstrukte.<i> <\/i>Konstrukte sind auch<i> der nat\u00fcrliche Entwicklungsgang unseres Geistes <\/i>und der entsprechend<i> \u201agerade\u2019 Kopf<\/i>. Es gibt keine <i>nat\u00fcrliche Reihenfolge der Erkenntnisse<\/i> in einer komplexen und sich nach Zeit und Ort st\u00e4ndig wandelnden Welt, schon gar nicht in der Zivilisation des 19.Jahrhunderts.<\/p>\n<p><i>Die nat\u00fcrliche Reihenfolge der Erkenntnisse zu erforschen suchen, um dann die Kinder methodisch <\/i>damit <i>vertraut zu machen<\/i> &#8211; ein kluger, f\u00fcr P\u00e4dagogen seit Jahrtausenden selbstverst\u00e4ndlicher Ratschlag &#8211; wird zu einem System geistiger Bevormundung ausgebaut, das ebenso viel Angst vor den Kindern beweist wie vor den zu vermeidenden Vorurteilen und anderen <i>Chim\u00e4ren<\/i>. Will der alte Oberp\u00e4dagoge tats\u00e4chlich zwingend f\u00fcr eine willk\u00fcrlich festgelegte Zeitspanne vorschreiben, wohin die <i>Kinder<\/i> \u2013 etwa noch mit <i>sechzehn<\/i> \u2013 ihren Kopf drehen und welche <i>Worte<\/i> sie <i>gebrauchen<\/i> d\u00fcrften, damit sie\u00a0 nicht <i>Flausen in den Kopf bek\u00e4men, als welche h\u00e4ufig nicht mehr auszutreiben sind<\/i> (537)? Ich erinnere mich, wie skeptisch der Sechzehnj\u00e4hrige von seinem Besuch in Pestalozzis Schule in Burgdorf\u00a0 berichtete.<\/p>\n<p>Der Kopf des jungen Menschen ist also ein N\u00fcrnberger Trichter? Auch Schopenhauer will die vermutete <i>Leichtgl\u00e4ubigkeit <\/i>nutzen, blo\u00df eine Bevormundung durch eine bessere ersetzen. Die Ged\u00e4chtnisleistung behandelt er dabei als Ablagerung des Eingetrichterten, eine weder wissenschaftlich, noch in der Selbsterfahrung haltbare Vorstellung. Er traut Menschen, insbesondere jungen Menschen nicht zu, auf die Dauer auch etwas Vern\u00fcnftiges mit dem eigenen Kopf anzustellen. Gelangt man so zu m\u00fcndigen Menschen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das Dilemma der individuellen Emanzipation nach Manfred Sommer<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Manfred Sommer hat im Anschluss an Kant das Dilemma der individuellen Emanzipation formuliert und damit auch Schopenhauers Dilemma: \u201e<em>Solange Erziehung andauert, (gibt es) keine Spontaneit\u00e4t ohne Au\u00dfenhalt, keine Intentionalit\u00e4t ohne Steuerung, keine &lt;Freiheit&gt; ohne &gt;Zwang&lt;. Der Zwang erm\u00f6glicht den \u00dcbergang, indem er Wege bahnt <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> abschneidet, indem er zu gehen hilft <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> n\u00f6tigt; kurzum, er f\u00f6rdert Freiheit, indem er sie, Grund zur Emp\u00f6rung, behindert. Immer freilich bleibt alle Hilfe und aller Halt, alle St\u00fctzung und alle Steuerung, aller Zug und aller Zwang auf eines angewiesen: auf die spontane Intentionalit\u00e4t des Kindes. An sie muss alle Erziehung ankn\u00fcpfen<\/em>.\u201c <strong>(\u201eIdentit\u00e4t im \u00dcbergang: Kant\u201c<\/strong>, stw 751,1988, S.33)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Geistesaristokratie<\/strong><\/p>\n<p>Der alte Schopenhauer baut Pestalozzis Grundgedanken zur Elementarbildung aus \u2013 warum erw\u00e4hnt er Pestalozzi eigentlich nicht namentlich? &#8211; und phantasiert eine segensreich wirkenden Geistesaristokratie (\u00a7 374) mit der Befugnis, die ideale intellektuelle Entwicklung der kommenden Generationen verbindlich durchzusetzen \u2013 doch wo soll das stattfinden? &#8211; Platos Idealstaat winkt her\u00fcber, nicht erst, wenn am Ende im \u00a7 376 \u201e<i>der ROMAN<\/i>\u201c als Jugendverderber am Pranger steht. Im \u00a7 375 sehe ich den Kern des angeblichen Erziehungsprogramms. \u201e<i>Der Einzelne<\/i>\u201c soll dem Anspruch gen\u00fcgen, \u201e<i>jede ihm vorkommende Anschauung dem richtigen, ihr angemessenen Begriff zu subsumieren<\/i>\u201c (541). Das ist doch die philosophierende Monade oder vielleicht das auf zwei Beinen wandelnde schopenhauersche Gesamtwerk!<\/p>\n<p>Mit dem Segen <strong>Immanuel Kant<\/strong>s durfte man wenigstens in Gruppen in Richtung Selbstaufkl\u00e4rung \u201astolpern\u2019, und das noch im Erwachsenenalter (\u201e<strong>Was ist Aufkl\u00e4rung<\/strong>\u201c). Die auf den ersten Blick zutreffende Beobachtung \u00c4lterer an Jugendlichen: <i>\u201eso ist in der Jugend meistens wenig \u00dcbereinstimmung und Verbindung zwischen unsern, durch blo\u00dfe Worte fixierten Begriffen und unserer, durch die Anschauung erlangten realen Erkenntnis\u201c <\/i>beschreibt vor allem die T\u00fccken des Philosophie-Studiums. Dass einem ein Verst\u00e4ndnis \u201e<i>erst in sehr reifem Alter und bisweilen pl\u00f6tzlich aufgegangen ist<\/i>\u201c (537), ist normale Hirnt\u00e4tigkeit und keine Sp\u00e4tfolge fehlerhafter <i>Erziehung<\/i>.<\/p>\n<p>von detlev()graeve.org\u00a0 25.6.13 an Mitglieder des Jour Fix verschickt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu Parerga und Paralipomena, Kap. XXVIII \u00dcber Erziehung : Begriffe sollen aus Anschauungen entstehen. (\u00a7 372) \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,5],"tags":[],"class_list":["post-1201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair","category-lehrer_altkoenig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1201"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12219,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1201\/revisions\/12219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}