{"id":1192,"date":"2013-06-25T12:12:30","date_gmt":"2013-06-25T11:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1192"},"modified":"2020-10-20T23:48:15","modified_gmt":"2020-10-20T21:48:15","slug":"kultusminister-schopenhauer-kritischer-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1192","title":{"rendered":"Kultusminister Schopenhauer \u2013 2.kritischer Kommentar"},"content":{"rendered":"<p>zu <span style=\"text-decoration: underline;\">Schopenhauer: \u00dcber Erziehung\u00a0 in Parerga et Paralipomena \u00a7\u00a7 372-76<\/span><\/p>\n<p>Seitenangaben nach Haffmanns (L\u00fctkehaus) Ausgabe der Werke in 5 B\u00e4nden \u00a0 \u00a0 \u00a0<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1201\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">LINK<\/a> zum 1. Kommentar\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kontext in &#8222;Love Affair&#8220; <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a><\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Allgemein lautet seine Hauptthese:<\/p>\n<p><i>Der Natur unseres Intellekts zufolge sollen Begriffe durch Abstraktion aus den Anschauungen entstehn<\/i>\u201c.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft nun aber: <i>entstehen<\/i> und <i>sollen<\/i>?<\/p>\n<p>Moderne Psychologen und Biologen sagen: Begriffe, aber solche mit unscharfen R\u00e4ndern, entstehen <span style=\"text-decoration: underline;\">spontan<\/span> bereits in einem fr\u00fchen Stadium. Sie werden auch evolutionsbiologisch erkl\u00e4rt, aus \u201ekognitiver Sparsamkeit\u201c (\u201eWann ist etwas ein Vogel?\u201c. McNeill\/Freiberger: Fuzzy Logic, dt. M\u00fcnchen 1994,S. 121-128)<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfere Problem macht mir die \u201e<i>Anschauung<\/i>\u201c. Wie wir wissen, machte schon Schopenhauer zeitlebens die Mehrheit seiner Erfahrungen \u00fcber Medien im weitesten Sinne. Er war \u2013 beginnend mit den Bildungsreisen in der Jugend \u2013 ein <span style=\"text-decoration: underline;\">Beobachter<\/span> der Welt.<\/p>\n<p>Seine finanziellen Entscheidungen waren nicht weniger abstrakt als die von modernen Depotverwaltungen.<\/p>\n<p>Er hat sich von seiner Lekt\u00fcre, auch der beginnender Massenmedien, informieren lassen. Wo er die unmittelbare Erfahrung einbrachte, war sie zutiefst gepr\u00e4gt von eigenen Misserfolgen, \u00c4ngsten und Ressentiments \u2013 etwa was die Universit\u00e4tslehre, das Verlagswesen angeht oder eben 1848.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Mir fallen die durchwegs groben Entgegensetzungen im Text auf auf. \u201e<i>Falsch<\/i>\u201c scheint Schopenhauers Lieblingswort. Aus der \u201e<i>falschen Erziehung<\/i>\u201c sollen sollen \u201e<i>schiefe K\u00f6pfe<\/i>\u201c\u201e<i>auf immer<\/i>\u201c hervorgehen.<\/p>\n<p>Bei seiner Entgegensetzung von \u201e<i>nat\u00fcrlicher Erziehung<\/i>\u201c und \u201e<i>k\u00fcnstlicher Erziehung<\/i>\u201c macht er konzeptionelle Anleihen bei Pestalozzi &#8211; \u00fcber ein halbes Jahrhundert hinweg &#8211; und zwar bis in seine schulm\u00e4\u00dfige Ausf\u00fchrung hinein. Als jugendlicher Besucher in Burgdorf war er noch skeptisch, was die m\u00f6gliche Wirkung betraf.<\/p>\n<p>Der alte Oberp\u00e4dagoge will tats\u00e4chlich zwingend f\u00fcr eine willk\u00fcrlich festgelegte Zeitspanne vorschreiben, wohin die \u201e<i>Kinder<\/i>\u201c \u2013 wohl auch noch mit sechzehn \u2013 ihren Kopf drehen und welche \u201e<i>Worte<\/i>\u201c sie \u201e<i>gebrauchen<\/i>\u201c d\u00fcrften, damit sie\u00a0 nicht \u201e<i>Flausen in den Kopf bek\u00e4men, als welche h\u00e4ufig nicht mehr auszutreiben sind<\/i>\u201c (537).<\/p>\n<p>\u201eAuszutreiben\u201c! Platos Idealstaat winkt her\u00fcber, erst recht, wenn im \u00a7 376 \u201eder ROMAN\u201c als Jugendverderber am Pranger steht.<\/p>\n<p>Pestalozzis Grundidee ist einleuchtend, Schopenhauers sp\u00e4tere Zutaten sind aber allesamt von \u00dcbel. Vom Ergebnis der <i>falschen<\/i> Erziehung und Lehre zeichnet er eine Karikatur, die der nat\u00fcrlichen Intelligenz der Menschen Hohn spricht. Denn wo uns im Leben \u201e<i>schiefe K\u00f6pfe<\/i>\u201c begegnen, haben immer weit st\u00e4rkere Faktoren als die genannte Methode mitgewirkt: Einsch\u00fcchterung, Depravationen, unmittelbare Vorteile, Bequemlichkeit und genuine Dummheit. Ansonsten gilt, was die Stichworte \u201eLippenbekenntnisse\u201c oder Wahrung des Gesichts\u201c (in China) andeuten.<\/p>\n<p>Als Herstellungsprozess behandelt er nicht nur &#8211; im Hintergrund sehe ich st\u00e4ndig das Bild vom Eintrichtern \u2013 die\u00a0 <i>falsche <\/i>Lehrmethode, auch sein Vorschlag betrifft nur die Methode, das<\/p>\n<p>\u201e<i>Vorsagen, Lehren und Lesen<\/i>\u201c (536). Ged\u00e4chtnisleistungen werden von ihm als Ablagerung des Eingetrichterten behandelt. V\u00f6llig undiskutabel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Kulturstaatsminister honoris causa ? (Hier spricht offensichtlich der Lehrer!)<\/p>\n<p>Schopenhauer formuliert mit seinem Programm bereits die perfektionistischen Tr\u00e4ume ministeriell beauftragter Lehrplan-Designer, wie sie in Deutschlands Bundesl\u00e4ndern ihr Unwesen treiben. Auch ihren Texten entsteigt millionenfach die Schim\u00e4re eines Lehrplans auf zwei Beinen.<\/p>\n<p>Ein blinder Fleck im Gesichtsfeld des sechzigj\u00e4hrigen Schopenhauer wundert mich schon: \u201e<i>Diese Auswahl sollte (&#8230;) von den t\u00fcchtigsten K\u00f6pfen und den Meistern in jedem Fache mit der reiflichsten \u00dcberlegung gemacht<\/i>\u201c werden (541). Hat er vergessen, in wessen H\u00e4nden das Bildungssystem liegt und was er in \u201e<i>Das Elend der Universit\u00e4tsphilosophie<\/i>\u201c \u00fcber das Interesse des Staats dabei geschrieben hat?<\/p>\n<p>\u00dcbrigens w\u00e4re der vorgeschlagene Abstand von <span style=\"text-decoration: underline;\">zehn<\/span> Jahren f\u00fcr den Modellwechsel, f\u00fcr eine \u201eRevision\u201c des Curriculums (541) beim momentanen Entwicklungstempo f\u00fcr einen KuMi sicher zu lang. Was nicht schlecht sein muss.<\/p>\n<p>Der \u00a7 375 zeigt aber, wohin sein angebliches Erziehungsprogramm in Wirklichkeit zielt:\u00a0auf die philosophierende Monade, das wandelnde schopenhauersche Gesamtwerk. \u201e<i>Der Einzelne<\/i>\u201c soll dem Anspruch gen\u00fcgen, \u201e<i>jede ihm vorkommende Anschauung dem richtigen, ihr angemessenen Begriff zu subsummieren<\/i>\u201c (541).<\/p>\n<p>Die auf den ersten Blick zutreffende Beobachtung \u00c4lterer an Jugendlichen: <i>\u201eso ist in der Jugend meistens wenig \u00dcbereinstimmung und Verbindung zwischen unsern, durch blo\u00dfe Worte fixierten Begriffen und unserer, durch die Anschauung erlangten realen Erkenntnis\u201c <\/i>spricht kaum mehr als die eigene Erfahrung des Philosophen an.<\/p>\n<p>Dass einem ein Verst\u00e4ndnis \u201e<i>erst in sehr reifem Alter und bisweilen pl\u00f6tzlich aufgegangen ist<\/i>\u201c (537), ist normal und bei keiner p\u00e4dagogischen Methode vermeidbar.<\/p>\n<p>Nicht vergessen werden soll hier der angebliche \u201e<i>gesunde Menschenverstand, wie er bei ganz Ungelehrten h\u00e4ufig ist<\/i>\u201c (536), ein bekanntes Vorurteil aus bildungsb\u00fcrgerlichen Zeiten <span style=\"text-decoration: underline;\">vor<\/span> den modernen Sozialwissenschaften. Der Selbsthass der Intellektuellen schleppt es bis heute mit. Traditionen spielen bei dessen <i>Gesundheit <\/i>eine Rolle, eine Lebenssituation, die den Einzelnen auf sich (und seine Familie) stellte, und sicher die vielen unerkannten Begabungen, die nicht bereits durch ein fl\u00e4chendeckendes Bildungssystem abgesch\u00f6pft worden sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schopenhauers autorit\u00e4re Tr\u00e4umerei ist weltfremd und p\u00e4dagogisch ignorant, k\u00f6nnte aber gerade deswegen Friedrich Nietzsche zum Vorbild seines Erziehungsprogramms f\u00fcr den Neuen Menschen gedient haben.<\/p>\n<p>Man kann den Text Schopenhauers zweifellos auch freundlicher lesen, bei jedem Aspekt nach dem K\u00f6rnchen Wahrheit suchen. Doch das \u201e28.Kapitel\u201c\u00a0 tritt selbstgewiss auf unter dem Anspruch dieses \u201e<i>philosophischen\u201c <\/i>Buches, \u201e<i>vereinzelte, doch systematische Gedanken\u201c<\/i> \u00fcber seinen Gegenstand zu bieten. <strong>*<\/strong><\/p>\n<p>Rudolf Walter Leonhardt\u00a0 sprach 1979 in der ZEIT von einem <i>disparaten Frankfurter Allerlei von 38 Essays sehr unterschiedlicher Qualit\u00e4t<\/i> des Philosophen, der <i>der Literatur so nahe ist wie kaum ein anderer Philosoph<\/i>. Was er wohl von diesem Essay gedacht hat?<i> <\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i>Frankfurt, den 25.6.2013 detlev()graeve.org<\/p>\n<ul>\n<li>ich habe bereits\u00a0 zwei Tage vorher \u00fcber das Kapitel geschrieben: &#8222;<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1201\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00dcber Erziehung 1. Kritik<\/a>&#8222;<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu Schopenhauer: \u00dcber Erziehung\u00a0 in Parerga et Paralipomena \u00a7\u00a7 372-76 Seitenangaben nach Haffmanns (L\u00fctkehaus) Ausgabe der Werke in 5 B\u00e4nden \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,5],"tags":[],"class_list":["post-1192","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair","category-lehrer_altkoenig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1192"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1192\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12218,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1192\/revisions\/12218"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}