{"id":1153,"date":"2013-02-06T23:23:16","date_gmt":"2013-02-06T22:23:16","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1153"},"modified":"2013-11-27T11:58:20","modified_gmt":"2013-11-27T10:58:20","slug":"ein-ganz-besonderer-abend-und-ein-ganz-persoenliches-protokoll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1153","title":{"rendered":"Ein ganz besonderer Abend und ein ganz pers\u00f6nliches Protokoll"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte Nietzsches Aufsatz gelesen und dabei gemarkert:\u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Nietzsche-Schopenhauer-als-Erzieher-markiert.pdf\">Nietzsche-Schopenhauer als Erzieher-markiert<\/a><\/p>\n<p><b>Schopenhauer der Erzieher &#8211;\u00a0<\/b><b>Jour Fixe am 31.Jan.2013\u00a0<\/b><\/p>\n<p>\u201eSchopenhauer <span style=\"text-decoration: underline;\">als<\/span> Erzieher\u201c (Nietzsche) &#8211; Ich platze eigentlich ungewollt mit meiner Entt\u00e4uschung heraus, dass er sich blo\u00df auf die Vita beziehe, so als h\u00e4tte er das Werk Schopenhauers gar nicht gelesen. <!--more-->Thomas widerspricht, verweist auf sp\u00e4ter. Der neben mir sitzende Lehrerkollege Schubert bietet eine L\u00f6sung an: Schopenhauer werde blo\u00df <span style=\"text-decoration: underline;\">als<\/span> Erzieher vorgestellt, wie er auf N. wirke. Thomas: als \u201eLebenslehrer, nicht als Leselehrer\u201c.<\/p>\n<p>Thomas bewertet \u201eSchopenhauer, der Erzieher\u201c als anspruchsvolleren Titel. Ich reagiere impulsiv auf das Wort \u201eErzieher\u201c und nehme \u201eErzieher, erziehen\u201c auseinander. Bereits das Wort zeige den Gehalt: \u201eziehen und Gezogene\u201c, \u201eer-\u201e zu etwas hin, erst recht \u201eumerziehen\u201c. Ich mobilisiere die Totalitarismen des 20.Jahrhunderts. Heute werde \u201eErzieher\u201c f\u00fcr die unterste Kategorie von P\u00e4dagogen verwendet. Lasse nicht locker.<\/p>\n<p>Die wunderbare lebendige alte Dame, die sich als Nietzsche-Fan gibt, kontert: \u201eF\u00fcr mich ist im Gegenteil <span style=\"text-decoration: underline;\">Lehrer<\/span> ein belastetes Wort.\u201c Das sitzt. Sie wird am Ende von der Lebhaftigkeit der Sitzung begeistert sein.<\/p>\n<p>Ob Nietzsche (politisch) \u201emissbraucht\u201c worden sei? &#8211; Habe er nicht entsprechende Vorgaben geliefert? Schon als Gymnasiast habe er \u201eSparta\u201c verherrlicht. Dazu wird die Meinung ge\u00e4u\u00dfert, er habe sich erst sp\u00e4ter gegen seinen <i>Erzieher<\/i> gewandt. Ich habe aber von seinen ganz eigenen Koordinaten erfahren, die er bereits als Gymnasiast zeigte.<\/p>\n<p>Wenn aber Kants \u201eSelber denken\u201c, wenn Schopenhauers \u201eSelbstbildung\u201c das Ziel der \u201eErziehung\u201c seien, dann m\u00fcsse auch die Haltung der Erzieher dem entsprechen. Selbst die Rechtsordnung trage dem heute Rechnung durch \u00dcberg\u00e4nge auf dem Weg zur M\u00fcndigkeit des jungen Menschen. Ich erw\u00e4hne Kant und zitiere aus Sommers Studie \u201eIdentit\u00e4t im \u00dcbergang. Kant\u201c. Thomas ist erstaunt, dass ich den Ausdruck \u201eSelbstbildung\u201c als heutigen akzeptiere. Doch wie ist es heute? Daran bricht eine heftige Generaldebatte \u00fcber unsere Zeit aus. Die Dame protestiert vergeblich: \u201eNietzsche, wir wollten doch &#8230;\u201c. Der Sturm legt sich erst nach geraumer Zeit. Im Urteil \u00fcber unsere Zeit herrscht jedoch weitgehende \u00dcbereinstimmung. Es sind einzelne Feststellungen, die zu Eklats f\u00fchren.<\/p>\n<p>Meine Absicht w\u00fcrde ich heute der Gruppe gegen\u00fcber so erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p><i>Nietzsche ist anders gepolt als Schopenhauer. Wir sollten <span style=\"text-decoration: underline;\">seinen Kompass<\/span> zu erkennen versuchen, die zeitliche Entwicklung des \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisses nicht \u00fcberbetonen. Sie erkl\u00e4rt f\u00fcr sich genommen noch nichts. Je fr\u00fcher wir die Abweichung ihrer Polung wahrnehmen, desto besser.<\/i><\/p>\n<p>Zum Beispiel \u201eDie Einsamkeit des Genies\u201c &#8211; ein ganz schl\u00fcpfriges Gel\u00e4nde. Die \u201ageradezu emp\u00f6rende\u2019 Einsamkeit Schopenhauers ist nicht dasselbe wie die programmatische Einsamkeit bei Nietzsche. Die von Thomas angesprochenen Polemiken gegen \u201edie Universit\u00e4tsphilosophie\u201c und Lehre\u00a0 allgemein\u00a0 werden sofort von einigen als \u00fcberzeugend akzeptiert. Ich sage, er sei in Basel selber die Karikatur eines Universit\u00e4tslehrers gewesen, ein Sonderling, fachlich vielleicht sogar faul. Nat\u00fcrlich lebte er auch <span style=\"text-decoration: underline;\">von<\/span> der Lehre.\u00a0 Die von ihm angeprangerten Interessen und Handlungsmaximen staatlicher Bildungspolitik seien auch nichts Neues in der Geschichte. Vor allem h\u00e4tte seine Forderung planm\u00e4\u00dfiger Aufzucht von \u201eGenies\u201c mit Schopenhauers Philosophie nichts zu tun.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich flicke ich Nietzsche bei jedem sich ergebenden Anlass am Zeug, so als m\u00fcsste ich die ungreifbare Faszination, die von ihm ausgeht, in Schach halten. Er soll ja in den weiteren Sitzungen immer wieder als unverhoffter Gast auftreten. Unangenehmer Gedanke. Zeitweise sehe ich schwarz f\u00fcr mein Verbleiben in der Gruppe. Dann erscheint es mir sinnlos. Obwohl ich im Kreis wieder eine p\u00e4dagogische Aufgabe sehe, so wie ich das 2010 und 2011 empfunden habe, als es um Gl\u00fcck, Kommunisten u.\u00e4. ging. &#8211; \u201eBei wem habt Ihr denn Geschichte gehabt?!\u201c (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p>Ich operiere auch mit Schlaffers Studie: \u201eDas entfesselte Denken\u201c, ich habe eben keine umfassende Kenntnis von N. im R\u00fccken, gebe nicht einmal vor, sie zu haben. Mein Nachbar auf der linken Seite empfiehlt mir statt der Internet-Ausdrucke \u201eeine richtige Ausgabe\u201c, ich erkl\u00e4re, die Werkausgabe irgendwann verkauft zu haben. Samstag werde ich im Antiquariat einer zehnb\u00e4ndigen Taschenbuchausgabe begegnen, bl\u00e4ttere und lege sie weg. Ich will gar nicht wissen, was er alles <i>aber auch<\/i> geschrieben hat. Daf\u00fcr ist er ja bekannt. Thomas nennt ihn in diesem Kontext <i>Literat<\/i>. Ihm <i>Gerechtigkeit widerfahren <\/i>zu lassen, ist das etwa ein Problem des Jour Fixe? Wir haben bereits ein Thema zur Untersuchung: \u201eSchopenhauer der Erzieher\u201c. Das Ergebnis wird f\u00fcr mich nicht von Nietzsches Urteil abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Thomas will den <i>Erzieher <\/i>Schopenhauer<i> <\/i>an Nietzsche reflektieren. Das k\u00f6nnte ein regelrechter Zerrspiegel sein. Wenn wir pr\u00fcfen, dann aber zweckgerichtet und zeit\u00f6konomisch. Ich habe mich pers\u00f6nlich f\u00fcr die uns genannte Originalschrift und Schlaffers stilkritische Studie entschieden.<\/p>\n<p>Es ist schon beeindruckend, aber durchaus nachvollziehbar, wer alles zu seiner Zeit von Nietzsche etwas gelernt hat, aber m\u00fcssen wir nach alledem auch von ihm lernen? Wozu den beschwerlichen Landweg \u00fcber die unmittelbare Nachwelt nehmen? Meiner <i>Generation (68er)<\/i> verbaut deren Rezeption Nietzsches eher den Zugang zu Schopenhauer. Von seinem Werk will ich zur\u00fcck treten auf den mir entsprechenden Abstand, das hei\u00dft, es in heutigem Licht und aus heutiger Perspektive sehen. Urs Apps Studien geh\u00f6ren dazu, auch Jean-Claude Wolf (z.B. \u201ePantheismus nach der Aufkl\u00e4rung\u201c, 2013).<\/p>\n<p>Ich praktiziere inzwischen ein Modell des Studiums, das sich an Expeditionen, Notgrabungen und Pilotstudien orientiert. So versuche ich immer noch, mit der \u201eSelbstbildung\u201c voranzukommen.<\/p>\n<p>Schlaffer kommt mir darin besonders entgegen, indem er analytische Instrumente an die Hand gibt. \u00dcberhaupt empfehlen sich erfahrene <i>Gelehrte <\/i>wie Sommer, App oder Schlaffer \u2013 sie lassen die Eigenheiten ihres Zugangs zum Original transparent werden. Polemiker scheiden aus. Das kann ich selber.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Jour Fixe: Thomas schl\u00e4gt vor, auch den historischen Zeitpunkt der Schrift Nietzsches zu beachten: das Deutsche Reich nach 1871. Bismarck-Deutschland wird unter lauten Rufen zum Buhmann. Growe schleudert stellvertretend das Wort \u201eautorit\u00e4r\u201c in den Raum. Bob steht mir beim Thema der Brutalit\u00e4t Amerikas zur Seite. Schopenhauer wertete den wie auch immer gearteten Rechtsstaat sehr hoch. 1848 erw\u00e4hnte ich.<\/p>\n<p>Ich werde in der Diskussion regelrecht zum Apologeten Schopenhauers, als w\u00fcrden wir bereits zu einer Nietzsche-Gesellschaft mutieren. Ich rufe die <i>Errungenschaften<\/i> des vergangenen Jahres in Erinnerung. Ich beschw\u00f6re den Buddhismus und dessen Haltung zu einer Aufgeregtheit wie der Nietzsches und seinen beleidigten Klagen \u00fcber fehlende \u00f6ffentliche Anerkennung und zu seinen kulturrevolution\u00e4ren Phantasien.<\/p>\n<p>Thomas h\u00e4lt sich in seiner Rolle als Leiter und Moderator zur\u00fcck, und es gelingt ihm, bis viertel vor acht den Programm\u00fcberblick\u00a0 zu Ende zu bringen.<\/p>\n<p>Ich registriere deutlich, wie er an einzelnen Punkten grunds\u00e4tzlich kritische Position bezieht:<\/p>\n<p>Nietzsche schreibe als Literat, nicht als Philosoph, und er schreibe<i> gut<\/i>.<\/p>\n<p>Er sei \u201eein \u00dcbertreibungsk\u00fcnstler\u201c. Er markiere im Text seine Positionen oft nur andeutungsweise.<\/p>\n<p>Und gegen Einspr\u00fcche aus dem Kreis bekr\u00e4ftigt Thomas: Ja, er habe sp\u00e4ter Schopenhauers Lehre als ganze als <i>abgetan,<\/i> abgefertigt, nicht etwa nur <i>unaktuelle<\/i> wissenschaftliche Bestandteile. \u201eWoher h\u00e4tte er dar\u00fcber auch etwas wissen sollen\u201c, sagt Thomas.<\/p>\n<p>Meine Stimmung ist am Ende ausgesprochen aufgekratzt, fast euphorisch, Gott wei\u00df warum.\u00a0Anschlie\u00dfend gehen wir hin\u00fcber zur Vernissage bei den Rothe\u2019s. Die Japanische K\u00fcnstlerin: buddhistische Geduld, weibliche Empfindsamkeit, Temperafarben auf Leinwand, recht kleinformatig \u00fcber Keilrahmen gespannt, das mag eine Zen-Performance ausmachen, aber das Ergebnis ist \u201eTapete\u201c.<\/p>\n<p>Fotos machen: Die markanten K\u00f6pfe der Gesellschaft kommen im ausgekl\u00fcgelten Licht davor sehr gut. Die Anarchisten im Kreis bilden ein wildes philosophisches Quartett. Wir posieren. Bob macht mir ein sehr willkommenes Kompliment: Ich k\u00f6nne ganz unten und fest in die Eier greifen. Der Anlass: ich habe vom Wein befl\u00fcgelt N. mit den Teilnehmern des Dschungelcamps verglichen: \u201eHolt mich hier raus. Ich bin ein Star.\u201c Thomas f\u00fchrt ernste Gespr\u00e4che, eins nach dem anderen.<\/p>\n<p>Geschrieben Freitag, redigiert am Mittwoch, den 6.2.2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte Nietzsches Aufsatz gelesen und dabei gemarkert:\u00a0Nietzsche-Schopenhauer als Erzieher-markiert Schopenhauer der Erzieher &#8211;\u00a0Jour Fixe am 31.Jan.2013\u00a0 \u201eSchopenhauer als Erzieher\u201c (Nietzsche) &#8211; Ich platze eigentlich ungewollt mit meiner Entt\u00e4uschung heraus, dass er sich blo\u00df auf die Vita beziehe, so als h\u00e4tte er das Werk Schopenhauers gar nicht gelesen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-1153","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1153","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1153"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1181,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1153\/revisions\/1181"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}