{"id":11505,"date":"2019-07-12T23:23:35","date_gmt":"2019-07-12T21:23:35","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11505"},"modified":"2020-05-20T23:49:51","modified_gmt":"2020-05-20T21:49:51","slug":"ethnographische-deponien-in-d","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11505","title":{"rendered":"Heimliche Deponien in Deutschen Museen"},"content":{"rendered":"<h4>Blick in renommierte Ethnologie-Museen in Deutschland, den ein investigativer Kulturredakteur der S\u00fcddeutschen Zeitung mit frechem Blick, <strong>J\u00f6rg H\u00e4ntzschel<\/strong>, interessierten Lesern gew\u00e4hrt: <strong>\u201e<em>Ethnologische Museen Deutschlands: Verseucht, zerfressen, \u00fcberflutet<\/em>\u201c<\/strong>, SZ vom 9. Juli 2019<\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Vorgeschichte<\/strong>. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert hatten m\u00e4\u00dfig interessierte Kulturbeh\u00f6rden im Deutschen Reich l\u00e4stigen Museumsdirektoren erlaubt, Beispiele der materiellen Kultur von Kolonialv\u00f6lkern zusammenzuraffen und in Depots aufzubewahren. Man k\u00f6nnte nun meinen, es w\u00e4re diesen Sammlungen mit der \u00dcberwindung der kolonialistischen Verachtung dieser V\u00f6lker in Deutschland und der Beseitigung der vor langer Zeit erlittenen Kriegssch\u00e4den nun besser gegangen.<\/p>\n<p>Diese Hoffnung muss man wohl begraben. Auch Museen wurden \u2013 abgesehen von \u201aLeuchtturmprojekten\u2019 zum integralen Bestandteil unserer totgesparten und verfallenden Infrastruktur. Dazu geh\u00f6rt auch der radikale Personalabbau. Bei gleichzeitiger Aufforderung der Politiker\u00a0 zu gesteigerter Au\u00dfenwirkung. Die Reportage deckt das konzertierte Schweigen von Akteuren auf, deren Interessen &#8211; wen wundert&#8217;s noch &#8211; sich erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Ich zitiere ein paar kurze Abs\u00e4tze, in denen die daf\u00fcr typischen Strukturen sichtbar werden.<\/p>\n<p>\u201e<em>Wenn Parzinger <\/em>(SPK)<em> auf die \u201einfrastrukturellen Probleme\u201c der afrikanischen Museen hinweist, dann scheint er damit auch zu sagen: Wir haben diese Probleme nicht. Es gibt denn auch kaum eine Diskussion zur Restitutionsfrage, bei der nicht behauptet wird, den Afrikanern sei doch am besten gedient, wenn man die Dinge vorerst hier behalte, in der sicheren Obhut deutscher Museen.<\/em> <em>Blickt man dort aber hinter die Kulissen <\/em>(&#8230;.)<em> dann zerbr\u00f6selt der Nimbus, den diese Institutionen ausstrahlen, wie eine vom Holzwurm zerfressene Maske: Seit Jahrzehnten ausgehungert durch die Politik, schlecht besucht und nach innen gewandt, haben sich in den Museen gewaltige Defizite angeh\u00e4uft. Diese sind nicht \u00fcberall gleich dramatisch, es gibt positive Ausnahmen wie das sehr moderne Stuttgarter Depot. Doch das \u00e4ndert nichts am generellen Eindruck: Die Museen verwalten den Notstand.<\/em><\/p>\n<p><em>In der von ihnen k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten &#8222;Heidelberger Stellungnahme&#8220;, eine gemeinsame Wortmeldung zur Kolonialismusfrage, versprechen die Direktoren der ethnologischen Museen &#8222;ein gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliches Ma\u00df an Transparenz&#8220;, ohne zuzugeben, dass sie oft selbst nicht wissen, was in ihren Depots liegt. Sie werben f\u00fcr &#8222;kooperative Provenienzforschung als allgemeinem Standard&#8220;, ohne einzugestehen, dass die daf\u00fcr n\u00f6tigen Vorarbeiten l\u00e4ngst nicht gemacht wurden.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Museumsforscher Dirk Heisig beklagt den (&#8230;) schleichenden Verfall der Objekte durch \u00fcberf\u00fcllte Lager und unzureichende Konservierung. Er spricht von einem &#8222;passiven Entsammeln&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Neben den baulichen M\u00e4ngeln der Depots oder konservatorischen &#8218;S\u00fcnden&#8216; (Vergiftung)\u00a0 schockiert mich die Schilderung mangelhafter Dokumentation:<\/p>\n<p><em>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie nichts daf\u00fcr, dass im Zweiten Weltkrieg gro\u00dfe Teile ihrer Sammlungen, Archive und Inventare in Flammen aufgingen. Doch der Krieg ist seit 75 Jahren vorbei. Seitdem haben viele Museen nicht die Zeit gefunden, die Verluste zu pr\u00fcfen und die Inventare zu aktualisieren.<\/em><\/p>\n<p><em>In Stuttgart etwa soll es laut Inventar 290 000 Objekte geben. In Wahrheit, so sch\u00e4tzt das Museum, seien es nur 160 000. Genau wei\u00df man es nicht, weil nur 140 000 inventarisiert sind, davon 110 000 auch digital. In Hamburg liegt der &#8222;Sollbestand&#8220; bei 265 000 Objekten, doch die Direktorin, Barbara Plankensteiner, vermutet, es seien nur noch 200 000. In M\u00fcnchen sch\u00e4tzt man den Bestand auf 160 000 Objekte. Eine Inventur wurde in den F\u00fcnfziger- und Sechzigerjahren durchgef\u00fchrt, aber &#8222;wohl nicht abgeschlossen&#8220;, sagt die Museumsleiterin Uta Werlich, bei 40 000 Objekten gab man auf. 2015 hat man neu angefangen. Ein Ende ist nicht abzusehen.<\/em><\/p>\n<p>Viel an Material ist \u00fcber die Jahrzehnte auch noch gar nicht aufgenommen worden, anderes hat seine Etiketten verloren oder ist irgendwann verlegt worden. <em>&#8222;Nicht verstandortet&#8220; nennt man das h\u00f6flich. <\/em>An der unterbliebenen \u00dcberarbeitung der analogen Daten scheitert auch die st\u00e4ndig versprochene Digitalisierung der Best\u00e4nde.<\/p>\n<p><em>Doch wie soll das ohne ein Vielfaches des heutigen Personals gehen? Wie soll, etwa in Berlin, ein Afrika-Kurator die 70 000 Objekte in seiner Abteilung nebenher bearbeiten? <strong>Bis s\u00e4mtliche 320 000 Objekte des 1992 er\u00f6ffneten Pariser Mus\u00e9e du Quai Branly online standen, arbeiteten 70 Leute sechs Jahre lang.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p><em>Als B\u00e9n\u00e9dicte Savoy und Felwine Sarr von Pr\u00e4sident Macron beauftragt wurden, in Afrika die M\u00f6glichkeiten von Restitutionen zu recherchieren, konnten sie den Museumsleuten in Kamerun oder Mali dicke Stapel Papier vorlegen: es waren die Best\u00e4nde des Museums aus diesen L\u00e4ndern, die die Datenbank ausgeworfen hatte. In Deutschland kann man davon nur tr\u00e4umen.<\/em><\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mir denken, dass mancher Stratege diplomatischer <em>soft-power<\/em> in Richtung Afrika mit klammheimlicher Freude das deutsche Rumpelstilzchen mimt (\u201eAch wie gut, dass niemand wei\u00df &#8230;.\u201c) , weil so trotz <em>B\u00e9n\u00e9dicte Savoy und Felwine Sarr <\/em>sich nichts \u00e4ndern muss.<\/p>\n<p><em>Fragt man in den Museen, wie dieser jahrzehntelange R\u00fcckstand entstanden ist, h\u00f6rt man \u00fcberall dasselbe: Kein Personal, kein Geld, kein Interesse bei den Tr\u00e4gern. Was z\u00e4hle, seien immer nur Ausstellungen. Nur wenige wollen das jedoch auch \u00f6ffentlich erkl\u00e4ren. Und die meisten tun so, als sei all das, was von ihnen nun zus\u00e4tzlich verlangt wird, mit einer halben Stelle hier und etwas Drittmitteln dort bestimmt auch noch zu schaffen.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieses Arrangement hatte Vorteile f\u00fcr beide Seiten. Die Museen verzichteten auf \u00fcberzogene Forderungen und spielten die Rolle der honorigen Institution, mit der sich die Politik gerne schm\u00fcckte. Im Gegenzug lie\u00dfen die Kultusminister die Wissenschaftler ungest\u00f6rt forschen. Die ethnologischen Museen und ihre \u00f6ffentlichen Geldgeber konnten so lange den Fragen ausweichen, die sich eigentlich schon zu stellen begannen, seit sich ihre Aufgabe, den Kolonialismus zu bewerben, erledigt hatte. Wie also kamen die Objekte in die Museen? Was haben sie vor mit diesen Hunderttausenden, teils bedeutenden, teils aber auch wahllos zusammengerafften und nie gezeigten Artefakten, an denen sie permanent zu ersticken drohen? Und warum wehren sie sich &#8211; trotz ihrer j\u00fcngsten Bekenntnisse &#8211; weiter gegen Restitutionen, wenn ihnen an den allermeisten Dingen doch offenkundig so wenig liegt?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Der politische Schirm \u00fcber dem Ganzen<\/h3>\n<p>In einem Portr\u00e4t der Kulturstaatsministerin <strong>Monika Gr\u00fctters<\/strong> &#8211;<strong> \u201e<em>Macht und maximale Verflechtung<\/em><\/strong>\u201c in der SZ vom 26. Oktober 2018 &#8211; hat <strong>J\u00f6rg H\u00e4ntzschel<\/strong> das fein gesponnene Netz der <em>Hardcore-Politikerin<\/em> skizziert. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10809&amp;preview_id=10809&amp;preview_nonce=268f9d01b3&amp;post_format=standard&amp;_thumbnail_id=-1&amp;preview=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blick in renommierte Ethnologie-Museen in Deutschland, den ein investigativer Kulturredakteur der S\u00fcddeutschen Zeitung mit frechem Blick, J\u00f6rg H\u00e4ntzschel, interessierten Lesern gew\u00e4hrt: \u201eEthnologische Museen Deutschlands: Verseucht, zerfressen, \u00fcberflutet\u201c, SZ vom 9. 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