{"id":1136,"date":"2013-06-08T20:20:01","date_gmt":"2013-06-08T19:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1136"},"modified":"2017-01-07T15:01:58","modified_gmt":"2017-01-07T14:01:58","slug":"1136","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1136","title":{"rendered":"Schopenhauer, Europas erster Buddhist?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Frankfurt, den 8. Juni 2013<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1390939M\u00f6nch-Schopenh.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1390939M\u00f6nch-Schopenh-224x300.jpg\" alt=\"P1390939M\u00f6nch Schopenh\" width=\"224\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrter Herr Urs App,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Sie vorgestern, am 14., nicht zu uns nach Frankfurt kommen konnten, ist sehr schade. Ich w\u00fcnsche Ihnen gute Genesung. Sie stellen uns einen sp\u00e4teren Termin f\u00fcr den Herbst in Aussicht?Das Thema \u201e<i>Europas erster Buddhist?<\/i>\u201c weckt mir spontan Fragen, die ich gern an Sie weitergeben m\u00f6chte.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Urlaub ist mir die soziologische Studie<i> Melancholie und Gesellschaft<\/i> von Wolf Lepenies (1969,1998) begegnet In seinem 4.Abschnitt<i> Zum Ursprung b\u00fcrgerlicher Melancholie : Deutschland im 18.Jahrhundert<\/i> stellt Lepenies den<i> b\u00fcrgerlichen Eskapismus<\/i>, damit auch<i> den Sturm auf die H\u00f6hen des Geistes, ohne zu fragen, wie man dahin gekommen sei<\/i>, in den Kontext der deutschen F\u00fcrstenstaaten mit ihrer dem B\u00fcrgertum aufgezwungenen f<i>atalen Trennung von Privatheit und Politik<\/i> (83). <i>Sie durften allenfalls selbstst\u00e4ndig denken und dichten<\/i>\u201c(77). Sie schildern in \u201eSchopenhauers Kompass\u201c die<i> Stimmung der Zeit<\/i> nur im Spiegel des jungen Schopenhauer. Ihr Ziel war ein anderes. Doch geh\u00f6rten nicht altindische Weisheitslehren und der Buddhismus zu besonders exklusiven Angeboten f\u00fcr eine<i> Weltflucht?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter war Schopenhauer \u00fcber Jahrzehnte marginalisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun da ich mir die Kapitel \u201e<i>\u00dcber das Elend der\u00a0 Universit\u00e4tsphilosophie<\/i>\u201c (erm\u00fcdend redundant und geifernd),<i> \u00dcber die Erziehung<\/i>,<i> Gelehrsamkeit<\/i> und sogar<i> Selbstdenken <\/i>in<i> Parerga und Paralipomena<\/i>\u201c wieder f\u00fcr den Jour Fixe von Regehly vornehme, erscheint mir Schopenhauers <i>Philosophie f\u00fcr die Welt<\/i>\u201c &#8211; eine Formulierung durchaus im Einklang mit buddhistischer Seelsorge \u2013 sehr zeitbezogen und geradezu beschr\u00e4nkt. Ich vermisse den ernsthaften Versuch, die Ph\u00e4nomene in ihren jeweiligen Zusammenh\u00e4ngen zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn solche Texte der Grund seines sp\u00e4ten Erfolges waren, was war das f\u00fcr ein Erfolg? Hat er sich vielleicht zum Schlechteren entwickelt oder stagnierte er, ohne den lebendigen und verantwortungsvollen Kontakt zu jungen Menschen \u00fcber die Lehre? \u201eSchopenhauers Kompass\u201c sagt nichts dar\u00fcber, das letzte Kapitel bietet eine knappe Gesamtw\u00fcrdigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von L\u00fctkehaus analysierten und als<i> Ausfahrt des Buddha<\/i> pointiert benannten Bildungsreisen des jungen Mannes darf man in ihrer Nachwirkung nicht \u00fcberbewerten. Auch f\u00fcr den historischen Buddha lagen die wirklich pr\u00e4genden Erfahrungen, an denen er reifte, nach seiner jugendlichen Ausfahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ketzerische Idee:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht h\u00e4tte es Schopenhauers Philosophie besser getan, sich nach dem Scheitern seiner Berliner Ambitionen irgendwann f\u00fcr die Aus\u00fcbung seines b\u00fcrgerlichen Berufs zu entscheiden, statt blo\u00df an Manuskripten zu feilen. Das 19.Jahrhundert lie\u00df neben den Gesch\u00e4ften, die redlich abzuwickeln gewesen w\u00e4ren, gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr anspruchsvolle Liebhabereien und Engagements &#8211; daf\u00fcr gibt es gen\u00fcgend Beispiele. Als Landschullehrer in die Fu\u00dfstapfen Pestalozzis treten, h\u00e4tte ich ihm aber nicht empfohlen &#8211; der ebenso radikale und hochfahrende Wittgenstein ist bekanntlich daran gescheitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stelle mir Schopenhauer im Alter als<i> Lohan<\/i> vor. Auf meiner rasch improvisierten Fotomontage (siehe oben) macht er mit Ende F\u00fcnfzig eine mindestens so \u00fcberzeugende Figur wie der im Original abgebildete<i> Shiba Kokan Lohan<\/i>. Oder sehe ich doch nur<i> einen Bayern im Himmel<\/i> (&#8222;H\u00e1lleluja&#8220;)?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild des Buddha und der Buddhisten ist f\u00fcr mich weniger von Doktrinen als von einer Grundhaltung zum Leben und zu den Menschen gepr\u00e4gt. Spontan &#8211; ohne <span style=\"text-decoration: underline;\">Ihre<\/span> Vermittlung \u2013 w\u00e4re ich bei Schopenhauer nicht auf das Attribut<i> Buddhist<\/i> gekommen<i>.<\/i> Kultivierte er doch den streitlustigen Sonderling. Selbst sein<i> <\/i>Buddha im Fenster der Sch\u00f6nen Aussicht wurde zum Provokateur. An seinen Publikationen kann ich kein Bem\u00fchen erkennen, gegen innere Regungen der Ablehnung und Verachtung, die bis zum Hass gehen konnten (Hegel), anzuk\u00e4mpfen. Mit immerhin sechzig Jahren verpasste er w\u00e4hrend der 1848er Revolution seine Chance &#8211; wie Safranski formuliert &#8211;<i> die Einsichten seiner Philosophie &#8211; die Philosophie des Mitleids, die Philosophie der &gt;praktischen Mystik&lt; &#8211; wenigstens ein St\u00fcck weit zu<span style=\"text-decoration: underline;\"> leben<\/span>. (&#8230;)<\/i>\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenigstens ein St\u00fcck weit&#8230; Wo war die Gelassenheit inmitten all seiner menschlichen \u00c4ngste? Wo die buddhistische Liebe?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht war Ihre Frage ja auch nur ein<i> eye-catcher.<\/i> Ich bin gespannt, inwiefern oder ob<span style=\"text-decoration: underline;\"> Sie<\/span> \u00fcberhaupt zu einer positiven Antwort gefunden haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt, den 8. 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