{"id":11215,"date":"2020-04-26T11:22:49","date_gmt":"2020-04-26T09:22:49","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11215"},"modified":"2024-02-12T00:24:20","modified_gmt":"2024-02-11T23:24:20","slug":"huhuhu-fotografen-essen-seele-auf-notizen-zum-ethnographischen-bild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11215","title":{"rendered":"\u2018Fotografen stehlen Seele\u2018 ? &#8211; Ethnographisches Foto und Portr\u00e4tfoto"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"color: #ff0000;\"> Hochgeladen: 19.7.2018, aktualisiert 13.7. 2022 (Anlass Rietberg-Ausstellung) \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/span> <\/em>\u00a0\u00a0 <u><br \/>\n<\/u><\/h4>\n<p>Ich habe auf <em>academia.edu<\/em> eine interessante Studie gelesen: <strong>Zo\u00e9 S. Strother.<em> \u2019A Photograph Steals the Soul<\/em><em>\u2019: <\/em><em>The History of an Idea. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>In: <em>Portraiture and Photography in Africa, <\/em>ed<em>. <\/em>John Peffer and Elizabeth Cameron. Bloomington: Indiana University Press,2013,177-212\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 (Frobenius-Bibliothek :\u00a0 Af I 2698)<!--more--><\/p>\n<p>Jeder kennt von irgendwoher den Evergreen <em>\u2019Fotografie stiehlt die Seele\u2019.\u00a0<\/em>Zo\u00e9 Strother kann eine solche Erkl\u00e4rung nicht nur f\u00fcr ihr spezielles Forschungsgebiet empirisch\u00a0 widerlegen. Das wichtigste Argument ihrer Gespr\u00e4chspartner unter den <em>Pende<\/em> war der fehlende materielle Kontakt f\u00fcr einen m\u00f6glichen Schadenszauber, ein blo\u00dfer \u201aSchatten\u2019 biete daf\u00fcr keine Grundlage. Was \u00fcbrig bleibt, sind rationale Bef\u00fcrchtungen, wie wir sie auch kennen oder nachvollziehen k\u00f6nnen, etwa wenn Leute in einem gef\u00e4hrlichen Polizeistaat wie dem Kongo\u00a0 leben (p.197).<\/p>\n<p>Die \u201aGeschichte der Idee\u2019 selbst wird bei Strother zum Lehrst\u00fcck \u00fcber die Langlebigkeit wissenschaftlicher Mythen! Einer schreibt vom anderen ab, am\u00fcsant zu lesen.<\/p>\n<p>Extrem ungleiche Verteilung erhaltener Fotos<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Frage ist der Aufsatz aus einem anderen Grund wichtig, wegen der extremen sozialen Unausgewogenheit des vorhandenen Bildmaterials, die wir in Betracht ziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die seit den drei\u00dfiger Jahren von einzelnen ambulanten kommerziellen Fotografen f\u00fcr die Leute im Dorf gemachten Fotos hatten keine Chance zu \u00fcberleben. \u201aPapier\u2019 kann es dort als Medium nicht einmal mit \u201aHolz\u2019 aufnehmen. Strother hat die Situation bei den Pende so erfahren:<\/p>\n<p><em>In the late 1980s, despite demand, few people owned photographs apart from the identity cards<\/em><em>. The career of Pende photographers were often cut short by their equipment, which failed easily due to humid conditions and required sophisticated repairs in distant urban centers. Furthermore, photographs did not survive long. Colors faded quickly and few people could protect them from wear and tear in the hands of admirers. It was difficult for many to \u201arefuse\u2019 to give them away because generosity is one of the most admired virtues. I never saw an album in the countryside until 2007. It belonged to a successful entrepreneur, based in Tshikapa, and contained photos dating back to the seventies.<\/em> (p.197)<\/p>\n<p>deutsch:<\/p>\n<p>In<em> den sp\u00e4ten 1980er Jahren besa\u00dfen trotz der Nachfrage nur wenige Menschen Fotos, abgesehen von den Ausweisen<\/em><em> \u2013 <\/em>seit der sp\u00e4ten Kolonialzeit eingef\u00fchrt, von Mobutu durchgesetzt (p.197).<em> Die Karriere von Pende-Fotografen wurde oft durch ihre Ausr\u00fcstung sabotiert, die aufgrund der feuchten Bedingungen leicht versagte und aufwendige Reparaturen in entfernten st\u00e4dtischen Zentren erforderte. Au\u00dferdem haben Fotografien nicht lange \u00fcberlebt. Farben verblassten schnell und nur wenige Menschen konnten sie in den H\u00e4nden von Bewunderern vor Abnutzung sch\u00fctzen. Es war schwierig f\u00fcr viele, sich zu weigern, sie wegzugeben, weil Gro\u00dfz\u00fcgigkeit eine der am meisten bewunderten Tugenden ist. Ich habe bis 2007 nie ein Album auf dem Land gesehen. Es geh\u00f6rte einem erfolgreichen Unternehmer in Tshikapa und enthielt Fotos seit den Siebzigern. <\/em>(p.197)<\/p>\n<p>Und die andere Seite? Lohnen die in den Archiven verwahrten Langweiler der Kolonialisten den Erhaltungsaufwand? Verschlimmern ihre Knipsereien nicht blo\u00df das Forschungsproblem der Einseitigkeit? Tragen sie \u00fcberhaupt nennenswert zur Information bei?<\/p>\n<p>Gewiss, wenn sie Verbrechen dokumentieren, dann sind sie deutschen Landseralben von der Ostfront vergleichbar, oder wenn sie Sch\u00e4delmessungen dienen, sind sie Dokument \u2013 f\u00fcr \u201awissenschaftliche\u2019 Engstirnigkeit.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt an dem Aufsatz die un\u00fcbersichtliche Vielheit an relevanten Aspekten auf. Wieviel sachliche Voraussetzungen sind f\u00fcr die R\u00fcckf\u00fchrung schiefer \u201aIdeen\u2019 in einen wissenschaftlichen Diskurs, der erst wieder Fragen anst\u00f6\u00dft. Die Kritisierten erweisen sich jedenfalls als methodisch unzul\u00e4nglich: autorit\u00e4tsh\u00f6rig, voreingenommen, voreilig, theorie-geil, eitel und lebensfremd. Ein breites Literaturstudium (Zettelkasten) ist vonn\u00f6ten, aber noch wirksamer ist vielleicht die \u00dcberpr\u00fcfung an dem Verst\u00e4ndnis derer, \u00fcber die geredet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>13. Juli 2022<\/h4>\n<p>DIE ERWEITERUNG DER PERSPEKTIVE ERM\u00d6GLICHT EINE AKTUELLE AUSSTELLUNG DES RIETBERG-MUSEUMS IN Z\u00dcRICH &#8222;<strong>THE FUTURE IS BLINKING&#8220;\u00a0 &#8211; <a href=\"\/\/www.youtube.com\/watch?v=-PhL7sJCLeA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zur 7-min\u00fctigen Video-Vorstellung durch die Kuratorin Nanina Guyer auf YouTube.de<\/strong><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Min Kurzkommentar<\/h4>\n<p>Bereits zwanzig Jahre nach der Erfindung der Fotografie 1839 hat sich zwischen Dakar und Luanda an der K\u00fcste eine bl\u00fchende Fotokultur entwickelt. Einheimische Berufsfotografen haben unter freiem Himmel vor mehr oder weniger improvisierten Hintergr\u00fcnden Fotografien aufgenommen, in denen sich ihre Kunden und Kundinnen so zeigen konnten, wie sie gesehen werden wollten. Die hundert gezeigten Originalabz\u00fcge stammen aus der Zeit zwischen 1875 und den drei\u00dfiger Jahren. Drei\u00dfig Fotografen sind identifiziert. (Guyer)<\/p>\n<p>Auch anderswo werden solche Bildk\u00fcnstler gesammelt und beforscht, etwa von <span class=\"author notFaded\" data-width=\"\"> <a class=\"a-link-normal\" href=\"https:\/\/www.amazon.com\/-\/de\/s\/ref=dp_byline_sr_book_1?ie=UTF8&amp;field-author=Roger+Hargreaves&amp;text=Roger+Hargreaves&amp;sort=relevancerank&amp;search-alias=books\">Roger Hargreaves<\/a> <span class=\"contribution\"> <span class=\"a-color-secondary\">(Author), <\/span> <\/span> <\/span> <span class=\"author notFaded\" data-width=\"\"> <a class=\"a-link-normal\" href=\"https:\/\/www.amazon.com\/-\/de\/s\/ref=dp_byline_sr_book_2?ie=UTF8&amp;field-author=Andrew+Wilson&amp;text=Andrew+Wilson&amp;sort=relevancerank&amp;search-alias=books\">Andrew Wilson<\/a> <span class=\"contribution\"> <span class=\"a-color-secondary\">(Author):\u00a0 &#8222;<\/span><\/span><\/span><em><span id=\"productTitle\">Joseph Chila and Samuel Finlak: Two Portrait Photographers in Cameroon&#8220;, Juli 2005. <\/span><\/em><\/p>\n<p><span id=\"productSubtitle\" class=\"a-size-large a-color-secondary\"><\/span> Diese Portr\u00e4ts sind ehrlich gesagt \u00e4sthetisch alles andere als sensationell. Ihre Bedeutung liegt anderswo: Sie k\u00f6nnen heute historische Gegenbilder zu den Produkten kolonialer Fotografen herstellen, die oft nur Vorurteile und Herablassung beim Betrachter sch\u00fcren, weil sie durchg\u00e4ngig eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Fremdheit zwischen Fotograf und Abgebildeten dokumentieren &#8211; kein Wunder bei dem oberfl\u00e4chlichen Kolonialtourismus durchreisender &#8218;Forscher&#8216; oder dem Machtgef\u00e4lle zu den ans\u00e4ssigen Europ\u00e4ern vor allem der Kolonialzeit. Einen allgemeineren einsch\u00fcchternen Faktor sollte man nicht vergessen: Die &#8218;Portr\u00e4tkunst\u2019 hatte in Europa strenge Konventionen ausgebildet, welche die die fr\u00fchen Portr\u00e4tfotografen schon aus technischen Gr\u00fcnden \u00fcbernehmen mussten. Als Kunden hatten Afrikaner wenigstens auf die Inszenierung einen gewissen Einfluss.<\/p>\n<p>F\u00fcr mein Duala-Bootsmodell-Projekt (besonders 1.4, 1.5, 2.6 &#8211; siehe <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zur Zusammenfassung) bietet die Ausstellung an\u00a0 zwischen den H\u00e4fen pendelnden Studiofotografen ein weiteres Beispiel f\u00fcr die regionalen Verflechtungen durch Handel, Arbeitsmigration und afrikanisches Unternehmertum entlang der Atlantik-K\u00fcste bereits im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hochgeladen: 19.7.2018, aktualisiert 13.7. 2022 (Anlass Rietberg-Ausstellung) \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 Ich habe auf academia.edu eine interessante Studie gelesen: Zo\u00e9 S. Strother. \u2019A Photograph Steals the Soul\u2019: The History of an Idea. In: Portraiture and Photography in Africa, ed. John Peffer and Elizabeth Cameron. Bloomington: Indiana University Press,2013,177-212\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 (Frobenius-Bibliothek :\u00a0 Af I 2698)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,268],"tags":[],"class_list":["post-11215","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fotografie","category-zoe-s-strother"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11215"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14013,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11215\/revisions\/14013"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}