{"id":10984,"date":"2020-04-04T12:52:09","date_gmt":"2020-04-04T10:52:09","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10984"},"modified":"2020-04-14T01:54:08","modified_gmt":"2020-04-13T23:54:08","slug":"wenn-mir-doch-gruselte-flusser-zum-hundertsten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10984","title":{"rendered":"\u201eWenn es mir doch gruselte&#8230;.!\u201c Flusser zum Hundertsten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong><span style=\"color: #333333;\">Wenn Vil\u00e9m Flusser schrieb: Wir bauen uns nach Belieben eine Geschichte, wir sind mit unseren Fingerspitzen spielerisch kreativ. Daf\u00fcr steht uns alles digitalisiert zur Verf\u00fcgung, was fr\u00fchere Zivilisationen geschaffen haben, wir brauchen keine Lehrer mehr &#8230;.. kam mir das Gruseln.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><br \/>\nEs waren zutreffende Prognosen, auch wenn das Ergebnis selbstverst\u00e4ndlich anders aussieht als damals imaginiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Gro\u00dfrechner haben die Menschen \u2013 Flussers \u201e<em>wir<\/em>\u201c &#8211; l\u00e4ngst verzwergt. Gro\u00dfrechner organisieren unsere globalisierten Spiele, angefangen von Quatschen auf allen Kan\u00e4len, \u00fcber einen individualisierten und zugleich formatierten Welttourismus zu Welthandel, Weltsport, Weltb\u00f6rse, Fake News und anderes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das was Flusser unter \u201e<em>kreativem<\/em> Umgang\u201c anschaulich ausmalte, k\u00f6nnen die Rechner doch inzwischen so gut, dass der Beitrag der sogenannten Kreativen nichts anderes darstellt als \u201eMultiple choice\u201c, gew\u00fcrzt durch eitle Selbstt\u00e4uschung. Schon gleicht die Frage, welche Seite den entscheidenden Impuls gibt &#8211; das Angebot oder die Auswahl &#8211; dem Prinzipienstreit zwischen Huhn und Ei. \u00dcberall im Kulturbereich treffen wir auf Simulation, Revival und Remake, Hybridkunst und so weiter. Den perfekten Musikmix etwa organisiert uns das System, und es lernt \u2013 als normalerweise brav auftretender Sklave \u2013 schnell dazu. Die Hand des DJ auf dem Plattentellergeh\u00f6rt da nicht mehr hin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Internet nimmt den Nutzern idealiter alle Sorgen ab. &#8222;Du brauchst kein Gep\u00e4ck mehr, welcher Art auch immer \u2013 dein Werkzeug sind die <em>Fingerspitzen<\/em>, von Lagerungsaufgaben kannst du dich \u00fcber die Cloud befreien, du musst dir nur den &#8211; selbstverst\u00e4ndlich sicheren &#8211; Zugang sichern, aber das nehmen wir dir auch noch ab. Sag etwas oder lass deine Iris sehen!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das globale Internet hat sich von den dienenden Funktionen emanzipiert und gew\u00e4hrt seine Dienste nur noch auf der Basis stillschweigender Gegenleistung in Nutzerdaten, die durch geeignete Analysetools in pure Macht verwandelt werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die wenigen <em>echten Revolution\u00e4re<\/em> im Sinne Flussers sollten im <em>Cockpit<\/em> des <em>Apparats<\/em> <em>strategische Entscheidungen<\/em> treffen, nat\u00fcrlich menschenfreundliche. Das war seine argumentative Setzung. In beiden Aspekten irrte Flusser: Es gibt keine zentrale Steuerung, und die Revolution\u00e4re sind keine Humanisten, auch wenn sie sich gern als solche darstellen. Sie sind zu mieten, an wechselnden Orten f\u00fcr beliebige Zwecke eines jeden, der sie bezahlen kann, also flussersche <em>Funktion\u00e4re<\/em>. Seine Vision einer Hierarchie <em>programmierter Programmierer<\/em> war nach oben offen, charakterisierte eine undurchschaubare Anarchie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das erinnert an die ziemlich dummen menschlichen Akteure gro\u00dfartiger Science-Fiction-Filme wie \u201eDarkstar\u201c von John Carpenter, die immer wieder von einer einschmeichelnden \u201aweiblichen\u2019 Kunststimme zur Ordnung gerufen werden m\u00fcssen. Denken wir an die Milliarden \u201eMonitore\u201c in allen m\u00f6glichen \u201eKontrollzentren\u201c der Welt, so erscheint das jeweilige Computersystem als einzige zuverl\u00e4ssige Ordnungsmacht, die \u201emenschliches Versagen\u201c in Grenzen halten muss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Sogar seinen ungeheuren Energiehunger stillt das globale Computersystem sich selber. Denn es ist \u201aalternativlos\u2019. Wer denkt daran, es abzuschalten? H\u00f6chstens in verbrecherischer Absicht. Das <em>Apparat<\/em> wei\u00df als einziger, wo etwas zu holen ist. Menschen sind zu seinen Informanten und Zutr\u00e4gern geworden. Was l\u00e4sst sich vor seinen Analyse-\u2019tools\u2019 noch verbergen? Das ausgelagerte dezentrale, aber vernetzte \u201aGehirn\u2019 der Menschheit diktiert. Seine <em>Programmierer<\/em> sind zur Servicetruppe degradiert. Es bleibt ihnen nichts anderes \u00fcbrig als <em>den Apparat<\/em> zu reparieren, zu verbessern, dringend ben\u00f6tigte Upgrades zu entwickeln, um den Horrorszenarien zu entgehen, die der Apparat sichtbar werden l\u00e4sst, wenn er sie nicht aufgrund fehlerhafter Programme und unzureichender Daten blo\u00df erfindet.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Aber wer sagt mir denn, dass nicht doch Idealisten in einem <em>Cockpit<\/em> sitzen? Irgendwann, versprechen ihre Pressesprecher, soll niemand mehr auf traditionelle Art negativ \u201ediskriminiert\u201c werden, denn das ist jetzt die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde. Fr\u00fchere Diskriminierungen sollen einem jetzt mit \u201epositiver Diskriminierung\u201c Bonus-Pakete und Quoten einbringen, wenn man die Berechtigung nachweisen kann. Im \u00fcbrigen verliebt sich alle sieben Minuten ein menschliches Paar nur dank des gewaltigen <em>Apparats<\/em>, und das allein \u00fcber <u>eine<\/u> Netzadresse! Die Dunkelziffer ist also unendlich viel h\u00f6her.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Geschrieben am 27. November 2018<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">4. April 2020\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"color: #333333;\">Vorsichtiger Widerspruch aus aktuellem Anlass<\/span><\/span><\/h4>\n<div id=\"attachment_10998\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_5262.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10998\" class=\"size-thumbnail wp-image-10998\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_5262-170x150.jpg\" alt=\"Originalkommentar v.graeve\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10998\" class=\"wp-caption-text\">Mein Mitoko &#8211; allzeit bereit!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 c: Gv<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Studiogespr\u00e4ch des hr-info-Redakteurs mit dem Kulturwissenschaftler Jochen H\u00f6risch (*1952) heute Mittag war so gut &#8218;geerdet&#8216; und von einer so heiteren Gelassenheit: das bleibt nicht ohne Einfluss auf meine aktuelle Fortschreibung von Flusserschen Szenarien. (Der podcast erscheint <\/span><span style=\"color: #000000;\">Dienstag immer noch nicht auf der entsprechenden Seite von hr-info; hier ist der mir per Email \u00fcbermittelte <a href=\"https:\/\/www.hr-inforadio.de\/podcast\/politik\/wie-sich-politik-und-volk-in-corona-zeiten-verstehen---und-missverstehen,podcast-episode-67392.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a> )<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ich schrieb oben \u00fcber <em>das Cockpit<\/em>, es \u00fcberlebe nur als entleerte Idee, als Sehnsuchtsort oder Fatamorgana \u2013 denn dort herrschten auch nur noch die \u201aApparate\u2019.<\/span><\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Sind die Menschen mit ihren Tugenden (und Lastern) als entscheidender Faktor zur\u00fcck?<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Jetzt meine ich im <em>Cockpit<\/em> \u00fcber Medien Menschen wahrzunehmen, und gleich viele Menschen in vielen Steuerungszentralen. Und beobachtet\u00a0 von einem massenhaften Publikum, das mancher Sozialwissenschaftler als politischen Faktor schon abgeschrieben hatte. Die Politiker und die sie flankierenden Experten m\u00fcssen sich rechtfertigen, ihre Ma\u00dfnahmen erkl\u00e4ren. Sie sollten sich das vielleicht generell angew\u00f6hnen und auch ihre\u00a0 &#8217;spin doctors&#8216;\u00a0 (PR-Berater, sch\u00f6nrednerische Pressesprecher) auswechseln . <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Publikum kann in dieser globalen Krise Ma\u00dfnahmen und Rechtfertigungen unterschiedlicher Akteure weltweit vergleichen. &#8218;Durchschauen&#8216; w\u00e4re f\u00fcrs erste zu viel verlangt. Aber wann bekommt man das so billig und frei Haus? In einem liberalen Land sind \u00fcberdies Irrtum und Stolpern \u2013 so Kant \u00fcber \u201eAufkl\u00e4rung\u201c als realer Prozess \u2013 erlaubt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Akteure im <em>Cockpit<\/em> sind auch konfrontiert mit der Entschiedenheit vieler B\u00fcrger, ihre Handlungsspielr\u00e4ume zu verteidigen und neue zu entdecken, listig, denn Einsch\u00fcchterung wirkt und Sanktionen sind angedroht. Ich habe erst k\u00fcrzlich \u00fcber diese praktische Intelligenz unter den unterdr\u00fcckten und vernachl\u00e4ssigten Bewohnern tropischer Kolonien und Diktaturen gelesen. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Ob die nicht nur in pr\u00e4sidialen Sonntagsreden gepredigten sogenannten B\u00fcrgertugenden ihren Stresstest im Gro\u00dfen und Ganzen &#8218;bestehen&#8216;, ist noch nicht ausgemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201aDie Geschichte\u2019 zeigt uns wohl Tendenzen, aber keine eine unausweichliche Richtung, unter der\u00a0 Flussers\u00a0 Spiel mit Phantasie-Szenarien wirklich Angst machen d\u00fcrfte. Die weltweite Krise wirbelt alle m\u00f6glichen Faktoren durcheinander, ob sie in seine Bewertung eingegangen sind oder nicht. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Er war als typischer \u201aDenker\u2019 des zwanzigsten Jahrhunderts gepr\u00e4gt von den linearen Konzepten \u201eFortschritt\u201c \u2013 in der einen oder anderen F\u00e4rbung &#8211; <span style=\"color: #800080;\">oder<\/span> \u201eWeg der Zerst\u00f6rung\u201c bis in den Untergang. Und wir \u00dcberlebenden des zwanzigsten Jahrhunderts, die wir &#8218;die eigene geschichtliche Erfahrung&#8216; weitergeben wollen?<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Hat nicht uns Hans Blumenberg bewusst \u201eUmwege\u201c im Denken empfohlen? Aber wer liest den schon, und erinnert das Wichtigste zur rechten Zeit? Zum Beispiel in den nachgelassenen Essays und Glossen &#8222;Die Vollz\u00e4hligkeit der Sterne&#8220; (1997 Suhrkamp) ?<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Wenn Vil\u00e9m Flusser schrieb: Wir bauen uns nach Belieben eine Geschichte, wir sind mit unseren Fingerspitzen spielerisch kreativ. 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