{"id":10960,"date":"2020-03-20T21:19:12","date_gmt":"2020-03-20T20:19:12","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10960"},"modified":"2026-04-22T22:33:20","modified_gmt":"2026-04-22T20:33:20","slug":"wer-knackt-vilem-flusser-im-interview-klaus-nuechtern-und-wozu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10960","title":{"rendered":"Wer knackt Vil\u00e9m Flusser im Interview? Etwa Klaus N\u00fcchtern? Und wozu?"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #00ff00;\">EIN EXTRA ZUM 100. GEBURTSTAG<\/span><\/h3>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Nach der Ver\u00f6ffentlichung in der Wiener Stadtzeitung \u201eFalter\u201c 1990 befand Vil\u00e9m Flusser: &#8222;<em>das erste Interview, das mich wirklich wiedergibt<\/em>.\u201c <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">\u00a0\u201eEuropean Photography\u201c von Andreas M\u00fcller-Pohle ver\u00f6ffentlichte es 1991 als \u201e<em>Vil\u00e9m Flusser \u2013 Ein Gespr\u00e4ch<\/em>\u201c ein zweites Mal und setzte den Interviewer Klaus N\u00fcchtern oben auf die Titelseite, dort, wo normalerweise der Autorenname steht.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\"><!--more--><\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><strong>\u00a0<\/strong><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Wer ist Klaus N\u00fcchtern<\/strong>?<\/span><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Wikipedia sagt: <em>Geboren in Linz 1961 und f\u00e4hrt fort: \u201eKlaus N\u00fcchtern studierte Anglistik und Germanistik und schloss mit einer Diplomarbeit zu Hans Robert Jau\u00df ab.<sup><a style=\"color: #333333;\" href=\"#cite_note-2\">[2]<\/a><\/sup> Seit 1989 schreibt er f\u00fcr die Wiener Stadtzeitung Falter, wo er von 1990 bis 2015 das Kulturressort leitete. Seine popul\u00e4re w\u00f6chentliche Kolumne &#8222;N\u00fcchtern betrachtet&#8220; (mit einem auf dem R\u00fccken liegenden Tapir als eigenem Maskottchen) erscheint auch in Buchform<\/em>.\u201c Die hie\u00dfen dann zum Beispiel: \u201e<em>Kleines Gulasch in St. P\u00f6lten. 78 ganz brauchbare Kolumnen mit 5 exklusiven, bislang unver\u00f6ffentlichten Vorworten (=\u00a0N\u00fcchtern betrachtet. Band\u00a0[2]). Falter-Verlag, Wien 2003<\/em>\u201c. \u201e<em>Von 2004 bis 2008 war N\u00fcchtern Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis<\/em>.\u201c<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">In einem Interview mit der Webseite 2007 des &#8222;Hauptverbandes des \u00f6sterreichischen Buchhandels&#8220; wurde er gefragt, welche Themen es wert seien, mit einer Kolumne bedacht zu werden? (<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20160215051204\/http:\/\/www.buecher.at\/show_content2.php?s2id=189\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)<br \/>\n<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\"><em>&#8222;In dieser Beziehung lebe ich von der Hand in den Mund. Ich habe nicht 15 Themen, aus denen ich dann das beste w\u00e4hle, sondern es sind solche Themen gewinnbringend zu lesen, wenn ich sie entsprechend herrichten oder aufmascherln kann.<\/em> (&#8230;.). <em>Es geht nicht darum, Kommentare zum Tagesgeschehen abzugeben oder etwas anzuprangern, sondern darum, Alltagsbeobachtungen oder vermeintlich banale Dinge so aufzupolieren, dass sie zu funkeln beginnen.&#8220;\u00a0 <\/em><\/span><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Was passiert zwischen den beiden?<\/strong><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Der furchtlose junge Strau\u00dfritter sticht gleich in den Panzer des Propheten: \u201e<em>Herr Flusser, nehmen wir einmal an, in dem Saal, in dem sie gerade Ihren Vortrag gehalten haben, w\u00e4re kein einziger Mensch, nur eine Videokamera gewesen, die h\u00e4tte das Ganze aufgezeichnet, dann w\u00e4ren Sie rausgegangen, Hunderte von Menschen hinein, denen man anschlie\u00dfend den Videofilm Ihres Vortrags vorgespielt h\u00e4tte. Was h\u00e4tte das f\u00fcr uns als Publikum f\u00fcr einen Unterschied gemacht, vom Live-Charakter einmal abgesehen?<\/em>\u201c<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Eine kaum verh\u00fcllte Kritik an der Art des Vortrags! Und wie reagiert Vil\u00e9m Flusser (VF)?<\/span><\/h4>\n<h4><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-Mambila-IMG_4578.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-10963\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-Mambila-IMG_4578-170x150.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a>Er \u00f6ffnet sein Visier, schiebt die wohlbekannte Standardmaske samt den zwei Brillen nach oben und bekennt:<\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">\u201e<em>In meinem speziellen Fall h\u00e4tte es keinen gro\u00dfen Unterschied gemacht. Sobald ich vorzutragen beginne, vergesse ich, da\u00df jemand da ist, bin ich v\u00f6llig in der Sache. Das Publikum st\u00f6rt mich eher. Ich kann nur richtig vortragen, wenn maximal zwanzig Leute da sind<\/em>.\u201c (7)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Klaus N\u00fcchtern will damit die These Flussers testen, \u201e<em>da\u00df der technische Charakter dem Medium nicht \u00e4u\u00dferlich, sondern der sogenannte Inhalt weniger wichtig ist als das Faktum der prinzipiellen technischen Verfasstheit der Bilder.<\/em>\u201c (8) &#8211; Bei dem steilen Anspruch an die Abstraktionsf\u00e4higkeit\u00a0 hat das &#8218;Falter&#8216;-<\/span><span style=\"color: #333333;\">Publikum sicher schlucken m\u00fcssen!<br \/>\n<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">VF kontert \u00e4hnlich anspruchsvoll: \u201e<em>Ich meine, Sie haben in Ihrem Beispiel ein Video erw\u00e4hnt, auf das die Leute nicht reagieren k\u00f6nnen. (&#8230;.) W\u00e4re jedoch das Video dialogisch geschaltet gewesen, das hei\u00dft, h\u00e4tten die Leute w\u00e4hrend meines Vortrags den Apparat so manipulieren k\u00f6nnen, dass ich mich selbst von verschiedenen Seiten sehe, und h\u00e4tte ich durch die Bewegung des Videos auf die Reaktion der Menschen schlie\u00dfen k\u00f6nnen, dann w\u00e4re der Vortrag ganz anders verlaufen, je nachdem, ob Leute da sind oder nicht.<\/em>\u201c (7\/8)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Wenn! Wenn! Wenn ihn durch eine \u201adialogische Schaltung\u2019 w\u00e4hrend des Vortrags Informationen erreichen w\u00fcrden, aus denen er die Publikumsreaktion erschlie\u00dfen k\u00f6nnte&#8230;. Wie sollte dabei der Vortragende VF <em>v\u00f6llig in der Sache bleiben<\/em> k\u00f6nnen und <em>vergessen<\/em>, dass jemand da ist? Vom technisch-organisatorischen Aufwand ganz abgesehen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">N\u00fcchtern beendet den Angriff mit einer scheinheiligen Frage: \u201e<em>Es waren Leute da, im Grunde genommen h\u00e4tte das Ganze ja dialogisch verlaufen k\u00f6nnen. Man h\u00e4tte ja dazwischenrufen k\u00f6nnen. H\u00e4tte Sie das gest\u00f6rt?<\/em>\u201c<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">VF: \u201e<em>Es h\u00e4tte mich sehr gefreut. Nur ist es bei dieser Menge nicht m\u00f6glich. Aber wenn nur wenige Leute da sind, dann beginne ich so: Ich behaupte nichts, auch wenn es so klingt, als ob ich etwas behaupten w\u00fcrde. Alles, was ich sage, ist eine Provokation. Lassen Sie sich provozieren, und unterbrechen Sie mich.<\/em>\u201c<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4tten \u201eZwischenrufe\u201c ihn aus Prinzip \u201e<em>gefreut<\/em>\u201c\u00a0 \u2013 das wei\u00df der Leser seiner Schriften. Auch \u201e<em> Alles, was ich sage, ist eine Provokation\u201c <\/em>hat man bei ihm schon gelesen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Wie das aber funktionieren soll, zumal zu Beginn eines Vortrags, ist mir schleierhaft. Erstens m\u00fcssen H\u00f6rer die Provokation \u00fcberhaupt erkennen, zweitens muss die Geduld, die ein zivilisiertes Publikum dem Redner entgegenbringt, erst einmal gen\u00fcgend strapaziert werden, bis einzelne sich spontan vorwagen. &#8211; Ich rede aus der praktischen Erfahrung eines alten Zwischenrufers. Klaus N\u00fcchtern tut gut daran, das so stehen zu lassen, um die privilegierte Eins-zu-Eins-Konstellation f\u00fcr wichtigere Fragen zu nutzen.<\/span><span style=\"color: #333333;\"> Ich erinnere mich da an den Essay<\/span> \u201eExil und Kreativit\u00e4t\u201c<span style=\"color: #333333;\"> in \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c, worin Flusser betont, dass &#8222;Dialoge&#8220; beinhart sein k\u00f6nnen.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">VF bekommt gleich zu Beginn zu sp\u00fcren, dass ihm hier kein Bewunderer gegen\u00fcbersitzt, der auf seine Belehrungen wartet, sondern ein k\u00fchler Vertreter der Leserschaft des Wiener \u201e<em>Falter<\/em>\u201c. In Frankfurt w\u00e4re es das Szene-Blatt <em>Pflasterstrand<\/em> gewesen. Der stellt Fragen \u2013 \u201e<em>soweit ich Sie richtig verstanden habe<\/em>\u201c (8) &#8211; ohne R\u00fccksicht auf Flussers Spiel mit Begriffen und auf dessen Empfindlichkeiten. Nur wer Flusser gelesen hat, bekommt das \u00fcberhaupt mit. Aber jedesmal m\u00fcsste VF eigentlich weit ausholen. Auf die Schnelle hat er keine befriedigenden Antworten parat. Er ist offensichtlich vom Tempo der ungesch\u00fctzten Gespr\u00e4chssituation und vom eigenen Rechtfertigungsdruck \u00fcberfordert. Der treibt ihn von einem Thema und Motiv zum n\u00e4chsten. <\/span><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Ein Potpourri krass verk\u00fcrzter Motive bei Vil\u00e9m Flusser <\/span><br \/>\n<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Klaus N\u00fcchtern kommentiert das wie von Flusser erfundene Motto \u201e<em>Auf und davon. F\u00fcr eine Nomadologie der neunziger Jahre<\/em>\u201c der Tagung <em>Steirischer Herbst<\/em>, wo WF gerade aufgetreten ist, mit dem Satz: \u201e<em>Mir ist das Ganze immer etwas verd\u00e4chtig, als wollte man neue Schlagworte finden, die angeblich den Zeitgeist auf den Punkt bringen.<\/em>\u201c (10).<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Und Flussers Lob \u201e<em>faltbarer, tragbarer Architektur<\/em>\u201c (11) beantwortet er mit einer Stichelei: \u201e<em>Sie haben aber schon noch ein stabiles Haus &#8230; <\/em>und schlie\u00dft dann die Frage an: <em>Und sie k\u00f6nnen sich vorstellen, in so einem mobilen Haus zu leben?<\/em>\u201c (12) Die Antwort Flussers ist bemerkenswert zahm: \u201e<em>Lange Zeit habe ich es gedacht. Ich habe mir immer gew\u00fcnscht, einen Wohnwagen zu haben.\u201c &#8211; <\/em>So verhielt sich das also?\u00a0 Bei dem, was VF \u00fcber das &#8222;<em>Regenwurmgl\u00fcck<\/em>&#8220; des &#8222;<em>Wohnwagentiers<\/em>&#8220; geschrieben hatte (posthum ver\u00f6ffentlicht) ! <em><br \/>\n<\/em><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Sein Befreiungsschlag besteht im Wechsel zum digital voll ausgestatteten Lieblingsmodell: \u201e<em>In dem Moment, wo das Haus intelligent wird, wo es also zu einem Ort des Prozessierens von Daten wird, ist die Verankerung im Raum ein Hindernis. Es gibt erste Anzeichen daf\u00fcr, dass sich das Haus entankert<\/em>.\u201c (13) <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Das (traditionelle) Haus sei ein \u201e<em>Gef\u00e4ngnis<\/em>\u201c (wie im Essay \u201e<em>H\u00e4user bauen<\/em>\u201c): \u201e<em>In St\u00e4dten wie Sao Paulo merken Sie das. Ganze Viertel sind abgetrennt und bewacht. Die Bewohner der b\u00fcrgerlichen Viertel sind Gefangene&#8230;<\/em>.\u201c (14) Ich denke: Warum sagt er es nicht? Er muss doch wissen, warum und wogegen \u201a<em>gated communities\u2019<\/em> abgetrennt existieren. Stattdessen: \u201e<em>Die Frage ist, inwieweit sch\u00fctzt ein Haus vor Steuerbeamten, vor dem Staat, vor dem verbliebenen \u00f6ffentlichen Raum. <\/em>(&#8230;.) <em>Wir sind auf der Flucht vor dem Staat. Die Grenzen fallen, weil ja der Staat als solcher die Freiheit beschr\u00e4nkt. Nomadismus ist Anarchie. Vergessen Sie bitte nicht, da\u00df die Grenzen darum fallen, um die Bewegungsfreiheit im Kommen und Gehen von Personen, G\u00fctern und Gedanken zu erh\u00f6hen. Europa ist deshalb interessant, weil die einzelnen Staaten verschwinden.\u201c<\/em> (15) Auf N\u00fcchterns Vorhaltung nennt er f\u00fcr die Dritte Welt \u201e<em>die Gefahr der Polizei<\/em>\u201c und die sogar f\u00fcr sie gef\u00e4hrliche \u201e<em>Favela<\/em>\u201c. (16) Diese Runde hat VF mit einer Schrotladung an essayistischen Pointen \u00fcberstanden.<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Doch N\u00fcchtern l\u00e4sst nicht locker: <em>Sie haben zuerst den Nomadismus als Anarchismus definiert. Wie w\u00fcrden Sie sich selbst im politischen Spektrum verorten?<\/em><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Er verletzt gleich zwei Tabus im &#8218;korrekten&#8216; Umgang mit VF: \u201e<em>sich definieren<\/em>\u201c und \u201e<em>politisches Spektrum<\/em>\u201c. VF belehrt ihn: \u201e<em>Also erstens einmal m\u00f6chte ich sagen, da\u00df jeder Standpunkt, weil er ein Standpunkt ist, falsch ist.<\/em>\u201c, es gehe darum, \u201e<em>von Standpunkt zu Standpunkt zu springen<\/em>\u201c. \u00dcberspringen wir die Erw\u00e4hnung der Fotokamera als \u201e<em> erster Apparat, der daf\u00fcr gebaut wurde<\/em>\u201c! (17)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\"><em>&#8222;Was die Politik betrifft&#8220;,<\/em> mobilisiert VF eine &#8222;<em>nie richtig verwundene furchtbare Entt\u00e4uschung durch den Marxismus seit dem Jahre 1936, seit den Moskauer Prozessen<\/em>\u201c \u2013 da war er sechzehn &#8211; und geht dann zu \u201e<em>Politiker(n) als Marionetten<\/em> &#8230;.\u201c \u00fcber, hinter denen \u201e<em>nicht irgendwelche Machthaber stehen, sondern unpers\u00f6nlich gewordene, intersubjektiv gewordene Relationen<\/em>\u201c(19).<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Diese Auskunft l\u00e4sst sich selbst ein diplomierter Literaturwissenschaftler wie N\u00fcchtern nicht gefallen: <em>Dagegen w\u00fcrde ich halten, da\u00df selbst dieses intentionslose Spiel oder dieser eigendynamische Ablauf von Prozessen doch tendentiell eher denen in die H\u00e4nde spielt, die ohnehin schon oben sind.<\/em>\u201c (19) Kann man feiner ausdr\u00fccken, woraus die Dynamik der europ\u00e4ischen \u201aIntegration\u2019 sich speist? Oder heute der atemberaubende Triumph von Apple, Google und Amazon?<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">VF f\u00e4llt in die Pose des \u201aterrible simplificateur\u2019: \u201e<em>Ich glaube, wenn Sie sich einen Kapitalisten ansehen, so ist es v\u00f6llig klar, da\u00df nicht der Mann die Fabrik besitzt, sondern die Fabrik den Mann. Entscheidungen werden zwar getroffen, aber sie werden in Funktion getroffen. Es gibt keine Entscheidungen im Interesse. Das gibt es nicht mehr.<\/em> (&#8230;) (19\/20) Darin steckt sein Begriff des \u201eFunktion\u00e4rs\u201c. VF verweist explizit auf sein Buch \u201e<em>Ins Universum der technischen Bilder<\/em>\u201c (20) &#8211; f\u00fcrs Interview etwas unpraktisch \u2013 und dr\u00e4ngt weiter zum <em>Ideal einer Verwaltung<\/em> und zwar zur <em>konfuzianistischen Mandarinenadministration, bei der die Kompetenz das Kriterium ist und bei der die Entscheidungstr\u00e4ger immer wieder Pr\u00fcfungen zu bestehen haben<\/em>. <\/span><span style=\"color: #333333;\">Klaus N\u00fcchtern ist ihm aber dicht auf den Fersen: <em>Ergibt sich nat\u00fcrlich die Frage, wer sind die Pr\u00fcfer und wer \u00fcberpr\u00fcft deren Kompetenz? Kommt man da nicht in einen infiniten Regre\u00df? <\/em>(21)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Die Jagd setzt sich noch ebenso viele Druckseiten fort, \u00fcber eine &#8217;sinnlose Teilnahme&#8216; an <em>demokratischen Wahlen<\/em>, <em>Brasiliens Milit\u00e4rdiktatur<\/em>, <em>Identit\u00e4t<\/em>, <em>\u201aLiebe\u2019<\/em>, <em>Auschwitz<\/em>, <em>Selbstmord<\/em>, <em>Yoga<\/em>, <em>Entsetzen, Telepr\u00e4senz <\/em>und <em>K\u00f6rperinflation<\/em>,<em> Tod<\/em> und <em>Unsterblichkeit<\/em>. VF: <em>Ich glaube, Humanismus ist etwas ganz Miserables. Ich glaube statt an Humanismus an Altruismus.<\/em> (52)\u00a0 <\/span>Am Ende hat VF seine Themen durchgesetzt.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Doch was meinte er mit: \u201e<em>das erste Interview<\/em>, <em>das mich wirklich wiedergibt<\/em>\u201c?<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">War es die Dynamik, das Temperament, der Furor der Begegnung? <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">VF-Zitate: \u201e<em>Aber das ist ja das Neue, das Neue ist immer entsetzlich \u2013 und begeistert. (&#8230;) Ich sehe das orphisch. Da haben die M\u00e4naden diesen Bock zerfetzt, diesen Jesus da in St\u00fccke zerfetzt, haben von seinem Blut und seinem Fleisch genossen und sind jetzt besoffen. <\/em>(41) Oder \u201e<em>Hoffentlich sehen Sie das Lachen dabei!<\/em>\u201c (42) \u201e<em>Warum m\u00fcssen Sie so stabil denken?<\/em>\u201c (43) VF fordert den N\u00fcchtern auf: \u201e<em>nein, nein, radikalisieren Sie mich nicht<\/em>!\u201c (44)<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Was versprachen sich der Verleger und VF von der Ver\u00f6ffentlichung? <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Vil\u00e9m Flusser w\u00fcrde als bunter \u201eFalter\u201c \u201ezu funkeln\u201c beginnen?<br \/>\n<\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">Selbstverst\u00e4ndlich. Nur stockn\u00fcchterne Banausen &#8211; wie ich einer bin &#8211; wollen das nicht wahrhaben. <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Der (f\u00fcr mich leider anonyme) Redakteur der ZEIT, der im Dezember 1991 den (Teil)abdruck des Flusser-Textes \u201eVom Rad\u201c<\/span>\u00a0<\/span><span style=\"color: #ff0000;\">einleitete <\/span><span style=\"color: #333333;\">(<\/span><span style=\"color: #333333;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/FlusserVom-Rad.doc\">ZEIT-Texte<\/a>)<\/span><span style=\"color: #333333;\">, <span style=\"color: #ff0000;\">hat Performance und Wirkung Vil\u00e9m Flussers viel besser verstanden:<\/span><\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #333333;\">\u201e<em> Zuletzt war er immer seltener im provenzalischen H\u00e4uschen anzutreffen. Die Denkveranstalter haben ihm keine Ruhe mehr gelassen. Hier eine Tagung, dort ein Seminar, da ein Konvent. Vilem Flusser genoss die Kathederprominenz, die vollen S\u00e4le, das ungl\u00e4ubige Staunen, wenn es ihm, dem entfesselten Assoziierer, wieder einmal gelungen war, die G\u00f6tter vom Himmel zu holen und sie auf Winkelwegen durch enge Mikrochips zu zw\u00e4ngen. Seine Rede, seine Texte, die unverwechselbaren Glossen schienen fast m\u00fchelos allen Klippen der Abstraktion auszuweichen. Vielleicht war ja der freundliche Wei\u00dfbart ein allerletzter Universalgelehrter, der etwas unerwartet im nachideologischen Rests\u00e4kulum den homo philosophicus traditionalis zu m\u00e4chtigem Wort kommen lie\u00df. Flussers dynamische Auftritte hatten allemal etwas von der Performance, sein gewaltiger Wissensaufruf etwas Magisches. Geschichtsvergessenen Futuristen spannte er ganze Bildungshorizonte zwischen kulturweiten Haltepunkten auf. Den Zukunfts\u00e4chtern erz\u00e4hlte er das Neue als das eigentlich Alte. Und allen verwebte er das scheinbar Unzusammengeh\u00f6rige, das Inkoh\u00e4rente zum Netz, in dem sich Wahrheit allein im Spiel immer neuer Zuordnungen bilden sollte, im Suchen freier Valenzen, im L\u00f6sen, Verlieren und j\u00e4hen Wiederfinden. Mit Molluskent\u00fccke verwandelte sich dabei die Metapher in den Begriff und der Begriff in die Metapher, versank im mythischen Weichgrund aller m\u00f6glichen Sprachen, um die Sprache des Computers als eigentliche Weltsprache zu entdecken. Im Computer, den er nie bedienen lernte, sah er die real gewordene Utopie schierer Universalit\u00e4t und Fernelosigkeit. <\/em>(&#8230;.)\u201c<\/span><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">P.S.\u00a0 (zur Abbildung)<\/span><\/h4>\n<p><em><span style=\"color: #333333;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-ganz-IMG_4460_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-10965\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-ganz-IMG_4460_2-172x360.jpg\" alt=\"\" width=\"129\" height=\"270\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-ganz-IMG_4460_2-172x360.jpg 172w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-ganz-IMG_4460_2-430x900.jpg 430w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Flusser-ganz-IMG_4460_2.jpg 599w\" sizes=\"auto, (max-width: 129px) 100vw, 129px\" \/><\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333;\">Das exotische Flusserportr\u00e4t verk\u00f6rperte urspr\u00fcnglich einen m\u00e4chtigen Ahnen der Mambila (Nigeria\/Kamerun), mit einem Maskengesicht, das klare Sicht in zwei Welten versprach, dessen Bart Altersweisheit verk\u00f6rperte. Der Bauch hat Raum f\u00fcr magische Medizinen und zeigt Potenz. Auch die kampfbereite Pose h\u00e4tte Vil\u00e9m Flusser gefallen.<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EIN EXTRA ZUM 100. GEBURTSTAG Nach der Ver\u00f6ffentlichung in der Wiener Stadtzeitung \u201eFalter\u201c 1990 befand Vil\u00e9m Flusser: &#8222;das erste Interview, das mich wirklich wiedergibt.\u201c \u00a0\u201eEuropean Photography\u201c von Andreas M\u00fcller-Pohle ver\u00f6ffentlichte es 1991 als \u201eVil\u00e9m Flusser \u2013 Ein Gespr\u00e4ch\u201c ein zweites Mal und setzte den Interviewer Klaus N\u00fcchtern oben auf die Titelseite, dort, wo normalerweise der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,101],"tags":[],"class_list":["post-10960","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_vilem-leben","category-flusser-essays"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10960"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16640,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10960\/revisions\/16640"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}