{"id":1076,"date":"2012-04-03T15:15:45","date_gmt":"2012-04-03T14:15:45","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1076"},"modified":"2013-11-27T02:03:20","modified_gmt":"2013-11-27T01:03:20","slug":"arthurs-kompass-und-der-zeitgeist-3-4-12","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1076","title":{"rendered":"Arthurs Kompass und der Zeitgeist &#8211; Kapitel 4"},"content":{"rendered":"<p><strong><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><i>Fortsetzung des Dialogs aus dem vorigen Monat, den man aber nicht kennen muss. Denn an die Stelle des Selbstgespr\u00e4chs tritt der Dialog mit dem 4.Kapitel von Urs App und mit ein paar weiteren interessanten Autoren. \u00a0 \u00a0<\/i><\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><i><!--more--><\/i><\/span><\/strong><\/p>\n<p><i><\/i><i>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vorbemerkung des Herausgebers am 3.4.2012<\/i><\/p>\n<p>Die Rede vom\u00a0<i>Absoluten\u00a0<\/i>bereitet mir f\u00fcnfzig Jahre nach den Hegel-Studien in Frankfurt noch immer Probleme. Auch das\u00a0<i>Ding an sich<\/i>\u00a0geht mir kaum \u00fcber die Lippen. Lebenserfahrung sagt mir, dass es f\u00fcr andere einen Zugang geben\u00a0muss.<\/p>\n<p>Urs App\u00a0f\u00fchrt behutsam in die Ideenwelt vor zweihundert Jahren ein, nimmt den Leser mit auf den Bildungsweg des jungen Schopenhauer. Diesmal spielt die gro\u00dfe Europareise keine Rolle, daf\u00fcr aber die vielf\u00e4ltigen Ideen aller m\u00f6glichen Autoren, die damals in der Luft lagen: die von Tieck und Wackenroder (23ff), der Mystiker des 17.Jh. Jakob B\u00f6hme und Madame Guion (25), die in den Dramen von Zacharias Werner (27-34). Dann begegnete er 1809 der turbulenten Naturgeschichte, deren Fossilien weit mehr Fragen stellten als sie beantworteten. (38-40). Von da war es nicht weit zu allgemeineren Fragen , etwa zu Schellings \u201eWeltseele\u201c und seinen \u201eIdeen zu einer Philosophie der Natur\u201c (41ff.).<\/p>\n<p>Die ersten drei Kapitel des Buches, deren\u00a0 Lekt\u00fcre man vielleicht ungeduldig und kopfsch\u00fcttelnd absolvierte, erweisen sich nun als Segen. Denn auch bei App bewegt sich der im 4.Kapitel anklingende Streit zwischen den Doktrinen der Gro\u00dfphilosophen (\u201echampions league\u201c) des\u00a0<i>Deutschen Idealismus<\/i>\u00a0in den bekannten Bahnen. Ich erkenne sie wieder und kriege die alten Bauchschmerzen: Diese Problemstellungen sollen noch irgendwie relevant sein f\u00fcr unsere Zeit? Lebhaft kann ich das Ringen des jungen Schopenhauer mit den Vorlesungen Fichtes (65f. ) und mit den Texten, seine leidenschaftliche, die eigene Existenz einbeziehende Parteinahme nachvollziehen, doch ihr Gegenstand und der Bereich, in dem (Er)l\u00f6sungen gesucht werden, bleiben mir ein exotisches R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Erst der Blick \u00fcber den Tellerrand der z\u00fcnftiger Philosophie f\u00fchrt mich weiter, zun\u00e4chst mit\u00a0Beat Wyss\u00a0(Bochum) zu Hegels klassizistischer \u00c4sthetik (\u201e<i>Trauer der Vollendung<\/i>\u201c), dann mit Robert\u00a0Darnton\u00a0(Harvard) zum \u201eEnde der Aufkl\u00e4rung in Frankreich\u201c (\u201e<i>Der Mesmerismus<\/i>\u201c, dt.1983). Darnton ist einer der Begr\u00fcnder der \u201eMentalit\u00e4tsgeschichte\u201c. Auch wenn man sie nicht anpeilt, treten Mentalit\u00e4ten als Hintergrundsph\u00e4nomene unweigerlich auf, sobald man historische Denkprozesse konkret in ihren Ver\u00e4stelungen rekonstruiert, wie Urs App dies tut. Auf der Rezeptionsseite werden egal wie klar formulierte Botschaften seit jeher abgewandelt, weitergedacht oder schlicht missverstanden. In den erw\u00e4hnten ersten Kapiteln tritt der Zeitgeist in Deutschland nach 1800 sozusagen unwiderstehlich in den Vordergrund. Der Handelsch\u00fcler und junge Student Schopenhauer reagiert auf ihn, erscheint noch ganz in ihm befangen.<\/p>\n<p>Urs Apps Darstellung h\u00e4lt mit ruhiger Hand Kurs in Kenntnis der schlie\u00dflich entwickelten philosophischen Position her, ohne uns die Sicht zu versperren.<\/p>\n<p>Der Wissenschaftshistoriker Paul Feyerabend k\u00f6nnte ihm zur Seite stehen, etwa mit der an den Naturwissenschaften der Neuzeit gemachten Erfahrung, dass alle Theorien zu Beginn h\u00f6chst angreifbar sind, voller Ungereimtheiten und L\u00fccken, und von den etablierten Fachautorit\u00e4ten unter Druck gesetzt werden. In seiner drastischen Art hat er im Interview von 1993 die Emp\u00f6rung der Vertreter bew\u00e4hrter Fachdisziplinen \u00fcber<i>ungebildete<\/i>\u00a0Newcomer nachgespielt. Seinen\u00a0 ber\u00fchmten Kommentar \u201eAnything Goes\u201c (wenn Forschung tats\u00e4chlich Ergebnisse bringt) hat er keineswegs frei erfunden und man muss ihn sich eigentlich zusammen mit einem Achselzucken vorstellen.\u00a0 Doch gerade Pioniere m\u00fcssen Gl\u00fcck haben, ob sie nun Galilei oder Charles Darwin hei\u00dfen. Dem wurde die Chance seines Lebens aufgrund der Empfehlung seines Vorgesetzten geboten, als er kaum mehr Vorkenntnisse als die eines Grundstudiums hatte.<\/p>\n<p>Erst im Nachhinein scheinen wissenschaftliche Traditionslinien einfach gezogen, und ihre angeblichen Meilensteine treten so deutlich hervor, als ob sie kunstvoll herauspr\u00e4pariert w\u00e4ren. Und das sind sie ja auch. \u00dcber die Dummheit der Mitl\u00e4ufer siegreicher Theorien hat Feyerabend \u00fcbrigens auch geschrieben.<\/p>\n<p>Robert Darnton weitet unseren Horizont systematisch aus auf\u00a0 das\u00a0<i>Publikum<\/i>\u00a0der Wissenschaften, auf die ganze wissenschaftliche und philosophische \u00d6ffentlichkeit einer europ\u00e4ischen Metropole, am Beispiel von Paris vor 1789.<\/p>\n<p>Da erscheinen die faszinierenden Irritationen, die in G\u00f6ttingen Professor Blumenbach (38ff) bei Schopenhauer ausl\u00f6st, als Nachhall der St\u00fcrme des vorangegangenen Jahrhunderts.<\/p>\n<p>\u201eEs war ein Jahrhundert der\u00a0<i>Systeme<\/i>,\u00a0 genau so wie es ein Jahrhundert des Empirismus und der Experimente war.\u00a0<i>Wissenschaftler<\/i>, oftmals Geistliche, trieben<i>\u00a0Wissenschaft<\/i>, oftmals unter dem Namen Philosophie, und stiegen die gro\u00dfe Kette der Wesen aufw\u00e4rts, bis sie jenseits der Physik bei der Meta-Physik und beim H\u00f6chsten Wesen anlangten.\u201c (Darton 20)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darnton benennt beil\u00e4ufig eine ganze Reihe obskurer \u201eFiktionen\u201c aus heutiger Sicht, mit denen sich Philosophen und Wissenschaftler ebenso ernsthaft besch\u00e4ftigt haben wie mit den Theorien und Entdeckungen, durch die sie ber\u00fchmt geworden sind.<\/p>\n<p>Und was war alles entdeckt worden: Schwerkraft, Elektrizit\u00e4t, neue Gase, die den Ballonflug erlaubten. Der resultierende Hype soll mit dem des ersten Mondflugs vergleichbar gewesen sein.<\/p>\n<p>Das ehrw\u00fcrdige\u00a0<i>Element\u00a0<\/i>Wasser wurde vom\u00a0<i>Chemiker\u00a0<\/i>Lavoisier seines Rangs entkleidet, daf\u00fcr isolierte man neue Elemente. In den Forschungsmethoden herrschte Anarchie, ein\u00a0<i>Anything Goes.<\/i><\/p>\n<p>Die Verwirrung war gro\u00df, die Grenzen zwischen Fachwissenschaft und Scharlatanerie unklar und hart umk\u00e4mpft. Popul\u00e4rwissenschaft war ein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft f\u00fcr Verleger, Vortragsk\u00fcnstler und Wunderheiler. Auch die Ausstatter von \u201eAmateuren, die mit Phosphor und Elektrizit\u00e4t herum- spielten\u201c (33) verdienten Geld. Das Personal\u00a0 der engagierten Forscher war noch nicht eingegrenzt.<\/p>\n<p>\u201eDie fortschreitende Scheidung der Wissenschaft von der Theologie im 18. Jahrhundert befreite die Wissenschaft nicht gleichzeitig von Fiktionen, weil die Wissenschaftler ihre ganze Phantasie zusammenzunehmen hatten, um \u00fcberhaupt etwas Vern\u00fcnftiges bei den Tatsachen zu denken, und jene h\u00e4ufig blo\u00df zu sehen, die von ihren Mikroskopen, Teleskopen, Leydener Flaschen, bei der Jagd nach Fossilien und in den Sektionen (Anatomie) enth\u00fcllt wurden\u201c (21).<\/p>\n<p>Wenn ich die immer wiederkehrende Botschaft heutiger Wissenschaftsjournalisten recht verstanden habe, gilt diese Feststellung auch in unserer f\u00fcr die Wissenschaften ungeheuer fruchtbaren Zeit. Und auch heute arbeiten Wissenschaftler und Philosophen keineswegs unbeeinflusst vom Zeitgeist. Die Beziehungen zur Politik, der Wirtschaft, dem Markt \u00fcberhaupt und einer gebildeten \u00d6ffentlichkeit sind enger denn je und damit auch das Verh\u00e4ltnis von Experten und gebildeten Laien brisant. Auch dazu hat Paul Feyerabend einiges in seinen \u201eThesen zum Anrchismus\u201c (Karin Kramer Verlag, Berlin 1996) gesagt.<\/p>\n<p>Sind wir zu weit vom Thema abgekommen? \u2013 So wenig wie die Wissenschaftsgeschichte im Nachhinein aus Unwissen oder Desinteresse simplifiziert werden darf, so wenig vertr\u00e4gt das die Philosophiegeschichte. Anders als Naturwissenschaften, die in den zweihundert Jahren sich in methodologisch festigen konnten und einen geregelten Diskurs untereinander f\u00fchren, was aus interdisziplin\u00e4ren Forschungen erfolgreiche neue Disziplinen entstehen l\u00e4sst, leben Geisteswissenschaften und Philosophie in einer Dauerkrise, vergleichbar der Situation aller Wissenschaften am Ende des 18. Jahrhunderts. Das hat nat\u00fcrlich auch mit den Gegenst\u00e4nden zu tun, die in sich das Zeug haben, Verirrung zu erzeugen und einen um den Verstand zu bringen. Gerade die Totgesagten beweisen ein z\u00e4hes Leben: Theologien, Kosmologien und Okkultismen aller Herren L\u00e4nder besetzen unbeirrt ihre Nischen und werden von Zeit zu Zeit darin wiederentdeckt. \u201eLeben wir in einem aufgekl\u00e4rten Zeitalter?\u201c fragte Kant. Er antwortete: \u201eNein, aber in einem Zeitalter der Aufkl\u00e4rung\u201c. Wir wissen wie er 1788, dass das nur unter Vorbehalt gilt. Die Fronten verschieben sich nur. Man k\u00f6nnte sehr wohl\u00a0<i>hinter<\/i>\u00a0Kants Kritik der reinen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft\u00a0<i>zur\u00fcck<\/i>. Wer war schon Kant?\u00a0 (\u2026)<\/p>\n<p>Man kann sich fragen, wozu man seine Zeit eigentlich mit dem Denken von Vorfahren vertun sollte, das zweifelsfrei mit \u00fcberwundenen, oder gar\u00a0 irrationalen Zeitstr\u00f6mungen kontaminiert war. Man k\u00f6nnte bei der Suche nach Einsparungen die finanziellen Zuwendungen f\u00fcr deren Erforschung streichen wollen. Geh\u00f6ren solche historische Geistesgr\u00f6\u00dfen nicht wie andere antike\u00a0<i>Promis<\/i>\u00a0in den Bereich einer ausgekl\u00fcgelten Tourismusf\u00f6rderung, so wie etwa das Wohnhaus eines ber\u00fchmten Philosophen eigentlich neben ein Romantik-Museum an die Frankfurter M\u00e4rchenstra\u00dfe geh\u00f6rte?<\/p>\n<p>Vielleicht besteht der Nutzen vor allem im unzeitgem\u00e4\u00dfen und anachronistischen Charakter ihrer Lehren. Woran sollte sich sonst unsere eigene Mentalit\u00e4t sto\u00dfen? In welchem Spiegel k\u00f6nnen wir uns noch\u00a0<i>fremd<\/i>\u00a0werden, um \u201euns von unserer Selbstbezogenheit zu erl\u00f6sen\u201c? Damit meinte er emeritierte Ethnologe\u00a0Fritz Kramernicht nur das Individuum, nein, auch die \u2013 immer mehr Menschen gemeinsame \u2013<i>Lebenswelt<\/i>\u00a0computergesteuerter Abl\u00e4ufe und formalisierter Entscheidungen, in der<i>das Absolute\u00a0<\/i>in der musealen Vitrine Platz finden w\u00fcrde, wenn es nicht die vielen<i>Nischen<\/i>\u00a0oder\u00a0<i>wilden Deponien\u00a0<\/i>g\u00e4be.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung des Dialogs aus dem vorigen Monat, den man aber nicht kennen muss. 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