{"id":1074,"date":"2012-04-27T15:38:05","date_gmt":"2012-04-27T14:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1074"},"modified":"2013-11-27T02:24:06","modified_gmt":"2013-11-27T01:24:06","slug":"3-jour-fixe-im-tal-der-ahnungslosen-protokoll-27-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1074","title":{"rendered":"Jour Fixe im Tal der Ahnungslosen \u2013 Protokoll vom 27.4."},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0<\/b>Lauter Neue, Zugv\u00f6gel und Nichtleser von App. Regehly tr\u00e4gt wenigstens erst mal vor, wenn auch res\u00fcmierend. <!--more-->Den Impuls setzt H. mit der Entdeckung von Schopenhauers \u201estarkem Trieb\u201c, der\u00a0 \u201eunterdr\u00fcckt\u201c sei und dergestalt Arthur \u201ezur Philosophie gedr\u00e4ngt\u201c habe (frei nach St\u00f6rig\u2019s Philosophiegeschichte).<\/p>\n<p>Die Reiseerfahrung (Galeerensklaven) und Weimars \u201ebigotte Welt\u201c (G.) wurden wieder ins Feld gef\u00fchrt. Ich brachte die intellektuelle Umgebung ins Spiel und zog eine Parallele zur \u201eFrankfurter Schule\u201c in meiner Adoleszenz. Intensive Lekt\u00fcre radikaler und gesellschafts-kritischer Schriften f\u00fchrt den sensiblen jungen Menschen zu rigiden moralischen Urteilen.<\/p>\n<p>Auch Kant geh\u00f6rte zur Lekt\u00fcre. Hatte er auch dessen heiter und humorvoll gestimmten Schriften, die R. ins Feld f\u00fchrte, gelesen? Mir jedenfalls erschienen die Hauptwerke stets von einer asketischen Rigidit\u00e4t; Popper, Onfray und Zitelmann kamen erst sp\u00e4ter bei mir vorbei.<\/p>\n<p>Ich dramatisiere lebhaft Arthurs Begegnung mit Fichte, wobei wir \u00fcber dessen angeblich tollen Kunstgriff streiten, unerfahrenen H\u00f6rern das Mitschreiben zu verbieten. Fichte ist mir wohl in allem zutiefst unsympatisch. R.: \u201eWer mag den schon?\u201c<\/p>\n<p>Gesockelte Pers\u00f6nlichkeiten abzuwerten, ist wohl ein Tabu. R. formulierte: \u201eer unternahm es\u2026\u201c. Dagegen setzte ich: \u201eDas war sein leerer Anspruch, sein Wahn\u201c. Bob: \u201eEr weckte Arthurs Widerstand\u201c \u2013 Ich: \u201eWar das etwa sein Verdienst? Kann ein begabter Mensch nicht aus allem etwas machen?\u201c Man faselt vom \u201eBlitz, der der Ausarbeitung vorausgehe\u201c \u2013 so der emeritierte Professsor aus Bonn, der erst allm\u00e4hlich merkt, dass der Jour Fixe f\u00fcr ihn kein Heimspiel ist. \u201eKlar, aber bei einer Vorlesung handelt es sich um eine Aufgabe der Kommunikation. Soll der Fichte\u2019sche \u201eBlitz der Evidenz\u201c die ahnungslosen Studenten etwa in ihrem vernebelten Kopf treffen?\u201c\u00a0Fichte: \u201eDas Wissen rei\u00dft sich los\u201c \u2013 \u201eDas Wissen tut gar nichts\u201c (Heiterkeit); dann behandle ich die Formulierung als verr\u00e4terische Geste eines Betr\u00fcgers oder Spinners. R. ist nat\u00fcrlich mit Arthur und App einverstanden, dass es ein Widerspruch in sich ist, wissentlich das h\u00f6here Wissen zu erlangen. Dass Arthur Schopenhauer gegen\u00fcber Fichte im sp\u00e4teren Leben \u201ekonziliant gewesen\u201c (Regehly) gewesen sei, f\u00fchrt mich \u2013 mit Popper im Hinterkopf \u2013 zu Kant zur\u00fcck, der ja Fichte als falschen Freund zur\u00fcckwies. Der h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen<i>: Fichte macht sich eben\u00a0seinen\u00a0Gott, so wie alle Polytheisten, Theisten, Deisten oder Atheisten es tun<\/i>.\u00a0R. gibt mir die allerh\u00f6chste Best\u00e4tigung: \u201eSchopenhauer verstand sich als Thronerbe Kants\u201c. (Wieder eine Wissensl\u00fccke gezeigt in meiner\u00a0<i>clever bluffen-<\/i>Performance!)<\/p>\n<p>Da das Jahresthema anfangs von R. als \u201eGeburt der Philosophie Schopenhauers aus dem Geist indischer Weisheit\u201c vorgestellt wurde, wir aber erst zum Ende der Sitzung eben an den Rand dieses Ph\u00e4nomens gelangen, nehme ich die Frage vom Anfang des Treffens wieder auf: \u201eWarum braucht ein junger Mensch, ohne im Ungl\u00fcck zu leben, Erl\u00f6sung? Was treibt ihn an? (Siehe oben) Die Verbindung von \u201eThronerbe Kants\u201c mit \u201eErl\u00f6sung\u201c erscheint mir auch kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. \u201eKant h\u00e4tte nicht nach\u00a0<i>Erl\u00f6sung\u00a0<\/i>gestrebt\u201c, behaupte ich frech und h\u00f6re keinen Widerspruch. In einer gewagten historischen Parallele vergleiche ich das Jahrhundert Kants mit der optimistischen Stimmung von den sechziger bis in die siebziger Jahre: \u201eWir suchten nicht\u00a0<i>Erl\u00f6sung<\/i>, wir gedachten die Welt zu ver\u00e4ndern\u201c. \u201eWarum braucht ein junger Mensch, ohne im Ungl\u00fcck zu leben,\u00a0Erl\u00f6sung?\u201c\u00a0R.: \u201eEr war durchaus ein religi\u00f6ser Mensch\u201c. Wenn er auch \u201edie Pfaffen\u201c bel\u00e4chelte,\u00a0 verstand er sich als \u201echristlichen Philosophen\u201c. Der Bonner sekundiert professoral:\u00a0\u201eF\u00fcr Schopenhauer war das metaphysische Bed\u00fcrfnis eine anthropologische Konstante\u201c. R. verweist auf den speziellen \u00a717 des 1844 erschienenen \u201eHauptwerks\u201c: Nat\u00fcrlich gebe es Berufene, der Rest\u2026. (Also doch \u201eErbs\u00fcnde\u201c!) R.: Von Kant habe er die Annahme \u00fcbernommen, es k\u00e4me in absehbarer Zeit zur \u201eEuthanasie der Religion\u201c, sie werde friedlich entschlafen. Ich trumpfe auf mit dem Gedanken aus meinem Paper, das schon zur Verteilung bereitliegt: \u201eInzwischen sind beide im Abseits\u201c. Widerspruch: Die Prognose sei eben falsch gewesen. Ich kontere: \u201eNach Marx oder Hegel kommt alles zweimal vor: das zweite Mal als Farce\u201c und ich verweise auf die bekannten elenden Erscheinungsformen in der Gegenwart. Die Kennerin lateinamerikanischer Kirche (Befreiungstheologie?) in der Runde protestiert. Wir kommen schlie\u00dflich zu einem differenzierteren Ergebnis, wozu (wessen?) Satz\u00a0 \u201eReligion war immer nur ein Zeichen\u201c beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Am Ende lesen wir S.65\/66 bis zur Erw\u00e4hnung des \u201eOupnek\u2019hat\u201c. R. ist beschwingt, wir sind elegant mit Kap. 4 durchgekommen, man fand die zwei Stunden kurzweilig, man dankt mir. R. will sich mit mir treffen. H. ist schon lange verstummt. G. wartet, dass wir zusammen weggehen, aber unser Gespr\u00e4ch wird anstrengend werden und uns unsere Fremdheit vor Augen f\u00fchren.<b><i>\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Lauter Neue, Zugv\u00f6gel und Nichtleser von App. Regehly tr\u00e4gt wenigstens erst mal vor, wenn auch res\u00fcmierend.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-1074","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1074"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1074\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1165,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1074\/revisions\/1165"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}