{"id":1072,"date":"2012-06-26T15:35:55","date_gmt":"2012-06-26T14:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1072"},"modified":"2013-11-26T17:56:31","modified_gmt":"2013-11-26T16:56:31","slug":"4-zu-kapitel-7-liebe-und-einung-und-im-vorgriff-auf-nachfolgende-kapitel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1072","title":{"rendered":"Liebe und Einung in Kapitel 7 und im Vorgriff"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Beginnen wir beim Leichtesten:\u00a0 Mein vorherrschender Eindruck bei der Lekt\u00fcre ist, dass damals ein buchst\u00e4blicher\u00a0<i>Run<\/i>\u00a0auf den Ursprung stattfand, leidenschaftlich wie der europ\u00e4ische\u00a0<i>Run<\/i>\u00a0auf die Pole! Die letzten Reservate der Philosophie, die letzten Geheimnisse der Existenz zu l\u00fcften. <!--more-->Entdeckungen waren zu machen!\u00a0Globalisierung ereignete hier sich auf eine unerwartete Weise: Das aus orientalischen Lehren kompilierte, ja destillierte Buch\u00a0<i>Oupnek\u2019hat<\/i>\u00a0traf<i>\u00a0<\/i>im Westen auf dr\u00e4ngende Fragen des philosophischen Selbstverst\u00e4ndnisses und der allgemeinen Sinnsuche, die nach einer Tiefendiagnose verlangte.<\/p>\n<p>Bemerkenswert finde ich, dass Schopenhauer im Anschluss an westliche Mystiker und den Vermittler Anquetil die asiatische Botschaft in ihrem vollen Umfang aufnahm, in der Identit\u00e4t von Erl\u00f6sung und Erkenntnis, nicht etwa blo\u00df als einen erkenntnistheoretischen Weg. (vgl. 174f.) Das weist Urs App nach. Schopenhauers Interpreten schienen das lange nicht wahrhaben zu wollen. Auch Safranski nicht. Der schlie\u00dft kurz:\u00a0<i>\u201eEr will eine eigene Sprache finden. Er arbeitet sich daran ab, seine Philosophie im Horizont der abendl\u00e4ndischen Philosophie zu entwickeln.\u201c \u201eSeine junge Willensmetaphysik soll ihnen Schopenhauers Autonomie gegen\u00fcber Einfl\u00fcssen bewahren, die nur \u201egleichsam illlustrierend\u201c<\/i>\u00a0(Safranski: 305*\/App: 158)\u00a0<i>gelten<\/i>sollen. App spricht von nachtr\u00e4glichem \u201eAndocken\u201c (169) \u00a0beziehungsweise \u201eBest\u00e4tigung\u201c (Safranski: 305; auch App f\u00fcr das Jahr1815, vgl. App178-180).\u00a0Man hat freilich nicht wie App den handschriftlichen Nachlass minuti\u00f6s mit dem<i>Oupnek\u2019hat<\/i>\u00a0abgeglichen und registrierte nur die oberfl\u00e4chlich sichtbaren Anleihen und Hinweise.<\/p>\n<p>Bleibt f\u00fcr mich dennoch die Frage: Was macht der Milieuwechsel des\u00a0<i>Oupnek\u2019hat\u00a0<\/i>\u00a0aus der Welt der Asketen und Mystiker in eine der wissenschaftlichen und Industriellen Revolution mit den Ideen? Sie werden zu Wertstoffen, die eine unwiderstehliche Str\u00f6mung aus allen Winkeln der Erde f\u00fcr das westliche Projekt universalen Fortschritts ansaugt.<\/p>\n<p>Wenn Schopenhauer aber doch nur\u00a0<b><i>wissen<\/i><\/b><i>\u00a0<\/i>wollte?<\/p>\n<p>\u201eIhr werdet sein wie Gott!\u201c war die Botschaft der j\u00fcdischen, abendl\u00e4ndischen Tradition. Schopenhauer war kein indischer M\u00f6nchssch\u00fcler, kein persischer Hofgelehrter, kein Asket in seiner Abgeschiedenheit. Er wollte \u00f6ffentlich bestallter Professor an einer modernen westlichen Universit\u00e4t sein und er wurde Autor unter den Bedingungen des modernen Verlagswesens. Er geh\u00f6rt also zu uns, auch wenn er aus exotischen Quellen sch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Doch wer sind\u00a0wir?<\/p>\n<p>Hat vielleicht \u201edas Weiche das Harte besiegt\u201c? wie Bertold Brecht im Gedicht \u00fcber<i>Laozi<\/i>\u00a0(Lao tse)\u00a0sagt? Entspringt meine Fragestellung blo\u00df einem Gef\u00fchl der Kr\u00e4nkung dar\u00fcber, dass in der westlichen Welt seit den zwei Weltkriegen nichts mehr funktioniert wie vorher? Weder die Zugangskontrolle, noch die Immunabwehr, am ehesten noch Integrationsf\u00e4higkeit und die Attraktivit\u00e4t?<\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Wie liest sich das Buch?<\/b><\/p>\n<p>Am schwierigsten ist f\u00fcr mich der Aufbau der Darstellung: Thema und Variationen. Die Zahl der Themen, der beobachtbaren Details, der Namen und verwendeten Begriffe wird immer kleiner. Das Format der \u00dcberraschungen und Ergebnisse auch. Es ist ein wenig wie beim Verspeisen eines Krustentiers oder einer Artischocke.<\/p>\n<p>Warum lesen wir dieses anspruchsvolle Buch weiter? Was h\u00e4lt uns bei der Stange?<\/p>\n<p>Nun gut, die Aussicht auf den n\u00e4chsten Diskussionstermin. Doch was ist eigentlich der Gewinn aus diesem Buch?<\/p>\n<p>Wir kommen der Person Schopenhauers n\u00e4her, deren Gedanken uns pers\u00f6nlich etwas bedeuten. Wir erleben nach, wie Arthur undurchschauten Einfl\u00fcssen ausgesetzt war und intellektuell zum Schwimmen gezwungen war wie wir selber. Als<i>Schopenhauerianer<\/i>\u00a0nat\u00fcrlich\u00a0gegen\u00a0den Strom. Wir k\u00f6nnen auch Urs App beim Schwimmen zusehen und ihn ein St\u00fcck weit zum Vorbild nehmen, sein Engagement, seine Redlichkeit, seine Aufmerksamkeit. Das alles ist ein Wert an sich. Das Buch kann dazu beitragen, das menschliche Antlitz Schopenhauers wieder f\u00fcr ein paar Jahrzehnte zu retten, bis es vielleicht zur Fratze einer Monumentalfigur des Weltkulturerbes mutiert, eine sich andeutende Ersatzreligion der Eliten.<\/p>\n<p>Doch ich sehe einen weiteren Grund. Was R\u00fcdiger Safranski \u00fcber die \u201e<i>sehr ausf\u00fchrlichen Manuskriptb\u00fccher dieser Jahre<\/i>\u201c sagt, gilt gerade auch f\u00fcr Urs Apps Studie:<\/p>\n<p>\u201e<i>Hier ist Schopenhauers Denken in einem anderen Aggregatzustand greifbar: als suchende und existentiell engagierte Denkbewegung, die noch nicht im konstruktiven System geschlichtet und bes\u00e4nftigt ist. Das Werk will Probleme l\u00f6sen, das Manuskriptbuch l\u00e4sst den existentiellen Sinn der Probleme hervortreten. Das Manuskriptbuch enth\u00e4lt die in Leib und Leben verwickelten Fragen, auf die das Werk die Antwort sein will.<\/i>\u201c (296) \u2013 Ja,\u00a0<i>Antwort sein will<\/i>. Urs App erspart uns das m\u00fchsame, wenn nicht aussichtslose Bohren dicker Bretter im System, um zum \u201eKern\u201c des schopenhauerschen Denkens durchzudringen.<\/p>\n<p>Wie schwer das selbst f\u00fcr Experten ist, zeigen ja die zitierten Missverst\u00e4ndnisse (App158f.).<\/p>\n<p>Wenn Schopenhauer sich\u00a0<i>\u201edaran ab(arbeitete), seine Philosophie im Horizont der abendl\u00e4ndischen Philosophie zu entwickeln<\/i>\u201c, so haben wir heute unsere Probleme mit diesem Horizont, wenn wir uns nicht darauf spezialisiert haben. Gerade Schopenhauers Bem\u00fchen, seine Darstellung \u201e<i>mit den Systemen der Gr\u00f6\u00dften seines Fachs in Zusammenhang zu bringen<\/i>\u201c (169) erschwert dem Leser die Aufnahme. \u201eKonstruktive Systeme\u201c sind Gegenst\u00e4nde f\u00fcr Experten geworden.<\/p>\n<p>Meine Frau fragt mich nach der Aktualit\u00e4t des schopenhauerschen Denkens. Ich antworte heute: Solange existentielle Fragen gestellt werden, die ja auch religi\u00f6se sein k\u00f6nnen, solange Menschen\u00a0 ihr \u201e<i>Menschsein in seinen grundlegendsten Dimensionen: Lebenwollen und Leiblichkeit<\/i>\u201c (152) hinterfragen, solange ist dies Denken aktuell, aber am ehesten im \u201e<i>Aggregatszustand<\/i>\u201c der \u201e<i>engagierten suchenden Denkbewegung<\/i>\u201c, worin \u201e<i>die innere treibende Kraft<\/i>\u201c, \u201e<i>das Herz<\/i>\u201c dieses Denkens \u2013 und warum soll man nicht sagen: dieses Menschen \u2013 sichtbar wird.<\/p>\n<p>Die \u201esuchende Denkbewegung\u201c\u00a0 als \u201e<i>Aggregatszustand<\/i>\u201c des philosophierenden, aber auch wissenschaftlichen Denkens ist unvermindert\u00a0 aktuell, ja unverzichtbar.\u00a0Ganz einfach ist auch sie nicht zu bewerkstelligen. Darum brauchen wir einen ortskundigen Lehrer, einen wissenschaftlichen Kommentator, der uns Leser in un\u00fcbersichtlichem Gel\u00e4nde an die Hand nimmt. Da stehen etwa Erkl\u00e4rungen, die \u201ekeine Lehrs\u00e4tze, sondern Versuchsballone\u201c sind (170), \u201eKopplungsversuche\u201c, \u201eAndocken\u201c, strategische Versuche, seine neue Lehre mit bereits anerkannten Systemen in Verbindung zu bringen. App warnt den Leser, \u201esehr vorsichtig zu sein, wenn man sp\u00e4tere Kommentare Schopenhauers zur Erkl\u00e4rung fr\u00fcherer Sachbest\u00e4nde beiziehen will.\u201c (177) Wie will der Laie das Gestr\u00fcpp durchschauen? Wie notierte an einer Stelle Schopenhauer? \u201eAus dieses Thales Gr\u00fcnden\/ Wird ich den Ausgang finden?\u201c (HN276,171)<\/p>\n<p>Und unseren erfahrenen Begleiter d\u00fcrfen wir ja immer zugunsten der Originalquellen und neuer Ratgeber verlassen.<\/p>\n<p>Safranskis Biografie hat f\u00fcr das Kernthema zwar nur begrenzte Aufmerksamkeit, wirbelt locker durch die\u00a0<i>Handschriftlichen Manuskripte<\/i>, schaut aber f\u00fcr die betreffenden Jahre auch auf andere Seiten in Schopenhauers Leben. Die Beziehung zu Goethe wird nicht so sehr von asiatischen Gemeinsamkeiten, sondern von der Entzweiung \u00fcber die \u201eFarbenlehre dominiert. \u201eDresden\u201c ist eine von der franz\u00f6sischen Einquartierung und l\u00e4ngerer Belagerung gezeichnet, als Schopenhauer f\u00fcr vier Jahre hier Wohnung bezieht. Er lebt \u201emit seinen B\u00fcchern und Studien \u2026 fast g\u00e4nzlich isoliert und ziemlich einf\u00f6rmig\u201c (295). Seine \u00f6ffentlichen Auftritte sind \u201evon offenherzigster Ehrlichkeit\u201c. Er ist \u201eherb und derb, bei allen wissenschaftlichen und literarischen Fragen ungemein entschieden und fest, Freund und Feind gegen\u00fcber jedes Ding bei seinem rechten Namen nennend, dem Witze sehr hold\u2026\u201c (292).\u00a0Anders als Urs App, portr\u00e4tiert Safranski auch K.C.F. Krause, einen Nachbar Schopenhauers ab November 1815, Indologe und Meditations\u00fcbungen praktizierend. (303) F\u00fcr App ist dieser Mann nicht so interessant, weil zu dieser Zeit Schopenhauers System bereits gefestigt sei (180). Den Sinn f\u00fcr das Meditieren beziehungsweise \u201edie Kontemplation\u201c (177) schreibt er auch Schopenhauer zu.<\/p>\n<p><b>Bilanz?<\/b><\/p>\n<p>\u201eDie Welt als Wille und Vorstellung\u201c ist so etwas wie ein weit verzweigtes Schloss. Der selbstbewusste Schlossherr f\u00fchrt nach Abschluss aller Arbeiten den geduldigen (undnur\u00a0den! Siehe seine Vorrede) Leser durchs Haus, selbstverst\u00e4ndlich auf einer Route, die seinem wundersch\u00f6nen Plan gerecht wird. Er empfiehlt, gleich eine zweite F\u00fchrung zu buchen.<\/p>\n<p>Urs App jedoch erkl\u00e4rt uns stattdessen den Fortgang auf der Baustelle. Wir bekommen alle m\u00f6glichen Provisorien und Korrekturen, auch Geheimt\u00fcren zu Gesicht. Ob wir die Baustofflieferanten oder die Qualit\u00e4t der verwendeten Materialien so penibel erfahren wollen? Wir sind weder Architekten, noch Ermittler der Versicherung oder anderer Beh\u00f6rden.\u00a0Doch wir haben nichts anderes, sondern k\u00f6nnen nur an unserem eigenen Blick auf die Veranstaltung arbeiten, ihn adaptieren, wie wenn wir am Strand Muscheln und Fossilien suchen, ganz extrem an einem Kiesstrand. Oder wie es Arch\u00e4ologen und Geologen tun, zumal Urs App die Baustelle in Wahrheit blo\u00df rekonstruiert hat. Es ist eine virtuelle Baustelle.<\/p>\n<p>Fragen wir uns nach den eigenen Motiven!<\/p>\n<p>Kommen wir aus Anh\u00e4nglichkeit zum Jour Fixe ? Es w\u00e4re nicht das schlechteste Motiv!\u00a0 Denn man k\u00f6nnte es immerhin beim Vorwissen gut sein lassen und stattdessen etwa meditieren oder\u00a0 Musik h\u00f6ren &#8211;\u00a0 oder Wein trinken.\u00a0 Die Frage ist: Worauf sind wir neugierig?<\/p>\n<p><b><\/b>Frankfurt\/Main, im August 2012<\/p>\n<p>*\u00a0<i>R\u00fcdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie \u2013 Eine Biografie,\u00a0<\/i><i>\u00a0rororo 12530, (1990) 1998<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Beginnen wir beim Leichtesten:\u00a0 Mein vorherrschender Eindruck bei der Lekt\u00fcre ist, dass damals ein buchst\u00e4blicher\u00a0Run\u00a0auf den Ursprung stattfand, leidenschaftlich wie der europ\u00e4ische\u00a0Run\u00a0auf die Pole! 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