{"id":10612,"date":"2020-08-09T18:00:46","date_gmt":"2020-08-09T16:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10612"},"modified":"2024-02-12T21:52:30","modified_gmt":"2024-02-12T20:52:30","slug":"das-lachen-kinshasas-eine-postkoloniale-stadt-und-ihre-unsichtbare-architektur-gedanken-beim-lesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10612","title":{"rendered":"DAS LACHEN KINSHASAS \u2013 Eine postkoloniale Stadt und ihre unsichtbare Architektur. Gedanken beim Lesen"},"content":{"rendered":"<p><strong>FILIP DE BOECK \u2013 <em>DAS LACHEN KINSHASAS \u2013 Eine postkoloniale Stadt und ihre unsichtbare Architektur. \u00dcber Infrastrukturen aus Verfall und Humor, aus Geld, Macht, Mode und Sex<\/em> (L. I. No.76. S. 38-46) &#8211; Meine Notizen vom Juli 2017, erst im Oktober 2019 hochgeladen, von allem Ballast an Details befreit.\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Ver\u00f6ffentlicht am 7. Okt. 2019, mit aktueller Erweiterung um Beirut im Libanon<\/span><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich entdecke den Aufsatz des Anthropologen im gro\u00dfformatigen Magazin \u201eLETTRE INTERNATIONAL\u201c vom Fr\u00fchjahr 2007, unter der Rubrik \u201eDas Potential der St\u00e4dte\u201c. Ich krieche im Schneckentempo \u00fcber eine gro\u00dfe Bleiw\u00fcste.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>\u201eWimmeln\u201c<\/em><\/strong><strong> und<em> \u201eSchw\u00e4rme\u201c in Kinshasa\u00a0 (RDC)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zwei Ausdr\u00fccke &#8211; \u201e<em>das Wimmeln\u201c<\/em> und<em> \u201eSchw\u00e4rme<\/em>\u201c, in Verbindung mit \u201e<em>Menschen<\/em>\u201c gesetzt (40) &#8211; wecken Bilder von \u201eWarschauer Ghetto\u201c und \u201eKalkutta\u201c. <u>Adelin N\u2019Situ<\/u>, Psychiater und Bewohner Kinshasas (\u201e<em>Kinois<\/em>\u201c), thematisiert denn auch bald \u201e<em>die Angst vor dem Verschwinden. Du kannst jederzeit von der Bildfl\u00e4che verschwinden. Trotzdem wehrst du dich und versuchst, einen Anschein von Stabilit\u00e4t aufrechtzuerhalten, um deinem Leben einen Sinn zu verleihen und in dieser Stadt einen Platz einzunehmen<\/em>.\u201c (41) Egal, welchen Status du erreichst, \u201e<em>die Triumphe beschr\u00e4nken sich auf einen kurzen Augenblick<\/em>\u201c. (43)<\/p>\n<p><strong>\u201e<em>Die sozialen Kontakte und alternativen Formen von Solidarit\u00e4t sind von extremer H\u00e4rte<\/em>\u201c (41)<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke wieder, ich sollte keinesfalls hinfahren &#8211; vor drei\u00dfig Jahren vielleicht, nicht als alter Mann. Gewiss aber in die Filiale Br\u00fcssel, zusammen mit Kongolesen. Ich brauche kleine Portionen.<\/p>\n<p><u>De Boeck<\/u> (<u>Link<\/u>) umrei\u00dft \u201e<em>das urbane Bewusstsein in Zentralafrika<\/em>\u201c (39). Doch dieses urbane Bewusstsein greift allm\u00e4hlich auf Gro\u00dfst\u00e4dte des Nordens \u00fcber. Der Text zitiert die Prognose des Urbanisten <u>Rem Koolhaas<\/u> (um 2000), dass \u201e<em>die westlichen St\u00e4dte fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit denselben urbanen Problemen konfrontiert werden wie das aktuelle Lagos\u201c<\/em> (38) Er spricht von urbanen Infarkten, aber das geht viel weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>Die Sehnsucht nach einer angenehmeren Stadt .. dem Kinshasa ihrer Jugend<\/em><\/strong>\u201c und \u201e<strong><em>das exzessive Bed\u00fcrfnis auszuwandern<\/em><\/strong>\u201c (40)<\/p>\n<p>Beides zielt auf uns, auf unsere St\u00e4dte, die zwar nicht so ideal sind wie ertr\u00e4umt, aber doch ein St\u00fcck weit.<\/p>\n<p>Und dann ist <em>die Stadt <\/em>nur noch<em> das, was die Bewohner, die sich darin einrichten, daraus machen<\/em> (41), zum Beispiel aus einer der wenigen funktionierenden Stra\u00dfenlaternen (41), aus der Verkehrsinsel (40), der schattigen Allee, all den Bauruinen &#8230; Bleiben <em>\u201eGeld, Macht, Mode, Sex und der K\u00f6rper als Spiegel\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Massive Zuwanderung aus postkolonialen Krisen- und Elendsgebieten bleibt nicht ohne Wirkung auf \u201adie Stadt\u2019, und sei es mit Zeitverz\u00f6gerung. Viele sind aus einer Misere aufgebrochen, die uns aus Medienberichten bereits bekannt ist. Sie hatten im Gegensatz zu uns vom <em>Staat <\/em>noch nie viel zu erwarten, und sie sind die Feindseligkeit konkurrierender Bev\u00f6lkerungsgruppen gewohnt. Das gegenseitige Misstrauen in ihren Gesellschaften w\u00e4chst seit Jahrzehnten. Sind sie nicht perfekt eingestellt auf die neue Umgebung?<\/p>\n<p>Der zweimalige Emigrant und Philosoph<u> Vil\u00e9m Flusser<\/u> beschrieb <em>den Immigranten<\/em> und den <em>Dialog <\/em>mit ihm ohne Besch\u00f6nigung:<\/p>\n<p>Wer im Exil menschenw\u00fcrdig leben will, muss kreativ sein. Im Essay \u201eExil und Kreativit\u00e4t\u201c betrachtet er speziell \u201e<em>die Bewohner, die ihn (den Migranten) aufnehmen sollen<\/em>\u201c, und den \u201e<em>Dialog<\/em>\u201c mit ihnen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Diese dialogische Stimmung ist nicht notwendigerweise ein gegenseitiges Anerkennen, sondern sie ist meist polemisch (um nicht zu sagen m\u00f6rderisch). Denn der Vertriebene bedroht die Eigenart des Ureinwohners, er stellt sie durch seine Fremdheit in Frage.\u201c(<\/em>Flusser \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c,1994 und sp\u00e4ter, S.109) Beiden Seiten stellt sich die Aufgabe, aus der Situation f\u00fcr sich das Beste zu machen. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/graeve-flusser-schule.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>: <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/graeve-flusser-schule.pdf\">Flusser an die Schule<\/a>.pdf ab S.22)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sturmreif!<\/strong><\/p>\n<p>Das alles w\u00fcrde ja wie fr\u00fcher in einer Apartheid-Gesellschaft m\u00fcnden, wenn eine gesellschaftliche \u201aWagenburg\u2019 existierte, etwa \u201aLeitkultur\u2019. Die existiert aber nur in den wildesten Tr\u00e4umen bereits marginalisierter <em>Ureinwohner<\/em>. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr sang- und klangloses Verschwinden sind bekannt, unn\u00f6tig, sie ein weiteres Mal aufzulisten. Bis auf drei wenig genannte Aspekte:<\/p>\n<p>Das formalisierte und skelettierte Ausbildungssystem (\u201aBildungssystem\u2019) wird seit einem halben Jahrhundert immer menschenfeindlicher, gibt Jugendlichen immer weniger Raum f\u00fcr sinnvolle Perspektiven jenseits Karriere, Konsum und Zerstreuung, was ich als junger Lehrer noch f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nahm. Das System l\u00e4sst viele in einem <em>rat\u2019s race<\/em> als Versager zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Eine alternde Linke liefert seit Jahrzehnten ideologisches Bruchgestein f\u00fcr eine schleichende Diktatur von &#8211; auf neue Art \u2013 \u201afurchtbaren Juristen\u2019. Sie munitionieren alle Arten individueller Anspr\u00fcche, verfolgen \u00fcberall \u201a<em>Diskriminierung\u2019<\/em>, treiben eine Spirale angeblich dringender \u201a<em>Gleichstellung\u2019<\/em> an \u2013 <em>fiat iustitia pereat mundi <\/em>(deutsch: auf Teufel komm\u2019 \u2019raus).<\/p>\n<p>Dazu das linke Konzept, dass alle Menschen unterschiedslos \u201aBr\u00fcder\u2019 und \u201aSchwestern\u2019 seien, zusammen mit der jugendbewegten Ideologie von der \u201a<em>kulturellen Bereicherung<\/em>\u2019 durch jede Art von \u201a<em>Kulturaustausch<\/em>\u2019. Fremdsprachen werden ja kaum erworben, nicht \u2019mal unbedingt im Kontext der Zuwanderung. Die Verbl\u00f6dung der Massen ist im Vormarsch&#8230;<\/p>\n<p>Habe ich mich etwa hei\u00dfgeredet? Wo waren wir stehen geblieben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>9.8.2020\u00a0 Eine Feuilleton-Reportage in der FAZ \u00fcber &#8211; Beirut <span style=\"color: #ff0000;\">vor<\/span> der Explosion<\/h3>\n<h4><strong>Gestern bekam man <span style=\"color: #ff0000;\">die Zukunft europ\u00e4ischer \u2018Urbanit\u00e4t\u2019<\/span><span style=\"color: #ff0000;\">als nostalgisch empfundene\u00a0 Vergangenheit <\/span>&#8211; wie w\u00e4r&#8217;s mit Paris? &#8211; <\/strong><strong>vor Augen gef\u00fchrt: \u201cEs war einmal &#8211; Gang durch eine zerst\u00f6rte Stadt\u201d, bereichert um die orientalisierende Fassade des <em>Sursock Museum<\/em> in Beirut im Zustand noch einmal f\u00fcnfzig Jahre fr\u00fcher (Foto: Mauritius 1970).<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<div id=\"attachment_11966\" class=\"wp-caption aligncenter\">\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11966\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut-639x900.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 497px) 100vw, 497px\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut-639x900.jpg 639w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut-256x360.jpg 256w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut-624x879.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/FAZ-7.8.2020-Beirut.jpg 781w\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"700\" aria-describedby=\"caption-attachment-11966\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-11966\" class=\"wp-caption-text\">FAZ 7.8.2020, Nr.182, S.9 (Ausschnitt)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte anklicken!<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FILIP DE BOECK \u2013 DAS LACHEN KINSHASAS \u2013 Eine postkoloniale Stadt und ihre unsichtbare Architektur. \u00dcber Infrastrukturen aus Verfall und Humor, aus Geld, Macht, Mode und Sex (L. 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