{"id":1055,"date":"2013-07-17T13:13:10","date_gmt":"2013-07-17T12:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1055"},"modified":"2020-10-20T23:36:28","modified_gmt":"2020-10-20T21:36:28","slug":"in-mediation-mit-arthur-schopenhauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1055","title":{"rendered":"In Mediation mit Arthur Schopenhauer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"> \u00dcberblick\u00a0 in &#8222;Love Affair&#8220; <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(LINK<\/a>)<\/span><b><\/b><\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre von &#8211; Alfred Schmidt: Idee und Weltwille- Schopenhauer als Kritiker Hegels.\u00a0<em>Edition Akzente, Hanser 1988 \u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>&#8218;Moderieren&#8216; w\u00e4re zu wenig gesagt. Denn Alfred Schmidt m\u00e4\u00dfigt nicht nur Arthur gegen\u00fcber Friedrich (Hegel), sondern stellt auch meine\u00a0Beziehung zu Arthur auf eine solidere Grundlage.<\/em><\/p>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Niederschreiben, solange der Eindruck frisch ist! Erleichtert sp\u00fcre ich: Mein Verh\u00e4ltnis zu Schopenhauer entkrampft sich wieder. Alle Einw\u00e4nde, die irgendwann spontan in mir aufstiegen, sind bereits vorgebracht worden, und zwar nicht nur von seinen Gegnern, sondern etwa auch im Pl\u00e4doyer von Alfred Schmidt. Er ist ein kompetenter Vermittler, Moderator, dank seiner Vertrautheit mit <i>Idealismus, Materialismus <\/i>und <i>Pessimismus<\/i> in der neueren Philosophie. Bei ihm und Max Horkheimer bekommt Schopenhauer klare Konturen. Was immer ich erahnt, an einer Geste gesp\u00fcrt oder an Einzelstellen nachgewiesen habe, erscheint mir in helles Tageslicht getaucht. Mein eigener Erkundungsweg, dicht am Text und induktiv, liefert mir zwar jede Menge Emotion, aber Gegenargumente k\u00f6nnen nicht zur Geltung kommen. Ich bin oft hin- und her gerissen. Immer wieder stellt sich mir dramatisch die Loyalit\u00e4tsfrage, etwa bei \u201e\u00dcber die Universit\u00e4tsphilosophie\u201c oder \u201e\u00dcber das Lernen\u201c. (Siehe dort)<\/p>\n<p>Da holen mich Gespenster aus der Jugend ein, der Wunsch, einen vertrauensw\u00fcrdigen Lehrer zu finden, wie damals Bruno Liebrucks, der mich aber auf <i>Friedrich Hege<\/i>l wies. Und das hie\u00df f\u00fcr einen unerfahrenen Studenten: auf ein vermintes, fast unzug\u00e4ngliches Gel\u00e4nde. Ich beschrieb es damals als <i>Berg, auf dem ich herumklettere<\/i>. Die Aussicht war gro\u00dfartig, aber der <i>Berg<\/i> \u2013 einmal vor mir ganz nah \u2013 dann wieder im R\u00fccken &#8211; blieb mir ein R\u00e4tsel. Ich war schon damals nicht so geduldig, wie ich h\u00e4tte sein m\u00fcssen, um es f\u00fcr mich zu l\u00f6sen. Vor allem &#8211; so sehe ich es heute &#8211; fehlt Hegels metaphysischen Begriffen die N\u00e4he zur Anschauung, die ich zum Denken brauche. Metaphysik l\u00e4sst mich im Grunde gleichg\u00fcltig, ob nun Erkenntnistheorie oder Gottesbeweise. Auch mit Kant freundete ich mich erst sp\u00e4t und durch ganz unterschiedliche Vermittler an. Schopenhauer versprach anschauliche Begriffe und ich habe zielsicher einen elementaren Zugang \u00fcber seine zentralen existentiellen Erfahrungen und Einsichten gefunden, vor allem \u00fcber das \u201eSchopenhauer-Lesebuch\u201c des Ehepaars H\u00fcbscher. Dass ich Sch\u00fcler unterrichtete, war der Anlass, aber auch ein Vorwand. Aus dem langj\u00e4hrigen vertrauensvollen Umgang mit Schopenhauer entwickelte sich eine Beziehung, die zwischen Anziehung, Zweifel und Absto\u00dfung wechselte. Die Studie von Urs App verst\u00e4rkte im vergangenen Jahr \u2013 als philosophischer Bildungsroman &#8211; eher noch die Identifikation. Doch irgendwann kommt es in jeder Beziehung zur Krise, welche in diesem Fall die chaotische <i>Abendschule <\/i>des <i>Jour fixe<\/i>\u00a0 noch anheizt. <i>Schopenhauer als Erzieher<\/i> war der ber\u00fchmte Tropfen: Denn Arthur versagt nicht nur in bekannten <i>Sch\u00fclern<\/i> \u2013 das soll jedem <i>Lehrer<\/i> passieren \u2013 sondern entt\u00e4uscht bereits konzeptionell und als Mensch.<\/p>\n<p>Hier setzt die vermittelnde T\u00e4tigkeit von Alfred Schmidt ein. Er entdramatisiert meinen inneren Konflikt, schon indem er zeigt, wie viel Dissens und Abstand eine kritische Freundschaft tragen kann. Und er macht die prek\u00e4re Position Schopenhauers begreiflich, alle <i>sinnstiftenden Instanzen<\/i> (1988,114) niederzurei\u00dfen, aber den metaphysischen Anspruch <i>der Wahrheit<\/i> aufrechtzuerhalten, die <i>Unabgesichertheit <\/i>(114) der <i>atheistisch konzipierten Willenslehre <\/i>(126), die <i>Inkonsistenz<\/i> der Konstruktion, die ihn rastlos sein Leben lang zur Arbeit an seiner metaphysischen Baustelle trieb. <i>Ach ja, Atheist war er?! <\/i>&#8211; notiere ich zu S.116 \u2013 <i>das f\u00e4llt gar nicht auf. Ich vergesse es immer wieder \u00fcber seiner Ernsthaftigkeit! Das Ph\u00e4nomen kennen wir doch von modernen protestantischen Theologen* oder bekennenden Atheisten. Welcher Teufel hat Schopenhauer geritten? Liegt hier der Grund, dass eine Datenbank Schopenhauer als \u2019Weltanschauungsphilosoph\u2019 rubriziert? Er h\u00e4tte jedenfalls weniger gelitten, wenn er es \u00fcber sich gebracht h\u00e4tte, die ganze metaphysische Anstrengung sein zu lassen und zu einem schlichten Buddhismus abzuwandern. Sein heroisches Festhalten an ihr war so sinnlos wie das des alttestamentarischen Moses an seiner Sendung. Nun wundert es mich nicht mehr, dass der Sch\u00fcler Friedrich Mainl\u00e4nder mit dem Universum und seiner Person lieber kurzen Prozess machte.<\/i><\/p>\n<p>*(zu S.122-25) Ich war als junger Student mit Falk Wagner, dem sp\u00e4teren protestantischen Theologieprofessor in M\u00fcnchen, befreundet. Ich erkenne in der Darstellung von Hegels <i>idealistischem Glauben <\/i><span style=\"text-decoration: underline;\">seinen<\/span> spekulativen Eros wieder. Auch er hielt<i> den vern\u00fcnftigen Gedanken f\u00fcr die angemessenste Gestalt (&#8230;) der religi\u00f6sen Wahrheit. Unwiderruflich ist Reflexion \u201ain die Religion eingebrochen\u2019 <\/i>(122). Entsprechende \u00c4u\u00dferungen klingen mir im Ohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischenbilanz<\/p>\n<p>Ich will die vielen Anstreichungen und Randnotizen zu Alfred Schmidts Buch nicht ausf\u00fchren. Ich bin unentschieden, wie sehr ich mich auf den nun deutlich eingegrenzten Philosophen Arthur Schopenhauer aus der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts einlasse. Ein vers\u00f6hnlicher Abschied von einem guten Bekannten w\u00e4re ja auch nicht schlecht. Es gibt auf meiner Ausfahrt in die Philosophie noch viel zu entdecken. Mit jeder Optik nimmt man ander(e)s wahr. Auch mit Vil\u00e9m Flusser ist es mir so gegangen. Ich besuche ihn inzwischen wieder h\u00e4ufiger (+1991) und streite mich mit ihm oder mit anwesenden Freunden.<\/p>\n<p>Um die <i>Frankfurter Schule <\/i>habe ich lange einen Bogen gemacht. Im Grunde schien ihre Bedeutung bereits 1966 mit wachsender Entfernung von Frankfurt auff\u00e4llig abzunehmen, aber das war mein subjektiver Eindruck. Am Freitag auf der Mainzer Tagung h\u00f6rte ich aus Beitr\u00e4gen heraus, dass ihr Bild durch theoretische<i> Inkonsistenz<\/i> und mangelnde Konturiertheit gepr\u00e4gt sei. Vielleicht war ja Traditionsvermittlung, Mediation, Moderation ihre vornehmste Aufgabe. Alfred Schmidt hat mich auf seine anderen Arbeiten neugierig gemacht.<\/p>\n<p><i>geschrieben am 15. und 16. Juli 2013, am 26. August stilistisch \u00fcberarbeitet<\/i><\/p>\n<p>II \u00a0Die Fortsetzung habe ich ausgeklinkt. Sie steht unter dem Titel: <em><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1755\">In der Tram mit Pessimist Horkheimer\u00a0<\/a><\/em>in der \u00fcbergeordneten Kategorie\u00a0<em>Philosophen suchen.<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberblick\u00a0 in &#8222;Love Affair&#8220; (LINK) Nach der Lekt\u00fcre von &#8211; Alfred Schmidt: Idee und Weltwille- Schopenhauer als Kritiker Hegels.\u00a0Edition Akzente, Hanser 1988 \u00a0\u00a0 &#8218;Moderieren&#8216; w\u00e4re zu wenig gesagt. 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