{"id":1050,"date":"2010-08-10T12:12:49","date_gmt":"2010-08-10T11:12:49","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1050"},"modified":"2016-02-13T17:46:24","modified_gmt":"2016-02-13T16:46:24","slug":"noch-einmal-das-netz-nun-als-buch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1050","title":{"rendered":"Noch einmal &#8222;Das Netz&#8220; &#8211; nun als Buch !"},"content":{"rendered":"<p>Tagebuch einer Lekt\u00fcre von \u201ePsychologie der modernen Linken\u201c.<\/p>\n<p><i>Ted Kaczynski hat bekanntlich durch seine Briefbomben an akademische Vertreter des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes die Publikation seines zeitkritischen Manifests in der Washington Post erpresst. Was steckt in dem Text? \u00a0\u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p>1.-8.5.2009,\u00a0 Pointe du Raz, Bretagne.\u00a0Mit Ted Kaczynskis Manifest zum ersten Mal ernsthaft begonnen: \u201ePsychologie der modernen Linken\u201c.<\/p>\n<p>Bereits der Schreibstil <i>des Manifests<\/i> markiert eine Sackgasse. Diagnose: Ein Text zur\u00a0Selbstverst\u00e4ndigung. Der Natur der Sache nach kann es davon keine g\u00fcltige, authentische oder sonst wie befriedigende Fassung geben, h\u00f6chstens eine letzter Hand.\u00a0Seine Ausgangsthesen sind klar und einsichtig, wenn man sich darauf einl\u00e4sst. Als Parole und Handlungsbegr\u00fcndung v\u00f6llig ausreichend &#8211; aber bei theoretischem Anspruch h\u00f6chst angreifbar. Daran \u00e4ndern auch die eilfertig vorgenommenen Relativierungen nichts. Der Stil monologischer Bekundungen erleichtert auch nicht die Akzeptanz. Der Autor &#8211; der als \u201ewir\u201c posiert, damit eine Karikatur anderer selbsternannter Avantgarden &#8211;\u00a0 weigert sich selbst da, wo ihm dies m\u00f6glich w\u00e4re, Mitstreiter und Ideengeber anzugeben. Das Thema ist schlie\u00dflich nicht neu. Und da er seine pers\u00f6nliche Traumatisierung durch <i>social engineering<\/i> in Harvard z.B. ausblendet, bleibt ihm nur noch doktrin\u00e4re Verkleidung &#8211; und als Verbreitungsweg der individuelle Terror.<\/p>\n<p>Die asoziale Einsiedlerh\u00fctte ist eben keine zeitgem\u00e4\u00dfe Plattform f\u00fcr Kommunikation, so wenig wie eine Kleinstadtbibliothek mit Fernleihe als Informationsbasis. Als Ted Kaczynski die Universit\u00e4t als anerkannten Ort der gesellschaftlichen Meinungsbildung verlie\u00df, dachte er vielleicht an den legend\u00e4ren Thoreau. Doch diese Zeit ist wirklich vorbei. Er hat sich in eine Zelle eingeschlossen lange vor seiner Verurteilung zu mehrfach lebensl\u00e4nglicher Haft.<\/p>\n<p>Erneut \u00fcberlegen: Soll man einen \u00fcberf\u00fchrten Terroristen anh\u00f6ren? Wir leben nicht in der Zarenzeit. Und unsere Gegenwart ist im Ganzen nicht totalit\u00e4r. Ihre Zukunft kann es sehr wohl sein.\u00a0Habe ich mich seinerzeit etwa f\u00fcr die Gedankeng\u00e4nge der RAF interessiert? Nein.\u00a0Die Wahllosigkeit seiner Anschlagsziele erschreckt mich beim Lesen. Seine Begr\u00fcndungen \u00fcberzeugen mich nicht.<\/p>\n<p>Zweiter Ansatz: Er ist ein Opfer, das dokumentiert Dammbeck. Ted Kaczynskis pers\u00f6nliche\u00a0 Glaubw\u00fcrdigkeit beruht darauf. Und deshalb ist ihm auch zuzuh\u00f6ren. Die Harvard-Akademiker wussten schon, warum sie diese Kriegsforschungen im Archiv versteckten und Beweise unauff\u00e4llig entsorgten. Worauf er den Schwerpunkt legte &#8211; \u201eBereiche, denen bisher ungen\u00fcgende \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zugekommen ist\u201c (80) &#8211; sind solche, die er als Versuchsperson erfahren hat. Ihnen widmet er sich mit der Versiertheit eines modernen Klienten. Das unterscheidet ihn schon von der RAF, Ulrike Meinhof vielleicht ausgenommen.\u00a0Es ist geradezu anr\u00fchrend, wie Ted Kaczynski sich f\u00fcr das Ganze der Zivilisation engagierte, statt als aufrechter Amerikaner in den W\u00e4ldern zu verschwinden und ein freies Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Stattdessen sitzt er nun als Kostg\u00e4nger des verhassten Systems in einem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis, inneren und \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen ausgeliefert.\u00a0Wo er schon Aktivisten sozusagen niederer Art abwatschte, wegen ihrer \u201eMinderwertigkeitsgef\u00fchle\u201c, ihrer \u201eFeindseligkeit\u201c (86 z.B.) und f\u00fcr ihre \u201eErsatzhandlungen\u201c(93ff.).\u00a0 Das Ma\u00df an Geringsch\u00e4tzung f\u00fcr\u00a0 typisierte Menschen teilt er mit den Psychologen, die ihn einstmals \u201edem\u00fctigten\u201c. Dabei musste er wissen, dass er riskierte, als armes W\u00fcrstchen, als hochkrimineller Gefangener in die Klauen von Psychiatrie und Justiz zu geraten, die das System sch\u00fctzen sollen gegen Dissidenten und Revolution\u00e4re wie ihn. Hat er etwa \u00fcber die RAF gelesen und ihren Kampf um Anerkennung als Kriegsgefangene? Er musste wissen, dass <i>das Schweinesystem <\/i>(RAF) am l\u00e4ngeren Hebel sitzt und es gegen den unweigerlichen <i>\u00a0sozialen Tod<\/i> gar nichts n\u00fctzt, strafrechtlich f\u00fcr verantwortlich erkl\u00e4rt zu werden \u2013 was ihm das Wichtigste am Deal beim Prozess war. Soziale \u00c4chtung geht dann eben andere Wege als den psychiatrischen Weg. Wir sind l\u00e4ngst wieder auch beim Text:<\/p>\n<p>Ich jedenfalls kenne den als \u201elinks\u201c beschriebenen Menschenschlag und w\u00fcrde Kaczynski auch im weitesten Sinn als \u201elinks\u201c verstehen. Ich bin jetzt gespannt,\u00a0 wie er den Bogen schl\u00e4gt von diesen Leuten zum Durchbruch der totalit\u00e4ren Technokratie.<\/p>\n<p>Ted Kaczynskis n\u00fcchterner Stil in Briefstellen sticht \u00fcbrigens angenehm ab von seinem Theorieversuch im Manifest. Ein Stil der Halbbildung, Wittgenstein abgeguckt?\u00a0Es kann gut sein, dass Lutz Dammbecks Beitrag \u2013 ganz ohne politische Morde &#8211; der fruchtbarere ist, weil er alle m\u00f6glichen viel versprechenden Verbindungen bahnt und nicht eine einsame Schleimspur zieht.<\/p>\n<p>7.5. Doch sechzig Seiten weiter.<\/p>\n<p>Durch das Lektorieren einer Examensarbeit werde ich viel toleranter f\u00fcr Ted Kaczynskis Verlautbarungs-Stil. Er spricht vieles auch emotional an, was nur ein ausgef\u00fchrter Text vermag.\u00a0Die Z\u00e4hlung nach Abschnitten macht Sinn angesichts der Unw\u00e4gbarkeiten der Publikation, zum Beispiel in einer Zeitung. Das Milieu, in dem er wissenschaftlich sozialisiert worden ist, arbeitet eben nicht mit freieren Mitteln wie dem gewinnenden Pl\u00e4doyer, dem kontroversen Dialog, ja der Satire, generell eben nicht mit den literarischen Mitteln seit Diderot und Voltaire, sondern tendiert zu standardisierten Formen, wie angels\u00e4chsische Fachzeitschriften sie auf die Spitze treiben. Was ein John Brockman f\u00f6rderte \u2013 Popularisierung von Wissenschaft &#8211;\u00a0 wird Kaczynski gar verd\u00e4chtig sein als \u201ePropaganda\u201c, \u201eVerf\u00fchrung\u201c. Er schreibt einen Stil der Einsamkeit. Er ist gewiss stolz auf seine analytischen F\u00e4higkeiten und hat vieles in einer Weise durchdacht, wie es auf langen Wanderungen oder an den verr\u00fccktesten Orten geschieht.<\/p>\n<p>Was er von der \u201etechnologisch fortgeschrittenen Gesellschaft\u201c, \u201eTechnologie\u201c oder schlicht \u201eSystem\u201c sagt, kenne ich bereits vom <i>Medienphilosophen<\/i> Vilem Flusser und\u00a0 dem <i>anarchistischen<\/i> Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend. Doch Ted Kaczynski fehlt im Vergleich zu diesen Autoren jeglicher Humor, so wie im Leben jede Listigkeit.<\/p>\n<p>Ted Kaczynski formuliert an manchen Stellen auch mein Lebensgef\u00fchl. Ich sah mich anfangs von ihm angegriffen, weil er seine Kompromisslosigkeit, und mehr noch die Geradlinigkeit eines Predigers f\u00fcr die einzig sinnvolle und moralische Haltung ausgibt. Ihm geht es wie gewissen protestantischen Pfarrern auf der Kanzel, die das Elend der Welt so \u00fcberzeugend darstellen, dass sie die Kurve zu Hoffnung oder Verhei\u00dfung nicht mehr kriegen. Dabei sagt Ted selber, Revolutionen h\u00e4tten mit dem \u201eEntfachen von Begeisterung\u201c gesiegt.<\/p>\n<p>Sein <i>Pulver<\/i> ist nass. Er hat sozusagen alle Einw\u00e4nde gegen sich selber formuliert, nicht um sie zu widerlegen, sondern als Teil seiner Analyse. Zum Ausl\u00f6sen von Revolutionen geh\u00f6ren aber nun einmal als <i>Zutaten<\/i>: Illusion, Verblendung, T\u00e4uschung und betr\u00fcgerische Versprechungen. Ted verspricht niemandem etwas, nur <i>das Kreuz <\/i>(um in der Symbolik der Bretagne zu sprechen). Wie sollten da seine Ideen in Konkurrenz mit denen des \u201eSystems\u201c <i>z\u00fcnden<\/i>?<\/p>\n<p>Warum \u00fcberhaupt ein Manifest? Gibt es f\u00fcr einen versierten Mann wie ihn keine witzigere Form der Subversion? Ich denke an die <i>Hacker<\/i> und die Versender von Computerviren, obwohl auch f\u00fcr die gilt, dass das System an ihnen sich vervollkommnet. Verstand er die ersten Jahre seine Attentate noch als subversive Nadelstiche gegen das \u201eSystem\u201c? Ungezielt zu t\u00f6ten oder verst\u00fcmmeln wozu auch immer?\u00a0 Er behauptet nun, einzig durch Attentate Aufmerksamkeit f\u00fcr seine Gedanken zu erhalten, wohlgemerkt nur Aufmerksamkeit, f\u00fcr keinen weiteren praktischen Schritt.<\/p>\n<p>Dabei sagt die schlie\u00dflich erfolgte Publikation in der \u201eWashington Post\u201c und der \u201eNYT\u201c\u00a0schon alles. Hat er Noam Chomsky nicht gelesen ? Etwa dessen \u201eManufactoring of Consent\u201c (1), worin exklusivere Medien eben zur Manipulation entsprechender Zielgruppen dienen?\u00a0Er ist und bleibt auch als <i>Maschinenst\u00fcrmer<\/i> &#8211; von solchen Aktionen kann er nur tr\u00e4umen &#8211; ein blasser Theoretiker im Elfenbeinturm, ein m\u00f6rderischer Amokl\u00e4ufer in Zeitlupe. Und das ist sein schlimmster Fehler, wenn ich einmal die Ernsthaftigkeit seines Willens unterstelle, das \u201eSystem\u201c zu untergraben:\u00a0 Er hat sich zur <i>Unperson<\/i> gemacht &#8211; dar\u00fcber k\u00f6nnte er vielleicht auch etwas gelesen haben in seinem Buch \u00fcber die chinesische Gesellschaft, das er erw\u00e4hnt. Damit ist er die n\u00e4chsten f\u00fcnfzig Jahre nicht zitierf\u00e4hig. Wer sich auf ihn beruft, hat noch mehr M\u00fche, sich Geh\u00f6r zu verschaffen als ohnehin mit einer derartigen Position.<\/p>\n<p>Er wollte sich nicht zum Narren des Systems machen, er wollte keine Narrenfreiheit. Das System <i>kann auch anders<\/i>, wie bei <i>uns<\/i> die Stasi formulierte. Ich freue mich auf Luhmann, der\u00a0 gar nicht erst vorgibt, der Retter der Welt zu sein.<\/p>\n<p>8.5.<\/p>\n<p>Freu dich nur auf Luhmann, aber Ted Kaczynskis zeigt gro\u00dfe Kenntnisse geschichtlicher Prozesse und Urteilskraft, was ich beides beurteilen kann. Denn wir haben schlie\u00dflich ganz verschiedene Voraussetzungen und ich bin ihm gegen\u00fcber unvoreingenommen. Seine Abstraktionsebene ist genau die, die n\u00fctzliches Orientierungswissen ausmacht. Die Darstellung ist notgedrungen &#8211; er selbst entschuldigt sich daf\u00fcr &#8211; \u00e4u\u00dferst verknappt, aber die Ergebnisse stimmen; ich kann das aus vielen Quellen sch\u00f6pfend best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Er hat freilich eine Wertentscheidung getroffen, die so radikal ist, dass ich sie nicht mittragen, schon gar nicht f\u00fcr sie nicht mein Leben opfern wollte &#8211; auch im Sinne einer endlosen Einsperrung.\u00a0 Was ihn angeht, so habe ich den Eindruck, er hat seine Aufgabe erf\u00fcllt: Das Manifest ist in der Welt, sein Verm\u00e4chtnis, auf einem bizarren Weg zwar, und es hat gerade deshalb bereits einen deutschen Filmautor gefunden und damit auch einen Verlag, die es vielleicht aus der <i>spinnerten<\/i> Internetecke holen k\u00f6nnen. Mehr Leute werden es lesen als zugeben, es getan zu haben. So wie Ted Kaczynski unsere Aussichten beurteilt und wertet, kann ihm das, was ihm nun geschieht, nicht so wichtig sein. Er machte an keiner Stelle den Eindruck, Epikur\u00e4er zu sein. Asket ist er, und einer, der Opfer nicht scheut, weil er sie ohnehin an allen Ecken wahrnimmt.<\/p>\n<p>Die von ihm empfohlene Taktik erinnert mich an die Trotzkisten (wenigstens der Siebziger Jahre): Sie waren ber\u00fcchtigt, mit Hintergedanken alle m\u00f6glichen Dinge zu unterst\u00fctzen, die ein\u00a0geradliniger Linker ablehnte. So r\u00e4t es Ted Kaczynski zu tun: Konspirieren, agitieren und abwarten &#8211; so haben schon Generationen von Revolution\u00e4ren ihr Leben verbracht. Nur die Gl\u00fccklichen wie Lenin und Trotzki wurden durch die Ereignisse in die Mitte der Geschichte gesp\u00fclt. Und <i>die Revolution<\/i> hat <i>ihre Kinder<\/i> gew\u00f6hnlich irgendwann <i>gefressen<\/i>, so wie das Meer seine Fischer verschlingt.<\/p>\n<p>Das Ende des Textes ist blass, nicht der gro\u00dfe Knaller. Im Gegenteil: Ted entschuldigt sich bei seinen Lesern und verl\u00e4uft sich in Beil\u00e4ufigkeiten, so wie einer, der kein Ende findet.\u00a0Propaganda will er ja auch nicht machen. Er schenkt uns reinen Wein ein (soweit ich das beurteilen kann), er ist schlie\u00dflich eine ehrliche Haut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) <i>Montreal 1994; deutsch: Noam Chomsky \u2013 Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung \u2013 Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens. Trotzdem Verlagsgenossenschaft 2001)\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch einer Lekt\u00fcre von \u201ePsychologie der modernen Linken\u201c. Ted Kaczynski hat bekanntlich durch seine Briefbomben an akademische Vertreter des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes die Publikation seines zeitkritischen Manifests in der Washington Post erpresst. 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