{"id":10069,"date":"2019-03-09T15:27:58","date_gmt":"2019-03-09T14:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10069"},"modified":"2021-10-20T17:05:55","modified_gmt":"2021-10-20T15:05:55","slug":"geschminktes-mali-mein-blues-bei-mali-blues-lutz-gregor-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=10069","title":{"rendered":"Geschminktes Mali \u2013 mein Blues bei \u201eMali Blues\u201c  (Lutz Gregor 2017)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Filmkritik<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die ersten sechzig Minuten\u00a0\u00a0 (Geschrieben am 13.8.2017)<\/strong><\/p>\n<p>Ein Geschenk also. Der Schenkende hatte keine Chance, die DVD\u2013Verpackung steckt voller kleiner L\u00fcgen. <a href=\"http:\/\/www.lutz-gregor.com\/film\/mali-blues-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(LINK<\/a>), ( L. Gregor <a href=\"http:\/\/www.lutz-gregor.com\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)<!--more-->Kein Ruhmesblatt f\u00fcr die deutsche TV-Dokumentation! Mit einem weiblichen Shootingstar der gut vernetzten Musikszene von Bamako sich komfortabel in der Hauptstadt herumfahren zu lassen. Das Volk in seinem bekannten Elend vom Autofenster oder vom Boot aus zu betrachten, gern auch in unauff\u00e4lliger Zeitlupe. Romantische Blicke auf die Stadt aus verschiedenen Perspektiven, \u00f6fter in malerischer D\u00e4mmerung. Nur kein Kommentar! Informationen w\u00fcrden ja die Atmosph\u00e4re nur st\u00f6ren. An einer Stelle sage ich mir:\u00a0 Gewiss ein warmer Abend, wie man ihn hier nicht einmal im Sommer mit Gewissheit erwarten darf! Einmal h\u00e4lt sich die S\u00e4ngerin Fatoumate Diawara an der offenen Autoscheibe f\u00fcr Sekunden ihr Seidentuch vor die Nase, klar, eine kleine offene M\u00fcllverbrennung. Wie ist die nur in den Film geraten?<\/p>\n<p>Lieber seichte Liedertexte zur Elektrogitarre und inszenierte scheinpolitische \u201aGespr\u00e4che\u2019, malerisch auf dem Boden hockend auf der Dachterrasse. Die jungen Leute sind von ihrem unvermuteten \u00f6ffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag \u201ain Zusammenarbeit mit ARTE\u2019 \u00fcberfordert. In ihren Songs haben sie doch bereits alles gesagt: dass ihr Herz schwer ist, dass sie den Dschihadismus ablehnen, die Armut der Leute, die Korruption und den Streit zwischen den V\u00f6lkern in Mali. Der prominenteste, Erbe einer Dynastie traditioneller S\u00e4nger, Griots, wurde schon ins staatliche Fernsehen gebeten, um die offizielle Geschichtsversion zu verbreiten. \u201eWir haben alle dieselben Ahnen.\u201c<\/p>\n<p>Vier Musiker mimen f\u00fcrs Fernsehen die Volksgruppen in offizieller Eintracht: Den entwurzelten Tuareg aus dem Norden, den Peul, die Bamana, die sich angeblich nach der W\u00fcste sehnt &#8211; Fatoumata\u00a0 kennt sie blo\u00df von W\u00fcstenfestivals her. Warum sollten die Vier nicht Freunde sein? Der schm\u00e4chtige geleckte Rapper wagt es in einem geschlossenen Club, den Erwerb eines Privatflugzeugs des Pr\u00e4sidenten zu erw\u00e4hnen. Das und alles andere pfeifen doch l\u00e4ngst die Spatzen von den D\u00e4chern.<\/p>\n<p>Von den geschichtlichen Trag\u00f6dien, dem Traditionsverlust, vom wirtschaftlichen und sozialen Niedergang des Landes &#8211; Davon wissen die jungen Promis doch gar nichts! Und wenn sie das gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Pathos der <em>Makeba<\/em>, von <em>Felakuti<\/em> oder <em>Bob Marley<\/em>&#8230; oder von <em>Freude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken<\/em> imitieren, langweilen sie bloss.<\/p>\n<p>F\u00fcr den &#8218;typischen Tuareg-Klang&#8216; tunen sie die E-Gitarre. Die vielseitige Harfe Koora kann keiner mehr spielen. Malis Musik ist schon lange am Ende. Die legend\u00e4ren Alben <em>Desert Blues<\/em> von network (LINK) klaubten in den achtziger Jahren die verbliebenen Reste der Sahara-Traditionen auf. Nicht die Flucht von Musikern aus Timbuktu, Djenne und Mopti vor den Drohungen der Milizen ist das Problem, sondern der lange Krieg der neuen \u201aNationalstaaten\u2019 gegen die Tuareg, die Zwangsansiedlung vieler Nomaden in den St\u00e4dten, wo sie untergehen.<\/p>\n<p>Der in Bamako gestrandete Tuareg-Musiker darf vor der Kamera \u00fcber Waffen und Gefahr in der W\u00fcste jammern, als sei die Sahara fr\u00fcher ein Streichelzoo mit Kamelen gewesen.<\/p>\n<p>Unseren jungen Helden w\u00e4re ein Auftritt in Timbuktu noch zu gef\u00e4hrlich. Bleibt also im S\u00fcden oder geht auf Tournee im Ausland! Was ist bei den armen Schluckern im Norden schon zu holen? <em>Mali Blues Ein Film \u00fcber die vereinende Kraft der Musik<\/em> ist war billig und ist gef\u00e4llig. Wie konnte er f\u00fcr den \u201e<em>Deutschen Dokumentarfilmpreis 2017<\/em>\u201c auch nur nominiert werden!<\/p>\n<p>Lutz Gregor, der Regisseur, hat sich als Tanzfilmer profiliert. Man sagte sich wohl: <em>Warum dann nicht ein \u201emusikalisches Roadmovie\u201c mit passendem Soundtrack in Mali? Da stehen sogar ein paar Bundeswehrsoldaten<\/em> (oder doch nur im Norden?)<em> Mit der richtigen Botschaft und der richtigen Begleitung kann doch nichts schief gehen. <\/em>&#8211; Doch ich meine: Auch T\u00e4nzer und \u201efreie Filmemacher\u201c k\u00f6nnten nachfragen und nachdenken, kurz: informieren, statt sich und uns sch\u00e4ufelchenweise sentimentalen Sand in die Augen zu streuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Drei\u00dfig Minuten verm\u00f6gen den Film zu retten ! Sehen Sie selbst.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Ich habe den Textentwurf lange zur\u00fcckgehalten, weil ich den Schluss des Films darin nicht mehr ber\u00fccksichtigen konnte.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Dann wird die Crew bei einem Gottesdienst in der Moschee kritisch be\u00e4ugt und darf anschlie\u00dfend im Wohnbereich dem islamischen W\u00fcrdentr\u00e4ger Fragen stellen. Der sagt (Untertitel): \u201e<em>Im Koran steht nicht geschrieben, dass die Musik im Ganzen verboten ist. Denn so wie Gott den Menschen geschaffen hat, braucht dieser Musik, um leben zu k\u00f6nnen. Musik hilft auch beim Vergessen und beruhigt den Menschen. Musik hilft bei Sorgen und Qualen.<\/em>\u201c Das ist keine \u00dcberraschung, ebenso wenig wie die Einschr\u00e4nkung: \u201e<em>Es gibt Unterschiede bei den Konzerten. Mit manchen geht der Islam konform. Wenn nichts Ausfallendes vorkommt, das zum B\u00f6sen verleitet, wenn man also im Guten feiert und gut miteinander spricht, dann verbietet der Islam die Musik nicht.<\/em>\u201c Nach einem kurzen Zwischenschnitt auf zwei zu seinen F\u00fc\u00dfen spielende Kleinkinder f\u00e4hrt er unvermittelt fort: \u201c<em>Schon seit langem werden die Dschihadisten, wenn man das richtig betrachtet, entweder von den Amerikanern selber geschaffen (als Fremdwort \u201afabriqu\u00e9\u2019), oder von den Europ\u00e4ern, damit sie ihre Interessen durchsetzen k\u00f6nnen. Nun sind die Dschihadisten au\u00dfer Kontrolle geraten. Wir Malier glauben, dass ihr Europ\u00e4er Gruppen erschafft und sie zu Islamisten macht. Nun greifen sie euch an<\/em>.\u201c Die Stimme seines Sekret\u00e4rs: \u201e<em>Alle wissen, dass die Probleme nicht von hier kommen&#8230;<\/em>.\u201c \u201e<em>Ganz deiner Meinung.<\/em>\u201c Einverst\u00e4ndiges Lachen. Schnitt und Schluss der Szene.<\/p>\n<p>Eine geschickt plazierte Botschaft!\u00a0 Doch es fehlt noch die innenpolitische Seite &#8211; vergleichbar mit dem Fall von &#8218;Boku Haram&#8216; in Nigeria. (Harnischfeger 2011 <a href=\"https:\/\/www.leviathan.nomos.de\/fileadmin\/leviathan\/doc\/Aufsatz_Leviathan_12_04.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)<\/p>\n<p>Substanz und Emotionalit\u00e4t gewinnt der Film erst in den letzten zwanzig Minuten mit der Reise\u00a0 der erfolgreichen Fatoumata Diawara in ihr Heimatdorf und einer bewegend orchestrierten Vers\u00f6hnung mit eben den Frauen, vor denen sie vor Jahren in die Hauptstadt gefl\u00fcchtet war.<\/p>\n<p>Zwei atmosph\u00e4risch gute Konzerte der Musiker &#8211; vom am Ufer vert\u00e4uten Schiff aus und auf einem Festplatz &#8211; runden den Film ab.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Also Geduld ist gefragt, und mehr Toleranz als ich noch aufbringe.\u00a0\u00a0\u00a0 10.3.2019<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmkritik Die ersten sechzig Minuten\u00a0\u00a0 (Geschrieben am 13.8.2017) Ein Geschenk also. 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