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Liao Yi-wu’s  Erzählungen, gesehen durch die Optik von „Humanismus in Chinaein fotografisches Porträt“, MMK 2006

Als ich die Geschichten, genauer die literarischen Interviews, in „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ las – in deutscher Übersetzung – schienen die Menschen ganz nah zu sein. Ich meinte sie deutlich wahrzunehmen, zumal beim Lesen mein angesammeltes Hintergrundwissen sich ständig bemerkbar machte wie ein junger Hund.

Als ich dann den Katalog von „Humanismus…“ aufschlug, entdeckte ich die Bilder ganz neu. Die Ausstellung in Frankfurt 2007 hatte mich, trotz einer gewissen Aufgeregtheit, mit dem überwältigenden Strom auftretender Individuen kalt gelassen. Heute weiß ich: Sie waren stumm geblieben. Sie werden das im strengen Sinne auch bleiben. Doch erscheinen sie mir jetzt anders als damals, plastisch, entzifferbar. Es scheint möglich, wenigstens einigen von ihnen Worte oder Sätze in den Mund zu legen – auch erklärende Worte – die sie selber gesagt haben könnten. Man mag über so eine Skrupelhaftigkeit den Kopf schütteln und auf das Allgemeinmenschliche verweisen, das uns alle verbinde. Mir ist darin zu wenig Greifbares, auch zu wenig Interessantes.

Dann schaue ich mir den gut einstündigen Film über ein Treffen von Freunden mit Yi-wu zum Gedenken an die Opfer der ‘Anti-Rechts’kampagnen in einem abgelegenen ehemaligen Haftgebäude, einem Kuhstall, in den Bergen über Dali  in Yünnan an. Ich sehe ein ziemlich beliebig erscheinendes nächtliches Ritual und verfolge sehr emotionale Dialoge zwischen den Teilnehmern, höre den Schlag der kleinen Trommel, Yiwus Flötenspiel und seine Beteiligung am Lautenspiel der einzigen Frau unter den Anwesenden.

Die englischen Untertitel sind mühsam zu verfolgen, die Sätze dunkel und krass, von einsetzender Ermüdung und vom Rausch befeuert. Ich höre Liao Yi-wu schluchzen und seine wilde Rezitation des Klagelieds – sie erinnert mich entfernt an den unvergesslichen heulenden Duktus des Russen J. Brodsky. Er ist wieder fremd. Paradoxerweise kenne ich ausgerechnet die Landschaft um den Erhu-See, auch das Panorama vor den Stallfenstern ist mir bekannt.

Der bescheidene, mit einer wackligen Handkamera gedrehte Film, vermittelt eine neue Dimension. 1988 ging auch ich arglos und ahnungslos über diese buschig bewachsenen Berghänge, einzig berührt vom nahe gelegenen kleinen daoistischen Kloster, damals bereits wieder aufgebaut. Von ihm ist im Film aber nichts zu hören oder zu sehen.

Dankbar kehre ich zum Text der deutschen Übersetzer Hofmann und Höhenrieder zurück. Jetzt habe ich nur noch Bedenken, dass ich irgendwo stecken bleibe beziehungsweise in der Fülle des Materials untergehe. Zuerst muss ich einmal die Texte und das Konzept von „Humanismus“ besser begreifen. Dann ein paar Leute um Rat fragen.

Ich denke an einen multimedial gestützten Auftritt: Einleitend Liao Yi-wu’s Musik und eine Folge von Bildern aus „Humanismus“, auch entsprechende Reisefotos von 1988. Am Ende eine Filmsequenz. Im Vortrag sollten die Zitate aus Liao  Yi-wu von einer zweiten Stimme gelesen werden.  29.1.2013

Der Film ist Teil der Produktion “Erinnerung bleib…” (Essays von Herta Müller u.a.,CD,DVD; dt.,engl., chin.; FlyFastConcepts bei  Lieblingsbuch Berlin o.J. 2012

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